Volksliteratur in England

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Titel: Volksliteratur in England
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 272
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[272] Volksliteratur in England. Seit einigen Jahren hat sich in Berlin eine Romanfabrik etablirt, die mit ihren Erzeugnissen in unzweideutigster Weise auf die grobe Sinnlichkeit und die brutalen Leidenschaften der Menschen speculirt. Wie die Gartenlaube schon einmal constatirt, hat das Geschäft in dieser Beziehung auch bereits recht Anerkennenswerthes geliefert, namentlich werden die Ankündigungen seiner Fabrikate, welche in Wort und Bild die pikantesten Scenen und Situationen der zu veröffentlichenden Romane mit raffinirter Lüsternheit als Köder auftischen, der würdigen Aufgabe der Manufactur nach Kräften gerecht. Allein der strebsame Berliner Fabrikant könnte doch auch bei gewissen englischen Collegen in die Schule gehen, die, wenn auch vielleicht weniger in Betreff des Sinnenkitzels, so doch hinsichtlich drastischer Nervenerschütterung ihren deutschen Geistesverwandten tief in den Schatten stellen.

Bekanntlich geschieht der Vertrieb der englischen Zeitungen und Journale anders als bei uns; sie werden viel weniger in vierteljährlichen Abonnements als in einzelnen Nummern verkauft, welche man nicht blos in den Buch- und Zeitungsläden, sondern, wie es eben kommt, in Boutiken und Kramhandlungen der verschiedensten Art bekommen kann. Es sind lauter Wochenblätter, keines theurer als einen Penny – etwa zehn Pfennige unseres Geldes –, aber welcher Natur!

Vor den Fenstern und an der Thür des Ladens ist ein mächtiges Placat im gröbsten Holzschnitt angebracht, auf dem man in einer Ausführung, wie die uncivilisirtesten Zeiten künstlerisch Roheres nicht erblickt haben, jedwede Art von Gewaltthat und Mord, alle möglichen grausigen und teuflischen Verbrechen, jedes Begebniß, das in größerem Maße verhängnißvoll und verderblich wird, jeden Schrecken, jede Katastrophe, jede Brutalität, durch welche die vergangene Woche innerhalb und außerhalb Englands sich ein trauriges Andenken gestiftet hat, dem Publicum bildlich vorgeführt sieht. Immer aber genießen blos die allerentsetzlichsten Unthaten und Ereignisse die Ehre, auf diesen Ankündigungsbogen verewigt zu werden. Ist irgendwo ein armes Kind von unnatürlichen Eltern mit raffinirter Grausamkeit gequält; ist ein Vater von seinem Sohne oder ein Sohn von seinem Vater ermordet worden; hat ein Mann seine Frau halb todt geschlagen; hat ein eifersüchtiger Liebhaber seine Geliebte und sich selbst erschossen: – so gewiß wie der Sonnabend kommt, ebenso gewiß erscheinen alle diese Scheußlichkeiten in der nächsten Nummer jener Blätter in knolligen Holzschnitten. Mit Einem Worte: ist man im Laufe der Woche in den Zeitungen auf Berichte von Ereignissen so haarsträubender Art gestoßen, daß man mit Schreck und Abscheu das Blatt weglegte und die Schilderung nicht weiter lesen mochte, – mit Bestimmtheit kann man darauf rechnen, am nächsten Sonnabend die Gräuelthat mit allen den fürchterlichen Details, die kennen zu lernen unser Gefühl sich sträubte, in den Fenstern der erwähnten Zeitungsläden prangen zu sehen. Und je abnormer und unnatürlicher das Verbrechen, je größer ist immer der Holzschnitt.

Zufällig liegen im Augenblicke zwei Nummern solcher Publicationen vor mir: es sind sogenannte Concurrenzblätter, und beide behandeln den nämlichen Gegenstand, einen schauderhaften Mord, welchen ein junger Weber in der Gegend von Manchester vor Kurzem an drei Mitgliedern eines und desselben Hauses beging, – einen Mord, der durch ganz England einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ueber die beiden mittleren Seiten des einen Blattes gehend – das Format beider Zeitschriften steht an Umfang dem der „Times“ nicht nach –, befindet sich ein riesenhafter Holzschnitt mit sechs bis sieben Zoll hohen Figuren, der den Abschied des Verbrechers von seiner Geliebten illustrirt; auf denselben beiden Seiten der andern Zeitschrift kann das Publicum die Hinrichtungsscene selbst mit allen ihren Einzelheiten genießen. Ein entsetzliches Bild! Mit entblößtem Nacken und gefesselten Armen steht der Verbrecher auf dem Schaffot unter dem verhängnißvollen Gerüste und wartet auf den Henker, welcher inzwischen einem zu gleicher Zeit abzuthuenden andern Delinquenten minder interessanter Natur die weiße Nachtmütze über den Kopf zieht. Die Brutalität dieser Illustration übersteigt alle Vorstellungen.

Aus beiden Bildern aber leuchtet ganz deutlich und unverkennbar die Tendenz hervor, den Verbrecher im Lichte eines Helden oder Märtyrers darzustellen, jedenfalls ihn dem Publicum in thunlichst anziehender Erscheinung vorzuführen. Er ist auf das Zierlichste gekleidet, mit eleganten Beinkleidern und Stiefeln versehen, sein Haar ist wie bei dem Dandy neuesten Schlages in der Mitte gescheitelt, und aus seinen Mienen spricht das Bewußtsein, daß er eine berühmte Persönlichkeit und stolz ist auf diese seine Bedeutung.

Kann es noch etwas geben, was die moralischen Begriffe des ungebildeten Haufens mehr zu verwirren geeignet ist, als dergleichen Bilder? Man muß es selbst mit angesehen haben, wie jeden Sonnabend diese Illustrationen umlagert werden, wie stets dichte Gruppen von Männern und Weibern und, was das Schlimmste, von Knaben und Mädchen sich um die Zeitungsläden drängen, sobald ein neues jener Blätter erscheint, um den unheilvollen Einfluß voll zu begreifen, welcher damit auf das an sich so rohe und brutale Publicum der unteren englischen Bevölkerungsschichten ausgeübt wird! Mit gieriger Wollust versenkt sich die Menge in die dargestellten Gräuel, und je entsetzlicher, je widerwärtiger die abgebildeten Scenen, desto tiefer ist ihr Interesse und desto intensiver ihr Genuß, wie man an den funkelnden Augen und aus den Gesprächen der Beschauenden entnehmen kann. Das allgemeinste Entzücken ruft aber unveränderlich die Schlußscene, der Act auf dem Schaffot selbst hervor, – nicht, weil das Gerechtigkeitsgefühl des Volkes sich befriedigt fühlt, daß den Verbrecher schließlich die gebührende Strafe ereilt, daß die Unthat die nothwendige Buße gefunden hat, behüte Gott, vielmehr, weil es ja so schön, so heldenhaft, so bewundernswerth ist, in dieser Weise vor Aller Augen zu sterben. Wir glauben deshalb nicht zu viel zu behaupten, wenn wir dieser populären Literatur ebenso wie den öffentlichen Hängescenen die Hauptschuld beimessen an der Häufigkeit der capitalen Verbrechen in England. Zugleich ein neues Argument, wie viel es mit jener Abschreckungstheorie auf sich hat, welche die Vertheidiger der Todesstrafe neuerdings wieder so geräuschvoll in’s Feld führen.

Den Illustrationen steht natürlich der textliche Inhalt unserer Blätter vollkommen ebenbürtig zur Seite, wie folgende Capitelüberschriften beweisen: Fürchterlicher Mord und Selbstmord verübt an einem Vater; Mordversuch an einem Weibe; entsetzlicher Selbstmord auf einer Eisenbahnstation; Anklage auf Mord gegen den Kammerdiener eines Herzogs; schauderhafter Todtschlag durch eine rothglühende Eisenstange. Ferner: Kampf auf dem Giebel eines Hauses; wie man illegitime Kinder bei Seite schafft; außerordentliche Verstümmelung – zweien Männern die Nasen abgeschnitten etc. Den eigentlichen Kern und Schmuck dieser Journale bildet jedoch stets die detaillirte Geschichte der letzten Stunden irgend eines renommirten Verbrechers, deren Inhalt in dem einen der in unseren Händen befindlichen Blätter zum Beispiel folgendermaßen aufgezählt wird: Verhalten des Delinquenten seit seiner Verurtheilung zum Tode: Abschied desselben von seiner Geliebten und seinen Eltern: letzter Brief des Verbrechers an einen Freund; der Galgen; die anwesende Menge; das Fesseln des Delinquenten; der Weg zum Schaffot; die letzten Vorbereitungen; ergreifender Schlußact des Ganzen.

Wir wundern uns in der That, daß die speculative Betriebsamkeit der Eingangs erwähnten Berliner Fabrik ein so glänzendes und vielversprechendes Beispiel zur Nachahmung bis jetzt unbenützt gelassen hat. Vielleicht hat es nur unseres Winkes bedurft, sie auch zur Verpflanzung dieses neuen Zweiges ruhmvoller Journalistik auf deutschen Boden anzuregen.