Textdaten
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Autor: Elisabeth Bürstenbinder
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Titel: Vineta
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27–40; 41–52, S. 692–695, 709–713, 715–719, 731–736, 749–752, 765–768, 781–784, 797–800, 817–822, 833–836, 849–852, 876–879
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[692] Im Wohnzimer des Administrators saßen Herr Doctor Fabian und Fräulein Margaretha Frank vor einem aufgeschlagenen Buche. Die französischen Lesestunden hatten nun wirklich ihren Anfang genommen, aber so ernst und gewissenhaft der Lehrer die Sache nahm, so unzuverlässig zeigte sich die Schülerin. Schon in der ersten Stunde, die vor einigen Tagen stattgefunden, hatte sie sich damit amüsirt, den Doctor über alles Mögliche auszufragen, über seine Vergangenheit, seine ehemalige Hauslehrerstellung bei Herrn Nordeck, über das Leben in Altenhof und dergleichen mehr; heute nun wollte sie durchaus wissen, was er eigentlich studire, und trieb den armen Gelehrten, der um keinen Preis seine „Geschichte des Germanenthums“ verrathen wollte, mit ihren Fragen immer mehr in die Enge.

„Aber wollen wir denn nicht endlich die Uebung beginnen, mein Fräulein?“ sagte er bittend. „Auf diese Weise kommen wir auch heute nicht dazu. Sie sprechen fortwährend deutsch.“

„Ach, wer kann jetzt an das Französische denken!“ rief Gretchen, ungeduldig eine Seite des Buches nach der anderen umschlagend. „Ich habe ganz andere Dinge im Kopfe; das Leben in Wilicza ist so aufregend.“

[693] „Ich dächte doch nicht,“ meinte der Doctor, indem er geduldig wieder zurückblätterte, um die Stelle zu suchen, bei welcher sie stehen geblieben waren.

Die junge Dame maß ihn mit einem wahren Inquisitorenblick. „Nicht, Herr Doctor? Nun, Sie müßten doch aus erster Hand wissen, was es eigentlich im Schlosse gegeben hat. Sie, der Freund und Vertraute des Herrn Nordeck! Gegeben hat es etwas – das steht fest, denn das geht ja jetzt wie im Wirbelsturm, seit der junge Herr fort ist. Die Boten fliegen nur so zwischen Wilicza und Rakowicz. Bald ist Graf Morynski hier, bald Fürst Baratowski drüben; wenn man unsere gestrenge Frau Fürstin einmal zu Gesichte bekommt, so zeigt sie eine Miene, als stände der Weltuntergang allernächstens bevor, und was sind denn das für Dinge, die seit zwei oder drei Abenden im Parke vorgehen, und von denen mir der Inspector erzählt hat? Man holt etwas, oder bringt etwas. Sie müssen das doch nothgedrungen bemerkt haben. Ihre Fenster liegen ja gerade nach der Seite hinaus.“

Sie sprach consequent deutsch, und Fabian ließ sich immer wieder verleiten, ihr in dieser Sprache zu antworten. Er rückte unruhig auf seinem Sitze hin und her.

„Ich weiß nichts, durchaus nichts davon,“ versicherte er.

„Das sagt Papa auch immer, wenn ich ihn frage,“ schmollte Gretchen. „Ich begreife ihn überhaupt diesmal ganz und gar nicht; er hat den Inspector angefahren, als dieser mit seiner Nachricht kam, und ihm streng befohlen sich nicht weiter um den Park zu kümmern, Herr Nordeck wolle es nicht. Papa kann doch unmöglich auch mit im Complot stecken, und doch sieht es beinahe so aus. Meinen Sie nicht?“

„Aber mein Fräulein,“ bat der Doctor. „Der Zweck meines Kommens wird wirklich nicht erreicht, wenn Sie sich fortwährend mit solchen Dingen beschäftigen. Seit einer halben Stunde bin ich hier, und wir haben noch nicht eine einzige Seite gelesen – bitte!“

Er schob ihr wohl zum sechsten Male das Buch hin. Sie nahm es endlich mit resignirter Miene.

„Meinetwegen! Ich sehe, man will nach nicht in das Geheimniß einweihen, aber ich werde schon allein dahinter kommen, und dann wird man bereuen, mir so wenig getraut zu haben. Ich kann auch schweigen – unbedingt kann ich das.“ Damit begann sie ein französisches Gedicht zu lesen, aber mit sehr gereiztem Ausdrucke und einer absichtlich falschen Betonung, die ihren Lehrer fast zur Verzweiflung brachte.

Sie las eben erst die zweite Strophe, als ein Wagen in den Hof fuhr. Es befand sich augenblicklich Niemand darin, aber der Kutscher schien hier schon bekannt zu sein, denn er machte sich sofort daran, auszuspannen. Gleich darauf trat eins der Dienstmädchen mit der Meldung ein, Herr Assessor Hubert werde sich die Ehre geben, auf dem Gutshofe vorzusprechen, er sei nur auf einen Augenblick im Dorfe abgestiegen, wo er bei dem Schulzen zu thun habe, und schicke einstweilen seinen Wagen voraus mit der Anfrage, ob er auch diesmal auf die Gastfreundschaft des Herrn Administrators rechnen könne.

Dabei war nun weiter nichts Auffallendes; bei der freundschaftlichen Stellung, die er zu der Frank’schen Familie einnahm, pflegte der Assessor stets in ihrem Hause zu übernachten, wenn seine Amtsgeschäfte ihn in die Nähe von Wilicza führten, und er sorgte schon dafür, daß dies sehr häufig geschah. Der Administrator war zwar über Land gefahren wurde aber noch heute Abend zurückerwartet; seine Tochter gab also die Weisung, für Fuhrwerk und Kutscher Sorge zu tragen und nachzugehen, ob im Gastzimmer Alles in Ordnung sei.

„Wenn der Assessor kommt, ist es mit unserer Lesestunde zu Ende,“ sagte sie etwas ärgerlich zum Doctor, „aber er soll uns nicht lange stören. Ich lasse gleich in den ersten fünf Minuten etwas von den Heimlichkeiten im Parke fallen, dann läuft er schleunigst hinüber, um sich hinter irgend einem Baume auf die Lauer zu stellen, und wir sind ihn los.“

„Um Gotteswillen nicht!“ rief Fabian im Tone des größten Schreckens, „schicken Sie ihn nicht dorthin! Im Gegentheil, halten Sie ihn um jeden Preis davon zurück!“

Gretchen stutzte. „So, Herr Doctor? Ich denke, Sie wissen nichts, durchaus nichts – weshalb gerathen Sie denn auf einmal so in Angst?“

Der Doctor saß mit gesenktem Blicke wie ein ertappter Verbrecher da und suchte vergebens nach einer Ausflucht; das Lügen wollte ihm durchaus nicht gelingen. Endlich schlug er die Augen auf und sah das junge Mädchen treuherzig an.

„Ich bin ein friedlicher Mann, mein Fräulein,“ sagte er, „und dränge mich nie in fremde Geheimnisse. Ich weiß wirklich nicht, was im Schlosse vorgeht, daß aber etwas vorgeht, habe ich freilich auch in den letzten Tagen bemerken müssen. Herr Nordeck hat mir nur Andeutungen darüber gegeben, aber es ist doch wohl kein Zweifel, daß Gefahr bei der Sache ist.“

„Nun, für uns doch nicht,“ meinte Gretchen mit großer Seelenruhe. „Was thut es denn, wenn der Assessor wirklich die ganze Gesellschaft da drüben auseinandersprengt? Herr Nordeck ist fort – den kann er also nicht greifen, und er wird sich auch hüten nach jener ersten Verhaftungsgeschichte. Sie stehen außerhalb jedes Verdachtes, und was die Fürstin und Fürst Leo betrifft –“

„So sind sie Waldemar’s Mutter und sein Bruder,“ fiel Doctor Fabian in tiefer Bewegung ein. „Begreifen Sie denn nicht, daß jeder Schlag, der gegen sie geführt wird, auch ihn treffen muß? Er ist der Herr des Schlosses; man macht ihn verantwortlich für Alles, was dort geschieht.“

„Und das mit vollem Rechte!“ rief Gretchen hitzig werdend. „Warum reist er fort und läßt den Umtrieben Thür und Thor offen? Warum ist er mit seinen Verwandten einverstanden?“

„Er ist es nicht,“ betheuerte Fabian, „im Gegentheil, er setzt sich mit aller Entschiedenheit dagegen; seine Reise hat ja nur den Zweck – mein Gott, zwingen Sie mich doch nicht, von Dingen zu reden, von denen ich gar nicht weiß, ob ich sie Ihnen verrathen darf! Aber das weiß ich, daß Waldemar Alles daran liegt, Mutter und Bruder zu schonen. Er hat mir bei der Abreise das Versprechen abgenommen, ich solle nichts hören und sehen wollen von dem, was im Schlosse vorgeht, und Ihrem Vater hat er ähnliche Weisungen gegeben. Ich hörte es, wie er zu ihm sagte: ‚Ich mache Sie verantwortlich dafür, daß die Fürstin inzwischen unbehelligt bleibt; ich nehme Alles auf mich.‘ Aber jetzt ist er fort; Herr Frank ist fort, und nun führt ein unglücklicher Zufall gerade jetzt diesen Assessor Hubert her, der um jeden Preis etwas entdecken will und auch entdecken wird, wenn man ihm freie Hand läßt. Ich bin ganz rathlos.“

„Das kommt davon, wenn man mir etwas verschweigt,“ sagte Gretchen strafend. „Hätte man mich in’s Vertrauen gezogen, so hätte ich mich rechtzeitig mit dem Assessor gezankt, und dann wäre er für’s Erste nicht hierhergekommen. Jetzt soll ich Rath schaffen.“

„Ach ja, thun Sie das!“ bat der Doctor. „Sie vermögen ja Alles über den Assessor. Halten Sie ihn zurück! Er darf heute durchaus nicht in den Umkreis des Schlosses kommen.“

Fräulein Margarethe schüttelte bedenklich den Kopf. „Da kennen Sie Hubert nicht; den hält kein Mensch zurück, wenn er erst einmal eine Spur gefunden hat, und finden wird er sie, wenn er überhaupt in Wilicza bleibt, denn er fragt regelmäßig den Inspector aus; also darf er gar nicht hier bleiben. – Ich weiß ein Mittel. Ich lasse mir von ihm eine Erklärung machen – er setzt jedesmal dazu an; ich lasse ihn nur nie so weit kommen – und dann gebe ich ihm einen Korb. Darüber wird er so wüthend werden, daß er Hals über Kopf nach L. zurückfährt.“

„Das gebe ich unter keiner Bedingung zu,“ protestirte der Doctor. „Was auch kommen mag, Ihr Lebensglück darf nicht das Opfer werden.“

„Glauben Sie etwa, daß mein Lebensglück von Herrn Assessor Hubert abhängt?“ fragte Gretchen mit verächtlich aufgeworfenen Lippen.

Fabian glaubte das allerdings. Er wußte ja aus Hubert’s eigenem Munde, daß dieser „sicher auf ein Ja rechnen durfte“, aber eine sehr begreifliche Scheu hielt ihn zurück, diesen zarten Punkt näher zu berühren.

„Mit solchen Dingen darf man niemals Scherz treiben,“ sagte er vorwurfsvoll. „Der Assessor würde früher oder später die Wahrheit erfahren, und das würde ihn tief verletzen, ihn vielleicht auf ewig von Ihnen entfernen – niemals!“

Gretchen sah etwas betroffen aus; sie begriff zwar durchaus nicht, wie man einen Korb so ernst nehmen könne, und machte sich herzlich wenig aus der ewigen Entfernung des Assessors, aber der Vorwurf traf doch ihr Gewissen.

[694] „Dann bleibt nichts Anderes übrig, als ihn von der richtiger Fährte weg und auf eine falsche zu bringen,“ erklärte sie nach kurzem Besinnen. „Aber Herr Doctor, damit nehmen wir doch eigentlich eine schwere Verantwortung auf uns. Es verschwört sich zwar Alles hier in Wilicza, so daß ich nicht einsehe, weshalb wir Beide es nicht auch einmal thun sollen, aber wir machen, streng genommen, doch ein Complot gegen unsere eigene Regierung, wenn wir ihren Vertreter abhalten, seine Pflicht zu thun.“

„Der Assessor hat keinen Auftrag,“ rief der Doctor, der auf einmal ganz heldenmäßig geworden war, „er folgt nur seinen eigenen ehrgeizigen Ideen, wenn er hier herumspürt. Mein Fräulein, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, die geheimen Umtriebe haben die längste Zeit gewährt. Es wird ihnen ein für alle Mal ein Ende gemacht – ich weiß es aus Waldemar’s eigenem Munde, und er ist der Mann danach, sein Wort zu halten. Wir verschulden nichts gegen unsere Landsleute, wenn wir ein ganz nutzloses Unglück verhüten, das der übertriebene Eifer eines Beamten heraufbeschwört, den man in L. vielleicht gar nicht einmal gern sieht.“

„Gut, also machen wir ein Complot!“ sagte Gretchen entschlossen. „Der Assessor muß fort, und zwar noch in der ersten Viertelstunde, sonst geht er gleich wieder auf die Verschwörungsjagd. Da kommt er schon über den Hof. Ueberlassen Sie mir Alles, stimmen Sie nur zu – und jetzt wollen wir das Buch wieder vornehmen.“

Als Assessor Hubert einige Minuten später eintrat, hörte er in der That die dritte Strophe des französischen Gedichtes und war sehr erfreut, daß Doctor Fabian Wort gehalten hatte und daß die künftige Frau Regierungsräthin sich so eifrig in der höheren Bildung übte, die für ihre dereinstige Stellung unerläßlich war. Er begrüßte Beide, erkundigte sich nach dem Herrn Administrator und nahm dann den angebotenen Platz ein, um die jüngsten Neuigkeiten aus L. zu erzählen.

„Ihr ehemaliger Zögling hat uns eine große Ueberraschung bereitet,“ sagte er verbindlich zu Fabian. „Wissen Sie denn davon, daß Herr Nordeck, als er auf seiner Reise unsere Stadt passirte, bei dem Herrn Präsidenten vorgefahren ist und ihm einen anscheinend ganz officiellen Besuch gemacht hat?“

„Ja wohl, es war die Rede davon,“ erwiderte der Doctor.

„Seine Excellenz waren sehr angenehm dadurch berührt,“ fuhr Hubert fort. „Offen gestanden, man hatte bereits die Hoffnung auf eine Annäherung von dieser Seite aufgegeben. Herr Nordeck soll äußerst liebenswürdig gewesen sein; er erbat sich sogar die Zusage des Herrn Präsidenten, der nächsten Jagd in Wilicza beizuwohnen, und ließ etwas von anderen Einladungen fallen, die nicht minder überraschen werden.“

„Hat denn der Präsident angenommen?“ fragte Gretchen.

„Gewiß! Seine Excellenz meinen, die Sache sähe fast aus wie eine Demonstration des jungen Gutsherrn und fühlten sich verpflichtet, ihn darin zu unterstützen. Wirklich, Herr Doctor, Sie würden uns sehr verbinden, wenn Sie uns irgend einen Aufschluß über die eigentliche Stellung des Herrn Nordeck –“

„Von Doctor Fabian erfahren Sie gar nichts; er ist noch verschlossener als der junge Herr selbst,“ fiel Gretchen ein, die sich veranlaßt fühlte, ihrem Mitverschworenen zu Hülfe zu kommen, denn sie sah bereits, daß er sich durchaus nicht in seine Rolle finden konnte. Er wurde fast erdrückt von seinem Schuldbewußtsein, und die beste Absicht half ihm nicht über der Gedanken hinweg, daß der Assessor betrogen werden sollte und daß er dabei mithalf. Fräulein Margarethe dagegen nahm die Sache weit leichter; sie ging geradewegs auf das Ziel los.

„Werden wir Sie denn heute zum Abendessen haben, Herr Assessor?“ warf sie hin. „Sie haben doch jedenfalls drüben in Janonwo zu thun?“

„Daß ich nicht wüßte!“ erwiderte Hubert. „Weshalb gerade dort?“

„Nun, ich meinte nur – man hört so Manches von drüben – besonders seit den letzten Tagen. Ich dachte, Sie hätten Auftrag, dort zu recherchiren.“

Der Assessor wurde aufmerksam. „Was hört man? Bitte, mein Fräulein, verbergen Sie mir nichts! Janowo ist auch einer von den Orten, auf die man jetzt fortwährend ein Auge haben muß. Was wissen Sie davon?“

Der Doctor schob unmerklich seinen Stuhl etwas weiter zurück; er kam sich vor wie der schwärzeste aller Verräther, Gretchen dagegen bewies ein wahrhaft erschreckendes Talent für die Intrigue. Sie erzählte nichts, aber sie ließ sich ausfragen und brachte so nach und nach und mit der unschuldigsten Miene von der Welt all die Beobachtungen zum Vorschein, die sie in den letzten Tagen hier gemacht hatte, nur mit dem Unterschiede, daß sie den Schauplatz nach Janowo verlegte, dem großen Nachbargute, das unmittelbar an Wilicza grenzte, und ihr Plan gelang über Erwarten. Der Assessor biß auf den Köder an mit einem Eifer, der nichts zu wünschen übrig ließ. Er las die Worte förmlich von den Lippen des jungen Mädchens ab; er gerieth in fieberhafte Aufregung und sprang endlich auf.

„Entschuldigen Sie, Fräulein Margarethe, wenn ich die Ankunft des Herrn Frank jetzt nicht abwarte! Ich muß unverzüglich nach E. zurück –“

„Aber doch nicht zu Fuß? Es ist eine halbe Stunde Wegs dorthin.“

„Nur kein Aufsehen!“ flüsterte Hubert geheimnißvoll. „Mein Wagen bleibt jedenfalls hier; es ist besser, man glaubt mich noch bei Ihnen. Ich bitte, beim Abendessen nicht auf mich zu rechnen; leben Sie wohl, mein Fräulein!“ und mit kurzem, hastigen Gruße eilte er davon und schritt gleich darauf über den Hof.

„Jetzt geht er nach E.,“ sagte Gretchen triumphirend zu dem Doctor, „um sich die beiden dort stationirten Gensd’armen zu holen, und läuft mit ihnen geradewegs nach Janowo – und da werden sie wohl alle Drei herumlaufen bis in die Nacht hinein. Wilicza ist sicher vor ihnen.“

Sie hatte sich in ihren Voraussetzungen nicht getäuscht. Erst spät in der Nacht kehrte der Assessor von seinem Streifzuge zurück, den er richtig mit den beiden Gensd’armen aus E. unternommen hatte, natürlich ohne jedes Resultat. Er war sehr verstimmt, sehr niedergeschlagen und vollständig erkältet. In der ungewohnten Nachtluft hatte er sich einen furchtbaren Schnupfen zugezogen und befand sich am nächsten Tage so unwohl, daß sogar Gretchen ein menschliches Rühren empfand. In reuevoller Aufwallung kochte sie ihm Thee und pflegte ihn den ganzen Tag hindurch mit einer Sorgfalt, die Hubert alles ausgestandene Ungemach vergessen ließ. Leider setzte sich dadurch aber bei ihm die nunmehr unumstößliche Ueberzeugung fest, daß er über alle Maßen geliebt werde. Auch Doctor Fabian kam im Laufe des Tages herüber, um nach dem Patienten zu sehen, und zeigte eine so ängstliche Theilnahme, ein so tiefes Bedauern über die Erkältung, daß der Assessor sehr gerührt und vollständig getröstet war. Er wußte ja nicht, daß er all diese Aufmerksamkeit nur den Gewissensbissen der beiden gegen ihn Verschworenen zu danken hatte, und fuhr schließlich noch mit dem Schnupfen, aber in sehr gehobener Stimmung, nach L. zurück. – –

Im Schlosse hatte man natürlich keine Ahnung davon, wem eigentlich der Dank dafür gebührte, daß Schloß, Park und Umgebung auch an diesem Abende unbehelligt blieben. Ungefähr zu derselben Zeit, als Doctor Fabian und Fräulein Margarethe ihr Complot anstifteten, fand in der Zimmern der Fürstin Baratowska eine Familienzusammenkunft statt, die ein sehr ernstes Aussehen hatte. Graf Morynski und Leo waren in voller Reisekleidung; ihre Mäntel lagen draußen im Vorzimmer, und der Wagen, der vor einer halben Stunde den Grafen und seine Tochter herübergebracht hatte, stand noch angespannt im Hofe. Leo und Wanda hatten sich in die tiefe Nische des Mittelfensters zurückgezogen und redeten leise und angelegentlich mit einander, während die Fürstin mit ihrem Bruder ein gleichfalls halblautes Gespräch führte.

„Wie die Sache einmal liegt, halte ich es für ein Glück, daß die Verhältnisse Eure schleunige Abreise verlangen,“ sagte sie, „schon um Leo’s willen, der den Aufenthalt in Wilicza nicht mehr ertragen würde, wenn Waldemar den Herrn herauskehrt. Er vermag sich nun einmal nicht zu beherrschen; die Art, wie er meine Eröffnungen aufnahm, zeigte mir, daß es geradezu ein Unglück provociren hieße, wollte ich ihn jetzt zu einem längeren Zusammensein mit seinem Bruder zwingen. Auf diese Weise begegnen sie sich vorläufig gar nicht, und das ist das Beste.“

„Und Du selbst willst wirklich hier aushalten, Jadwiga?“ fragte der Graf.

[695] „Ich muß,“ entgegnete sie. „Es ist das Einzige, was ich jetzt noch für Euch thun kann. Ich bin Deinen Gründen gewichen, die mir den offenen Kampf mit Waldemar als nutzlos und gefährlich zeigten. Wir haben Wilicza als Mittelpunkt unserer Pläne aufgegeben, wenigstens vor der Hand, aber für Dich und Leo bleibt es immer der Ort, wohin Ihr Eure Botschaften sendet und von wo Euch Nachrichten zugehen; die Freiheit wenigstens werde ich zu behaupten wissen. Im schlimmsten Falle bleibt das Schloß Eure Zuflucht, wenn Ihr genöthigt sein solltet, Euch wieder über die Grenze zu werfen; auf diesseitigem Gebiete wird die Ruhe für diesmal ja nicht gestört. Wann gedenkt Ihr die Grenze zu passiren?“

„Wahrscheinlich diese Nacht noch. Wir werden auf der letzten Försterei abwarten, wann und wie es möglich ist; dorthin folgt uns heute Abend auch der letzte Waffentransport, um vorläufig in der Obhut des Försters zu bleiben. Ich hielt die Vorsicht doch für geboten. Wer weiß, ob Dein Sohn sich nicht einfallen läßt, übermorgen bei seiner Rückkehr das ganze Schloß zu durchsuchen.“

„Er wird es rein finden, wie –“ die Hand der Fürstin ballte sich im verhaltenen Ingrimme und ihre Lippen zuckten, „wie er es befohlen, aber ich schwöre es Dir, Bronislaw, er soll diesen Befehl und seine Tyrannei gegen uns büßen. Ich habe die Vergeltung in Händen und auch den Zügel, wenn er etwa versuchen sollte, noch weiter zu gehen.“

„Du machtest mir schon einmal eine solche Andeutung,“ sagte der Graf, „aber ich begreife wirklich nicht, womit Du eine solche Natur noch zähmen willst. Nach der Art, wie Wanda mir die Scene zwischen Dir und Waldemar geschildert hat, glaube ich nicht mehr, daß er noch irgend einem Zügel gehorcht.“

Die Fürstin schwieg. Sie schien nicht antworten zu wollen und wurde dessen auch überhoben, denn in diesem Augenblick trat das junge Paar aus der Fensternische zu ihnen.

„Es ist unmöglich, Mama, Wanda umzustimmen,“ sagte Leo zu seiner Mutter. „Sie weigert sich entschieden, nach Wilicza zu kommen, und will Rakowicz nicht verlassen.“

Die Fürstin wandte sich mit strengem Ausdrucke zu ihrer Nichte.

„Das ist eine Thorheit, Wanda. Es ist seit Monaten bestimmt, daß Du zu mir kommst, wenn diese längst vorhergesehene Abwesenheit Deines Vaters eintritt. Du kannst und sollst nicht allein in Rakowicz bleiben. Ich bin Dein natürlicher Schutz, und Du wirst ihn aufsuchen.“

„Verzeihung, liebe Tante, aber das werde ich nicht,“ erwiderte die junge Gräfin. „Ich will nicht Gast eines Hauses sein, dessen Herr uns in solcher Weise gegenübersteht. Ich ertrage das so wenig, wie Leo.“

„Glaubst Du, daß es Deiner Tante leicht wird, hier Stand zuhalten?“ fragte der Graf vorwurfsvoll. „Sie bringt uns das Opfer, weil sie uns Wilicza für den äußersten Fall sichern will, weil es überhaupt nicht aufgegeben werden darf, wenigstens für die Dauer nicht, und mit ihrem Fortgehen ist es uns verloren. Ich kann von Dir wohl die gleiche Selbstüberwindung fordern.“

„Aber weshalb ist denn gerade meine Gegenwart so unumgänglich nothwendig?“ rief Wanda mit kaum unterdrückter Heftigkeit. „Die Rücksichten, denen sich die Tante beugt, existiren doch für mich nicht – laß mich zu Hause, Papa!“

„Gieb nach, Wanda,“ bat Leo, „bleibe bei meiner Mutter! Wilicza liegt der Grenze um so vieles näher, ist um so vieles leichter zu erreichen; wir können besser in Verbindung mit einander bleiben. Vielleicht mache ich es möglich, Dich einmal zu sehen. Ich hasse Waldemar gewiß nicht weniger als Du, seit er sich offen als unser Feind erklärt hat, aber um meinetwillen bezwinge Dich und ertrage seine Nähe!“

Er hatte ihre Hand ergriffen. Wanda entzog sie ihm mit einer beinahe stürmischen Bewegung. „Laß mich, Leo! Wenn Du wüßtest, warum mich Deine Mutter durchaus in ihrer Nähe haben will, Du wärest der Erste, der sich dagegen setzte.“

Die Fürstin runzelte die Stirn, und ihrer Nichte rasch das Wort abschneidend, wandte sie sich zu dem Grafen:

„So zeige endlich einmal die väterliche Autorität, Bronislaw, und befiehl ihr zu bleiben! Sie muß in Wilicza bleiben.“

Die junge Gräfin fuhr auf bei diesen mit voller Härte ausgesprochenen Worten, die sie augenscheinlich auf’s Aeußerste brachten.

„Nun denn, wenn Du mich dazu zwingen willst, so mögen mein Vater und Leo auch den Grund erfahren. Ich habe Deine dunkeln Worte neulich nicht begriffen – jetzt verstehe ich sie. Ich soll der Schild sein, mit dem Du Dich Deinem Sohne gegenüber deckst. Du glaubst, daß ich die Einzige bin, die Waldemar nicht opfert, die Einzige, die ihn zurückhalten kann. Ich glaube das nicht, denn ich kenne ihn besser als Du, aber gleichviel, wer von uns Recht hat – ich will die Probe nicht machen.“

[709] „Und ich würde das auch nun und nimmermehr dulden,“ brauste Leo auf. „Wenn das der Grund war, so bleibt Wanda in Rakowicz und setzt keinen Fuß nach Wilicza. Ich habe geglaubt, Waldemar’s einstige Neigung sei längst begraben und vergessen; ist sie es nicht – und sie kann es nicht sein, sonst wäre der Plan nicht gefaßt worden – so lasse ich Dich auch nicht einen Tag in seiner Nähe.“

„Sei ruhig!“ sagte Wanda, aber ihre eigene Stimme klang nichts weniger als ruhig. „Ich lasse mich nicht wieder als bloßes Werkzeug gebrauchen, wie damals in C. Einmal habe ich mit diesem Manne und seiner Liebe gespielt; zum zweiten Male thue ich es nicht. Er hat mich seine Verachtung fühlen lassen – ich weiß wie das lastet, und doch handelte es sich damals nur um die Laune eines unbesonnenen Kindes. Wenn er jetzt einen Plan, eine Berechnung entdeckte und ich müßte das eines Tages in seinen Augen lesen – eher sterben als das ertragen!“

Sie hatte sich von ihrer Heftigkeit so weit fortreißen lassen, daß sie ihre ganze Umgebung darüber vergaß. Hochaufgerichtet, mit glühenden Wangen und flammenden Augen schleuderte sie den Protest so leidenschaftlich heraus, daß der Graf sie befremdet und die Fürstin bestürzt anblickte. Leo dagegen, der dicht an ihrer Seite stand, wich zurück; er war bleich geworden, und in seinen Augen, die starr und fragend auf ihrem Antlitz hafteten, stand mehr als bloße Befremdung oder Bestürzung.

„Eher sterben!“ wiederholte er. „Liegt Dir so viel an Waldemar’s Achtung? Verstehst Du es so gut, in seinen Augen zu lesen? Das ist doch seltsam.“

Eine heiße Röthe ergoß sich urplötzlich über Wanda’s Gesicht, sie mochte es wohl selbst nicht wissen, denn sie warf dem jungen Fürsten einen Blick ungekünstelter Entrüstung zu und wollte ihm antworten, als ihr Vater dazwischen trat.

„Nur jetzt keine von Deinen Eifersuchtsscenen, Leo!“ sagte er ernst. „Willst Du uns den Abschied stören und Wanda noch in der letzten Minute beleidigen? Da Du jetzt auch darauf bestehst, so mag sie in Rakowicz bleiben; meine Schwester wird Euch in diesem Punkte nachgeben, aber nun kränke Wanda nicht länger mit einem solchen Verdachte! Die Zeit drängt – wir müssen Lebewohl sagen.“

Er zog die Tochter an sich, und jetzt im Augenblicke der Trennung brach wieder die ganze Zärtlichkeit des so ernsten, düsteren Mannes für sein einziges Kind hervor, das er mit tiefer schmerzlicher Bewegung in die Arme schloß. Die Fürstin dagegen wartete umsonst auf die Annäherung ihres Sohnes; er stand noch immer mit tiefverfinstertem Gesichte da, das Auge am Boden, und biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten.

„Nun, Leo,“ mahnte die Mutter endlich, „willst Du mir nicht Lebewohl sagen?“

Er schreckte aus seinem Brüten empor. „Noch nicht, Mama! Ich folge dem Onkel erst später; er braucht mich für’s Erste nicht. Ich will noch einige Tage hier bleiben.“

„Leo!“ rief der Graf zürnend, während Wanda sich mit dem gleichen Ausdrucke aus seinen Armen emporrichtete, aber das schien den jungen Fürsten in seinem Trotze nur noch zu bestärken.

„Ich bleibe,“ beharrte er, „auf zwei oder drei Tage kann es unmöglich ankommen. Erst will ich Wanda selbst nach Rakowicz zurückgeleiten und die Gewißheit haben, daß sie dort bleibt, vor allen Dingen aber will ich Waldemar’s Ankunft abwarten und mir auf dem kürzesten Wege Klarheit verschaffen. Ich werde ihn [710] über seine Gefühle für meine Braut zur Rede stellen; ich werde –“

„Fürst Leo Baratowski wird thun, was seine Pflicht ihm befiehlt, und nichts Anderes,“ unterbrach ihn die Fürstin. Ihre kalte, klare Stimme stand im schärfsten Gegensatze zu dem wild erregten Tone des Sohnes. „Er wird seinem Oheim folgen, wie es bestimmt ist, und nicht eine Minute von seiner Seite weichen.“

„Ich kann nicht,“ rief Leo ungestüm. „Ich kann nicht fort mit diesem Argwohne im Herzen. Ihr habt mir Wanda’s Hand zugesagt, und doch durfte ich nie ein Recht auf sie geltend machen; sie selbst hat darin immer kalt und unerbittlich auf Eurer Seite gestanden; sie wollte immer nur der Preis des Kampfes sein, in den wir gehen. Jetzt aber fordere ich, daß sie vorher öffentlich und feierlich sich zu meiner Braut erklärt, hier, in Waldemar’s Gegenwart, vor seinen Augen. Dann will ich gehen, aber eher weiche ich nicht aus dem Schlosse. Waldemar hat sich ja in einer so überraschenden Weise zum Herrn und Gebieter proclamirt, was ihm Niemand zutraute; er könnte sich einmal eben so plötzlich in einen glühenden Anbeter verwandeln.“

„Nein Leo,“ sagte Wanda mit zorniger Verachtung, „aber Dein Bruder würde sich beim Beginne eines Kampfes sicher nicht weigern, seiner Pflicht zu folgen, und sollte es ihm auch Glück und Liebe kosten.“

Das war das Schlimmste, was sie überhaupt hätte aussprechen können, denn das raubte dem jungen Fürsten vollends die Fassung; er lachte bitter auf.

„O, ihm nicht! Aber mir könnte es leicht Beides kosten, wenn ich jetzt ginge und Dich Deiner schrankenlosen Bewunderung für ihn und sein Pflichtgefühl überließe. – Onkel, ich verlange Aufschub für meine Abreise, nur um drei Tage, und wenn Du mir das versagst, so nehme ich ihn mir. Ich weiß, daß in der ersten Zeit noch nichts Entscheidendes geschieht, und zu den Vorbereitungen komme ich noch immer früh genug.“

Die Fürstin wollte einschreiten, aber der Graf hielt sie zurück. Mit seiner vollen Autorität trat er vor den Neffen hin.

„Darüber habe ich zu entscheiden und nicht Du. Ich habe unsere Abreise für heute festgesetzt; ich halte sie für nothwendig, und dabei bleibt es. Wenn ich jeden meiner Befehle erst Deiner Prüfung unterbreiten oder ihn von Deinen Eifersuchtslaunen abhängig machen soll, so ist es besser, Du gehst überhaupt nicht mit mir. Ich fordere jetzt den Gehorsam, den Du Deinem Führer zugesagt hast. Entweder Du folgst mir noch in dieser Stunde, oder – mein Wort darauf! – ich schließe Dich von Allem aus, worüber ich zu gebieten habe – Du hast die Wahl.“

„Er wird folgen, Bronislaw,“ sagte die Fürstin mit finsterem Ernste, „oder er wäre mein Sohn nicht mehr. Entscheide, Leo! Dein Oheim hält Wort.“

Leo stand im heftigsten Kampfe da. Die Worte des Oheims, der gebietende Blick der Mutter wären vielleicht machtlos geblieben gegen seine furchtbar aufgereizte Eifersucht, aber er sah, daß auch Wanda sich von ihm abwendete – er wußte, daß sein Bleiben ihm ihre Verachtung eintragen würde, und das entschied. Er stürzte zu ihr und faßte wieder ihre Hand.

„Ich – gehe,“ stieß er hervor, „aber Du giebst mir das Versprechen, während meiner Abwesenheit Wilicza zu meiden und meine Mutter nur in Rakowicz zu sehen, vor allem aber Waldemar fern zu bleiben.“

„Das wäre ohnedies geschehen,“ entgegnete Wanda in milderem Ton. „Du vergißt, daß nur meine Weigerung, in Wilicza zu bleiben, Deine ganze grundlose Eifersucht verschuldet hat.“

Leo athmete bei dieser Erinnerung auf. Ja freilich, sie hatte sich mit vollster Heftigkeit geweigert, die Nähe seines Bruders zu ertragen.

„Du hättest mich besser überzeugen sollen,“ versetzte er ruhiger. „Vielleicht bitte ich Dir einst die Kränkung ab, jetzt kann ich’s noch nicht, Wanda.“ Er preßte ihre Hand krampfhaft in der seinigen. „Ich glaube es ja nicht, daß Du jemals den Verrath an Dir und an uns begehen könntest, diesen Waldemar zu lieben, unseren Feind, unseren Unterdrücker. Aber Du sollst auch keine Regung der Achtung, der Bewunderung für ihn haben; es ist schon schlimm genug, daß er Dich liebt, und daß ich Dich in seiner Nähe wissen muß.“

„Du wirst Deine Noth haben mit diesem Feuerkopf,“ sagte die Fürstin halblaut zu ihrem Bruder. „Er kann nun einmal das Wort ‚Disciplin‘ nicht begreifen.“

„Er wird es lernen,“ erwiderte der Graf mit ruhiger Festigkeit. „Und nun leb’ wohl, Jadwiga! Wir müssen fort.“

Der Abschied war kurz und weniger herzlich, als er sonst wohl unter diesen Verhältnissen gewesen wäre.

Der tiefe Mißklang, den die vorangehende Scene wachgerufen, ging selbst durch den Trennungsaugenblick. Wanda duldete es schweigend, daß Leo sie in die Arme schloß, aber sie erwiderte die Umarmung nicht, während sie sich doch gleich darauf mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit nochmals an die Brust ihres Vaters warf. Auch in den Abschied zwischen Mutter und Sohn drängte sich jener Mißklang. Es war eine Ermahnung, eine Warnung, welche die Fürstin Leo zuflüsterte, und sie klang so ernst, daß er sich rascher als sonst aus ihren Armen wand. Dann reichte der Graf seiner Schwester noch einmal die Hand und ging in Begleitung seines Neffen; sie nahmen draußen im Vorzimmer die Mäntel um und stiegen in den harrenden Wagen. Noch ein Gruß zu den Fenstern hinauf und von dort hernieder, dann zogen die Pferde an, und bald verklang das Rollen der Räder in der Ferne.

Die beiden Frauen waren allein. Wanda hatte sich in das Sopha geworfen und das Gesicht in die Kissen vergraben; die Fürstin stand noch am Fenster und sah lange dem Wagen nach, der ihren Liebling davontrug, dem Kampfe, der Gefahr entgegen; als sie endlich in das Zimmer zurücktrat, sah man es doch, was der Abschied ihr gekostet hatte – sie behauptete nur mit Mühe die gewohnte äußere Ruhe.

„Es war unverzeihlich von Dir, Wanda, gerade in einer solchen Stunde an Leo’s Eifersucht zu appelliren, um mit seiner Hülfe Deinen Willen durchzusetzen,“ sagte sie mit bitterm Vorwurfe. „Du kennst ihn doch hinlänglich in diesem Punkte.“

Die junge Gräfin hob den Kopf. Ihre Wangen zeigten noch die Spuren der eben vergossenen Thränen.

„Du selbst zwangst mich dazu, Tante. Mir blieb kein anderes Mittel, und überdies konnte ich nicht ahnen, daß Leo’s Eifersucht auch mir gelten, daß er auch mich mit einem solchen Verdachte beleidigen würde.“

Die Fürstin stand vor ihr und sah sie durchbohrend an. „Beleidigte er Dich wirklich damit? Nun, ich will es hoffen.“

„Was meinst Du damit?“ rief Wanda emporschreckend.

„Mein Kind,“ entgegnete die Fürstin in eisigem Tone, „Du weißt, ich habe niemals Leo’s Partei genommen, wenn er Dich mit seiner Eifersucht quälte – heute nehme ich sie, wenn ich es ihm gegenüber auch nicht zugab, um ihn nicht noch mehr zu reizen. Der Ton, mit dem Du dieses ‚Eher sterben!‘ herausschleudertest, brachte auch mein Blut in Wallung, und Deine Furcht vor Waldemar’s Verachtung war sehr verfänglich, so verfänglich, daß ich jetzt freiwillig auf Deine Anwesenheit in Wilicza Verzicht leiste. Als ich den Plan entwarf, glaubte ich Deiner unbedingt sicher zu sein; jetzt könnte ich ihn wirklich nicht mehr vor Leo verantworten und stimme Dir vollkommen bei, wenn Du – die Probe nicht wagen willst.“

Wanda hatte sich erhoben. Todtenbleich, keines Wortes fähig, starrte sie die Sprechende an; sie hatte das Gefühl, als öffne sich auf einmal ein Abgrund vor ihren Füßen, und wie vom Schwindel ergriffen lehnte sie sich an das Sopha.

„Du täuschest Dich,“ brachte sie endlich mühsam heraus, „oder Du willst mich täuschen. Das habe ich nicht verdient.“

Die Fürstin ließ das Auge nicht von dem Gesichte ihrer Nichte. „Ich weiß, daß Du noch keine Ahnung davon hast, und eben deshalb gebe ich sie Dir. Nachtwandler muß man wecken, ehe sie die gefahrdrohende Höhe erreichen. Wenn das Erwachen plötzlich kommt, ist der Sturz unausbleiblich. Dir ist von jeher die Energie, die eiserne Willenskraft am Manne das Höchste gewesen; das allein zwingt Dich zur Bewunderung. Ich weiß leider, daß Leo dieses Eine trotz all seiner glänzenden Eigenschaften nicht besitzt, und ich leugne auch nicht mehr, daß Waldemar es hat; also nimm Dich in Acht mit Deinem – Haß gegen ihn! Er könnte sich Dir eines Tages als etwas Anderes enthüllen. Ich öffne Dir jetzt die Augen, wo es noch Zeit ist, und ich denke, Du wirst mir dankbar dafür sein.“

„Ja,“ entgegnete Wanda mit fast erloschener Stimme. „Ich danke Dir.“

[711] „So wollen wir die Sache ruhen lassen; noch hat sie hoffentlich keine Gefahr, und morgen bringe ich Dich selbst nach Rakowicz zurück. – Jetzt aber muß ich dafür sorgen, daß auch heute Abend hier die nöthige Vorsicht beobachtet wird, damit uns nicht noch am letzten Tage irgend ein Unheil trifft. Ich werde Pawlik meine Befehle geben und das Ganze persönlich überwachen.“

Damit verließ die Fürstin das Zimmer, fest überzeugt, daß sie nur ihre Pflicht gethan und einem künftigen Unheil vorgebeugt habe, indem sie energisch und schonungslos wie immer den Schleier zerriß, welcher der jungen Gräfin noch das eigene Herz verhüllte. Hätte sie gesehen, wie Wanda nach ihrer Entfernung wie vernichtet zusammensank, es wäre ihr doch vielleicht klar geworden, daß hier die gefahrdrohende Höhe bereits erreicht war, wo der Anruf tödtlich werden konnte. Er vermochte nicht mehr zu warnen oder zu retten. Das Erwachen kam zu spät.




[712] Der Winter war mit seiner vollen Strenge hereingebrochen. Die dichte Schneehülle deckte Wald und Feld; eine schwere Eisdecke hemmte den Lauf des Flusses, und über die erstarrte Erde brausten die Winterstürme mit eisigem Hauch.

Sie hatten diesmal noch einen anderen Sturm wachgerufen, der schlimmer tobte, als die Elemente. Jenseits der Grenze war der lang gefürchtete Aufstand endlich losgebrochen. Das ganze Nachbarland loderte in voller Empörung, und jeder Tag brachte neue Schreckensnachrichten von drüben her. Auf diesseitigem Gebiete war noch alles ruhig, und es hatte auch den Anschein, als ob diese Ruhe aufrecht erhalten bleiben sollte, aber friedlich war die Stimmung in den Grenzdistricten dennoch keineswegs, wo tausend Beziehungen und Verbindungen hinüber und herüber gingen, wo kaum eine polnische Familie lebte, die nicht wenigstens einen Angehörigen drüben in den Reihen der Kämpfenden hatte.

Am schwersten hatte Wilicza unter dieser Stimmung zu leiden; schon seine Lage machte es zu einem der wichtigsten, aber auch gefährlichsten Vorposten der ganzen Provinz. Es spielte nicht umsonst eine so wichtige Rolle in den Plänen der Morynski und Baratowski. Die Nordeck’schen Güter bildeten die bequemste Verbindung mit dem Aufstande und den sichersten Rückhalt für etwaige Kämpfe dicht an der Grenze; die tiefen Waldungen machten es trotz Posten und Patrouillen unmöglich, die angeordnete strenge Bewachung in ihrem ganzen Umfange aufrecht zu erhalten. Es hatte sich freilich vieles geändert, seit der junge Gutsherr sich damals, kurz vor der Abreise Morynski’s und Leo’s, so entschieden auf die Seite seiner Landsleute gestellt hatte, aber mit jener Stunde begann auch der stumme erbitterte Kampf zwischen ihm und seiner Mutter, der noch heute nicht zu Ende war. Die Fürstin hielt Wort. Sie wich ihm nicht auf dem Boden, auf den sie gleichfalls ein Recht zu haben glaubte, und Waldemar sah jetzt erst wirklich ein, was es hieß, seine Güter jahrelang in ihren Händen gelassen zu haben. Wenn seine einstige Vernachlässigung und Gleichgültigkeit dagegen gebüßt werden sollten, so büßte er sie jetzt.

Er hatte es erzwungen, daß sein Schloß nicht länger der Sitz von Parteibestrebungen war; für sein Gebiet konnte er das Gleiche nicht erzwingen, denn das war ihm systematisch entfremdet worden. Die unumschränkte Herrschaft, welche die Fürstin so lange ausgeübt, die vollständige Verdrängung des deutschen Elementes aus der Verwaltung, die Besetzung jedes nur irgendwie bedeutsamen Beamtenpostens mit polnischen Vertretern – das Alles trug nun seine Früchte. Nordeck stand in der That wie verrathen und verkauft auf seinem eigenen Grund und Boden. Ihm gab man den Namen des Herrn, und seine Mutter sah man als die eigentliche Herrin an. Wenn sie sich auch hütete, offen als solche aufzutreten, ihre Befehle gelangten doch in die Hände der Untergebenen und wurden unverzüglich befolgt, gegen die Waldemar’s aber stand ganz Wilicza in geheimer, aber fest geschlossener Opposition. Was nur möglich war an Intriguen und Ausflüchten, das wurde gegen ihn in’s Werk gesetzt; was nur geschehen konne, um seine Befehle zu durchkreuzen, seine Maßnahmen zu verwirren, das geschah, aber stets in einer Weise, welche die Verantwortung wie die Strafe ausschloß. Niemand verweigerte ihm direct den Gehorsam, und doch wußte er, daß Kampf und Ungehorsam die Parole war, die täglich gegen ihn ausgegeben wurde. Wo er sich an der einen Stelle Unterwerfung erzwang, da hob die Widersetzlichkeit an zehn anderen ihr Haupt empor, und wenn er heute seinem Willen Geltung verschaffte, so trat ihm morgen schon ein neues Hinderniß entgegen. Mit Entlassungen konnte er nicht vorgehen – sie hätten dem ganzen Beamtenpersonale gelten müssen, und theils banden ihn ihre Contracte in dieser Hinsicht; theils fehle ihm jeder Ersatz. In einer solchen Zeit konnte überhaupt jeder Gewaltact verhängnißvoll werden.

So wurde der junge Gutsherr in eine Stellung gedrängt, die für eine Natur wie die seinge die schwerste war, weil sie der Thatkraft keinen Raum gönnte, weil sie nur ruhiges besonnenes Ausharren erforderte, und gerade darauf hatte die Fürstin ihren Plan gebaut. Waldemar sollte allmählich in dem Kampfe ermatten, den er ihr angeboten; er sollte erkennen lernen, daß er schließlich doch nichts in einer Sache vermochte, in der ganz Wilicza zu ihr und gegen ihn stand; er sollte in seinem Unmuthe darüber die Zügel wieder fahren lassen die er ihr so gewaltsam aus der Hand genommen. Geduld war ja niemals seine Sache gewesen. Aber sie täuschte sich auch diesmal in ihrem Sohne, wie sie sich von jeher in ihm getäuscht hatte – er zeigte ihr jetzt die zähe Energie, den unbeugsamen Willen, den sie gewohnt war als ihre ausschließliche Charaktereigenschaft in Anspruch zu nehmen. Nicht einen Schritt wich er all den Hindernissen und Widerwärtigkeiten, die sich vor ihm aufthürmten; eine nach der anderen warf er sie zu Boden. Sein Auge und seine Hand waren überall, und wo man es wirklich einmal wagte, ihm den Gehorsam zu versagen, da ließ er den Gebieter in einer Weise fühlen, daß die ersten Versuche auch die letzten blieben. Das trug ihm freilich die Zuneigung seiner Untergebenen nicht ein; wenn man früher nur den Deutschen in ihm gehaßt hatte, so haßte man jetzt Waldemar Nordeck persönlich, aber man war bereits dahin gelangt, ihn zu fürchten, und bequemte sich auch allmählich, ihm zu gehorchen; unter diesen Umständen war die Furcht das Einzige, was noch den Gehorsam erzwang.

Das Verhältniß zwischen Mutter und Sohn wurde auf diese Weise immer unhaltbarer, wenn es sich auch äußerlich noch auf dem Fuße höflicher Kälte behauptete. Jene erste Erklärung zwischen ihnen war auch die einzige geblieben. Sie waren Beide keine Freunde von unnützen Worten und fühlten, daß von keiner Versöhnung und Verständigung die Rede sein konnte, wo sich die Charaktere und Principien so schroff gegenüber standen wie hier. Waldemar versuchte es nie, die Fürstin zur Rede zu stellen; er wußte, daß sie ihm auch nicht das Geringste von dem zugeben würde, was doch unleugbar von ihr ausging, und sie ihrerseits that nie eine Frage in dieser Hinsicht. So blieb das Zusammenleben wenigstens möglich und nach außen hin leidlich; was es für Stacheln in sich barg, das freilich wußten nur die Beiden allein. Waldemar zog sich in eine noch größere Abgeschlossenheit zurück als früher. Er sah die Mutter höchstens bei Tische, oft auch da nicht einmal, die Fürstin dagegen war sehr oft in Rakowicz bei ihrer Nichte und blieb meist längere Zeit dort. Wanda hatte Wort gehalten und Wilicza nicht wieder betreten, während Waldemar auf seinen Ausflügen sogar das Gebiet von Rakowicz vermied.

Mehr als drei Monate waren seit der Abreise des Grafen Morynski und seines Neffen vergangen. Man wußte allgemein, daß sie sich inmitten des Aufstandes befanden, bei welchem der Graf eine bedeutende Rolle spielte, während der junge Fürst Baratowski unter dem Oberbefehl seines Oheims ein Commando führte. Trotz der Entfernung und der Hindernisse standen Beide in ununterbrochenem Verkehr mit den Ihrigen. Die Fürstin sowohl wie Wanda hatten stets genaue und ausführliche Nachricht von Allem, was drüben geschah, und sandten ebenso häufig ihre Botschaften hinüber. Die Bereitwilligkeit, mit der sich in den Grenzdistricten Jedermann zu Botendiensten hergab, spottete aller Schwierigkeiten.

Es war um die Mittagsstunde eines ziemlich kalten Tages, als Assessor Hubert und Doctor Fabian vom Dorfe herkamen, wo sie einander begegnet waren. Der Herr Assessor steckte in dreifacher Umhüllung; er wußte noch von Janowo her, was eine Erkältung bedeutete. Auch der Doctor hatte der Mantelkragen schützend in die Höhe geschlagen. Das strenge Klima schien ihm nicht zuzusagen; er sah bleicher als sonst und angegriffen aus. Hubert dagegen schaute äußerst wohlgemuth darein. Die augenblicklichen Verhältnisse an der Grenze führten ihn sehr oft nach Wilicza oder in dessen Umgegend, auch jetzt hatte er wieder eine Untersuchung zu führen die ihn einige Tage in der Nähe festhielt. Er hatte sich wie gewöhnlich im Hause des Administrators einquartirt, und sein vergnügtes Aussehen zeigte, daß er sich sehr wohl dabei befand.

„Es ist großartig,“ sagte er in seinem feierlichen Amtstone. „Unbedingt großartig ist es, wie Herr Nordeck sich jetzt benimmt. Wir von der Regierung wissen das am besten zu schätzen. Der Präsident meint, dieses verwünschte Wilicza hätte auch hier bei uns schon längst das Beispiel zur Revolte gegeben wenn sich sein Herr nicht wie ein Wall und eine Mauer dagegen stemmte. Man bewundert ihn in ganz L., und dies um so mehr, als man nie ahnte, daß er sich jemals von dieser Seite zeigen werden.“

Doctor Fabian seufzte. „Ich wollte, er verdiente diese Bewunderung weniger. Gerade seine Energie zieht ihm hier täglich einen größeren Haß zu. Ich zittere jedesmal, wenn Waldemar [713] allein ausreitet, und er ist nie zu bewegen, auch nur die geringste Vorsichtsmaßregel zu beobachten.“

„Ja freilich,“ meinte der Assessor bedenklich. „Dem Volk in Wilicza ist Alles zuzutrauen, sogar ein Schuß aus den Hinterhalt. Ich glaube, das Einzige, was Herrn Nordeck bisher noch geschützt hat, ist der Umstand, daß er trotz alledem der Sohn der Fürstin Baratowska ist, aber wer weiß, wie lange der nationale Fanatismus das noch respectirt. Was muß das jetzt überhaupt für ein Leben bei Ihnen im Schlosse sein! Niemand begreift es, daß die Fürstin noch bleibt – man weiß es ja, daß sie mit Leib und Seele Polin ist. Es hat wohl schon furchtbare Scenen zwischen ihr und dem Sohne gegeben – nicht wahr?“

„Bitte, Herr Assessor – das sind Familienangelegenheiten,“ lehnte Fabian ab.

[715] „Ich begreife die Discretion,“ sagte Hubert, der vor Begierde brannte, irgend etwas zu erfahren, was er bei seiner Rückkehr in L. erzählen konnte, wo man sich jetzt mehr als je mit dem jungen Gutsherrn von Wilicza und seiner Mutter beschäftigte. „Aber Sie wissen gar nicht, was für schreckliche Geschichten man sich in der Stadt darüber erzählt. Herr Nordeck soll damals, als er sich so entschieden für uns erklärte, eine ganze Verschwörung auseinandergesprengt haben, die in den Kellergewölben seines Schlosses zusammenkam und bei der Graf Morynski und Fürst Baratowski den Vorsitz führten. Als die Fürstin sich dazwischen werfen wollte, soll ihr der Sohn die Pistole auf die Brust gesetzt und sie ihm ihren Fluch entgegengeschleudert haben, und dann sind sie Beide –“

„Wie kann man in L. solche alberne Märchen glauben!“ rief der Doctor unwillig. „Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß auch nicht eine einzige dieser extravaganten Scenen zwischen Waldemar und seiner Mutter stattgefunden hat. Sie sind Beide nicht danach geartet, im Gegentheil, sie stehen sehr – höflich miteinander.“

„Wirklich?“ fragte der Assessor mißtrauisch. Er ließ die Geschichte von der Pistole und dem Fluche augenscheinlich nur sehr ungern fahren – sie sagte ihm weit mehr zu, als diese nüchterne Erklärung. „Aber die Verschwörung hat doch bestanden,“ setzte er hinzu. „Und Herr Nordeck hat sie auseinandergesprengt, er allein gegen zweihundert Hochverräther. Ach, daß ich damals nicht hier gewesen bin! Ich war drüben in Janowo, wo ich leider gar nichts entdeckte. Fräulein Margarethe ist doch sonst so klug. Ich begreife nicht, wie sie sich damals so vollständig täuschen lassen konnte. Jetzt freilich wissen wir, daß das ganze geheime Waffenlager hier in Wilicza versteckt war, wenn Herr Nordeck das auch nun und nimmermehr zugeben will.“

Der Doctor schwieg und sah sehr verlegen aus. Die Erwähnung Janowos brachte ihn noch immer aus der Fassung. Zum Glück waren sie gerade jetzt an die Stelle gelangt, wo der Weg nach dem Schlosse abbog. Fabian verabschiedete sich von seinem Gefährten und dieser ging allein nach dem Gutshofe.

Hier fand inzwischen eine Unterredung zwischen dem Administrator und seiner Tochter statt, die eine erregte Wendung zu nehmen drohte. Gretchen wenigstens hatte eine ganz kriegerische Stellung eingenommen. Sie stand vor ihrem Vater, die Arme trotzig übereinandergeschlagen, den Kopf mit den blonden Flechten zurückgeworfen, und stampfte sogar mit ihrem Füßchen auf den Boden, um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben.

„Ich sage Dir, Papa, ich mag den Assessor nicht. Und wenn er noch ein halbes Jahr lang um mich herumseufzt und Du ihm noch so sehr das Wort redest, ich lasse mir kein Ja abzwingen!“

„Aber Kind, es ist ja nicht die Rede davon, Dich zu zwingen,“ beruhigte der Vater. „Du weißt ja, daß Du ganz Deinen freien Willen hast, aber die Sache muß doch endlich einmal zur Sprache kommen. Wenn Du bei Deinem Nein beharrst, darfst Du Hubert wirklich nicht länger Hoffnung machen.“

„Ich mache ihm keine Hoffnung,“ rief Gretchen, fast weinend vor Aerger. „Im Gegentheil, ich behandle ihn ganz abscheulich, aber das hilft nichts. Seit der unglücklichen Schnupfenpflege bildet er sich steif und fest ein, ich erwidere seine Gefühle. Wenn ich ihm heute einen Korb gäbe, so würde er lächelnd antworten: ‚Sie irren sich, mein Fräulein, Sie lieben mich doch‘ – und morgen wäre er wieder da.“

Frank nahm die Hand seiner Tochter und zog sie näher zu sich heran „Gretchen, sei einmal vernünftig und sage mir, was Du eigentlich gegen den Assessor einzuwenden hast. Er ist jung, leidlich hübsch, nicht unvermögend und kann Dir eine höchst angenehme gesellschaftliche Stellung bieten. Ich gebe zu, daß er manche Lächerlichkeiten an sich hat, aber eine vernünftige Frau wird schon etwas aus ihm machen. Die Hauptsache aber ist, daß er Dich bis zur Narrheit liebt, und Du sahst ihn ja anfangs gar nicht mit so ungünstigen Augen an. Was hat Dich denn gerade in der letzten Zeit so gegen ihn eingenommen?“

Gretchen blieb die Antwort auf diese Frage schuldig, die sie etwas in Verlegenheit zu setzen schien, aber sie faßte sich bald wieder.

„Ich liebe ihn nicht,“ erklärte sie mit der größten Bestimmtheit. „Und ich will ihn nicht, und ich nehme ihn nicht.“

Dieser kategorischen Erklärung gegenüber blieb dem Vater nun freilich nichts weiter übrig, als die Achseln zu zucken, was er denn auch that.

„Nun, meinetwegen!“ sagte er unmuthig. „Dann werde ich dem Assessor aber klaren Wein einschenken, ehe er uns diesmal verläßt. Bis zu seiner Abreise will ich damit warten, vielleicht besinnst Du Dich noch bis dahin.“

Die junge Dame machte eine sehr geringschätzige Miene darüber, daß der Vater ihr eine solche Inconsequenz zutraute. Es schien ihre Seelenruhe nicht im Mindesten zu stören, daß sie soeben den Stab über das Lebensglück des armen Assessors [716] gebrochen hatte, denn sie setzte sich gleichmüthig an ihren Nähtisch, nahm ein dort liegendes Buch und begann zu lesen.

Der Administrator ging, noch immer ein wenig ärgerlich, im Zimmer auf und ab; endlich blieb er vor seiner Tochter stehen.

„Was ist denn das für ein dicker Band, den ich jetzt fortwährend in Deinen Händen sehe? Eine Grammatik vermuthlich. Studirst Du so eifrig Französisch?“

„Nein, Papa,“ sagte Gretchen. „Die Grammatik ist viel zu langweilig, als daß ich sie so oft in die Hand nehmen sollte. Ich“ – sie legte feierlich die Hand auf das Buch – „ich studire gegenwärtig die Geschichte des Germanenthums.“

Was studirst Du?“ fragte der Administrator, der seinen Ohren nicht traute.

„Die Geschichte des Germanenthums!“ wiederholte seine Tochter mit unglaublichem Selbstgefühl. „Ein ausgezeichnetes Werk, ein Werk von der allertiefsten Gelehrsamkeit! Willst Du es auch einmal lesen? Hier ist der erste Band.“

„Laß mich in Ruhe mit Deinem Germanenthum!“ rief Frank. „Ich habe genug mit dem Slaventhum zu thun. Aber wie kommst Du denn zu diesem gelehrten Zeuge? Ganz sicher durch den Doctor Fabian, aber das ist gegen die Abrede. Er hat versprochen, Dich im Französischen zu üben, und statt dessen bringt er Dir alte Scharteken aus seiner Bibliothek, von denen Du kein Wort verstehst.“

„Ich verstehe Alles,“ rief das junge Mädchen beleidigt. „Und es ist auch keine alte Scharteke; es ist ein ganz neues Werk, das Doctor Fabian selbst geschrieben hat. Es macht ungeheueres Aufsehen in der Gelehrtenwelt, und zwei unserer ersten wissenschaftlichen Berühmtheiten, Professor Weber und Professor Schwarz, liegen sich bereits in den Haaren darüber und über die angehende dritte, den Doctor nämlich. Aber Du sollst sehen, Papa, er wird noch einmal größer, als beide zusammengenommen.“

„Schwarz?“ sagte der Administrator nachsinnend. „Das ist ja der berühmte Onkel unseres Assessors an der Universität zu J. Nun, da kann Doctor Fabian von Glück sagen, wenn eine solche Autorität sich überhaupt mit seinen Werken befaßt.“

„Professor Schwarz versteht gar nichts,“ erklärte Gretchen zum Entsetzen ihres Vaters und mit der Unfehlbarkeit eines akademischen Richters. „Er wird sich mit seiner Kritik des Fabian’schen Buches ebenso blamiren, wie der Assessor mit der Verhaftung des Herrn Nordeck. Natürlich, es sind ja Onkel und Neffe – das liegt so in der Familie.“

Jetzt schien die Sache dem Administrator doch etwas bedenklich zu werden; er sah seine Tochter forschend an. „Du bist in diesen Universitätsgeschichten ja so bewandert wie ein Student. Du scheinst das unumschränkte Vertrauen des Doctor Fabian zu genießen.“

„Das genieße ich auch,“ bestätigte Gretchen. „Aber es hat sehr viel Mühe gekostet, ihn dahin zu bringen. Er ist so schüchtern, so zurückhaltend, obwohl er doch ein so bedeutender Mensch ist. Ich habe ihm das Alles erst im Laufe der Zeit und Wort für Wort abfragen müssen. Sein Buch wollte er mir anfangs gar nicht geben, aber da wurde ich böse, und ich möchte wohl sehen, was er mir verweigert, wenn ich ihm ein Gesicht mache.“

„Höre, Kind, ich glaube, der Assessor hat einen sehr dummen Streich gemacht, als er Deine französischen Uebungen veranlaßte,“ brach Frank jetzt los. „Dieser stille, blasse Doctor mit seiner sanften Stimme und seinem schüchternen Wesen hat es Dir wahrhaftig angethan und ist allein schuld an der schlimmen Behandlung, die Du dem armen Hubert zu Theil werden läßt. Du wirst doch keine Thorheiten machen? Der Doctor ist nichts weiter als ein ehemaliger Hauslehrer, der bei seinem früheren Zöglinge lebt und eine Pension von ihm bezieht. Wenn er dabei gelehrte Werke schreibt, so mag das ein Vergnügen für ihn sein, aber Geld bringt dergleichen nicht ein und am allerwenigsten ein gesichertes Einkommen. Zum Glück ist er zu schüchtern und auch wohl zu vernünftig, um auf Deine Vorliebe für ihn irgend eine Hoffnung zu bauen, aber ich halte es doch für besser, wenn die französischen Stunden jetzt ein Ende nehmen, und werde das auf schickliche Weise einzuleiten suchen. Wenn Du, die kaum die Geduld hat, einen Roman zu Ende zu lesen, jetzt die Geschichte des Germanenthums studirst und Dich dafür begeisterst, blos weil Doctor Fabian sie geschrieben hat, so ist mir das doch bedenklich.“

Die Tochter sah bei dieser väterlichen Ermahnung sehr unzufrieden aus und bereitete sich zu einem nachdrücklichen Protest, als der Inspector mit einer Meldung eintrat. Gleich darauf verließ Frank mit ihm das Zimmer, und Fräulein Margarethe blieb in einer höchst ärgerlichen Stimmung zurück. Assessor Huber hätte gar nichts Schlimmeres thun können, als in einer solchen Stunde zu erscheinen, aber sein gewöhnlicher Unstern führte ihn natürlich gerade jetzt herein. Er war, wie immer, die Aufmerksamkeit und Artigkeit selbst, der Gegenstand seiner Wünsche aber zeigte eine so ungnädige Laune, daß er eine Bemerkung darüber nicht unterdrücken konnte.

„Sie scheinen verstimmt, Fräulein Margarethe,“ begann er nach mehreren vergeblichen Versuchen, ein Gespräch anzuknüpfen. „Darf man den Grund wissen?“

„Ich ärgere mich, daß gewöhnlich gerade die bedeutendsten Menschen so sehr viel Schüchternheit und so gar kein Selbstvertrauen haben,“ fuhr Gretchen heraus, die mit ihren Gedanken ganz wo anders war.

Das Antlitz des Assessors verklärte sich förmlich bei diesen Worten. Bedeutende Menschen – Schüchternheit – kein Selbstvertrauen – ja freilich, er war damals mitten im Kniefall stecken geblieben und noch heute nicht bis zu einer Erklärung gekommen. Die junge Dame trug allerdings selbst die Schuld daran, aber es verletzte sie doch, daß er so wenig Selbstvertrauen zeigte. Das mußte unverzüglich wieder gut gemacht werden. Der Wink konnte ja gar nicht deutlicher gegeben werden.

Gretchen sah schon in der nächsten Minute ein, was sie mit ihren unvorsichtigen Worten, die Hubert natürlich auf seine eigene Person bezog, angerichtet hatte. Sie brachte schleunigst ihre Geschichte des Germanenthums vor ihm in Sicherheit, denn der Doctor hatte ihr das Versprechen abgenommen, dem Neffen seines literarischen Gegners nichts davon zu verrathen, und beschloß, ihre Uebereilung durch möglichste Ungezogenheit wieder gut zu machen.

„Sie brauchen nicht mit einem solchen Polizeiblick um mich herum zu gehen, Herr Assessor,“ sagte sie. „Ich bin keine Verschwörung, und das ist ja doch das Einzige auf der Welt, was Sie interessirt.“

„Mein Fräulein,“ versetzte der Assessor würdevoll, aber doch etwas verletzt, denn er war sich bewußt, schmachtend und durchaus nicht polizeimäßig geblickt zu haben. „Sie werfen mir meinen Amts- und Pflichteifer vor, und doch glaube ich mir gerade daraus ein Verdienst machen zu können. Auf uns Beamten lastet die ganze Sorge für die Ordnung und Sicherheit des Staates; uns danken es Tausende, daß sie Abends ihr Haupt ruhig niederlegen können; ohne uns –“

„Nun, wenn Sie allein für unsere Sicherheit sorgten, dann wären wir hier in Wilicza längst todtgeschlagen worden,“ unterbrach ihn das junge Mädchen. „Es ist nur ein Glück, daß wir Herrn Nordeck haben; der schafft uns nachdrücklicher Ruhe als das ganze Polizeidepartement von L.“

„Herr Nordeck scheint jetzt überall einer außerordentlichen Bewunderung zu genießen,“ bemerkte Hubert empfindlich. „Auch bei Ihnen.“

„Ja, auch bei mir,“ bestätigte Gretchen. „Ich bedaure es aufrichtig, aber meine Bewunderung gilt nun einmal Herrn Nordeck und keinem Andern.“

Sie warf einen sehr anzüglichen Blick auf den Assessor, aber dieser lächelte nur.

„Ah, dieser Andere würde auch niemals das kalte, fremde Gefühl der Bewunderung beanspruchen,“ versicherte er. „Er hofft auf ganz andere Regungen in einer verwandten Seele.“

Gretchen sah, daß die Ungezogenheit ihr gar nichts half. Hubert steuerte unverwandt und unbeirrt auf die Erklärung los. Das junge Mädchen hatte aber gar keine Lust, ihn anzuhören; es war ihr unangenehm, ihm ein Nein geben zu müssen, und sie fand es weit bequemer, das durch ihren Vater abmachen zu lassen. Deshalb fuhr sie mit der ersten besten Frage dazwischen, die ihr gerade in den Sinn kam.

„Sie haben mir ja so lange nichts von Ihrem berühmten Onkel in J. erzählt. Was macht er denn jetzt?“

[717] Der Assessor, der in dieser Frage nur ihre Theilnahme an seinen Familienangelegenheiten erblickte, ging bereitwillig darauf ein.

„Mein armer Onkel hat in der letzten Zeit sehr viel Aerger und Verdruß gehabt,“ berichtete er. „Es existirt an der Universität eine Gegenpartei – welches wahrhaft Große hätte nicht seine Neider und Feinde!? – an deren Spitze Professor Weber steht. Dieser Herr hascht förmlich nach Popularität; die Studenten hängen mit blinder Vorliebe an ihm; alle Welt spricht von seiner Liebenswürdigkeit, und mein Onkel, welcher dergleichen Kunstgriffe verschmäht und sich überhaupt nie um die öffentliche Meinung kümmert, wird von allen Seiten angefeindet. Jetzt hat die Gegenpartei, einzig ihm zum Aerger, einen ganz obscuren Menschen auf den Schild gehoben und unterfängt sich, dessen Erstlingswerk neben die Schwarz’schen Schriften über den Germanismus zu setzen.“

„Es ist wohl nicht möglich,“ meinte Gretchen.

„Neben die Schriften meines Onkels,“ wiederholte der Assessor mit großartiger Entrüstung. „Ich kenne weder den Namen, noch die näheren Umstände. Mein Onkel liebt es nicht, sich in seinen Briefen über Einzelheiten auszusprechen, aber die Sache hat ihn dermaßen geärgert, und sein Conflict mit dem Professor Weber ist zu einer solchen Höhe gediehen, daß er daran gedacht hat, seine Entlassung zu nehmen. Es ist natürlich nur eine Drohung; man läßt ihn in keinem Falle fort. Die Universität erlitte ja durch sein Ausscheiden eine bedenkliche Schädigung, aber er hielt es doch für nothwendig, einen Druck auf die betreffenden Persönlichkeiten zu üben.“

„Ich wollte, das wirkte,“ sagte Gretchen mit einem solchen Ausdruck des Ingrimms, daß Hubert betroffen einen Schritt zurücktrat, aber gleich darauf trat er zwei näher.

„Es beglückt mich sehr, daß Sie ein solches Interesse an dem Ergehen meines Onkels nehmen. Auch er interessirt sich bereits für Sie. Ich habe ihm oft von dem Hause und der Familie geschrieben, wo ich eine so liebenswürdige Aufnahme gefunden habe, und er würde mit Freuden hören, daß ich dieser Familie –“

Da war er schon wieder so weit. Das junge Mädchen sprang in voller Verzweiflung auf, lief an das gerade offen stehende Clavier und begann zu spielen. Aber sie unterschätzte die Beharrlichkeit des Bewerbers, denn schon in der nächsten Minute stand er neben ihr und hörte zu.

„Ah, der Sehnsuchtswalzer! Mein Lieblingsstück! Freilich, die Musik vermag es am besten, die Gefühle des Herzens auszudrücken – nicht wahr, Fräulein Margarethe?“

Fräulein Margarethe fand, daß sich heute Alles gegen sie verschworen habe. Es war zufällig das einzige Stück, das sie auswendig wußte, und sie wagte nicht aufzustehen und Noten zu holen, denn die Miene des Assessors verrieth, daß er nur auf eine Pause im Spiel wartete, um den Gefühlen seines Herzens Worte zu geben. So ließ sie denn den Sehnsuchtswalzer mit vollster Kraft und im Tempo eines Sturmmarsches über die Tasten hinrasen. Es klang fürchterlich, und es sprang eine Saite dabei, aber der Lärm wurde glücklich so arg, daß er jede etwaige Liebeserklärung übertönen mußte.

„Sollte das Fortissimo wohl hier am Platze sein?“ wagte Hubert zu bemerken. „Ich meinte immer, das Stück müsse im schmelzenden Piano gespielt werden.“

„Ich spiele es im Fortissimo,“ erklärte Gretchen und schlug auf die Tasten, daß die zweite Saite sprang.

Der Assessor war etwas nervös; er fuhr zusammen. „Sie werden das schöne Instrument verderben,“ sagte er, sich mit Mühe verständlich machend.

„Wozu giebt es Clavierstimmer in der Welt?“ rief Gretchen. Als sie merkte, daß der musikalische Lärm dem Assessor unangenehm wurde, steigerte sie ihn zu einer ganz unglaublichen Höhe und opferte kaltblütig die dritte Saite. Das half endlich. Hubert sah ein, daß man ihn heute nicht zu Worte kommen lassen wollte, und trat den Rückzug an, ärgerlich, aber mit unerschüttertem Vertrauen. Die junge Dame hatte ihn ja damals beim Schnupfenfieber mit so rührender Aufmerksamkeit gepflegt, und heute hatte sie ihn einen bedeutenden Menschen genannt und ihm Mangel an Selbstvertrauen vorgeworfen. Freilich, ihr Eigensinn blieb unberechenbar, aber sie liebte ihn dennoch.

Als er fort war, stand Gretchen auf und schloß das Clavier. „Drei Saiten sind gesprungen,“ sagte sie wehmüthig und doch mit einer gewissen Befriedigung. „Aber ich habe ihn richtig wieder nicht zur Erklärung kommen lassen. Und das Uebrige kann Papa besorgen.“ Damit setzte sie sich wieder an den Nähtisch, holte das Buch hervor und vertiefte sich auf’s Neue in die Geschichte des Germanenthums. –

Es war einige Stunden später, als Waldemar Nordeck von L. zurückkehrte, wohin er heute Morgen geritten war. Er kam jetzt öfter dorthin; der Verkehr zwischen dem Schlosse und der Stadt war überhaupt lebhafter geworden. Der Umstand, daß Wilicza gerade die Grenzwaldungen einschloß und daß man der dortigen Bevölkerung am wenigsten traute, machte manche Besprechungen und Verständigungen hinsichtlich der zu nehmenden Maßregeln nothwendig, und der Präsident wußte zu gut, welche feste energische Stütze er in dem jungen Gutsherrn hatte, um ihn nicht stets mit der größten Zuvorkommenheit aufzunehmen. Auch heute war Waldemar bei ihm gewesen und dort mit einigen der höheren Beamten und Officieren aus L. zusammengetroffen, und die sämmtlichen Herren fanden auf’s Neue ihre schon früher gehegte Meinung bestätigt, daß der junge Nordeck im Grunde doch eine durchaus kalte unempfindliche Natur sei. Jeden Anderen würde das gezwungen feindselige Verhältniß der eigenen Mutter und dem eigenen Bruder gegenüber doch wenigstens gedrückt und gequält haben, ihn schien es gar nicht zu berühren. Er war wie immer ernst zurückhaltend, aber entschlossen und bereit, die einmal gewählte Stellung bis auf’s Aeußerste zu behaupten.

Waldemar hatte freilich allen Grund, den Fremden diese ruhige Stirn zu zeigen; er wußte, daß sein Verhältniß zu seiner Mutter das Tagesgespräch in L. bildete und daß die abenteuerlichsten Gerüchte darüber die Runde machten – da galt es ihnen wenigstens nicht neue Nahrung zu geben. Jetzt, wo er sich allein und unbeachtet wußte, stand ein Zug verbissenen Schmerzes in seinem Gesichte, der nicht weichen wollte, und die Stirn war so finster umwölkt, wie sie vorhin klar gewesen. Er ritt im Schritte vorwärts, ohne auf die Umgebung zu achten, und hielt bei einer Kreuzung des Weges fast mechanisch sein Pferd an, um einen Schlitten vorbei zu lassen, der in vollem Galopp herankam und dicht an ihm vorüberfuhr.

Normann bäumte sich plötzlich in die Höhe. Der Reiter hatte den Zügel mit so wilder Heftigkeit an sich gerissen, daß das Thier erschrak und einen jähen Sprung seitwärts machte. Dabei geriet es aber mit den Hinterfüßen in einen nur lose vom Schnee verdeckten Graben, der längs der Fahrweges hinlief; es strauchelte und wäre fast mit seinem Herrn zu Fall gekommen.

Waldemar brachte es schnell genug wieder aus dem Graben und auf die Höhe des Weges, aber der leichte Unfall schien ihn, den kühnen unerschrockenen Reiter, gänzlich aus der Fassung gebracht zu haben. Sie fehlte ihm noch vollständig, als er sich dem Schlitten näherte, welcher auf einen Zuruf der Dame still gehalten hatte.

„Verzeihen Sie, Gräfin Morynska, wenn ich Sie erschreckt habe! Mein Pferd scheute vor der plötzlichen Begegnung mit den Ihrigen.“

Wanda war sonst schreckhaften Regungen nicht leicht zugänglich; vielleicht trug weniger der Schrecken als das unerwartete Zusammentreffen – das erste seit drei Monaten – die Schuld an der tiefen Blässe, die noch auf ihrem Antlitze lag, als sie erwiderte:

„Sie haben doch keinen Schaden genommen?“

„Ich wohl nicht, aber mein Normann –“

Er vollendete nicht, sondern sprang rasch aus dem Sattel. Das Pferd hatte offenbar eine Verletzung an einem seiner Hinterfüße erlitten. Es hielt ihn, wie im Schmerz, emporgezogen und verweigerte das Auftreten damit. Waldemar untersuchte flüchtig den Schaden und wandte sich dann wieder zu der jungen Gräfin.

„Es ist nicht von Bedeutung,“ sagte er in demselben kalten gezwungenen Tone wie vorhin. „Ich bitte Sie, Ihre Fahrt deswegen nicht zu unterbrechen.“ Er grüßte und trat zur Seite, um den Schlitten vorüber zu lassen.

„Wollen Sie denn nicht wieder aufsteigen?“ fragte Wanda, als sie sah, daß er die Zügel um seinen Arm schlang.

„Nein! Normann hat sich am Fuße beschädigt und hinkt bedeutend. Es ist ihm schon schmerzhaft genug, nur aufzutreten. Er kann unmöglich noch einen Reiter tragen.“

[718] „Es sind aber noch zwei Stunden Wegs nach Wilicza,“ bemerkte Wanda. „Die können Sie doch nicht zu Fuß und im langsamen Schritte zurücklegen.“

„Es wird mir doch nichts Anderes übrig bleiben,“ versetzte Nordeck ruhig. „Mindestens muß ich mein Pferd bis zum nächsten Dorfe führen, wo ich es abholen lassen kann.“

„Aber dann wird es dunkel, ehe Sie das Schloß erreichen.“

„Das thut nichts; ich kenne den Weg.“

Die junge Gräfin warf einen Blick auf den Weg nach Wilicza, der sich schon nach einer kurzen Strecke im Walde verlor; sie wußte, daß diese Waldumgebung ihm blieb bis in die unmittelbare Nähe des Schlosses.

„Wäre es nicht besser, Sie bedienten sich meines Schlittens?“ sagte sie leise, ohne aufzublicken. „Mein Kutscher kann Ihr Pferd ja inzwischen nach dem Dorfe bringen.“

Waldemar sah sie betroffen an; das Anerbieten schien ihn auf’s Höchste zu überraschen.

„Ich danke. Sie fahren doch jedenfalls nach Rakowicz?“

„Der Umweg über Rakowicz ist nicht groß,“ fiel Wanda hastig ein, „und von dort aus können Sie das Gefährt allein benutzen.“ Die Worte klangen seltsam gepreßt, beinahe angstvoll. Waldemar ließ langsam den Zügel niedergleiten. Es vergingen einige Secunden, ehe er antwortete:

„Ich thue doch wohl besser, direct nach Wilicza zu gehen.“

„Ich bitte Sie aber, das nicht zu thun, sondern mit mir zu fahren.“

Diesmal sprach die Angst so unverkennbar aus Wanda’s Stimme, daß die Weigerung nicht erneuert wurde. Nordeck übergab dem Kutscher, der auf den Wink seiner Herrin abgestiegen war, das Pferd mit der Weisung, es möglichst schonend nach dem bezeichneten Dorfe zu führen, wo es abgeholt werden würde. Er selbst bestieg den Schlitten, aber er schwang sich auf den hinten befindlichen Kutschersitz und ergriff die Zügel. Der Platz neben der jungen Gräfin blieb leer.

Die Fahrt ging in tiefem Schweigen vor sich. Das Anerbieten war so einfach und selbstverständlich; die entschiedene Ablehnung wäre seltsam, ja beleidigend gewesen zwischen zwei so nahen Verwandten, aber die Unbefangenheit hatten die Beiden längst verlernt, und dies unerwartete Wiedersehen raubte ihnen den letzten Rest davon. Waldemar wendete seine Aufmerksamkeit ausschließlich den Zügeln zu, und Wanda hüllte sich fester in ihren Pelz, ohne auch nur einmal den Kopf umzuwenden.

Man stand bereits im Anfange des März, aber der Winter schien diesmal gar nicht weichen zu wollen. Kurz vor dem Scheiden ließ er noch einmal all seine Schrecken los über die arme Erde, die schon dem ersten Frühlingshauche entgegen harrte. Ein tagelang andauerndes Schneegestöber hüllte sie auf’s Neue in das weiße Leichengewand, das sie mühsam abgestreift hatte. Wieder starrte die Landschaft in Schnee und Eis, und Sturm und Kälte stritten miteinander um die Oberhand.

Der Sturm und das Schneetreiben hatten sich zwar seit heute Morgen gelegt, aber trotzdem war es ein so trüber kalter Winternachmittag, als stehe man noch im December. Die Pferde griffen kräftig aus, und der Schlitten schien auf der glatten Bahn zu fliegen, aber der eisige Hauch dieses winterlichen Märztages lag auch auf den beiden Insassen, die in ihrem Schweigen beharrten. Sie waren seit jener Stunde am Waldsee zum ersten Male wieder allein, und so düster und melancholisch jener Herbstabend auch gewesen war, mit seinem fallenden Laube und seinen wogenden Nebelgestalten, damals regte sich doch wenigstens noch das Leben der Natur, wenn auch nur im Sterben, jetzt war auch das zu Ende. Es lag eine Todtenstille auf den weiten Feldern, die sich so weiß und endlos ausdehnten. Nichts als Schnee ringsum, so weit das Auge reichte! Die Ferne verhüllte sich in trüben Nebel, und den Himmel deckte finsteres Schneegewölk, das schwer und träge dahinzog; sonst war Alles starr und todt in dieser winterlichen Oede und Einsamkeit.

Der Weg verließ jetzt das freie Feld und bog in die Waldung ein, die bisher seitwärts geblieben war. Auf dem tieferen windgeschützten Waldwege lag der Schnee so hoch, daß die Pferde nur im Schritte zu gehen vermochten. Der Führer ließ die Zügel sinken, die er bisher straff gehalten hatte, und aus den schwindelnd schnellen Fahrt wurde ein leises Dahingleiten. Die dunklen Tannen zu beiden Seiten beugten sich schwer unter der Schneelast, die sie trugen. Einer der tief herniederhängenden Zweige streifte Waldemar’s Haupt, und eine ganze Wolke von weißen Flocken ergoß sich über ihn und seine Begleiterin. Diese wendete sich jetzt zum ersten Male halb nach ihm um und sagte, auf die Bäume deutend:

„Durch solchen dichten Forst führt der Weg nach Wilicza ununterbrochen.“

Waldemar lächelte flüchtig. „Das ist mir nicht neu. Ich mache den Weg ja oft genug.“

„Aber nicht zu Fuße und bei einbrechender Dämmerung! Wissen Sie es nicht oder wollen Sie es nicht wissen, daß das eine Gefahr für Sie ist?“

Das Lächeln verschwand aus Nordeck’s Zügen und machte dem gewohnten Ernste Platz. „Wenn ich noch daran zweifelte, so würde die Kugel mich belehrt haben, die neulich, als ich von der Grenzförsterei zurück kam, an meinem Kopfe so dicht vorüberflog, daß sie mir fast das Haar streifte. Der Schütze ließ sich nicht blicken; er schämte sich vermutlich seiner – Ungeschicklichkeit.“

„Nun, wenn Sie bereits die Erfahrung gemacht haben, so ist Ihr stetes Alleinreiten geradezu eine Herausforderung,“ rief Wanda, die es nicht vermochte, ihren Schrecken bei dem Berichte vollständig zu verbergen.

„Ich reite niemals unbewaffnet,“ versetzte Waldemar gelassen, „und gegen einen Schuß aus dem Hinterhalte schützt mich keine Begleitung. Den augenblicklichen Verhältnissen in Wilicza gegenüber ist die Macht der Persönlichkeit überhaupt das Einzige, was noch wirkt. Wenn ich Furcht zeige und mich mit Vorsichtsmaßregeln umgebe, ist es zu Ende mit meiner Autorität. Wenn ich fortfahre, den Angriffen allein die Spitze zu bieten, wird man davon ablassen.“

„Und wenn jene Kugel nun getroffen hätte?“ fragte Wanda mit leise bebender Stimme. „Sie sehen doch, wie nahe Ihnen die Gefahr war.“

Der junge Mann beugte sich halb über ihren Sitz.

„Wollten Sie mich einer ähnlichen Gefahr entziehen, als Sie vorhin auf meine Begleitung bestanden?“

„Ja,“ war die kaum hörbare Antwort.

Er schien eine Erwiderung auf den Lippen zu haben, aber wie von einer Erinnerung durchzuckt, richtete er sich plötzlich wieder auf und griff fester in die Zügel, während er mit aufquellender Bitterkeit sagte:

„Das werden Sie schwerlich vor Ihrer Partei verantworten können, Gräfin Morynska.“

Sie wandte sich jetzt vollständig nach ihm um, und ihr Auge begegnete dem seinigen.

„Nein, denn Sie haben ihr offene Feindschaft angesagt. Es lag in Ihrer Hand, uns den Frieden zu bieten. Sie erklärten uns den Krieg.“

„Ich that, was ich mußte. Sie vergessen, daß mein Vater ein Deutscher war.“

„Und Ihre Mutter ist eine Polin.“

„Sie brauchen mich nicht mit diesem Tone des Vorwurfs daran zu erinnern,“ sagte Waldemar. „Der unselige Zwiespalt hat mir allzu viel gekostet, als daß ich ihn auch nur auf eine Minute vergessen könnte. Er verschuldete schon die Trennung zwischen meinen Eltern; mir hat er die Kindheit vergiftet, die Jugend verbittert und die Mutter geraubt. Sie hätte mich vielleicht geliebt wie ihren Leo, wenn ich ein Baratowski gewesen wäre wie er. Daß ich der Sohn meines Vaters war, habe ich bei ihr am schwersten büßen müssen. Wenn wir uns jetzt auch politisch gegenüberstehen, so ist das nur die Consequenz der Vergangenheit.“

„Die Sie mit eiserner Stirn durchführen,“ rief Wanda auflodernd. „Jeder Andere würde eine Aussöhnung, einen Ausgleich gesucht haben; der würde zwischen Mutter und Sohn ja doch möglich gewesen sein.“

„Zwischen Mutter und Sohn vielleicht, aber nicht zwischen der Fürstin Baratowska und mir. Sie stellte mich vor die Wahl, entweder Wilicza und mich selber willenlos ihren Interessen dienstbar zu machen, oder ihr den Krieg zu erklären. Ich habe das Letztere vorgezogen, und sie sorgt dafür, daß auch nicht einen Tag Waffenstillstand ist. Wenn es nicht noch immer den Streit [719] um die Herrschaft gälte, so hätte sie mich längst schon verlassen; mir galt ihr Bleiben gewiß nicht.“

Wanda gab keine Antwort. Sie wußte, daß er Recht hatte, aber es drängte sich ihr unwillkürlich die Gewißheit auf, daß gerade dieser Mann, der allgemein für so kalt und unempfindlich galt, das Verhältniß zu seiner Mutter mit einer grenzenlos tiefen und schmerzlichen Bitterkeit empfand. In den seltenen Momenten, wo er überhaupt sein Inneres aufschloß, kam er immer wieder darauf zurück. Die Gleichgültigkeit der Mutter gegen ihn und ihre unbegrenzte Liebe zu dem jüngeren Sohne war der Stachel gewesen, der sich schon in die Seele des Knaben gesenkt hatte – der Mann konnte das noch heute nicht verwinden.

Die kurze Waldstrecke lag bereits hinter ihnen, und jetzt, wo die Pferde ihre Schnelligkeit zurückgewannen, tauchte auch bald Rakowicz auf. Waldemar wollte in den Hauptweg einlenken, der dorthin führt, aber Wanda wies nach einer anderen Richtung.

„Ich bitte Sie, mich am Eingange des Dorfes aussteigen zu lassen. Ich gehe die kurze Strecke gern zu Fuß, und Sie bleiben auf dem Wege nach Wilicza.“

Nordeck sah sie einen Moment schweigend an. „Das heißt, Sie wagen es nicht, in meiner Begleitung in Rakowicz zu erscheinen. Freilich, ich vergaß, daß man Ihnen das nie verzeihen würde. Wir sind ja Feinde.“

„Wir sind es durch Ihre Schuld allein,“ erklärte Wanda. „Es zwang Sie Niemand, uns den Gegner zu zeigen. Unser Kampf gilt nicht Ihrem Vaterlande; er wird drüben auf fremdem Boden gekämpft.“

„Und wenn die Ihrigen siegen auf diesem Boden?“ fragte Waldemar langsam und scharf. „Wer kommt dann zunächst an die Reihe?“

Die junge Gräfin schwieg.

[731] „Wir wollen das lieber nicht erörtern“ sagte Nordeck resignirt. „Es mag ja eine innere, eine Naturnothwendigkeit sein, die Ihren Vater und Leo in den Streit getrieben hat, aber die gleiche Nothwendigkeit treibt mich zum Widerstande. Mein Bruder hat es freilich leichter als ich. Ihm haben Geburt und Familientradition von jeher nur einen Weg gezeigt, und er ist ihn gegangen, ohne Wahl, ohne Zwiespalt – mir ist beides nicht erspart geblieben. Ich vermag es nun einmal nicht, zwischen zwei feindlichen Parteien hin und her zu schwanken und beiden oder keiner anzugehören; ich muß einer Sache Freund oder Feind sein. Was mich die Wahl gekostet hat, danach fragt Niemand. Gleichviel, ich habe gewählt, und wo ich einmal stehe, da bleibe ich stehen. Leo wirft sich mit glühender Begeisterung in den Kampf für seine höchsten Ideale, getragen von der Liebe und Bewunderung der Seinigen; er weiß, daß sie täglich für sein Leben zittern, und für ihn ist die Gefahr nur ein Reiz mehr bei dem Kampfe – ich stehe allein auf meinem Posten, der mir vielleicht den Tod durch Meuchelmord und sicher den Haß einträgt, den Haß von ganz Wilicza, von Mutter und Bruder und auch von Ihnen, Wanda. Die Rollen sind doch wohl ungleich vertheilt zwischen uns Brüdern. Aber ich bin ja nie durch Liebe und Zuneigung verwöhnt worden. Ich werde das auch jetzt ertragen. Also hassen Sie mich immerhin, Wanda! Vielleicht ist es das Beste für uns Beide.“

Er hatte inzwischen die bezeichnete Richtung eingeschlagen und hielt jetzt kurz vor dem Eingange des Dorfes, das wie ausgestorben dalag. Sich von seinem Sitze schwingend, wollte er der jungen Gräfin die Hand zum Aussteigen bieten, aber sie lehnte schweigend ab und verließ allein den Schlitten. Ueber ihre festgeschlossenen Lippen kam auch nicht ein einziges Wort des Abschiedes. Sie neigte nur stumm das Haupt zum Gruße.

Waldemar war zurückgetreten. In seinem Antlitze erschien wieder der Zug finsteren Schmerzes, und seine Hand, welche die Zügel hielt, ballte sich krampfhaft – die Abweisung verletzte ihn augenscheinlich auf das Tiefste.

„Ich werde das Gefährt morgen zurücksenden,“ sagte er kalt und fremd, „mit meinem Danke – wenn Sie ihn nicht etwa auch ablehnen, wie eben diesen leichten Dienst.“

Wanda schien mit sich zu kämpfen; sie hob bereits den Fuß zum Gehen, zögerte aber noch einen Augenblick.

„Herr Nordeck.“

„Sie befehlen, Gräfin Morynska?“

„Ich – Sie müssen mir versprechen, die Gefahr nicht wieder so herauszufordern, wie Sie es heute thun wollten. Sie haben Recht – der Haß von ganz Wilicza gilt jetzt Ihnen; machen Sie es ihm nicht so leicht, Sie zu treffen – ich bitte Sie darum.“

Eine flammende Röthe schlug in dem Gesichte Waldemar’s bei diesen Worten auf. Er warf einen Blick auf das ihrige, nur einen einzigen, aber alle Bitterkeit schwand davor.

„Ich werde vorsichtiger sein,“ entgegnete er leise.

„So leben Sie wohl!“

Sie wandte sich um und schlug den Weg nach dem Dorfe ein. Nordeck blickte ihr nach, bis sie hinter einem der nächsten Gehöfte verschwand, dann schwang er sich wieder in den Schlitten und jagte in der Richtung nach Wilicza hin, die ihn bald wieder in den Wald führte. Er hatte die Waffe aus der Brusttasche genommen und neben sich gelegt, und während er mit gewohnter Sicherheit die Zügel führte, spähte sein Auge scharf zwischen den Bäumen umher. Der trotzige unbeugsame Mann, der keine Furcht kannte, war auf einmal so besonnen und vorsichtig geworden – er hatte es ja versprochen und er wußte, daß es ein Wesen gab, das jetzt auch für sein Leben zitterte.


Rakowicz, der Wohnsitz des Grafen Morynski, konnte sich in keiner Weise mit Wilicza messen. Ganz abgesehen davon, daß die Herrschaft fast um das Zehnfache größer war und allein drei oder vier Pachtgüter von dem Umfange der Morynski’schen Besitzung einschloß, fehlten dieser letzteren auch die Waldungen und das prachtvolle Schloß mit seiner Parkumgebung. Rakowicz lag nur eine Stunde von L. entfernt in offener Gegend und unterschied sich wenig oder gar nicht von den übrigen kleineren Edelsitzen der Provinz.

Seit der Abreise ihres Vaters lebte Gräfin Wanda allein auf dem Gute. So selbstverständlich unter anderen Umständen ihre Uebersiedelung nach Wilicza gewesen wäre, so natürlich erschien es jetzt, daß die Tochter des Grafen Morynski das Schloß mied, dessen Herr eine solche Stellung zu den Ihrigen einnahm, wie Nordeck es that. Schon das Bleiben der Fürstin gab Anlaß genug zur Verwunderung. Diese kam, wie schon erwähnt, sehr oft nach Rakowicz, um ihre Nichte zu sehen und war auch jetzt auf einige Tage Gast derselben. Das Zusammentreffen Wanda’s mit Waldemar blieb ihr vorläufig noch verschwiegen, da sie erst am Abende nach der Rückkehr von jener Fahrt angekommen war. [732] Am zweiten Tage nach ihrer Ankunft, in den Vormittagsstunden, saßen die beiden Damen in dem Zimmer der jungen Gräfin. Sie hatten soeben Nachrichten von den Ihrigen empfangen und hielten die Briefe geöffnet in der Hand, aber diese schienen wenig Erfreuliches zu bringen, denn Wanda sah sehr ernst aus, und die Miene der Fürstin war finster und sorgenvoll, als sie endlich die Zuschriften ihres Bruders und Leo’s aus der Hand legte.

„Wieder zurückgeworfen!“ sagte sie mit unterdrückter Bewegung. „Sie waren schon bis an das Herz des Landes vorgedrungen, und nun stehen sie wieder an der Grenze. Noch immer keine Entscheidung, kein nennenswerther Erfolg! Man möchte verzweifeln.

Wanda ließ gleichfalls das Blatt sinken, das sie in der Hand hielt. „Der Vater schreibt in sehr düsterem Tone,“ entgegnete sie. „Er reibt sich fast auf in dem ewigen Kampfe mit all den widerstreitenden Elementen, die er vergebens zusammenzuhalten sucht. Alles will befehlen, Niemand gehorchen; die Uneinigkeit wächst unter den Führern – was soll noch daraus werden!“

„Dein Vater läßt sich allzu sehr von dem düsteren Zuge beherrschen, der nun einmal in seinem Charakter liegt,“ beruhigte die Fürstin. „Es ist doch am Ende natürlich, daß ein Heer von Freiwilligen, das auf den ersten Ruf zu den Waffen eilt, nicht die Ordnung und Disciplin einer wohlgeschulten Armee haben kann. Das will gelernt und geübt sein.“

Wanda schüttelte trübe das Haupt. „Der Kampf währt nun schon drei Monate und auf jedes glückliche Gefecht haben wir drei Niederlagen zu verzeichnen. Jetzt verstehe ich erst die schmerzliche Bewegung des Vaters beim Abschiede; sie galt nicht der Trennung allein. Er ging schon damals ohne die rechte Hoffnung des Sieges.“

„Bronislaw hat von jeher Alles im Leben zu schwer genommen,“ beharrte die Fürstin. „Ich hoffte mehr von Leo’s steter Gegenwart und seinem Einfluß auf den Oheim. Er hat noch die volle Spannkraft und Begeisterung der Jugend; ihm heißt jeder Zweifel an dem Siege unserer Sache Verrath. Ich wollte, er konnte seine unerschütterliche Siegeszuversicht auch den Anderen mittheilen – es thut ihnen Noth.“

Sie zog den Brief ihres Sohnes wieder hervor und sah nochmals hinein. „Leo wird trotz alledem glücklich sein,“ fuhr sie fort. „Mein Bruder hat endlich seinen Bitten nachgegeben und ihm ein selbstständiges Commando anvertraut. Er steht mit seiner Schaar nur zwei Stunden von der Grenze entfernt – und die Mutter und die Braut dürfen ihn nicht auf eine einzige Minute sehen.“

„Um Gotteswillen, bringe Leo nicht auf solche Gedanken!“ fiel Wanda ein. „Er wäre im Stande, das Unsinnigste, Tollkühnste zu begehen, um ein Wiedersehen möglich zu machen.“

„Das wird er nicht,“ versetzte die Fürstin ernst. „Er hat strengen Befehl, nicht von seinem Posten zu weichen, und also bleibt er. Aber was schreibt er Dir denn eigentlich? Der Brief an mich ist sehr kurz und flüchtig; der Deinige scheint desto mehr zu enthalten.“

„Er enthält sehr wenig,“ erklärte die junge Gräfin mit sichtbarem Unmuthe. „Kaum das Nothwendigste von dem, was uns, die wir unthätig auf die Entscheidung harren müssen, das Wichtigste ist. Leo zieht es vor, mir seitenlang über seine Liebe zu schreiben, und findet mitten im Toben des Krieges noch Zeit genug, sich und mich mit seiner Eifersucht zu quälen.“

„Ein seltsamer Vorwurf in dem Munde einer Braut!“ bemerkte die Fürstin mit leisem Spotte. „Eine Andere würde stolz und glücklich sein, wenn sie selbst in solchen Zeiten noch alle Gedanken ihres Verlobten beherrscht.“

„Es handelt sich um einen Kampf auf Leben und Tod, und da verlange ich Thaten vom Manne – nicht Liebesschwüre,“ sagte Wanda energisch.

Die Stirn der Fürstin runzelte sich. „Er wird es an Thaten nicht fehlen lassen jetzt, wo ihm endlich die Gelegenheit dazu geboten wird – oder meinst Du, daß dazu nothwendig die Kälte und Schweigsamkeit gehört?“

Wanda erhob sich und trat an das Fenster; sie wußte, wohin die Worte zielten, aber sie konnte und wollte nicht fortwährend jenen durchdringenden Augen Rede stehen, die stets mit so unerbittlichem Forschen auf ihrem Antlitze ruhten, als wollten sie die geheimsten Regungen des Inneren an das Licht ziehen. Die Fürstin hielt auch ihrer Nichte gegenüber an dem Grundsatze fest, den sie bei Waldemar beobachtete. Sie hatte sich einmal ausgesprochen, und damit ließ sie es genug sein. Wiederholungen waren in ihren Augen ebenso nutzlos wie gefährlich. Seit jenem Abende, wo sie es für nothwendig hielt, der jungen Gräfin „die Augen zu öffnen“, war kein Wort zwischen ihnen über diesen Gegenstand gefallen, aber Wanda wußte nur zu gut, daß sie seitdem eine unermüdliche Beobachterin hatte, daß jedes ihrer Worte, ja jeder ihrer Blicke vor Gericht gestellt wurde, und das raubte ihr oft genug alle Sicherheit im Verkehre mit ihrer Tante.

Diese hatte inzwischen die Briefe ihres Bruders und Sohnes zusammengefaltet. „Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir also in den nächsten Tagen Gefechte unmittelbar an der Grenze zu erwarten, begann sie wieder. „Was könnte uns dabei Wilicza sein, und was ist es uns jetzt!“

Die junge Gräfin wandte sich wieder um und richtete die dunklen Augen auf die Sprechende. „Wilicza?“ wiederholte sie. „Tante, ich begreife ja die Nothwendigkeit, die Dich dort festhält, aber ich wäre der Aufgabe nicht gewachsen. Ich könnte jedes Opfer bringen, nur das eine nicht, Tag für Tag einem Menschen so gegenüber zu stehen, wie Du jetzt Deinem Sohne.“

„Das hält auch so leicht kein Anderer aus, als wir Beide,“ sagte die Fürstin mit bitterer Ironie. „Ich gebe Dir das Zeugniß, Wanda, daß Du Recht hattest mit Deinem Urtheile über Waldemar. Ich habe mir den Kampf mit ihm leichter gedacht. Anstatt ihn zu ermatten, bin ich jetzt nahe daran, zu weichen. Er ist mir mehr als gewachsen.“

„Er ist Dein Sohn,“ warf Wanda ein. „Das vergißt Du immer wieder.“

Die Fürstin stützte finster den Kopf in die Hand. „Er sorgt schon dafür, daß ich es nicht vergesse, zeigt er mir doch täglich, was diese vier Jahre aus ihm gemacht haben. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß er sich mit einer so unglaublichen Kraft aus der Rohheit und Verwilderung seiner Jungend emporarbeiten würde. Er hat sich selbst bezwingen gelernt; darum zwingt er auch alles Andere, trotz Haß und Widerstand. Wird es mir doch schon schwer, meinen Befehlen die alte Geltung zu verschaffen, sobald sein Wille sich dagegen setzt, und doch sind die Leute mir unwandelbar ergeben. Aber sie haben ihn fürchten gelernt; er imponirt ihnen mit seiner unbeugsamen Energie, mit seinem Gebietertone. Sie scheuen sein Auge mehr, als sie je das meinige gefürchtet haben. – Ich wollte, Nordeck hätte mir den Knaben gelassen – ich hätte ihn für uns erzogen, und er wäre uns vielleicht mehr geworden, als nur der Herr von Wilicza. Jetzt gehört er einzig dem Volke an, dem sein Vater entstammte, und er wird nicht weichen aus jenen Reihen – darauf kenne ich ihn – zeigte man ihm auch das Höchste auf unserer Seite. Es war ein Unglück, daß ich ihm nie habe Mutter sein können. Das rächt sich jetzt an uns Beiden.“

Es lag etwas von einer Selbstanklage in diesen Worten; sie hatten einen beinahe schmerzlichen Klang. Der Ton war ganz neu in dem Munde der Fürstin, wenn sie von ihrem ältesten Sohne sprach. All die weicheren Regungen, die bei ihr so selten die Oberhand gewannen, galten sonst ausschließlich ihrem Jüngsten. Auch jetzt schien sie diese Regungen gewaltsam von sich zu stoßen, denn sie erhob sich plötzlich und sagte abbrechend mit herbem Ausdrucke:

„Gleichviel, wir sind nun einmal Feinde und werden es bleiben. Das muß ertragen werden, wie so vieles Andere.“

Sie wurden unterbrochen; ein Diener trat ein mit der Meldung, der Haushofmeister von Wilicza sei soeben angelangt und begehre dringend seine Herrin zu sprechen. Die Fürstin sah auf.

„Pawlick? Dann ist etwas vorgefallen. Er soll eintreten, sogleich.“

Schon im der nächsten Minute trat Pawlick ein, der Diener des verstorbenen Fürsten Baratowski, der die fürstliche Familie in die Verbannung begleitet hatte, und jetzt den Posten eines Haushofmeisters in Wilicza versah. Der alte Mann schien erregt und eilig zu sein; dennoch versäumte er keine der gewöhnlichen Ehrfurchtsbezeigungen, als er sich seiner Gebieterin näherte.

„Laß nur, laß!“ wehrte diese ungeduldig ab. „Was bringst Du? Was ist vorgefallen in Wilicza?“

[733] „In Wilicza selbst nichts,“ berichtete Pawlick. „Aber auf der Grenzförsterei –“

„Nun?“

„Es hat dort wieder Plänkeleien mit dem Militär gegeben, wie schon öfter in der letzten Zeit. Der Förster und seine Leute haben den Patrouillen alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt, sie schließlich insultirt – es wäre beinahe zum offenen Kampfe gekommen.“

Ein Ausruf des heftigsten Unwillens entfuhr den Lippen der Fürstin. „Daß der Unverstand dieser Untergebenen doch immer und ewig unsere Pläne durchkreuzen muß! Gerade jetzt, wo Alles daran liegt, die Aufmerksamkeit von der Försterei abzuwenden, fordern sie die Beobachtung förmlich heraus. Habe ich Osiecki nicht befohlen, sich ruhig zu verhalten und auch seine Leute im Zaume zu halten? Es soll sofort ein Bote hinüber und ihm den Befehl nochmals mit aller Strenge einschärfen.“

Wanda war gleichfalls näher getreten. Die Grenzförsterei, die allgemein so genannt wurde, weil sie die letzte auf den Nordeck’schen Gütern war und kaum eine halbe Stunde von der Grenze entfernt lag, schien auch sie lebhaft zu interessiren.

„Herr Nordeck ist uns leider schon zuvorgekommen,“ fuhr Pawlick zögernd fort. „Er hat den Förster schon zweimal warnen und ihm Strafe androhen lassen; auf diesen neuen Vorfall hin schickte er ihm die Weisung, mit seinem ganzen Personale das Forsthaus zu räumen und nach dem von Wilicza überzusiedeln. Vorläufig soll einer der deutschen Inspectoren des Administrators an die Grenze, bis erst Ersatz geschafft ist –“

„Und was that Osiecki?“ unterbrach ihn die Fürstin hastig.

„Er weigerte sich geradezu zu gehorchen und ließ dem Herrn sagen, er sei auf der Grenzförsterei angestellt, und da werde er bleiben – wer ihn daraus vertreiben wolle, der möge es versuchen.“

Die Tragweite des eben berichteten Vorfalls mußte wohl größer sein als es den Anschein hatte. Das verrieth das Gesicht der Fürstin, in dem sich ein unverkennbarer Schrecken ausprägte. Es vergingen einige Secunden, bevor sie antwortete.

„Und was hat mein Sohn beschlossen?“

„Herr Nordeck erklärte, er werde heute Nachmittag selbst hinüberreiten.“

„Allein?“ fiel Wanda ein.

Pawlick zuckte die Achseln. „Der Herr reitet ja stets allein.“

Die Fürstin schien die letzten Worte kaum zu hören – sie fuhr aus ihrem Nachsinnen empor.

„Sorge dafür, Pawlick, daß man sofort anspannt! Du begleitest mich nach Wilicza zurück. Ich muß zur Stelle sein, wenn sich da irgend etwas vorbereitet. Geh!“

Pawlick gehorchte. Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, als auch schon Gräfin Morynska an der Seite ihrer Tante stand.

„Hast Du es gehört, Tante? Er will nach der Grenzförsterei.“

„Nun ja,“ erwiderte die Fürstin kalt. „Was weiter?“

„Was weiter? Meinst Du, daß Osiecki sich fügen wird?“

„Nein! Er darf es auch unter keiner Bedingung. Seine Försterei ist augenblicklich das Wichtigste für uns, doppelt wichtig für das, was in den nächsten Tagen bevorsteht. Wir müssen dort zuverlässige Leute haben. Die Unsinnigen, uns gerade jetzt diesen Posten zu gefährden!“

„Sie haben ihn uns verloren!“ rief Wanda hastig. „Waldemar wird sich den Gehorsam erzwingen.“

„Das wird er in diesem einen Falle wohl nicht thun,“ versetzte die Fürstin. „Er vermeidet jeden Gewaltact. Ich weiß, daß der Präsident ihn eigens darum gebeten und daß er sein Versprechen gegeben hat. Man fürchtet in L. nichts so sehr als eine Revolte auf diesseitigem Gebiet. Osiecki aber wird und darf nur der Gewalt weichen, und dazu schreitet Waldemar nicht. Du hörst es ja, er will allein hinüber.“

„Was Du doch nicht zugeben wirst?“ fiel die junge Gräfin ein. „Du willst doch nach Wilicza, um ihn zu warnen, ihn zurückzuhalten?“

Die Fürstin sah ihre Nichte groß an. „Was fällt Dir ein? Eine Warnung aus meinem Munde würde Waldemar ja Alles verrathen und ihm sofort die Ueberzeugung geben, daß man auf der Försterei mir gehorcht und nicht ihm. Er würde dann unerbittlich auf der Entfernung Osiecki’s bestehen, die jetzt vielleicht noch zu verhindern ist und die überhaupt verhindert werden muß, koste es was es wolle.“

„Und Du glaubst, Dein Sohn werde es dulden, daß man ihm offen den Gehorsam verweigert? Es ist das erste Mal, daß dergleichen in Wilicza geschieht. Tante, Du weißt es, dieser wilde Mensch, dieser Osiecki ist zu Allem fähig, und seine Leute sind nicht besser als er.“

„Auch Waldemar weiß das,“ versetzte die Fürstin mit vollkommener Ruhe, „und deshalb wird er sich hüten, sie zu reizen. Er hat die Besonnenheit ja jetzt so trefflich gelernt; er läßt sich nie mehr fortreißen, wo er sich wirklich beherrschen will, und seinen Untergebenen gegenüber will er das immer.“ „Sie hassen ihn,“ sagte Wanda mit bebenden Lippen. „Auf dem Wege nach der Grenzförsterei hat ihn schon einmal eine Kugel gefehlt. Die zweite könnte besser treffen.“

Die Fürstin stutzte. „Woher weißt Du das?“

„Einer von unseren Leuten brachte es von Wilicza mit herüber,“ entgegnete Wanda schnell gefaßt.

„Ein Märchen!“ meinte die Fürstin verächtlich. „Wahrscheinlich von dem ängstlichen Doctor Fabian erfunden. Er wird einen harmlosen Schuß im Walde, der irgend einem Wilde galt, für einen Mordanfall auf seinen geliebten Zögling gehalten haben. Er zittert so fortwährend für ihn. Waldemar ist mein Sohn, und das schützt ihn vor jedem Angriff.“

„Wenn die Leidenschaften erst einmal gereizt sind, schützt es ihn nicht mehr,“ rief Wanda, die sich wieder unvorsichtig genug fortreißen ließ. „Du hattest dem Förster auch befohlen, sich ruhig zu verhalten. Du siehst, wie das respectirt wird.“

Die Fürstin richtete das Auge drohend auf ihre Nichte.

„Wäre es nicht besser, Du spartest diese übertriebene Sorge für die Unsrigen auf? Ich dächte, da wäre sie eher am Platze. Du scheinst ganz zu vergessen, daß Leo sich täglich solchen Gefahren aussetzt.“

„Und wenn wir das wüßten, und es läge in unserer Macht, ihn zu retten, wir würden nicht einen Augenblick zögern, an seine Seite zu eilen,“ brach die junge Gräfin leidenschaftlich aus. „Und Leo ist, wo er auch sein mag, immer an der Spitze der Seinigen. Waldemar steht allein gegen jene wilde zügellose Bande, die Du selbst zum Haß gegen ihn gereizt hast und die sich nicht bedenken wird, die Waffen gegen ihren eigenen Herrn zu kehren, wenn er sie herausfordert.“

„Ganz recht, wenn er sie herausfordert. Er wird aber vernünftig genug sein, das nicht zu thun, denn er kennt die Gefahr, und in Zeiten wie die jetzigen spielt man nicht damit. Thut er es dennoch, wagt er trotz alledem einen Gewaltstreich, nun gut – auf sein Haupt die Folgen!“

Wanda bebte leise zusammen vor dem Blicke, der diese Worte begleitete. „Das sagt eine Mutter?“

„Das sagt eine tiefbeleidigte Mutter, die der Sohn auf’s Aeußerste getrieben hat. Zwischen Waldemar und mir giebt es nun einmal keinen Frieden, so lange wir beide auf dem gleichen Boden stehen. Wo ich nur den Fuß hinsetze, da finde ich ihn auf meinem Wege; wo ich einzugreifen versuche, da steht er und wehrt mir. Welche Pläne hat er uns schon durchkreuzt! Was haben wir schon opfern und aufgeben müssen um seinetwillen! Er hat es dahin gebracht, daß wir uns gegenüber stehen wie zwei Todfeinde, er allein – so mag er allein tragen, was diese Feindschaft auf ihn herabzieht.“

Ihre Stimme hatte einen eisigen Klang. Es war auch nicht ein Hauch mehr von Muttergefühl darin, von jener Weichheit, die sich vorhin einen Moment lang geregt hatte. Jetzt sprach nur die Fürstin Baratowska, die nie eine Beleidigung verzieh oder vergaß und die man nicht tödtlicher beleidigen konnte, als wenn man ihr die Herrschaft aus den Händen wand. Waldemar hatte sich dessen schuldig gemacht, und ihm vergab das die Mutter am wenigsten.

Sie war im Begriffe zu gehen, um sich für die Abreise fertig zu machen, als ihr Blick auf Wanda fiel. Diese hatte keine einzige Silbe geantwortet. Sie stand regungslos da, aber ihr Auge begegnete mit so düsterer Entschlossenheit dem der Fürstin, daß die letztere inne hielt.

„Eins möchte ich Dir doch noch in’s Gedächtniß rufen, ehe ich gehe,“ sagte sie, und ihre Hand legte sich schwer auf den Arm ihrer Nichte. „Wenn ich Waldemar nicht warne, so darf es [734] überhaupt Niemand thun – es wäre Verrath an unserer Sache. Was schrickst Du so zusammen vor dem Worte? Wie würdest Du es denn nennen, wenn dem Herrn von Wilicza schriftlich oder mündlich, durch die dritte oder vierte Hand, eine Nachricht zukäme, die ihm unsere Geheimnisse preisgiebt? Er würde vielleicht mit Bedeckung gehen, gehen aber würde er jedenfalls, um vor allen Dingen zu untersuchen, was die Warnung sagen will, sein eigenes Forsthaus nicht zu betreten, mit seinem Förster nicht zu sprechen, den er jetzt wegen eines Conflictes mit den Patrouillen zur Rede stellen will. Das würde uns die Grenzförsterei kosten. Wanda, die Morynski haben es bisher noch nicht zu bereuen gehabt, wenn sie die Frauen ihres Hauses zu Vertrauten ihrer Pläne machten. Noch hat sich keine Verrätherin unter diesen gefunden.“

„Tante!“ rief Wanda mit einem solchen Tone des Entsetzens, daß die Fürstin langsam ihre Hand von ihrem Arme zurückzog.

„Ich wollte Dir nur klar machen, was hier auf dem Spiele steht,“ fuhr sie fort. „Ich denke, Du wirst doch Deinem Vater in’s Auge sehen wollen, wenn er zurückkehrt. Wie Du Leo’s Blick Stand halten willst mit dieser Todesangst, die Dich jetzt verzehrt, und die Du vergebens zu verbergen suchst, das mußt Du mit ihm selber abmachen. Aber,“ hier brach die furchtbare innere Bewegung der stolzen Frau durch die erzwungene Kälte, „aber hätte ich je geahnt, daß meinem Sohne dieser Schlag droht, daß er ihm von Waldemar droht, ich hätte Leo’s unselige Liebe zu Dir aus allen Kräften bekämpft, statt sie zu begünstigen. Jetzt ist es zu spät für ihn – und auch für Dich; das hat mir diese Stunde gezeigt.“ –

Die Antwort blieb der jungen Gräfin erspart, denn jetzt kam Pawlick mit der Nachricht zurück, daß angespannt sei. Die Fürstin bedurfte nicht viel Zeit zu den Vorbereitungen. In zehn Minuten war sie reisefertig und bestieg den harrenden Schlitten. Der Abschied von ihrer Nichte war kurz und flüchtig; er fand in Gegenwart der Diener statt, und das vorhergehende Gespräch wurde nicht wieder berührt, aber Wanda verstand den Abschiedsblick, der dem ihrigen begegnete. Sie legte schweigend ihre feuchte, eiskalte Hand in die ihrer Tante, und die Fürstin schien zufrieden mit dem wortlosen Versprechen.

Gräfin Morynska war in das Zimmer zurückgekehrt. Sie hatte sich eingeschlossen, um einmal wieder frei aufzuathmen, aber es athmete sich nicht leicht mit dieser Bergeslast auf der Brust. Sie war endlich allein mit sich selber, aber auch mit ihrer Angst, die ihr ahnungsvoll die Gefahr zeigte, an welche die Mutter nicht glauben wollte. Freilich, der Instinct der Liebe gehörte dazu, und den hatte die Fürstin für ihren ältesten Sohn nie gehabt; der regte sich nur, wenn es sich um Leo handelte. Und hätte sie gewußt, daß jener Gang Waldemar’s Leben bedrohte, sie hätte ihn auch nicht mit einem Worte davon zurückgehalten, denn dieses Wort konnte ja ihre Parteiinteressen gefährden.

Wanda stand am Schreibtische, auf dem noch die Briefe ihres Vaters und Leo’s lagen. Eine kurze Warnung, nur ein paar Zeilen, auf das Papier geworfen und nach Wilicza gesendet, konnten Alles abwenden. Waldemar würde der Warnung folgen. Gleichviel, ob er es errieth oder nicht, von wem sie kam, er hatte ja versprochen, vorsichtiger zu sein, und kannte hinreichend die Stimmung auf seinen Gütern. Wenn er überhaupt noch ging, nahm er wenigstens hinreichende Begleitung mit sich, und dann wagte man sich nicht an ihn. Es konnte ihm ja nicht schwer werden, den Gehorsam zu erzwingen, sobald er sich nur entschloß, die Gewalt zu Hülfe zu rufen. Was da auf dem Gebiete der Grenzförsterei vorgegangen war, das streifte nahe an Rebellion. Es kostete dem Gutsherrn nur ein Wort, den Förster verhaften und das Forsthaus militärisch besetzen zu lassen, dann hatte er Ruhe.

„Und dann –?“ Die Fürstin hatte es klar genug überschaut und ausgesprochen, was hierauf folgte. Sie hatte dafür gesorgt, daß ihre Nichte über dieses „Und dann“ nicht hinauskam. Wanda war hinlänglich in die Pläne der Ihrigen eingeweiht, um zu wissen, daß die Grenzförsterei jetzt die Rolle spielte, die man früher dem Schlosse zugedacht. Alles, was Waldemar hier so streng verbannt hatte, geschah jetzt dort drüben, nur mit größerer Vorsicht und in größerer Heimlichkeit. Dort lagerte noch ein Theil des Waffenvorrathes; dort war die Verbindung, der Mittelpunkt für alle Nachrichten und Botschaften, und eben deshalb lag so viel an dem Bleiben des dortigen Försters, auf dessen Treue und Verschwiegenheit man unbedingt rechnen konnte. Seine Entfernung war gleichbedeutend mit dem Verluste des ganzen Postens. Das wußte er so gut wie seine Herrin, und deshalb waren sie entschlossen, es auf das Aeußerste ankommen zu lassen.

Nordeck selbst kam nur selten nach dem einsamen abgelegenen Forsthause. Er hatte zu viel mit Wilicza zu thun, um jenem eine besondere Aufmerksamkeit widmen zu können. Auch jetzt wollte er offenbar nur hinüber, um durch sein persönliches Erscheinen einen Widerstand zu brechen, wie er ihm öfter entgegentrat, und dem er keine besondere Wichtigkeit beilegte. Entdeckte er aber, daß man auf der Försterei seinen Befehlen offen Hohn sprach, daß hier systematisch der Widerstand gegen ihn organisirt wurde, so ging er schonungslos vor und entriß seiner Mutter auch diesen letzten Posten, wo sie Fuß gefaßt hatte, und die Entdeckung konnte nicht ausbleiben, sobald man ihm verrieth, daß ihm von dorther eine Gefahr drohe.

Das alles stand mit unerbittlicher Klarheit vor der Seele Wanda’s, aber eben so klar stand dort auch die Gefahr Waldemar’s. Sie hatte die unumstößliche Ueberzeugung, daß jene Kugel, die ihn kürzlich bedrohte, aus der Büchse des Försters gekommen war, daß der Mann, dessen fanatischer Haß sich bis zum Meuchelmorde verstieg, sich auch nicht bedenken werde, seinen Herrn niederzuschlagen, wenn dieser allein vor ihm stand, und sie mußte den Bedrohten gehen lassen, ungewarnt, vielleicht in den Tod gehen lassen. Verrath! Vor diesem furchtbaren Worte sank all ihre Willenskraft machtlos zusammen. Sie war von jeher die Vertraute ihres Vaters gewesen; er baute unbedingt auf seine Tochter und hätte mit Entrüstung den Gedanken von sich gewiesen, daß sie auch nur ein Wort von seinen Geheimnissen preisgeben könne, preisgeben, um einen Feind zu retten. Sie selbst hatte Leo mit ihrer Verachtung gedroht, als er in einer Aufwallung der Eifersucht zögerte, seiner Pflicht zu folgen; jetzt befahl ihr diese Pflicht, die ihn nur von der Seite der Geliebten in den Kampf riß, das Schwerste, schweigend und unthätig zuzusehen, wie die Gefahr hereinbrach, die sie mit einem Federzuge abwenden konnte, und diesen Federzug nicht zu thun.

All diese Gedanken stürmten in wildem Wechsel auf die junge Gräfin ein, die ihnen fast zu erliegen drohte. Sie suchte vergebens nach einem Auswege, einer Rettung. Immer wieder stand dieses furchtbare „Entweder – oder“ vor ihr. Wenn sie wirklich noch nicht gewußt hätte, wie es in ihrem Innern aussah, diese Stunde würde es ihr enthüllt haben. Seit Monaten wußte sie Leo in der Gefahr und hatte um ihn gebangt, wie um einen theuren Verwandten, wohl mit Angst, aber doch mit der gleichen Fassung und dem gleichen Heldenmuthe, wie die Mutter, jetzt aber galt es Waldemar, und jetzt war es vorbei mit der Fassung und dem Heldenmuthe – sie flohen vor der Todesangst, die Wanda bei dem Gedanken an seine Gefahr durchschauerte.

Aber es giebt einen Punkt, wo auch das wildeste, qualvollste Leiden der Betäubung weicht, auf Augenblicke wenigstens, weil die Kraft zum Leiden völlig erschöpft ist. Mehr als eine Stunde war vergangen, seit Wanda sich eingeschlossen hatte, und ihr Antlitz gab Zeugniß davon, was sie in dieser Stunde durchlebt hatte. Jetzt trat auch für sie einer jener Momente ein, wo sie nicht mehr kämpfen und verzweifeln, wo sie nicht einmal mehr denken konnte. Wie todesmatt warf sie sich in einen Sessel, lehnte das Haupt zurück und schloß die Augen.

Da tauchte leise wieder das alte Traumbild auf, das sich einst aus Sonnenglanz und Meeresrauschen gewoben und mit seinem Zauber die beiden jugendlichen Herzen umponnen hatte, die damals noch nicht ahnten, was es ihnen bedeutete. Seit jenem Herbstabende am Waldsee war es so oft wieder emporgestiegen und wollte sich mit aller Willenskraft nicht bannen und nicht verscheuchen lassen. War es doch auch vorgestern mit den Beiden gewesen auf der einsamen Fahrt durch die winterliche Landschaft. Es flog mit ihnen über das weite Schneegefilde; es dämmerte aus dem Nebel der Ferne und schwebte in dem düstern Wolkenzuge, der sich so tief herabsenkte – keine Oede, kein Eishauch hinderte sein Erscheinen. Auch jetzt stand es urplötzlich wieder [736] da, wie von Geisterhand hervorgerufen, mit seinem goldig verklärenden Scheine. Und doch hatte Wanda mit der ganzen Leidenschaft und Energie ihres Charakters dagegen gekämpft. Sie hatte Trennung und Entfernung zwischen sich und den Mann gestellt, den sie hassen wollte, weil er nicht der Freund ihres Volkes war, hatte in dem jetzt wieder so wild aufflammenden Streite der beiden feindlichen Nationen ihre Rettung gesucht – was nützte all’ das verzweiflungsvolle Kämpfen, der Sieg war ja doch nicht errungen worden. Jetzt, galt es keinen Traum und keine Selbsttäuschung mehr. Sie wußte jetzt, welch ein Zauber es gewesen war, der sie damals auf dem Buchenholm umfangen, dessen halb zerrissene Fäden jene Stunde am Waldsee auf’s Neue und diesmal unzerreißbar geknüpft hatte – sie kannte endlich die Schätze, welche ihr die alte Wunderstadt gezeigt, nur auf flüchtige Minuten, um sie dann wieder mit sich hinabzunehmen in die Tiefe. Nur in Einem hatte die Sage wahr gesprochen: die Erinnerung wollte nicht verlöschen, das Sehnen nicht schweigen, und mitten hinein in Haß und Streit, in Kampf und Widerstand klang es süß und geheimnißvoll wie der Glockenklang Vinetas aus dem Meeresgrunde. – – –

Wanda erhob sich langsam. Der furchtbare Widerstreit in ihrem Innern, der Kampf zwischen Pflicht und Liebe war zu Ende. Die letzten Minuten hatten ihn entschieden. Sie eilte nicht zum Schreibtische, und die Feder blieb unberührt. Es galt keine Nachricht und keine Warnung mehr, sie schob nur den Riegel von der Thür zurück, und in der nächsten Minute rief der helle, scharfe Laut der Klingel den Diener herbei. Gräfin Morynska stützte sich auf den Tisch, an dem sie stand – ihre Hand zitterte, aber ihr Antlitz trug die Ruhe eines unabänderlichen Entschlusses.

„Und wenn es wirklich zum Aeußersten kommt, so werfe ich mich dazwischen,“ sagte sie mit zuckenden Lippen. „Seine Mutter läßt ihn kalt und gleichgültig der Gefahr entgegengehen – ich werde ihn retten.“

[749] Die Grenzförsterei lag, wie schon erwähnt, nur eine halbe Stunde von der Grenze entfernt, mitten in den dichtesten Waldungen Wiliczas. Das ziemlich große und stattliche Forsthaus war von dem verstorbenen Nordeck erbaut worden, der es mit nicht unbedeutenden Kosten hatte aufführen lassen; trotzdem sah es wüst und verfallen aus, denn seit zwanzig Jahren war nicht das Geringste zu seiner Erhaltung geschehen, weder von Seiten der Herrschaft, noch von Seiten der Bewohner. Der jetzige Förster verdankte seine Stellung ausschließlich dem Einflusse der Fürstin Baratowska, die den Tod seines Vorgängers benutzt hatte, um einen ihrer Günstlinge in den Posten einzuschieben. Osiecki hatte ihn schon seit drei Jahren inne, und seine nur allzu häufigen Uebergriffe, wie seine ziemlich nachlässige Verwaltung der ihm anvertrauten Stellung, wurden von der Gebieterin vollständig übersehen, weil diese wußte, daß der Förster ihr persönlich mit Leib und Seele ergeben war und daß sie unter alle Umständen auf ihn rechnen konnte. Im Anfange war Osiecki mit seinem Herrn wenig in Berührung gekommen und hatte sich im Ganzen dessen Anordnungen gefügt. Waldemar selbst kam nur äußerst selten nach der einsamen und abgelegenen Grenzförsterei; erst seit den letzten Wochen hatten die wiederholten Conflicte zwischen den Forstleuten und dem an der Grenze stationirten Militär sein Einschreiten veranlaßt.

Man befand sich noch immer wie mitten im Winter. Der Wald und das Forsthaus lagen tief verschneit im trüben Lichte eines grauen verschleierten Himmels. In dem großen Zimmer des Erdgeschosses befand sich der Förster mit all seinen Leuten, drei oder vier Forstgehülfen und einigen Knechten. Sie hatten sämmtlich die Flinte über die Schulter geworfen und warteten augenscheinlich auf das Erscheinen ihres Gutsherrn, aber nach Gehorsam und einem friedlichen Verlassen der Försterei, wie Waldemar es anbefohlen, sah die Sache nicht aus. Die finsteren trotzigen Gesichter der Leute verhießen nichts Gutes, und das Aussehen des Försters rechtfertigte vollends die Voraussetzung, daß er „zu Allem fähig sei“. Diese Menschen, die tagaus tagein in der Einsamkeit ihrer Wälder lebten, nahmen es schwerlich genau mit dem, was Gesetz und Ordnung von ihnen verlangten, und Osiecki zumal war dafür bekannt, daß er seiner Willkür einen nur allzuweiten Spielraum ließ.

Trotzdem war die Haltung Aller für den Augenblick eine ehrerbietige, denn vor ihnen stand die junge Gräfin Morynska. Sie hatte den Mantel zurückgeworfen, das schöne blasse Antlitz verrieth nichts mehr von den Kämpfen und Qualen, die es noch vor wenig Stunden durchwühlt hatten, nur ein strenger, kalter Ernst lag jetzt darauf.

„Ihr habt uns in eine schlimme Lage gebracht, Osiecki,“ sagte sie. „Ihr solltet dafür sorgen, daß die Försterei möglichst unverdächtig und unbeachtet bliebe. Statt dessen sucht Ihr Streit mit den Patrouillen und gefährdet uns Alle durch Eure Unbesonnenheit. Die Fürstin ist sehr unzufrieden mit Euch; ich komme in ihrem Namen, um Euch nochmals und mit vollstem Nachdruck jeden Gewaltschritt zu verbieten, sei es gegen wen es sei. Für den Augenblick habt Ihr Euch zu fügen. Euer eigenmächtiges Vorgehen hat schon Unheil genug angerichtet.“

Der Vorwurf machte offenbar Eindruck auf den Förster. Er sah zu Boden und in seiner Stimme klang etwas wie Entschuldigung, als er mit einem Gemisch von Trotz und Reue antwortete:

„Es ist nun einmal geschehen. Ich habe meine Leute diesmal nicht halten können und mich selber auch nicht. Die Frau Fürstin und die gnädige Gräfin sollten nur wissen, wie es thut, hier Tag für Tag an der Grenze still zu liegen, während drüben gekämpft wird, die Soldatenwirthschaft mit anzusehen und sich nicht rühren zu dürfen obgleich man die geladene Büchse in der Hand hat. Da reißt schließlich Jedem die Geduld, und uns ist sie vorgestern gerissen. Wüßte ich nicht, daß wir hier nothwendig sind, wir wären allesammt längst drüben bei den Unserigen. Fürst Baratowski steht nur zwei Stunden von der Grenze; der Weg zu ihm ist nicht schwer zu finden.“

„Ihr bleibt!“ entgegnete Wanda mit Entschiedenheit. „Ihr kennt den Befehl meines Vaters. Er will die Försterei unter allen Umständen behauptet wissen, und dazu seid Ihr uns nothwendiger hier, als drüben im Kampfe. Fürst Baratowski hat Leute genug zu seiner Verfügung. Aber jetzt zu der Hauptsache – Herr Nordeck kommt noch heute.“

„Jawohl!“ sagte der Förster höhnisch. „Er will sich selbst Gehorsam schaffen, hat er gesagt. Wir sollen ja nach Wilicza hinüber, wo er uns fortwährend unter Augen hat, wo wir uns nicht rühren können, ohne daß er hinter uns steht und uns auf die Finger sieht – ja, befehlen kann der Nordeck viel, es ist nur die Frage, ob sich in jetziger Zeit noch einer findet, der ihm gehorcht. Er soll nur gleich ein ganzes Regiment Soldaten mitbringen, wenn er uns aus der Försterei treiben will, sonst möchte die Sache schlimm genug ablaufen.“

„Was wollt Ihr damit sagen?“ fragte die junge Gräfin langsam. „Vergeßt Ihr, daß Waldemar Nordeck der Sohn Eurer Herrin ist?“

[750] „Fürst Baratowski ist ihr Sohn und unser Herr,“ brach der Förster los. „Und eine Schande ist’s, daß sie und wir Alle diesem Deutschen gehorchen müssen, weil sein Vater sich vor zwanzig Jahren hier eingedrängt hat und mit den Morynskischen Gütern auch gleich eine Gräfin Morynska an sich riß. Es war schon Elend genug, daß sie jahrelang mit diesem Nordeck aushalten mußte, und der Sohn giebt ihr jetzt noch Schlimmeres zu kosten, wir wissen’s ja hinreichend, wie sie mit ihm steht. Wenn sie den auch noch verlöre, sie würde sich wahrhaftig nicht mehr um ihn grämen, als um seinen Vater, und das wäre überhaupt das Beste für die ganze Herrschaft. Dann brauchten die Befehle vom Schloß nicht mehr heimlich zu kommen, dann regierte die Fürstin und unser junger Fürst wäre der Erbe und Herr von Wilicza, wie es sich von Rechtswegen gehört.“

Wanda erbleichte; also so weit hatte es das unglückselige Verhältniß zwischen Mutter und Sohn schon gebracht, daß die Untergebenen kaltblütig erwogen, welche Vortheile der Tod Waldemar’s seinen nächsten Anverwandten bringen würde, daß sie für den äußersten Fall auf die Verzeihung der Fürstin rechneten. Hier galt es mehr zu verhindern, als nur einen Ausbruch augenblicklicher Wuth und Gereiztheit. Wanda sah ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt, aber sie wußte, daß kein Wort, keine Mine ihre innere Angst verrathen durfte. Man respectirte sie hier nur als die Tochter des Grafen Morynski, als die Nichte der Fürstin und glaubte unbedingt, daß sie im Namen der letzteren spreche; errieth man, was sie hierher geführt, so war es zu Ende mit ihrer Autorität und der Möglichkeit, Waldemar zu schützen.

„Wagt es nicht, Euren Herrn anzugreifen!“ sagte sie gebietend, aber so ruhig, als vollziehe sie wirklich nur einen ihr gewordenen Auftrag. „Was auch geschehen mag, die Fürstin will ihren Sohn geschont und gesichert wissen um jeden Preis. Wehe Dem, der sich an ihm vergreift! Er hat das Schlimmste zu gewärtigen. Ihr werdet gehorchen, Osiecki, unbedingt gehorchen; die Herrin erwartet es von Euch. Ihr habt sie schon einmal erzürnt mit Eurem Ungehorsam – versucht es nicht zum zweiten Male!“

Der Förster stieß widerwillig sein Gewehr auf den Boden, und unter den Uebrigen, die bisher schweigend der Unterredung zugehört hatten, gab sich eine unruhige Bewegung kund. Dennoch wagte Keiner zu widersprechen oder auch nur zu murren, es galt ja dem Befehle der Fürstin, die man hier als alleinige Autorität anerkannte, und Wanda hätte jedenfalls ihren Zweck erreicht, wäre es ihr nur vergönnt gewesen, länger auf die Leute einzuwirken. Aber in welcher Eile sie auch gekommen war, sie hatte nur einen Vorsprung von Minuten vor Waldemar gehabt. Soeben fuhr sein Schlitten draußen vor. Aller Blicke richteten sich nach dem Fenster – die junge Gräfin schreckte auf:

„Schon jetzt? Oeffnet mir schnell die Seitenthür, Osiecki! Ihr verrathet mit keiner Silbe meine Anwesenheit! Ich gehe, sobald Herr Nordeck sich entfernt hat.“

Der Förster gehorchte in möglichster Eile. Er wußte, daß die Gräfin Morynska auf keinen Fall hier von dem Gutsherrn gesehen werden durfte, sollte nicht Alles verrathen werden. Wanda trat rasch in einen kleinen halbdunkeln Nebenraum, und unmittelbar hinter ihr schloß sich die Thür wieder.

Es war die höchste Zeit gewesen – zwei Minuten später erschien Waldemar im Zimmer. Er blieb auf der Schwelle stehen und überflog mit einem langen, festen Blicke den Kreis der Forstleute, die sich um ihren Förster geschaart und die Büchsen in die Hand genommen hatten. Der Anblick war nicht sehr ermuthigend für den jungen Gutsherrn, der allein kam, ohne jede Begleitung, um seine widerspenstigen Untergebenen zum Gehorsam zu bringen, aber seine Miene blieb völlig unbewegt, und genau ebenso klang seine Stimme, als er sich an den Förster wandte: „Ich habe Euch meine Ankunft nicht ansagen lassen, Osiecki. Ihr scheint trotzdem darauf vorbereitet zu sein.“

„Jawohl, Herr Nordeck,“ lautete die lakonische Antwort. „Wir warteten auf Sie.“

„Bewaffnet? Und in dieser Haltung? Was sollen die Büchsen in Euren Händen? Setzt sie nieder!“

Die Mahnung der Gräfin Morynska mußte doch wohl gefruchtet haben, denn man gehorchte. Der Förster war der Erste, der seine Büchse bei Seite stellte, allerdings nicht weiter, als daß er sie mit der Hand erreichen konnte, und die Uebrigen folgten seinem Beispiele. Waldemar trat jetzt in die Mitte des Zimmers.

„Ich komme, Osiecki, um von Euch Aufschluß über einen Irrthum zu verlangen, der gestern vorgefallen ist,“ begann er wieder. „Mein Befehl konnte nicht mißverstanden werden. Ich sandte ihn Euch schriftlich, der Bote dagegen muß Eure Antwort nicht verstanden haben. Was habt Ihr ihm eigentlich aufgetragen, mir zu melden?“

Das hieß nun freilich gerade auf das Ziel losgehen. Die kurze bestimmte Frage ließ kein Ausweichen zu; sie forderte eine ebenso bestimmte Antwort. Dennoch zögerte der Förster damit – er hatte doch wohl nicht den Muth, das, was er gestern dem Boten aufgetragen, seinem Herrn in’s Antlitz zu wiederholen.

„Ich bin der Grenzförster,“ sagte er endlich, „und meine, daß ich das bleiben werde, so lange ich überhaupt in Ihren Diensten bin, Herr Nordeck. Ich habe einzustehen für meine Försterei, und also muß ich auch allein das Regiment hier führen und kein Anderer.“

„Ihr habt aber gezeigt, daß Ihr nicht mehr fähig seid, das Regiment zu führen,“ entgegnete Waldemar ernst. „Entweder Ihr könnt oder Ihr wollt Eure Leute nicht im Zaume halten. Ich habe Euch wiederholt gewarnt, als die beiden ersten Excesse vorfielen; der vorgestrige war der dritte, und es wird auch der letzte sein.“

„Ich kann meine Leute nicht halten, wenn sie in einer Zeit wie die jetzige mit den Patrouillen zusammen gerathen,“ erklärte der Förster mit aufflammendem Trotze. „Ich habe da auch keine Autorität mehr.“

„Eben deshalb sollt Ihr nach Wilicza – da werde ich die nöthige Autorität herleihen, wenn sie etwa fehlen sollte.“

„Und meine Försterei?“

„Bleibt vorläufig unter der Aufsicht des Inspectors Fellner, bis der neue Förster eintrifft, der ursprünglich für Wilicza bestimmt war. Er wird es sich gefallen lassen müssen, für’s Erste Euern Posten hier einzunehmen. Ihr selbst bleibt in der Schloßförsterei, bis drüben im Lande wieder Ruhe ist.“

Osiecki lachte höhnisch auf. „Das kann lange dauern.“

„Vielleicht nicht so lange, wie Ihr glaubt. In jedem Falle habt Ihr die Försterei morgen zu räumen.“

Unter den Forstleuten zeigte sich eine einigermaßen bedenkliche Bewegung bei diesem mit voller Entschiedenheit wiederholten Befehle, und der Förster fuhr zornig auf: „Herr Nordeck!“

„Nun?“

„Ich habe schon gestern erklärt –“

„Ich hoffe, Ihr werdet Euch inzwischen besonnen haben,“ unterbrach ihn Waldemar, „und mir heute erklären, daß der Bote Euch nicht verstanden hat, als er mir eine ganz unmögliche Antwort zurückbrachte. Nehmt Euch in Acht, Osiecki! Ich dächte, Ihr kenntet mich doch jetzt hinreichend.“

„Ja wahrhaftig!“ stieß der Förster zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. „Sie haben dafür gesorgt, daß man Sie kennt in ganz Wilicza.“

„Dann wißt Ihr also, daß ich mir den Gehorsam nicht verweigern lasse und daß ich einen einmal gegebenen Befehl nicht zurücknehme. Das Forsthaus von Wilicza ist augenblicklich leer – entweder Ihr seid morgen Mittag mit Eurem ganzen Personale dort, oder Ihr seid entlassen.“

Jetzt wurde ein drohendes Murren laut. Die Leute drängten sich dichter zusammen; ihre Mienen und ihre Haltung verriethen, daß sie nur noch mit Mühe an sich hielten. Osiecki trat dicht vor seinen Gutsherrn hin.

„Oho, das geht nicht so ohne Weiteres,“ rief er. „Ich bin kein Lohnarbeiter, den man heute annimmt und morgen entläßt. Sie können mir meine Stellung kündigen, wenn es Ihnen beliebt, bis zum Herbste aber habe ich das Recht, hier zu bleiben, und meine Leute, die ich in Dienst genommen habe, gleichfalls. Mein Revier ist die Grenzförsterei – ein anderes will ich nicht, und ein anderes nehme ich nicht, und wer mich daraus vertreiben will, dem wird es übel bekommen.“

„Ihr irrt,“ versetzte Waldemar. „Die Försterei ist mein Eigenthum, und der Förster hat sich meinen Anordnungen zu fügen. Pocht nicht auf ein Recht, dessen Ihr Euch selbst verlustig gemacht habt! Was Eure Leute da vorgestern unter Eurer Anführung anstifteten, verdient von Rechtswegen eine [751] strengere Ahndung, als die bloße Versetzung. Ihr habt die Patrouillen insultirt und zuletzt angegriffen – es ist sogar zu Schüssen gekommen. Wenn man Euch nicht sofort verhaftete, so dankt Ihr das nur meiner Geltung in L. Man weiß dort, daß ich den Willen und nöthigenfalls auch die Macht habe, nur hier auf meinen Gütern selbst Ruhe zu schaffen, daß ich nicht gern Fremde zwischen mich und meine Untergebenen treten lasse, man erwartet nun aber auch ein ernstliches Einschreiten von mir, und dieser Erwartung werde ich unverzüglich nachkommen. Ihr fügt Euch sofort dem, was ich beschlossen habe, oder ich biete noch heute dem Commandanten der Truppen die Försterei als Beobachtungsposten für die Grenze an, und morgen hat das Haus Besatzung.“

Osiecki machte eine heftige Bewegung nach seiner Büchse hin, besann sich aber.

„Das werden Sie nicht thun, Herr Nordeck,“ sagte er dumpf.

„Das werde ich thun, sobald noch einmal von Ungehorsam oder Widerstand die Rede ist. Entscheidet Euch, Ihr habt die Wahl! Werdet Ihr morgen in Wilicza sein oder nicht?“

„Nein und zehnmal Nein!“ schrie Osiecki in furchtbarster Gereiztheit. „Ich habe Befehl, nicht von der Försterei zu weichen, – also weiche ich nur der Gewalt.“

Waldemar stutzte. „Befehl? Von wem?“

Der Förster biß sich auf die Lippen, aber das unbedachte Wort war einmal heraus; er konnte es nicht zurücknehmen.

„Von wem erhieltet Ihr den Befehl, der dem meinigen so direct entgegensteht?“ wiederholte der junge Gutsherr. „Von der Fürstin Baratowska vielleicht?“

„Nun, und wenn das wäre?“ fragte Osiecki trotzig. „Die Frau Fürstin hat Jahre lang uns Allen befohlen, warum soll sie es denn jetzt auf einmal nicht thun?“

„Weil der Herr jetzt selbst zur Stelle ist, und es nicht taugt, wenn Zwei zugleich das Regiment führen,“ sagte Waldemar kalt. „Meine Mutter lebt als Gast in meinem Schlosse, über die Angelegenheiten von Wilicza aber entscheide ich allein. – Also Ihr habt Befehl, die Försterei um jeden Preis zu behaupten und nur der Gewalt zu weichen? Dann scheint es sich doch nun mehr zu handeln, als nur um einen Exceß Eurer Leute.“

Der Förster verharrte in finsterm Schweigen. Seine eigene Unbesonnenheit hatte jetzt verschuldet, was die Fürstin ihrer Nichte gegenüber so drohend „Verrath“ genannt, was Wanda verhindern wollte, als sie selbst hierher eilte. Das eine übereilte Wort verrieth dem Gutsherrn, daß der Widerstand, dem er bisher gar keine besondere Wichtigkeit beigemessen, ein planmäßiger und befohlener war, und er kannte seine Mutter zu gut, um nicht zu wissen, daß, wenn sie Befehl gegeben hatte, die Försterei auf alle Gefahr hin zu halten und es sogar auf die Gewalt ankommen zu lassen, dort all’ die Fäden zusammenliefen, die sie nach wie vor in der Hand hielt.

„Gleichviel!“ nahm er wieder das Wort. „Ueber das Vergangene wollen wir nicht rechten, und von morgen an steht die Grenzförsterei unter anderer Aufsicht. Was wir sonst noch miteinander abzumachen haben, kann in Wilicza geschehen. Auf morgen also!“

Er machte eine Bewegung, als wollte er gehen, aber Osiecki vertrat ihm den Weg. Er hatte sich mit einen raschen Griffe wieder seiner Büchse bemächtigt, die er jetzt anscheinend nachlässig, und doch bedeutungsvoll genug, in der Hand hielt.

„Ich denke, wir machen das lieber sogleich ab, Herr Nordeck! Ein- für allemal: ich gehe nicht von meiner Försterei, weder nach Wilicza noch sonst wohin, aber Sie gehen auch nicht von hier, bis Sie die Versetzung widerrufen haben, nicht einen Schritt.“

Er wollte seinen Leuten einen Wink geben, aber es bedurfte dessen nicht mehr. Wie auf Commando hatte ein jeder seine Büchse wieder ergriffen, und in einer Minute war der Gutsherr umringt. Es waren lauter finstere, drohende Gesichter, die ihn anstarrten, Gesichter, denen man es ansah, daß diese Menschen nicht vor dem Aeußersten zurückschreckten, und das ganze Manöver wurde so rasch, so planmäßig ausgeführt, daß es nothgedrungen vorbereitet sein mußte. Vielleicht bereute es Waldemar in diesem Augenblicke doch, allein gekommen zu sein, aber er bewahrte seine volle Kaltblütigkeit.

„Was soll das heißen?“ fragte er. „Soll ich das etwa für eine Drohung nehmen?“

„Nehmen Sie es, wofür Sie wollen!“ rief der Förster wild, „aber Sie kommen nicht von der Stelle ohne den Widerruf. Jetzt sagen wir ‚Entweder – oder‘. Hüten Sie sich! Sie sind auch nicht kugelfest.“

„Habt Ihr das vielleicht schon zu erproben versucht?“ der Blick des jungen Gutsherrn richtete sich durchbohrend auf den Sprechenden. „Aus wessen Büchse kam die Kugel, die mir nachgesandt wurde, als ich das letzte Mal von hier nach Hause ritt?“

Ein Blitz tödtlichen Hasses, der aus dem Auge Osiecki’s sprühte, war die ganze Antwort.

„Ich habe noch eine Kugel hier im Laufe und jeder meiner Leute hat eine –“ er faßte die Waffe fester. „Wenn Sie es probiren wollen – uns ist’s recht. Also kurz und gut. Sie geben uns Ihr Wort darauf, daß wir allesammt unbehelligt auf der Försterei bleiben und kein Soldat den Fuß hierher setzt – Ihr Ehrenwort, das pflegt bei Ihresgleichen besser zu halten als alles Schriftliche, oder –“

„Oder?“

„Sie kommen nicht lebendig vom Platze,“ schloß der Förster, bebend vor Wuth und Aufregung.

Die Drohung fand laute, fast tumultuarische Zustimmung bei den Uebrigen. Sie drängten näher heran; sechs Flintenläufe, die sich bedeutungsvoll emporhoben, unterstützten die Worte Osiecki’s, aber umsonst. In dem Gesichte Waldemar’s zuckte keine Muskel, während er sich langsam im Kreise umsah. Er stand so gelassen in der Mitte seiner rebellischen Untergebenen, als führe er die friedfertigste Unterhaltung mit ihnen, nur seine Stirn zog sich finster zusammen, während er doch in unerschütterlicher und überlegener Ruhe die Arme kreuzte.

„Ihr seid Thoren,“ entgegnete er in halb verächtlichen Tone, „und vergeßt vollständig, welche Folgen das auf Euch selbst herabziehen würde. Ihr seid verloren, wenn Ihr mich anrührt. Die Entdeckung kann nicht ausbleiben.“

„Wenn wir’s abwarten,“ höhnte der Förster. „Wofür ist die Grenze denn so nahe? In einer halben Stunde sind wir drüben – da ist jetzt Krieg, und da fragt Niemand danach, was unsere Kugeln hier angerichtet haben. Wir haben es ohnedies satt, hier ewig still zu liegen und niemals dreinschlagen zu dürfen. Also zum letzten Male – wollen Sie uns Ihr Ehrenwort geben?“

„Nein!“ sagte der junge Gutsherr, ohne sich zu rühren oder das Auge von dem Sprechenden abzuwenden.

„Besinnen Sie sich, Herr Nordeck!“ – der Grimm erstickte fast die Stimme Osiecki’s – „besinnen Sie sich schnell, ehe es zu spät ist!“

Mit einigen raschen Schritten trat Waldemar zurück an die Wand, „wo er wenigstens im Rücken gedeckt war.

„Nein, sage ich. Und da wir denn doch einmal so weit sind“ – er riß einen Revolver aus der Brusttasche und hielt ihn seinen Angreifern entgegen – „besinnt Ihr Euch, ehe Ihr mir den Kampf bietet! Ein paar von Euch mindestens bezahlen den Mordanfall mit dem Leben. Ich treffe so gut wie Ihr.“

Das entfesselte nun freilich den so lang zurückgehaltenen Sturm. Es erhob sich ein wilder Tumult – zornige Ausrufe, Flüche und Drohungen wurden laut; mehr als Einer legte die Hand an den Drücker, und Osiecki wollte soeben das Signal zum allgemeinen Angriff geben, als die Seitenthür hastig aufgestoßen wurde – in der nächsten Secunde stand Wanda neben dem Bedrohten.

Ihr Erscheinen verhütete nun freilich das Schlimmste, wenigstens für den Augenblick. Die Leute hielten doch inne, als sie die Gräfin Morynska an der Seite ihres Gutsherrn sahen, so nahe, daß ein Angriff, der ihm galt, sie mittreffen mußte. Waldemar dagegen stand einen Moment lang völlig verständnißlos da; er vermochte sich dieses plötzliche Erscheinen nicht zu erklären, auf einmal aber blitzte die Wahrheit in ihm auf. Wanda’s Todtenblässe, der Ausdruck verzweiflungsvoller Energie, mit dem sie sich an seine Seite stellte, sagten ihm, daß sie um seine Gefahr gewußt hatte, daß sie um seinetwillen hier war.

Die Lage war zu bedrohlich, als daß sie den Beiden Zeit gelassen hätte, eine Erklärung oder auch nur ein Wort miteinander auszutauschen. Wanda hatte sich sofort zu den Angreifern gewandt und sprach zu ihnen, leidenschaftlich und gebieterisch. Waldemar, der des Polnischen nicht mächtig war und erst in der letzten Zeit angefangen hatte, sich einigermaßen damit vertraut zu machen, verstand nur so viel, daß es Befehle und Drohungen waren, die [752] sie seinen Gegnern zuschleuderte, aber ohne Erfolg – sie stand hier an der Grenze ihrer Macht. Die Antworten klangen wild und drohend zurück, und der Förster stampfte mit dem Fuße auf den Boden; er verweigerte augenscheinlich den Gehorsam. Die kurze und hastig geführte Unterredung dauerte kaum einige Minuten, aber Niemand wich einen Schritt zurück, Niemand senkte die Waffe. Die auf’s Aeußerste gereizte Wuth der Leute erkannte keine Autorität und keine Rücksicht mehr an.

„Zurück, Wanda!“ sagte Waldemar leise, indem er sie seitwärts zu drängen versuchte. „Es kommt zum Kampfe. Sie können ihn nicht mehr verhindern. Geben Sie mir Raum zur Vertheidigung!“

Wanda gehorchte der Mahnung nicht, im Gegentheil, sie behauptete nur fester ihren Platz. Sie wußte, daß er der Uebermacht erliegen mußte, daß die einzige Rettung für ihn in ihrer unmittelbaren Nähe lag. Noch scheute man sich, sie zu berühren noch wagte es Keiner, sie von seiner Seite wegzureißen, aber der Moment nahte, wo auch diese letzte Schonung ein Ende nahm.

„Gehen Sie zur Seite, Gräfin Morynska!“ tönte die Stimme des Försters rauh und unheilverkündend mitten durch den Tumult. „Zur Seite – oder ich treffe Sie mit!“

Er hob die Büchse. Wanda sah, wie er den Finger an den Drücker legte; sie sah das von Wuth und Haß entstellte Antlitz des Mannes, und bei diesem Anblick schwanden ihr Besinnung und Ueberlegung. Vor ihrer Seele stand nur noch ein einziger klarer Gedanke, die Todesgefahr Waldemar’s, und zum letzten Mittel greifend warf sie sich an seine Brust und deckte ihn mit ihrem eigenen Körper.

Es war zu spät – der Schuß krachte, und schon in der nächsten Secunde antwortete die Waffe Nordeck’s. Mit einem dumpfen Schrei stürzte der Förster zusammen und blieb regungslos auf dem Boden liegen. Die Kugel Waldemar’s hatte mit furchtbarer Sicherheit ihr Ziel getroffen, er selbst aber stand aufrecht und Wanda mit ihm. Die Bewegung, mit der sie ihn zu schützen versuchte, hatte ihn aus der Bahn des tödtlichen Geschosses gezogen, und ihn und sie gerettet.

Das alles geschah so blitzschnell, daß Keiner von den Uebrigen Zeit hatte, sich an dem Kampfe zu betheiligen. In ein und derselben Minute sahen sie die Gräfin Morynska sich dazwischen werfen, den Förster am Boden liegen und den Gutsherrn mit hochgehobener Waffe sich gegenüber stehen, zum zweiten Schusse bereit. Es folgte eine secundenlange todtenstille Pause – Niemand regte sich.

Waldemar hatte unmittelbar nach dem Schusse Wanda in seine eigene einigermaßen gedeckte Stellung gedrängt und sich vor sie gestellt. Mit einem einzigen Blicke überschaute er die ganze Situation. Er war umringt, der Ausgang ihm verwehrt; sechs geladene Büchsen standen gegen seine einzige Waffe. Wenn es überhaupt zum Kampfe kam, so war er auch verloren und Wanda mit ihm, sobald sie es versuchte, ihn noch einmal zu schützen. An eine wirksame Vertheidigung war nicht zu denken. Hier konnte nur die Kühnheit retten, die Tollkühnheit vielleicht, aber gleichviel, sie mußte versucht werden.

Er richtete sich zu seiner vollen Höhe empor, warf mit einer energischen Bewegung das Haar zurück, das ihm über die Stirn gefallen war, und die nächste beiden Flintenläufe mit der Hand zur Seite schlagend, trat er mitten unter die Angreifer. Seine riesige Gestalt überragte sie allesammt, und sein Blick flammte nieder auf die rebellischen Untergebenen, als könne er mit diesem Auge allein sie vernichten.

„Die Waffen nieder!“ donnerte er mit der ganzen Kraft seiner mächtigen Stimme. „Ich dulde keine Rebellion auf meinem Gebiete. Da liegt der Erste, der es versucht hat. Wer es ihm nachthut, theilt sein Schicksal. Nieder die Büchsen, sage ich.“

Die Leute standen wie gelähmt vor Ueberraschung und starrten sprachlos ihren Herrn an. Sie haßten ihn; sie waren im vollen Aufstande gegen ihn begriffen, und er hatte ihnen soeben den Führer erschossen; das Nächste und Natürlichste wäre nur gewesen, daß sie Rache dafür übten, hier, wo die Rache in ihre Hand gelegt war. Sie hatten auch zweifellos die Absicht, sich auf Waldemar zu stürzen, aber als er nun mitten unter sie trat und ihre Waffen mit der bloßen Hand zur Seite schlug, als sei er wirklich gefeit gegen die Kugeln, als er Unterwerfung forderte mit der Miene und dem Tone des unumschränkten Gebieters; da regte sich die alte Gewohnheit des blinden Gehorsams, der, ohne nach dem Warum zu fragen, sich dem beugt, der überhaupt befiehlt, da siegte die instinctmäßige Fügsamkeit untergeordneter Naturen gegen eine überlegene Kraft. Sie bebten scheu zurück vor diesen flammenden Augen, die sie längst fürchten gelernt hatten, vor dieser drohenden Stirn mit der hochaufgeschwollenen blauen Ader. Und Waldemar stand ihnen unversehrt gegenüber. Die nie fehlende Kugel Osiecki’s war machtlos an ihm abgeglitten, aber der Förster lag todt am Boden, mitten in’s Herz getroffen – es lag etwas von abergläubischem Grauen in der Bewegung, mit der die Nächststehenden zurückwichen. Langsam senkten sich die drohenden Läufe. Der Kreis um den Gutsherren wurde weiter und weiter; das Wagniß, mit dem er, der Einzelne, einer sechsfachen Uebermacht die Spitze bot, war geglückt.

Waldemar wandte sich um, und den Arm Wanda’s ergreifend, zog er sie an sich. „Und nun gebt den Weg frei!“ befahl er in dem gleichen gebieterischen Tone, „schafft Raum!“

Einige der Leute rührten sich nicht von der Stelle, die beiden Vordersten aber wichen zögernd zurück und gaben dadurch in der That die Thür frei. Keiner von den Uebrigen widersetzte sich. Kein Wort des Widerspruches wurde laut; schweigend ließen sie ihren Herrn und die Gräfin Morynska durch. Waldemar beschleunigte seinen Schritt nicht im Mindesten. Er wußte, daß er die Gefahr nur für den Augenblick bewältigt hatte, daß sie verdoppelt zurückkehrte, sobald die Leute zur Besinnung kamen und sich ihrer Ueberlegenheit bewußt wurden, aber er fühlte auch, daß das geringste Zeichen von Furcht verhängnißvoll werden mußte. Noch beherrschte die Macht seines Auges und seiner Stimme die ganze sonst so zügellose Bande – es galt, sie hinter sich zu lassen, noch ehe der Bann gebrochen war, und das konnte schon in der nächsten Minute geschehen.

Er trat mit Wanda in’s Freie. Draußen harrte der Schlitten, und der Kutscher mit schreckensbleichem Gesichte eilte ihnen entgegen. Die Schüsse hatten ihn an das Fenster gelockt; er mußte den Vorgang theilweise mit angesehen haben. Waldemar hob rasch seine Begleiterin in den Schlitten und stieg selbst nach.

„Fort!“ sagte er kurz und hastig. „Bis zu den Bäumen dort im Schritt, dann aber gieb den Pferden die Zügel, und so schnell als möglich in den Wald hinein!“

Der Kutscher gehorchte. Er mochte wohl um sein eigenes Leben besorgt sein. In wenigen Minuten hatten sie die schützenden Bäume erreicht, und nun ging es in rasender Eile vorwärts. Waldemar hielt noch immer die Waffe mit dem gespannten Hahn in der Rechten, seine Linke aber umschloß die Hand Wanda’s so fest, als wolle er sie nicht wieder loslassen. Erst als eine ganze Strecke zwischen ihnen und der Försterei lag und jede Furcht vor nachgesandten Kugeln beseitigt war, gab er seine Vertheidigungsstellung auf und wandte sich zu seiner Begleiterin. Er sah es erst jetzt, daß die Hand, welche er in der seinigen hielt, mit Blut bedeckt war – es rieselte noch in einzelnen schweren Tropfen unter dem Aermel des Kleides hervor, und der Mann, der eben noch mit so eiserner Ruhe der Gefahr die Stirn geboten hatte, wurde bleich bis an die Lippen.

„Es ist nichts,“ sagte Wanda, hastig seiner Frage zuvorkommend. „Die Kugel Osiecki’s muß mich gestreift haben. Ich fühle die Wunde erst in diesem Augenblick.“

Waldemar riß sein Taschentuch hervor und war ihr behülflich, es um den verwundeten Arm zu legen. Er wollte reden – da hob die junge Gräfin das todtenblasse Antlitz empor. Sie bat nicht, verbat nicht, aber es stand ein Ausdruck so angstvollen Flehens darin, daß Nordeck verstummte; er begriff, daß er sie für den Moment wenigstens schonen mußte. Nur ihren Namen sprach er aus, aber es lag mehr in dem einen Worte, als eine ganze stürmische Erklärung faßte: „Wanda!“

Sein Blick suchte den ihrigen, aber umsonst – sie hob das Auge nicht wieder empor, und ihre Hand lag schwer und kalt in der seinigen.

„Hoffen Sie Nichts!“ sagte sie tonlos und so leise, daß es nur wie ein ersterbender Hauch sein Ohr berührte. „Sie sind der Feind meines Volkes – und ich bin die Braut Leo Baratowski’s.“

[765] Das Ereigniß auf der Grenzförsterei, das nicht verschwiegen bleiben konnte, da es mit dem Tode des Försters einen so ernsten Ausgang genommen hatte, rief begreiflicher Weise eine große Aufregung in Wilicza hervor. Der Fürstin konnte nichts unerwünschter sein, als dieser offene und blutige Conflict. Doctor Fabian und der Administrator geriethen in Bestürzung, und die Untergebenen, je nachdem sie nun zu dem Gutsherrn oder der Fürstin hielten, theilten sich in zwei Lager, die leidenschaftlich für oder gegen die Sache Partei nahmen. Nur einen einzigen Menschen gab es, den sie trotz ihres tragischen Ausganges glücklich machte – den Assessor Hubert. Er befand sich, wie schon erwähnt, gerade im Hause des Administrators; jener Vorfall hob ihn sofort auf die Höhe der Situation, führte ihn in amtlicher Eigenschaft nach dem Schlosse, zwang Herrn Nordeck, in unmittelbaren Verkehr mit ihm zu treten – alles Dinge, die Hubert längst ersehnt hatte, ohne sie bisher erreichen zu können.

Waldemar hatte ihm in aller Kürze angezeigt, daß er, zur äußersten Nothwehr gedrängt, den Förster Osiecki erschossen habe, nachdem dieser einen Mordversuch auf ihn gemacht. Er hatte gleichzeitig den Beamten ersucht, die nöthigen Schritte zur Klarstellung der Sache in L. zu veranlassen, und sich zu jeder Vernehmung bereit erklärt, und der Vertreter des Polizeidepartements von L. war groß gewesen in der Entfaltung seiner Thätigkeit. Er stürzte sich mit wüthendem Eifer auf die Untersuchung, die ihm anheim fiel, und machte die unglaublichsten Vorbereitungen dazu, aber leider vergebens. Er wollte natürlich vor allen anderen Dingen das Personal der Försterei als Zeugen des Vorfalls vernehmen, aber man fand das Forsthaus am nächsten Tage leer und verlassen. Die Leute hatten es vorgezogen, sich allen gerichtlichen Weitläufigkeiten zu entziehen, indem sie einen längst geplanten Entschluß ausführten und während der Nacht über die Grenze gingen. Ihre genaue Bekanntschaft mit der Gegend machte ihnen das leicht, trotz der scharfen Bewachung von beiden Seiten. Sie waren unzweifelhaft drüben zu den Insurgenten gestoßen, deren Stellungen sie genau kannten, und unerreichbar für den Arm der Gerechtigkeit, der sich vermittelst des Assessors so verlangend nach ihnen ausstreckte. Hubert war untröstlich.

„Sie sind fort,“ sagte er niedergeschlagen zu dem Administrator. „Sie sind sämmtlich auf und davon. Auch nicht ein Einziger ist zurückgeblieben –“

„Das hätte ich Ihnen vorher sagen können,“ meinte Frank. „Es war unter diesen Umständen das Klügste, was die Leute thun konnten. Drüben sind sie sicher vor einer Untersuchung, die sie wahrscheinlich als Mitschuldige entlarvt hätte.“

„Aber ich wollte sie vernehmen,“ rief der Assessor empört. „Ich wollte sie sämmtlich verhaften lassen.“

„Eben deshalb zogen sie es vor, sich unsichtbar zu machen, und offen gestanden, ich bin froh, daß es so gekommen ist. Die wilde Gesellschaft da hinten auf der Grenzförsterei war stets eine Gefahr für uns, jetzt sind wir sie los, ohne weiteren Lärm; wiederkommen wird sie schwerlich – also lassen wir sie laufen! Herr Nordeck will nicht, daß viel Aufhebens davon gemacht wird.“

„Herr Nordeck hat in diesem Falle gar nichts zu wollen,“ erklärte Hubert in seinem feierlichsten Amtstone. „Er hat sich der Majestät des Gesetzes zu beugen, das die strengste, rücksichtsloseste Untersuchung fordert. Zwar so weit die Sache ihn betrifft, ist sie zweifellos. Er hat nur sein Leben vertheidigt und erst abgedrückt, nachdem der Förster auf ihn geschossen. Sein Wort in dieser Hinsicht wird durch das Zeugniß des Kutschers, durch das Entweichen des Forstpersonals, überhaupt durch die ganze Sachlage bestätigt. Ihn wird man höchstens mit einigen Vernehmungen behelligen und dann unbedingt freisprechen. Es handelt sich aber hier noch um ganz andere Dinge, wir haben es mit einem Aufruhr, mit einer zweifellosen Verschwörung –“

Der Administrator sprang auf: „Um Gotteswillen! Fangen Sie schon wieder damit an?“

„Mit einer Verschwörung zu thun,“ vollendete Hubert, ohne sich stören zu lassen. „Ja, Herr Frank, es war eine solche – alle Thatsachen sprechen dafür.“

„Unsinn!“ sagte der Administrator derb. „Es war eine Revolte gegen den Gutsherrn persönlich und nichts weiter. Bei Osiecki und seinen Leuten waren die Gewaltthätigkeiten an der Tagesordnung, und die Fürstin ließ ihnen Alles hingehen, weil sie und ihre Befehle unbedingt respectirt wurden. Gehorsam gegen einen Anderen kannte die wilde Bande nicht, und als sie der Herr das lehren und ihr den Gebieter zeigen wollte, griff sie zur Büchse. Ein Anderer an seiner Stelle wäre verloren gewesen, ihn aber hat seine Energie und Kaltblütigkeit gerettet. Er schoß den Mordbuben, den Osiecki, ohne Weiteres nieder, und das imponirte den Anderen dermaßen, daß sich Keiner mehr zu rühren wagte. Die Sache ist so klar und einfach wie nur möglich, und ich begreife nicht, wie Sie darin schon wieder eine Verschwörung finden wollen.“

„Und wie erklären Sie denn die Anwesenheit der Gräfin [766] Morynska?“ fiel der Assessor mit einem solchen Triumphe ein, als habe er soeben einen Angeklagten des in Rede stehenden Verbrechers überführt. „Was hatte die Gräfin auf der Försterei zu thun, die zwei Stunden von Rakowicz entfernt liegt und zu Wilicza gehört? Man kennt ja die Rolle, welche sie und die Fürstin bei der ganzen Bewegung spielen. Die Frauen sind bei diesem Volke die Allergefährlichsten. Alles wissen sie, Alles leiten sie; das ganze politische Intriguennetz liegt in ihren Händen, und Gräfin Morynska ist die echte Tochter ihres Vaters, die gelehrige Schülerin ihrer Tante. Ihre Anwesenheit auf der Försterei beweist sonnenklar die Verschwörung. Sie haßt ihren Vetter mit dem ganzen Fanatismus ihres Volkes – sie allein hat den meuchlerischen Ueberfall geplant. Darum stand sie auf einmal, wie aus der Erde gewachsen, mitten in dem Tumulte; darum versuchte sie Herrn Nordeck die Waffe zu entreißen, als er auf Osiecki anlegte, und hetzte diesen und seine Leute bis zum Mordversuche gegen ihren Herrn. Aber dieser Waldemar ist doch großartig. Nicht allein, daß er den ganzen Aufruhr niederzwang, er versicherte sich auch der Anstifterin und brachte sie mit Gewalt nach Wilicza. Trotz all’ ihres Sträubens hat er seine verrätherische Cousine aus der Mitte ihrer Anhänger gerissen, sie in den Schlitten gehoben und ist mit ihr davongejagt, als gelte es Tod und Leben. Denken Sie, er hat sie während der ganzen Fahrt keines Wortes gewürdigt, nicht eine Silbe sprachen sie miteinander, aber ihre Hand hat er nicht einen einzigen Augenblick losgelassen, um jeden Fluchtversuch zu hindern. Ich weiß das Alles genau – ich habe den Kutscher darüber sehr ausführlich vernommen –“

„Jawohl, Sie haben ihn drei Stunden lang hintereinander vernommen,“ unterbrach ihn der Administrator ärgerlich, „bis der arme Mensch ganz wirr im Kopfe war und zu Allem Ja sagte. Er hat von seinem Standpunkte draußen am Fenster gar keine Einzelheiten unterscheiden können und nichts gesehen als einen wilden Tumult, in dessen Mitte sich der Herr und die junge Gräfin befanden. Gleich darauf fielen die beiden Schüsse, und da ist der Kutscher eingestandenermaßen in aller Angst zu seinen Pferden zurückgelaufen – alles Uebrige haben Sie ihm in den Mund gelegt. Nur die Aussage des Herrn Nordeck ist von Gewicht.“

Der Assessor sah sehr beleidigt aus und hatte nicht übel Lust, das Polizeidepartement von L. herauszukehren, dessen Verfahren in dem seinigen so unerhört mißachtet und kritisirt wurde, aber er besann sich noch zu rechter Zeit, daß es ja der künftige Schwiegervater sei, der sich diese Zurechtweisung erlaubte, und dem mußte man dergleichen schon hingehen lassen, wenn es auch beklagenswerth blieb, daß er nicht mehr Respect vor der amtlichen Unfehlbarkeit seines künftigen Schwiegersohnes hegte. Dieser verschluckte also seinen Aerger und entgegnete in gereiztem Tone:

„Herr Nordeck benimmt sich, wie gewöhnlich, sehr souverain. Er machte mir die Anzeige so lakonisch wie möglich, ohne alle Einzelheiten, und verweigerte mir ohne Weiteres das Zeugniß der Gräfin Morynska, die ich gleichfalls zu vernehmen wünschte, unter dem Vorwande, daß seine Cousine sich unwohl befinde. Dabei giebt er Befehle, trifft Anordnungen, als ob ich gar nicht da wäre, und thut überhaupt, als habe kein Mensch außer ihm ein Wort in der Sache zu reden, die er am liebsten ganz und gar der Oeffentlichkeit entziehen möchte. – ‚Herr Nordeck,‘ sagte ich zu ihm, ‚Sie täuschen sich vollständig, wenn Sie jenen Vorfall nur für den Ausbruch eines Privathasses ansehen; die Sache liegt weit tiefer, und ich durchschaue sie. Es war ein planmäßig vorbereiteter Aufruhr, eine zu früh ausgebrochene Verschwörung, die sich allerdings in erster Linie gegen Sie richtete, aber jedenfalls weitere Zwecke hatte. Sie galt der Ordnung, dem Gesetz, der Regierung. Wir müssen untersuchen, müssen unsere Maßregeln nehmen.‘ – Wissen Sie, was er mir zur Antwort gab? – ‚Herr Assessor, Sie täuschen sich vollständig, wenn Sie die Gewaltthat eines rohen Menschen gegen mich zu einer Haupt- und Staatsverschwörung stempeln. Jedenfalls ist Ihre Untersuchung durch das Entweichen des Forstpersonals gegenstandslos geworden, und Sie wären bei dem gänzlichen Mangel an Verschwörern und Hochverräthern am Ende genöthigt, wieder auf mich und Doctor Fabian zurückzugreifen, wie dies schon einmal geschah. Es ist also nur in Ihrem eigenen Interesse, wenn ich Sie bitte, Ihren Amtseifer zu mäßigen. Ich habe Ihnen das nöthige Material zu Ihren Berichten in L. gegeben, und wegen der Gefahr für Ordnung und Gesetz hier in Wilicza brauchen Sie nicht zu sorgen. Ich denke ihr noch allein gewachsen zu sein.‘ Damit machte er mir eine kalte, vornehme und unglaublich hochmüthige Verbeugung und – ließ mich stehen.“

Der Administrator lachte. „Das hat er von seiner Mutter. Ich kenne diese Manier noch von der Fürstin Baratowska her; sie hat mich oft genug zur Verzweiflung gebracht. Dagegen hilft kein Aerger und kein Bewußtsein des guten Rechtes. Es ist eine eigene Art von Ueberlegenheit, die trotz alledem imponirt, und die zum Beispiel Fürst Leo gar nicht besitzt. Der läßt sich bei jeder Gelegenheit zur Heftigkeit fortreißen, nur der älteste Sohn hat diesen Zug geerbt – es ist in solchen Momenten, als ob man die Mutter selbst sähe und hörte, so wenig er ihr auch sonst gleicht. In einem aber hat Herr Nordeck Recht: mäßigen Sie Ihren Amtseifer! Er brachte Sie schon einmal in Unannehmlichkeiten.“

„Das ist mein Schicksal,“ sagte der Assessor resignirt. „Mit den edelsten Zwecken, mit allgemeiner Hingebung und meinem glühenden Eifer für das Wohl des Staates ernte ich doch nur Undank, Verkennung, Zurücksetzung. Ich bleibe dabei, es war eine Verschwörung, endlich hatte ich eine, und nun gleitet sie mir wieder aus den Händen. Osiecki ist todt; seine Leute sind auf und davon; von der Gräfin Morynska werden keine Geständnisse zu erlangen sein – ich kann nur einen einfachen Bericht machen, nichts weiter. Wäre ich wenigstens gestern mit auf der Försterei gewesen! Heute Morgen war sie leer. Es ist mein Geschick, überall zu spät zu kommen.“

Der Administrator räusperte sich sehr vernehmlich. Er gedachte die ohnehin elegische Stimmung Hubert’s zu benutzen, um das Gespräch auf dessen Bewerbung zu bringen, und ihm rund heraus zu erklären, daß er sich keine Hoffnungen auf die Hand seiner Tochter machen dürfe. Gretchen hatte sich in der That nicht besonnen, sondern war bei ihrem Nein geblieben und ihr Vater stand eben im Begriff, dem Freier diese betrübende Eröffnung zu machen, als der Kutscher Waldemar’s, der diesen und die Gräfin Morynska gestern gefahren hatte und seitdem Gegenstand der unausgesetzten Vernehmungen des Assessors gewesen war, mit einem Auftrage seines Herrn erschien.

Jetzt war es vorbei mit der Resignation Hubert’s, aber auch mit seiner Aufmerksamkeit für andere Dinge. Er vergaß Verkennung und Zurücksetzung, besann sich auf der Stelle, daß er noch einige sehr wichtige Fragen an den Kutscher zu thun habe, und nahm ihn, trotz aller Proteste Frank’s, mit sich auf sein Zimmer, um dort die Vernehmung mit frischen Kräften fortzusetzen.

Der Administrator schüttelte den Kopf. Er begann sich jetzt auch der Ansicht zuzuneigen, daß etwas Krankhaftes in dem Wesen des Assessors liege, und fing an zu begreifen, daß seine Tochter nicht so Unrecht hatte, wenn sie einen solchen Bewerber ausschlug, dessen wüthender Amtseifer so wenig zu mäßigen war, wie man ihn von seiner fixen Idee hinsichtlich der überall bestehenden Verschwörungen abbringen konnte.

In diesem Augenblicke jedoch folgte Gretchen nur dem Beispiele des Assessors; sie inquirirte gleichfalls sehr scharf und eingehend, und zwar war es Doctor Fabian, der drüben im Wohnzimmer vor ihr saß und in aller Form vernommen wurde. Er hatte ausführlich berichten müssen, was er selber über den gestrigen Vorgang von Herrn Nordeck erfahren; das war aber leider nicht mehr, als man bereits im Hause des Administrators wußte. Waldemar hatte dem Doctor, wie allen Uebrigen, auch nur die Thatsachen mitgetheilt und über Manches, so zum Beispiel über die Betheiligung der Gräfin Morynska daran, ein vollständiges Schweigen beobachtet. Das war nun aber gerade der Punkt, über welchen Gretchen Frank in’s Klare zu kommen wünschte. Die Behauptung des Assessors, daß die junge Gräfin ihren Vetter so glühend hasse, daß sie sogar den Ueberfall auf der Försterei geplant, wollte ihr nicht recht einleuchten; sie ahnte mit echt weiblichem Instinct eine ganz andere geheime Beziehung zwischen den Beiden und wurde sehr ungehalten, als sie so gar nichts Näheres darüber erfahren konnte.

„Sie verstehen Ihren Einfluß gar nicht zu benutzen, Herr Doctor,“ sagte sie vorwurfsvoll. „Wenn ich der Freund und Vertraute des Herrn Nordeck wäre, ich wüßte besser in seinen Angelegenheiten Bescheid. Jede Kleinigkeit müßte er mir beichten; ich hätte ihn gleich von Anfang an daran gewöhnt.“

[767] Der Doctor lächelte ein wenig. „Das würden Sie schwerlich zu Stande gebracht haben. Eine Natur wie die Waldemar’s läßt sich überhaupt nicht gewöhnen, am wenigsten zur Mittheilung. Er kennt gar nicht das Bedürfniß, sich auszusprechen oder sein Inneres Jemandem aufzuschließen. Was auch in ihm vorgehen mag, er macht es mit sich allein aus; seine Umgebung erfährt nie etwas davon, und man muß ihn so lange und so genau kennen wie ich, um zu wissen, daß er überhaupt empfindet.“

„Natürlich – er hat kein Herz,“ sagte Gretchen, die mit ihrem Urtheil immer sehr schnell fertig war. „Das sieht man ja auf den ersten Blick. Es weht einen förmlich kalt an, sobald er in’s Zimmer tritt, und mich fröstelt jedesmal, wenn er mit mir spricht. Fürchten hat ihn jetzt ganz Wilicza gelernt, lieben auch nicht ein Einziger, und selbst meinem Vater steht er, trotz all seiner Freundlichkeit und Rücksicht gegen uns, noch gerade so fremd gegenüber, wie am Tage seiner Ankunft. Ich bin überzeugt, er hat noch nie ein menschliches Wesen geliebt, am wenigsten eine Frau – er ist vollständig herzlos.“

„Bitte, mein Fräulein –“ Fabian gerieth förmlich in Hitze bei der Antwort. „Da thun Sie ihm großes Unrecht. Er hat Herz, mehr als Sie glauben, mehr vielleicht als der feurige, leidenschaftliche Fürst Baratowski. Waldemar versteht nur nicht das seinige zu zeigen, oder vielmehr er will es nicht. Schon bei dem Knaben habe ich diesen Zug starrer Zurückhaltung und Verschlossenheit beobachtet und jahrelang umsonst dagegen angekämpft, bis ein zufälliges Ereigniß, eine Gefahr, die mich bedrohte, das Eis brach. Erst seit jener Stunde kenne ich Waldemar, wie er wirklich ist.“

„Nun, liebenswürdig ist er nicht, das bleibt ausgemacht,“ entschied Gretchen, „und ich begreife nicht, wie Sie mit einer solchen Zärtlichkeit an ihm hängen können. Sie waren ja gestern ganz außer sich wegen der überstandenen Gefahr, die er seinerseits sehr leicht nahm, und heute ist sicher wieder irgend etwas im Schlosse vorgegangen, denn Sie sind im höchsten Grade aufgeregt und verstimmt. Gestehen Sie es mir nur ein! Ich sah es schon, als Sie eintraten. Bedroht Herrn Nordeck denn noch irgend etwas?“

„Nein, nein,“ sagte der Doctor hastig. „Es handelt sich gar nicht um Waldemar; die Sache geht mich allein an. Sie hat mich allerdings sehr aufgeregt, aber verstimmt – nein, mein Fräulein, durchaus nicht. Ich habe heute Morgen Nachrichten aus J. erhalten.“

„Hat dieses wissenschaftliche und historische Ungethüm, dieser Professor Schwarz, Ihnen schon wieder Verdruß bereitet?“ fragte die junge Dame mit so kampfeslustiger Miene, als sei sie auf der Stelle bereit, sich in eine erbitterte Fehde mit der genannen Autorität einzulassen.

Fabian schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, daß ich es diesmal bin, der ihm den ärgsten Verdruß bereitet, wenn auch wahrhaftig gegen meinen Willen. Sie wissen ja, daß es meine ‚Geschichte des Germanenthums‘ war, die den ersten Anlaß zu dem unglücklichen Streite zwischen ihm und dem Professor Weber gab, einem Streite, der immer größere Dimensionen annahm und zuletzt auf die Spitze getrieben wurde. Schwarz, heftig wie er von Natur ist, überdies gereizt und erbittert durch die Wichtigkeit, die man meinem Buche belegte, ließ sich zu Persönlichkeiten, zu einen fast unverantwortlichen Benehmen gegen seinen Collegen hinreißen und drohte, als die ganze Universität auf dessen Seite trat, seine Entlassung zu nehmen. Es war wohl nur ein Versuch, seine Unentbehrlichkeit in das rechte Licht zu stellen – er hat nie ernstlich daran gedacht, J. zu verlassen, aber sein schroffes Wesen hat ihm auch unter den maßgebenden Persönlichkeiten viel Feinde geschaffen, genug, man machte keinen Versuch, ihn zu halten und nahm als Thatsache, was nur eine Drohung sein sollte. Da blieb ihm freilich nichts übrig, als auf dem schon öffentlich kund gegebenen Entschlusse zu beharren. Es ist jetzt entschieden, daß er die Universität verläßt.“

„Das ist ein Glück für die Universität,“ bemerkte Gretchen trocken. „Aber ich glaube wahrhaftig, Sie sind im Stande, sich Gewissensbisse darüber zu machen. Das sieht Ihnen ähnlich.“

„Es ist nicht das allein,“ sagte Fabian leise und mit stockender Stimme. „Es ist ja die Rede davon, daß – daß ich seine Stelle einnehmen soll. Professor Weber schreibt mir, man beabsichtige, den auf diese Weise erledigten Lehrstuhl mir anzubieten – mir, dem einfachen Privatgelehrten, der noch gar keine akademische Thätigkeit aufzuweisen hat, dessen einziges Verdienst in seinem Buche besteht, dem ersten, das er veröffentlicht – es ist etwas so Ungewöhnliches, Unerhörtes, daß ich mich anfangs vor Ueberraschung und Bestürzung gar nicht zu fassen wußte.“

Gretchen sah weder überrascht noch bestürzt aus, sie schien die Sache vielmehr ganz in der Ordnung zu finden. „Da handelt man sehr vernünftig,“ meinte sie. „Sie sind viel bedeutender als Professor Schwarz. Ihr Werk steht hoch über seinen Schriften, und wenn Sie erst auf seinem Lehrstuhle sitzen, werden Sie seine ganze Berühmtheit verdunkeln.“

„Aber, mein Fräulein, Sie kennen ja weder den Professor noch seine Schriften,“ warf der Doctor schüchtern ein.

„Das ist gleichgültig – ich kenne Sie,“ erklärte das junge Mädchen mit einer Ueberlegenheit, gegen die sich schlechterdings nichts einwenden ließ. „Sie werden doch selbstverständlich die Berufung annehmen?“

Fabian sah vor sich nieder. Es vergingen einige Secunden, bevor er antwortete.

„Ich glaube kaum. So ehrenvoll die Auszeichnung auch ist, ich wage nicht, sie anzunehmen, denn ich fürchte, einer so bedeutenden und hervorragenden Stellung gar nicht gewachsen zu sein. Die jahrelange Zurückgezogenheit, das einsame Leben bei meinen Büchern haben mich für die Oeffentlichkeit fast untauglich gemacht und ganz unfähig, all den äußeren Anforderungen zu genügen, die sich an eine solche Stellung knüpfen. Endlich der Hauptgrund – ich kann Waldemar nicht verlassen, zumal jetzt nicht, wo so Manches auf ihn einstürmt. Ich bin der Einzige, der ihm nahe steht, dessen Umgang er vermissen würde; es wäre der Gipfel aller Undankbarkeit, wollte ich jetzt um äußerer Vortheile willen –“

„Und es wäre der Gipfel alles Egoismus, wenn Herr Nordeck dieses Opfer annehmen wollte,“ fiel Gretchen ein. „Zum Glück wird er das nicht thun und nie zugeben, daß Sie um seinetwillen eine Zukunft zurückweisen, die für Sie das ganze Lebensglück einschließt.“

„Für mich?“ wiederholte der Doctor in gedrücktem Tone; „da irren Sie doch. Ich habe von jeher meine ganze Befriedigung in dem Studium gesucht und gefunden und es schon als eine besondere Gunst des Schicksals angesehen, als mir in dem Zöglinge, der mir einst so vollständig fern stand, ein Freund erwuchs. Was man so Lebensglück nennt, eine Heimath, eine Familie, das habe ich nie gekannt und werde es wohl schwerlich kennen lernen. Jetzt, wo mir ein so ungeahnter Erfolg zu Theil geworden ist, wäre es vollends Vermessenheit, auch das noch zu begehren; ich bescheide mich gern mit dem, was mir geworden ist.“

Die Worte klangen trotz aller Resignation doch recht schmerzlich, aber die junge Zuhörerin schien gar kein Mitleid dabei zu empfinden. Sie warf verächtlich die Lippen auf.

„Sie sind eine eigene Natur, Herr Doctor. Ich würde bei einer so entsagungsvollen Lebensansicht verzweifeln.“

Der Doctor lächelte wehmüthig. „Bei Ihnen ist das auch etwas ganz Anderes. Wer wie Sie jung, anmuthig, in freien glücklichen Verhältnissen aufgewachsen ist, der hat das Recht, Glück vom Leben zu erwarten und zu verlangen. Möge es Ihnen im reichsten Maße zu Theil werden – das ist mein innigster Wunsch. Aber gewiß, Assessor Hubert liebt Sie und –“

„Was hat denn Assessor Hubert schon wieder mit meinem Glücke zu thun?!“ fuhr Gretchen auf. „Sie machten schon einmal eine solche Andeutung. Was meinen Sie nur damit?“

Fabian gerieth in die äußerste Verlegenheit. „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich indiscret war,“ stotterte er. „Es fuhr mir nur so heraus – ich weiß ja, daß das Verhältniß noch kein öffentlich erklärtes ist, aber meine innige Theilnahme mag es entschuldigen, wenn ich –“

„Wenn Sie was –?“ rief das junge Mädchen mit vollster Heftigkeit. „Ich glaube, Sie halten mich im vollen Ernste für die Braut dieses albernen langweiligen Hubert, der mir den ganzen Tag lang von nichts weiter erzählt, als von Verschwörungen und von seinem künftigen Regierungsrathstitel.“

„Aber mein Fräulein,“ sagte Fabian auf’s Höchste betroffen, „der Assessor selbst theilte mir bereits im Herbste mit, daß er bestimmte Hoffnungen habe und mit vollster Sicherheit auf Ihr Jawort rechnen dürfe.“

[768] Gretchen sprang auf, so daß der Stuhl zurückflog. „Da haben wir es! Aber daran und Sie schuld, Herr Doctor Fabian, Sie allein. Sehen Sie mich nicht so erstaunt und erschrocken an! Sie haben mich damals verleitet, den Assessor nach Janowo zu schicken, wo er sich den Schnupfen holte. Aus Furcht, er könne ernstlich krank werden, nahm ich den Patienten in Pflege. Seitdem ist es bei ihm zur fixen Idee geworden, ich liebe ihn, und von seinen fixen Ideen ist er nicht abzubringen – das sehen wir an den ewigen Verschwörungsgeschichten.“

Sie weinte fast vor Aerger, das Gesicht des Doctors aber verklärte sich förmlich bei dieser ungeheuchelten Entrüstung.

„Sie lieben den Assessor nicht?“ fragte er mit fliegendem Athem. „Sie beabsichtigen nicht, ihm Ihre Hand zu geben?“

„Einen Korb werde ich ihm geben, wie er noch nicht dagewesen ist,“ versetzte die junge Dame energisch, und war im Begriff, noch einige Injurien gegen den armen Hubert hinzuzufügen, als sie dem Blick des Doctors begegnete. Sie wurde auf einmal dunkelroth und verstummte völlig.

Die nun entstehende Pause dauerte ein wenig lange. Fabian rang offenbar mit einem Entschlusse, der ihm bei seiner Schüchternheit sehr schwer fiel; er setzte mehrere Male vergebens zum Sprechen an; vorläufig sprachen nur seine Augen, aber so deutlich, daß Gretchen nicht gut im Zweifel bleiben konnte über das, was ihr bevorstand. Diesmal jedoch fiel es ihr nicht ein, davonzulaufen oder ein paar Saiten auf dem Clavier entzweizuschlagen, wie sie es mit Vorliebe that, wenn die Gefühle des Assessors zum Ausbruch zu kommen drohten; sie hatte sich wieder hingesetzt und wartete der kommenden Dinge.

Nach einer Weile näherte sich denn auch der Doctor, freilich sehr scheu und ängstlich.

„Mein Fräulein,“ begann er. „Ich glaubte in der That – das heißt: ich setzte voraus – die innige Neigung des Assessors für Sie –“

Er hielt inne und besann sich, daß es doch sehr unpraktisch sei, von der innigen Neigung des Assessors zu reden, wo er von der seinigen sprechen wollte. Gretchen sah, daß er im Begriff stand, sich rettungslos zu verwickeln, und daß sie ihm zu Hülfe kommen müsse, was denn auch geschah. Es war freilich nur ein Blick, den sie ihrem zaghaften Freier zuwarf, aber er sprach ebenso deutlich, wie vorhin der seinige. Der Doctor faßte auf einmal Muth und ging mit unerhörter Kühnheit vorwärts.

„Der Irrthum hat mich sehr unglücklich gemacht,“ sagte er. „Noch gestern hätte ich nicht gewagt, Ihnen das zu gestehen, obgleich es mir fast das Herz abdrückte. Wie konnte ich, dessen ganze Existenz von der Großmuth Waldemar’s abhängig war, Ihnen mit Wünschen nahen! Der heutige Morgen hat das Alles geändert. Die Zukunft, die man mir bietet, läßt es wenigstens nicht mehr als eine Vermessenheit erscheinen, wenn ich meinen Gefühlen Worte gebe. Fräulein Margarethe, Sie haben mir vorhin meine entsagungsvolle Natur zum Vorwurf gemacht; wenn Sie wüßten, wie sehr ich von jeher auf die Entsagung angewiesen war, Sie würden den Vorwurf zurücknehmen. Ich bin stets einsam und unbeachtet durch das Leben gegangen, mit einer trüben und freudlosen Jugend, mit den härtesten Entbehrungen habe ich mir das Studium erkaufen müssen, und doch nichts damit gewonnen, als eine Abhängigkeit von fremden Launen oder fremder Güte. Glauben Sie mir, es ist schwer, mit einem ernsten hohen Streben, mit der glühenden Begeisterung für die Wissenschaft im Herzen, Tag für Tag zu der Fassungskraft von Knaben herabzusteigen, die man in den Anfangsgründen des Lernens unterrichten muß, und ich habe das lange thun müssen, sehr lange, bis Waldemar mir die Möglichkeit gab, meinen Studien zu leben, und mir die Laufbahn öffnete, die sich jetzt vor mir aufthut. Es ist wahr, ich wollte sie ihm opfern, wollte ihm die ganze Berufung verschweigen, aber damals hielt ich Sie noch für die Braut eines Anderen, jetzt dagegen –“ er hatte die Hand des jungen Mädchens ergriffen; fort waren Scheu und Verlegenheit; jetzt, wo er einmal in Fluß gekommen war, stürzten ihm die Worte nur so von den Lippen – „jene Zukunft verheißt mir so Vieles; ob sie mir auch Glück verheißen soll, das liegt einzig in Ihren Händen. Entscheiden Sie, ob ich sie annehmen oder zurückweisen soll, Margarethe –!“

Er war jetzt genau so weit gekommen, wie damals der Assessor, als er die große Kunstpause machte, die seinem beabsichtigten Kniefall voranging, und mit beiden stecken blieb, weil seine Angebetete gerade im entscheidenden Augenblicke davonlief. Der Doctor versuchte nun zwar keinen Kniefall, dafür vermied er aber auch glücklich die verhängnißvolle Pause; er sprach ohne Stocken und Zögern weiter, während Gretchen mit niedergeschlagenen Augen vor ihm saß und mit unendlicher Befriedigung zuhörte, und Liebeserklärung, Jawort und sogar die schließliche Umarmung gingen prompt und ohne Störung von Statten. –

Herr Assessor Hubert kam die Treppe herunter; er hatte den Kutscher wieder einmal vernommen, und zwar so lange und so ausführlich, bis sie Beide müde und matt waren, und gedachte nun, sich von den anstrengenden Pflichten seines Amtes zu erholen, indem er den Gefühlen seines Herzens freien Lauf ließ. Der arme Hubert! Er hatte ja selbst gesagt, daß es sein Schicksal sei, überall zu spät zu kommen; wie sehr dies aber gerade heute der Fall war, ahnte er noch gar nicht. Seine Abreise war auf den Nachmittag festgesetzt, aber vorher wollte und mußte er noch mit seiner Bewerbung in’s Klare kommen. Er war fest entschlossen, diesmal nicht ohne Jawort abzureisen, und in dem Eifer dieses Entschlusses öffnete er die Thür des Vorzimmers so energisch und geräuschvoll, daß das neue Brautpaar im anstoßenden Gemache Zeit hatte, eine ganz unverfängliche Haltung anzunehmen. Gretchen saß am Fenster und der Doctor stand bei ihr, dicht neben dem Clavier, das zur großen Erleichterung des eintretenden Assessors diesmal geschlossen war.

Hubert grüßte herablassend. Es lag stets etwas Gönnerhaftes in seinem Wesen, wenn er mit dem Doctor verkehrte, der in seinen Augen nichts weiter war, als ein pensionirter Hauslehrer, dessen ganze Wichtigkeit in seinen Beziehungen zu dem Herrn von Wilicza bestand. Heute nun, bei der beabsichtigten Erklärung, war ihm Fabian geradezu im Wege, und er gab sich durchaus keine Mühe, das zu verbergen.

„Ich bedaure zu stören. Sie halten wohl gerade französische Uebung mit dem Fräulein?“

Der Ton war so nachlässig, so ganz in der Art wie man zu einem bezahlten Lehrer spricht, daß selbst die Gutmüthigkeit des Doctors nicht davor Stand hielt. Er hatte es bisher noch nie über sich gewonnen, dieses Benehmen zu rügen, das sich Hubert oft genug gegen ihn erlaubte, heute aber verletzte es seine neue Bräutigamswürde doch gar zu empfindlich; er richtete sich empor und sagte mit einer Haltung, die Gretchens höchste Befriedigung erregte:

„Sie irren – wir übten uns in einer ganz anderen Wissenschaft.“

Der Assessor merkte durchaus nichts; er war ganz mit dem Gedanken beschäftigt, wie er diesen unbequemen Menschen möglichst schnell beseitigen könne.

„In der historischen vielleicht?“ fragte er malitiös. „Das ist ja wohl Ihr Steckenpferd? Leider ist es wenig geeignet für junge Damen. Sie werden das Fräulein damit langweilen, Herr Doctor Fabian.“

Dieser wollte antworten, aber Gretchen kam ihm zuvor; sie fand, daß es jetzt die höchste Zeit war, dem Herrn Assessor einen Dämpfer aufzusetzen, und unterzog sich dieser Mühe mit außerordentlichem Wohlgefallen.

[781] „Sie werden dem Herrn Doctor wohl bald einen anderen Titel geben müssen,“ sagte sie nachdrücklichst. „Er steht im Begriffe, eine Professur in J. anzunehmen, die man ihm wegen seiner außerordenlichen wissenschaftlichen und literarischen Verdienste angeboten hat.“

„Wa – was?“ rief der Assessor zurückprallend, aber noch mit dem Ausdrucke des vollsten Unglaubens. Er konnte sich in diese plötzliche Verwandlung des stets übersehenen Fabian in einen Universitätsprofessor unmöglich so schnell finden.

Bei dem Letzteren hatte die Gutmüthigkeit schon wieder die Oberhand gewonnen, und der Gedanke an die doppelte Kränkung, die er dem Neffen seines Gegners und dem unglücklichen Bewerber seiner Braut nothgedrungen zufügen mußte, regte seine ganze Gewissenhaftigkeit auf.

„Herr Assessor,“ begann er, in der Voraussetzung, Hubert sei bereits von den letzten Vorgängen auf der Universität unterrichtet, was aber noch keineswegs der Fall war, „es ist mir sehr peinlich, von Ihrem Herrn Onkel so verkannt zu werden, wie es leider den Anschein hat. Niemand kann aufrichtiger als ich seine großen Verdienste schätzen und anerkennen. Seien Sie überzeugt, daß ich nicht den mindesten Antheil an dem Streite habe, den meine ‚Geschichte des Germanenthums‘ hervorrief. Professor Schwarz scheint zu glauben, daß ich aus eigensüchtigen Motiven jenen Streit geschürt und auf die Spitze getrieben hätte.“

Jetzt begann dem Assessor ein Licht aufzugehen, aber ein schreckliches. Er kannte nicht den Namen jenes „obscuren Menschen“, den die Gegenpartei auf den Schild gehoben hatte, indem sie sich unterfing, sein Werk neben, ja über die Schwarz’schen Schriften zu stellen, aber er wußte, daß es sich dabei um eine „Geschichte des Germanenthums“ handelte, und die Worte Fabian’s ließen ihm keinen Zweifel mehr, daß der Verfasser dieses Buches, dieser Intriguant, dieser Attenthäter auf die Familienberühmtheit, leibhaftig vor ihm stehe. Er wollte seinem Erstaunen, seiner Entrüstung Worte leihen, als Gretchen, die sich schon berufen fühlte, die künftige Frau Professorin zu vertreten, von Neuem dazwischen fuhr.

„Jawohl, Professor Schwarz könnte das glauben,“ wiederholte sie, „und dies um so mehr, da Doctor Fabian ausdrücklich berufen ist, ihn zu ersetzen und seinen Lehrstuhl in J. einzunehmen. Sie wissen doch bereits, daß Ihr Onkel seine Entlassung genommen hat?“

Der Assessor rang in einer so beängstigenden Weise nach Athem, daß Fabian einen bittenden Blick zu seiner Braut hinüber sandte, aber diese blieb mitleidlos. Sie konnte es nicht vergessen, daß Hubert schon vor Monaten sich ihres Jawortes gerühmt hatte, und wollte ihm eine Lehre dafür geben; deshalb spielte sie ihren letzten Trumpf aus und ergriff sehr förmlich die Hand des Doctors.

„Und gleichzeitig, Herr Assessor, habe ich das Vergnügen, Ihnen in dem künftigen Professor Fabian, dem Nachfolger Ihres berühmten Onkels, meinen Bräutigam vorzustellen.“ – – –

„Ich glaube, der Assessor ist übergeschnappt,“ sagte Frank, der draußen auf dem Hofe stand, mit besorgter Miene zu seinem Inspector. „Er kommt wie ein Tollhäusler aus dem Hause gestürzt, rennt mich fast über den Haufen, ohne zu grüßen, ohne mir Rede zu stehen, und schreit nach seinem Wagen. Er war schon den ganzen Morgen so exaltirt. Wenn ihm nur die Verschwörungsgeschichten nicht zu Kopfe gestiegen sind! Gehen Sie ihm doch einmal nach und sehen Sie, was er macht und ob er nicht etwa ein Unglück anrichtet!“

Der Inspector zuckte die Achseln und deutete auf den Wagen, der soeben in vollem Trabe abfuhr. „Es ist zu spät, Herr Administrator – da fährt er eben hin.“

Frank schüttelte sehr bedenklich den Kopf und trat in das Haus, wo ihm nun allerdings die Erklärung für den Sturmlauf des Assessors zu Theil wurde und seine ernstlichen Zweifel an dessen Verstand beseitigte. Der Kutscher vom Schlosse aber, der gleichfalls auf dem Hofe stand, faltete die Hände und sagte aufathmend:

„Er ist fort. Gott sei Dank – nun kann er mich nicht mehr vernehmen.“


In Wilicza selbst herrschte inzwischen eine dumpfe gewitterschwüle Atmosphäre, die sogar von der Dienerschaft empfunden wurde. Seit Herr Nordeck gestern Abend in Begleitung der Gräfin Morynska von der Grenzförsterei zurückgekehrt war, herrschte Sturm in den oberen Regionen des Schlosses – die Anzeichen verriethen es nur zu deutlich. Die junge Gräfin hatte noch an demselben Abende eine Unterredung mit ihrer Tante gehabt, seitdem aber ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen. Auch die Fürstin wurde wenig sichtbar, und wenn es geschah, so war ihr Aussehen der Art, daß die Dienerschaft es für gut hielt, so wenig wie möglich in ihre Nähe zu kommen; sie kannte die gerunzelte Stirn und diese fest zusammengepreßten [782] Lippen bei der Gebieterin und wußte, daß sie nichts Gutes verkündeten. Selbst Waldemar zeigte nicht die gewohnte kalte Ruhe, die er gerade dann nach außen hin zu bewahren wußte, wenn es in seinen Innern am heftigsten stürmte. Es lag heute etwas Finsteres, Gereiztes in seinem Wesen. Vielleicht trug die zweimalige Abweisung die Schuld daran, welche er im Laufe des Tages von Wanda hatte erfahren müssen. Es war ihm nicht gelungen, sie wieder zu sehen seit der Minute, wo er sie, erschöpft von der Aufregung und dem Blutverlust, halb ohnmächtig in die Arme seiner Mutter gelegt. Sie weigerte sich, ihn zu sehen, und doch wußte er, daß sie nicht ernstlich krank war. Der Arzt hatte ihm wiederholt versichert, die Wunde der Gräfin sei in der That gefahrlos und werde ihr morgen schon gestatten, nach Rakowicz zurückzukehren, wenn er sich ihrem Verlangen, dies auf der Stelle zu thun, auch habe widersetzen müssen.

Es blieb dem jungen Gutsherrn freilich nicht viel Zeit, sich mit seinen eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen, denn von außen her stürmte alles Mögliche auf ihn ein. Die Leiche des Försters wurde nach Wilicza gebracht, bei welcher Gelegenheit man erst das Entweichen des gesammten Forstpersonals entdeckte. Die Försterei mußte unter andere Aufsicht gestellt und die nöthigen Maßregeln zur Sicherheit und zum Schutze des einstweilen dorthin gesendeter Inspectors Fellner getroffen werden. Alles hatte Waldemar selbst zu leiten und anzuordnen. Schließlich kam noch Assessor Hubert und quälte ihn mit Vernehmungen, Protocollen und Rathschlägen so lange, bis er die Geduld verlor und zu dem bewährten Mittel seiner Mutter griff, um sich den unbequemen Beamten abzuschütteln, aber kaum war er den Assessor und seine Verschwörungsgeschichten los, so kamen andere Anforderungen. Man hatte jetzt auch in L. erfahren, wie es drüben bei den Insurgenten stand und daß die nächsten Tage aller Wahrscheinlichkeit nach Kämpfe in unmittelbarer Nähe der Grenze bringen würden. In Folge dessen war der Befehl ergangen, die Grenzbesatzung bedeutend zu verstärken, um auf alle Fälle das diesseitige Gebiet zu schützen und vor Verletzungen zu bewahren.

Eine starke Militärabtheilung zog durch Wilicza, und während die Mannschaften auf einige Stunden im Dorfe Halt machten, sprachen die Officiere, die den Gutsherrn persönlich kannten, im Schlosse ein. Die Fürstin blieb natürlich unsichtbar, wie sie es stets den Gästen ihres Sohnes gegenüber war, seit dieser sich offen gegen sie und die Ihrigen erklärt hatte, und so mußte Waldemar denn allein die Ankömmlinge empfangen; ob er in der Stimmung dazu war, danach fragte Niemand. Es galt, den Fremden eine ruhige, unbewegte Stirn zu zeigen, damit sie nicht noch mehr von der Familientragödie erfuhren, als sie ohnedies schon wußten. Sie kannten ja die Rolle, welche der Bruder und der Oheim des Schloßherrin in dem Aufstande spielten, die Stellung des Sohnes der Mutter gegenüber; das Alles war ja Tagesgespräch in L., und Waldemar empfand schwer genug die Rücksicht, mit der man sich bemühte, in seiner Gegenwart jede Hindeutung darauf zu vermeiden und den ganzen Aufstand nur in so fern zu berühren, als man eben nur die neuesten militärischen Maßregeln auf deutscher Seite besprach, die dadurch hervorgerufen wurden. Endlich, spät am Nachmittage zog das Detachement ab, um noch vor Einbruch der Dunkelheit die angewiesenen Posten an der Grenze zu erreichen. Und nun kam zuletzt noch Doctor Fabian, der nunmehrige Bräutigam und künftige Professor, mit seiner doppelten Neuigkeit, für die er doch auch bei seinem ehemaligen Zöglinge Theilnahme und Interesse beanspruchte, und zwang diesen, sich um fremdes Glück zu kümmern, wo er das seinige rettungslos in Trümmer gehen sah – es gehörte in der That eine so stählerne Natur wie die Nordeck’s dazu, um dem Allen mit dem Anscheine äußerer Ruhe Stand zu halten.

Es war am zweiten Tage nach jenem Ereignisse auf der Försterei, zu noch sehr früher Stunde. Die Fürstin war allein in ihrem Salon; man sah es ihrem Gesichte an, daß von einer Nachtruhe bei ihr nicht viel die Rede gewesen war. Der graue Nebelmorgen draußen vermochte es nicht, das hohe düstere Gemach vollständig zu erhellen; der größte Theil desselben blieb in Schatten gehüllt, nur das Kaminfeuer warf seinen unruhig flackernder Schein auf den Teppich und auf die Gestalt der Fürstin, die in unmittelbarer Nähe saß.

In finsteres Nachsinnen verloren, stützte sie den Kopf in die Hand. Was sie von gestern Abend erfahren hatte, das wühlte und arbeitete immer noch in ihrem Innern; die Frau, die es sonst so ausgezeichnet verstand, sich auf den Boden der Thatsachen zu stellen und mit denselben zu rechnen, konnte diesmal nicht damit fertig werden. Also war es umsonst gewesen. Die Schonungslosigkeit, mit der sie ihrer Nichte damals das eigene Innere enthüllte, um ihr eine Waffe gegen die entstehende Leidenschaft in die Hand zu geben, die monatelang so streng und unverbrüchlich festgehaltene Trennung, die letzte Unterredung in Rakowicz – Alles umsonst! Vor einem einzigen Momente, vor einer Gefahr, die Waldemar bedrohte, sank das Alles zusammen. Wanda hatte ihrer Tante noch an demselben Abende das Geschehene mitgetheilt. Die junge Gräfin war viel zu stolz, viel zu sehr in ihren nationalen Vorurtheilen befangen, um sich nicht mit aller Energie von dem Verdachte zu reinigen, sie habe wirklich das gethan, was die Fürstin „Verrath“ nannte. Sie erklärte der Tante, daß sie keine Warnung gesandt, keinen Argwohn erweckt habe, daß sie erst im letzten Augenblicke, als es hinsichtlich der Försterei nichts mehr zu verbergen und zu retten gab, dazwischen getreten sei. Wie das geschehen war, und was sie gethan hatte, um Waldemar zu retten, konnte sie freilich auch nicht verbergen – die Wunde an ihrem Arme sprach deutlich genug.

Der Eintritt ihres Sohnes weckte die Fürstin aus den quälenden Gedanken, die in ihrem Innern auf- und niederwogten. Sie wußte es, woher es kam. Pawlick hatte ihr gemeldet, Herr Nordeck habe es heute Morgen zum dritten Male versucht, Einlaß bei der Gräfin Morynska zu erlangen, und diesmal auch wirklich seinen Willen durchgesetzt. Er kam langsam näher und blieb seiner Mutter gegenüber stehen.

„Du kommst von Wanda?“ fragte sie.

„Ja.“

Die Fürstin sah in sein Gesicht, das in diesem Momente von dem aufflackernden Feuer hell beleuchtet wurde. Es stand ein Zug herben, aber verbissenen Schmerzes darin.

„Also hast Du es wirklich erzwungen, trotz ihrer wiederholten Weigerung. Freilich, was erzwängst Du nicht! Wenigstens wird die Unterredung Dich überzeugt haben, daß es nicht mein Verbot war, das Dir Wanda’s Thür verschloß, wie Du mit solcher Bestimmtheit annahmst. Es war ihr eigener Wille, Dich nicht zu sehen, Du hast ihn wenig genug geachtet.“

„Ich werde nach dem, was Wanda gestern um meinetwillen gewagt hat, doch wenigstens das Recht haben, sie zu sehen und zu sprechen; sprechen mußte ich sie. O, sei ganz ruhig!“ fuhr er mit ausbrechender Bitterkeit fort, als die Fürstin etwas erwidern wollte. „Deine Nichte hat vollständig Deinen Erwartungen entsprochen und das Möglichste gethan, mir jede Hoffnung zu rauben. Sie glaubt allerdings, nur ihrem eigenen Willen zu folgen, wo sie sich blindlings dem Deinigen unterwirft. Es waren Deine Worte, Deine Anschauungen, die ich aus ihrem Munde hören mußte. Ich allein hätte es vielleicht von ihr erreicht, erzwungen, wie ich diese Unterredung erzwang, aber ich vergaß, daß sie seit vorgestern Abend unausgesetzt Deinem Einflusse preisgegeben war. Du hast ihr das Wort, das sie noch als ein halbes Kind, von Euch überredet und gedrängt, meinem Bruder gab, als ein unwiderrufliches Gelübde hingestellt, das zu brechen Todsünde wäre, hast sie so in Eure nationalen Vorurtheile hineingehetzt –“

„Waldemar!“ unterbrach ihn die Mutter drohend.

„In das Vorurtheil,“ wiederholte er mit Nachdruck, „daß es ein Verrath an ihrer Familie und ihrem Volke wäre, wenn sie einwilligte, mir anzugehören, weil ich zufällig ein Deutscher bin und die Verhältnisse mich zwangen, feindselig gegen Euch aufzutreten. Nun, Du hast es erreicht; sie würde jetzt eher sterben, als auch nur die Hand zu ihrer Befreiung rühren, oder mir Erlaubniß geben, das zu thun, und das danke ich Dir allein.“

„Ich habe Wanda allerdings an ihre Pflicht erinnert,“ entgegnete die Fürstin kalt. „Es bedurfte dessen kaum mehr; sie war schon allein zur Besinnung gekommen, und ich hoffe, das ist jetzt auch bei Dir der Fall. Daß Deine einstige Knabenneigung nicht erloschen, daß sie im Gegentheil zur Leidenschaft herangewachsen war, wußte ich seit dem Tage, wo Du Dich hier mir gegenüber als Feind erklärtest. In welchem Maße diese [783] Leidenschaft erwidert wird, weiß ich erst seit vorgestern. Es wäre nutzlos, Euch Vorwürfe über das Geschehene zu machen – es wird dadurch nicht ungeschehen gemacht, aber Ihr fühlt wohl selbst, was Ihr jetzt Euch und Leo schuldig seid – die unbedingteste Trennung! Wanda hat das bereits eingesehen, und auch Du mußt Dich dem fügen.“

„Muß ich?“ fragte Waldemar. „Du weißt, Mutter, Fügsamkeit ist meine Tugend nicht, und am wenigsten da, wo mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele steht.“

Die Fürstin sah mit dem Ausdrucke schreckensvoller Ueberraschung empor. „Was heißt das? Willst Du etwa versuchen, Deinem Bruder die Braut zu rauben, nachdem Du ihm bereits ihre Liebe geraubt hast?“

„Die hat Leo nie besessen. Wanda kannte sich und ihr Herz noch nicht, als sie seiner Neigung, als sie Deinen und ihres Vaters Wünschen und den Familienplänen nachgab. Ihre Liebe besitze ich, und nun ich diese Gewißheit habe, werde ich auch zu behaupten wissen, was mein ist.“

„Nicht so unbeugsam, Waldemar!“ sagte die Fürstin fast mit Hohn. „Hast Du schon bedacht, was Dein Bruder Dir auf eine solche Zumuthung antworten wird?“

„Ich würde meine Braut freigeben, wenn sie mir erklärte, daß ihre Liebe einem Andern gehöre,“ erwiderte der junge Mann fest. „Unbedingt und entschieden freigeben, gleichviel, was ich dabei empfände. Leo wird das nun allerdings nicht thun, wie ich ihn kenne. Er wird außer sich gerathen, Wanda bis zur Verzweiflung quälen und sich und uns eine Reihe der furchtbarsten Scenen bereiten.“

„Willst Du ihm Vorschriften für seine Mäßigung machen, Du, der Du ihn bis auf den Tod beleidigst?“ fiel die Mutter ein. „Freilich, Leo ist ja fern; er steht im Kampfe für die heiligsten Güter seines Volkes, und während er stündlich das Leben dafür einsetzt, ahnt er nicht, daß sein Bruder zu Hause, hinter seinem Rücken –“

Sie hielt inne, denn Waldemar’s Hand legte sich schwer auf die ihrige. „Mutter,“ sagte er mit einer Stimme, welche die Fürstin warnte, denn dieser dumpfe gepreßte Ton ging bei ihm stets einem Ausbruche voraus. „Laß’ die Beschuldigungen, an die Du selbst nicht glaubst! Du weißt besser als jeder Andere, wie Wanda und ich gegen diese Leidenschaft gekämpft haben, weißt, welcher Moment es war, der uns endlich das Siegel von den Lippen nahm. Hinter Leo’s Rücken! Auf meinem Zimmer liegt der Brief, den ich an ihn schrieb, ehe ich zu Wanda ging; meine Unterredung mit ihr ändert darin nichts. Wissen muß er es, daß das Wort ‚Liebe‘ zwischen uns gefallen ist; wir würden es Beide nicht ertragen, ihm das zu verhehlen. Ich wollte den Brief Dir übergeben. Du allein weißt mit Sicherheit, wo Leo jetzt zu finden ist, und kannst das Schreiben in seine Hände gelangen lassen.“

„Um keinen Preis!“ rief die Fürstin heftig. „Ich kenne zu gut das heiße Blut meines Sohnes, um ihm eine solche Folter aufzuerlegen. Fern zu bleiben, vielleicht noch Monate lang, während seine ganze Eifersucht entfesselt ist und er sich hier in seinem Theuersten bedroht weiß – das geht über seine Kräfte. Und doch muß er ausharren, doch darf er seinen Posten nicht verlassen, ehe nicht Alles dort entschieden ist. Nein, nein, davon kann keine Rede sein. Ich habe Wanda bereits das Wort abgenommen, zu schweigen, und auch Du wirst mir das versprechen. Sie kehrt heute noch nach Rakowicz zurück und geht, sobald sie völlig hergestellt ist, zu unseren Verwandten nach M. um dort so lange zu bleiben, bis Leo zurückgekehrt ist und seine Rechte persönlich wahren kann.“

„Ich weiß es,“ entgegnete Waldemar finster. „Sie selbst hat es mir gesagt. Sie kann ja jetzt nicht Meilen genug zwischen uns legen. Was die Liebe, was die Verzweiflung nur eingeben kann, das habe ich bei ihr versucht – es war vergebens; sie setzt mir immer wieder dieses unwiderrufliche Nein entgegen. – Sei’s denn, bis zu Leo’s Rückkehr! Vielleicht hast Du Recht – es ist besser, wir machen das Auge in Auge ab, und mir ist die Art jedenfalls die liebste. Ich bin jeden Augenblick bereit, ihm Rede zu stehen. Was dann zwischen uns geschieht, ist freilich eine andere Frage.“

Die Fürstin erhob sich und trat zu ihrem Sohne. „Waldemar, gieb diese unsinnige Hoffnung auf! Ich sage Dir, Wanda würde nie die Deine, auch wenn sie frei wäre. Es steht zu Vieles, zu Unübersteigliches zwischen Euch. Du täuschest Dich, wenn Du auf eine Sinnesänderung bei ihr rechnest. Was Du nationale Vorurtheile nennst, das ist für sie das Lebensblut, mit dem sie genährt ist seit ihrer frühesten Jugend, das sie nicht lassen kann, ohne das Leben selbst zu lassen. Mag sie Dich lieben, die Tochter der Morynski, die Braut des Fürsten Baratowski weiß, was Pflicht und Ehre von ihr fordern, und wüßte sie es nicht, so sind wir da, sie daran zu erinnern, ich, ihr Vater, vor allen Dingen Leo selber.“

Ein beinahe verächtliches Lächeln spielte um die Lippen des jungen Mannes, als er erwiderte: „Und glaubst Du denn wirklich, daß einer von Euch mich hindern würde, wenn ich Wanda’s Ja hätte? Daß sie sich mir versagt, daß sie mir verbietet, für sie und um sie zu kämpfen, das ist’s, was mir vorhin bei ihr die Fassung raubte. Aber gleich viel! Wer wie ich nie im Leben Liebe erfahren hat und wem sie sich dann plötzlich so ganz, so beglückend aufthut, wie mir in jener Stunde, der verzichtet und entsagt nicht so leicht. Der Preis ist mir denn doch zu hoch, als daß ich den Kampf nicht versuchen sollte. Wo ich Alles zu gewinnen habe, da setze ich auch Alles ein, und wenn sich noch zehnfach größere Hindernisse zwischen uns aufthürmten – Wanda wird mein.“

Es lag eine unbeugsame Energie in diesen Worten. Der rothe Feuerschein vom Kamine her beleuchtete Waldemar’s Züge, die in diesem Augenblicke wie aus Erz gegossen erschienen. Die Fürstin mußte es wieder einmal anerkennen, daß es ihr Sohn war, der da vor ihr stand mit der verhängnißvollen blauen Linie an der Stirn, mit jenem Blicke und jener Haltung, „als sähe man die Mutter selbst.“ Sie hatte sich bisher vergebens gemüht, das Unerhörte, Unmögliche zu begreifen, daß Waldemar, der kalte, finstere, abstoßende Waldemar ihrem Leo vorgezogen wurde, daß er Sieger blieb gegen den schönen ritterlichen Bruder, wo es sich um die Liebe eines Weibes handelte – in diesem Augenblicke begriff sie es.

„Hast Du vergessen, wer Dein Gegner ist?“ fragte Sie mit ernstem Nachdruck. „Bruder gegen Bruder! Soll ich die feindselige, vielleicht blutige Begegnung zwischen meinen Söhnen mit ansehen? Denkt Ihr gar nicht an die Angst der Mutter?“

„Deine Söhne!“ wiederholte Waldemar. „Wo es sich um die Angst und die Zärtlichkeit der Mutter handelt, ist doch wohl nur von einem Sohne die Rede. Du vergiebst es mir nicht, daß ich mich in das Glück Deines Lieblings eingedrängt habe, und ich kenne eine Lösung, die Dir wenig Thränen kosten würde. Aber sei ruhig! Was ich thun kann, einen schlimmen Ausgang zu hindern, das geschieht; sorge nur, daß Leo mir die Möglichkeit läßt, in ihm den Bruder zu sehen! Du hast eine unmschränkte Gewalt über ihn; auf Dich wird er hören. Du weißt, ich habe es gelernt, meiner Natur Zügel anzulegen, aber meine Selbstbeherrschung geht nur bis zu einer gewissen Grenze; reißt Leo mich darüber hinaus, so stehe ich für nichts mehr ein. Er versteht es wenig, fremde Ehre zu schonen, wo er sich beleidigt glaubt.“

Sie wurden unterbrochen. Man meldete dem Schloßherrn, draußen stehe ein Unterofficier des Detachements, das gestern durch Wilicza gezogen war, und verlange ihn dringend und sofort zu sprechen. Waldemar ging hinaus. Er war es seit den letzten Tagen gewohnt, daß diese äußeren Störungen sich gerade dann eindrängten, wenn man am wenigsten in der Stimmung war, ihnen Rechnung zu tragen.

Im Vorzimmer stand der Gemeldete. Er brachte einen Gruß des commandirenden Officiers und eine Bitte desselben. Das Detachement stand, gleich nachdem es seinen neuen Posten bezogen, der Nothwendigkeit gegenüber, einzuschreiten. Während der Nacht hatte drüben ein heftiger Kampf stattgefunden, der mit einer Niederlage der Insurgenten endigte; sie flohen in größter Unordnung, hitzig verfolgt von den Siegern. Ein Theil der Flüchtlinge hatte sich durch den Uebertritt auf das diesseitige Gebiet gerettet. Sie waren von einer Patrouille angehalten und entwaffnet worden und sollten nach L. gebracht werden. Es befanden sich aber einige schwer Verwundete darunter, von denen man fürchtete, daß sie den Transport nicht aushalten würden; der Officier bat um vorläufige Aufnahme derselben in dem nahen Wilicza. Der Wagen mit den Kranken befand sich bereits unten im Dorfe. Waldemar war augenblicklich bereit, der Aufforderung [784] nachzukommen, und ließ drüben auf dem Gutshofe die nöthigen Anstalten zur Unterkunft der Verwundeten treffen. Er ging selbst in Begleitung des Unterofficiers hinüber.

Die Fürstin war inzwischen allein zurückgeblieben. Sie hatte die Nachricht nicht gehört und von der Meldung, die ihren Sohn abrief, keine Notiz genommen – es waren ganz andere Gedanken, die sie beschäftigten.

Was nun? Diese Frage erhob sich immer wieder wie ein drohendes Gespenst, das sich nicht bannen läßt; hinausgeschoben konnte die Entscheidung wohl werden, aber damit wurde sie nicht aufgehoben. Die Fürstin kannte ihre Söhne hinreichend, um zu wissen, was zu erwarten stand, wenn sie sich als Feinde begegneten, und Todfeinde mußten sie von dem Augenblicke an werden, wo Leo die Wahrheit entdeckte. Er, dessen Eifersucht schon bei einem ersten unbestimmten Verdachte aufflammte, daß sie ihn fast seiner Pflicht abwendig machte, wenn er jetzt erfuhr, daß der Bruder ihm in der That die Liebe seiner Braut geraubt hatte, wenn Waldemar’s nur äußerlich gebändigte Wildheit bei dem Streite mit ihrer alten Macht hervorbrach – die Mutter bebte zurück vor dem Abgrunde, der sich mit diesem Gedanken vor ihr aufthat. Sie wußte, daß sie dann machtlos sein würde, auch ihrem Jüngstgeborenen gegenüber, daß in diesem Punkte ihre Gewalt über ihn zu Ende war. Waldemar wie Leo hatten das Blut ihrer Väter in den Adern, und welche Contraste Nordeck und Fürst Baratowski auch sonst gewesen sein mochten, in einem waren sie gleich, in der Unmöglichkeit, die einmal aufgereizten Leidenschaften zu zügeln.

Die Thür des Nebengemaches wurde geöffnet. Vielleicht kehrte Waldemar zurück; er war ja mitten aus der Unterredung abgerufen worden, aber der Schritt war schneller, unruhiger als der seinige. Jetzt rauschten die Falten der Portière, die von dem Eintretenden hastig bei Seite geschoben wurden, und mit einem Schrei des Schreckens und der Freude fuhr die Fürstin von ihrem Sitze empor.

„Leo! Du hier!“

Fürst Baratowski lag in den Armen seiner Mutter. Er erwiderte die Umarmung wohl, aber er hatte kein Wort des Grußes. Schweigend und heftig preßte er sie an sich; die Bewegung verrieth nichts von der Freude des Wiedersehens.

„Woher kommst Du?“ fragte die Fürstin, bei der schon im nächsten Augenblicke die Besinnung und damit auch die Besorgniß die Oberhand gewann. „So plötzlich, so unerwartet! Und wie kannst Du so unvorsichtig sein, bei hellem Tage in das Schloß zu kommen? Du weißt ja, daß Dir hier überall die Verhaftung droht. Die Patrouillen streifen durch unser ganzes Gebiet. Warum wartest Du nicht bis zum Eintritte der Dunkelheit?“

Leo richtete sich aus ihren Armen empor. „Ich habe lange genug gewartet. Seit gestern Abend bin ich fort – die ganze Nacht habe ich wie auf der Folter gelegen; es war unmöglich, die Grenze zu passiren – ich mußte mich verborgen halten. Endlich beim Tagesgrauen gelang es mir hinüber zu kommen und die Wälder von Wilicza zu erreichen – und dann kostete es neue Anstrengung, bis ich das Schloß gewann.“

Er stieß das alles aufgeregt und abgebrochen hervor. Die Mutter sah erst jetzt, wie bleich und verstört er aussah. Sie zog ihn fast gewaltsam auf einen Sessel nieder.

„Erhole Dich! Du bist zu Tode erschöpft von dem Wagniß. Welche Tollkühnheit, Leben und Freiheit auf’s Spiel zu setzen um eines kurzen Wiedersehens willen! Du mußtest Dir doch sagen, daß bei uns die Angst um Dich jede Freude überwiegt. Ich begreife überhaupt nicht, wie Bronislaw Dich fortlassen konnte. Ihr seid ja mitten in Kampfe.“

„Nein, nein,“ fiel Leo ein. „In den nächsten vierundzwanzig Stunden geschieht nichts. Wir sind genau unterrichtet über die Stellungen des Feindes. Uebermorgen, morgen vielleicht kommt es zur Entscheidung; bis dahin ist Ruhe. Wenn ein Kampf bevorstände, würde ich nicht hier sein, so aber mußte ich nach Wilicza, und hätte es mir auch Leben und Freiheit gekostet.“

Die Fürstin sah ihn unruhig an. „Leo, Du hast doch Urlaub von Deinem Oheim?“ fragte sie plötzlich, wie von einem unbestimmten Verdacht ergriffen.

„Ja – ja!“ stieß der junge Fürst heraus, aber er vermied es, die Mutter dabei anzusehen. „Ich sage Dir ja, daß alles gesichert, alles vorhergesehen ist. Ich stehe mit meinem Commando in den Waldungen von A. in völlig gedeckter Stellung. Mein Adjutant hat einstweilen den Oberbefehl, bis ich zurückkomme.“

„Und Bronislaw?“

„Der Onkel hat die Hauptmacht bei W. zusammengezogen, ganz dicht an der Grenze. Ich decke ihm mit den Meinigen den Rücken. Aber nun laß mich, Mutter, frage nicht weiter! – Wo ist Waldemar?“

„Dein Bruder?“ fragte die Fürstin, befremdet und erschreckt zugleich, denn sie begann den Zusammenhang zu ahnen. „Kommst Du etwa seinetwegen?“

„Waldemar suche ich,“ brach jetzt Leo mit furchtbarem Ungestüm aus. „Ihn allein und sonst Keinen! Er ist nicht im Schlosse, sagt Pawlick, aber Wanda ist hier. Also hat er sie wirklich nach Wilicza gebracht, wie eine eroberte Beute, wie sein Eigenthum, und sie hat das geschehen lassen? Aber ich werde ihm zeigen, wem Wanda gehört, ihm – und ihr.“

„Um Gotteswillen, Du weißt –?“

„Was auf der Grenzförsterei geschehen ist, ja, das weiß ich. Osiecki’s Leute stießen gestern zu mir; sie brachten mir Bericht über das, was sie mit angesehen. Begreifst Du nun, daß ich um jeden Preis nach Wilicza mußte?“

„Das habe ich gefürchtet,“ sagte die Fürstin leise.

Leo war aufgesprungen und stand nun mit flammenden Augen vor ihr. „Und Du hast das geduldet, Mutter, hast es mit angesehen, wie meine Liebe, meine Rechte mit Füßen getreten wurden, Du, die sonst Jeden beherrscht und zum Gehorsam bringt!? Zwingt denn dieser Waldemar Alles nieder? Giebt es Niemand mehr, der es wagt, sich ihm in den Weg zu stellen? Ich Thor, der ich mich damals beim Abschiede zurückhalten ließ, ihn zur Rede zu stellen und Wanda aus seiner Nähe fortzureißen, daß eine fernere Begegnung zwischen ihnen unmöglich war! Aber –“ hier ging seine Stimme in den bittersten Ton über – „mein Verdacht beleidigte sie ja, und Du und der Onkel rechneten mir meine ‚blinde Eifersucht‘ als ein Verbrechen an. Seht Ihr es nun mit eigenen Augen? Während ich auf Leben und Tod für die Freiheit und Rettung des Vaterlandes kämpfe, da setzt meine Braut ihr Leben ein für Den, der sich offen zu unseren Unterdrückern bekennt, der uns hier in Wilicza den Fuß auf den Nacken gesetzt hat, wie es nur je die Tyrannen da drüben gethan haben, da verräth sie mich, vergißt sie Vaterland, Volk, Familie, Alles, um ihn vor der Gefahr zu schützen, die ihn bedroht. Vielleicht versucht sie das auch mir gegenüber, aber sie mag sich wahren! Ich frage jetzt nichts mehr danach, wer von uns zu Grunde geht, er oder ich, oder sie mit uns Beiden.“

Die Fürstin faßte wie beschwörend seine Hände. „Ruhig, Leo! Ich bitte Dich, ich fordere es von Dir. Stürme Deinem Bruder nicht mit diesem wilden Hasse entgegen; höre mich erst an!“

Leo riß sich los. „Ich habe schon zu viel gehört, genug, um mich zur Raserei zu bringen. Wanda hat sich in seine Arme geworfen, als ihn Osiecki’s Kugel suchte, sie hat ihn mit ihrem eigenen Körper gedeckt, ihre Brust zu seinem Schilde gemacht, und ich soll noch zweifeln an dem Verrathe! Wo ist Waldemar? Er wird doch endlich zu finden sein?“

Die Mutter versuchte vergebens ihn zu beruhigen – er hörte nicht auf sie, und während sie noch überlegte, auf welche Weise es möglich sei, die verhängnißvolle Begegnung zu verhindern, geschah das Aergste, was überhaupt geschehen konnte: Waldemar kam zurück.

Er trat rasch ein und war im Begriffe, auf die Fürstin zuzugehen, als er Leo erblickte. Es war mehr als Ueberraschung, es war ein tödtlicher Schreck, der sich bei diesem Anblicke in den Zügen des älteren Bruders malte. Erbleichend maß er den Jüngeren vom Kopfe bis zu den Füßen, dann flammte es in seinem Auge auf wie Zorn und Verachtung, und langsam sagte er:

„Also hier bist Du zu finden?“

Leo’s Gesicht verrieth eine Art wilder Genugthuung, als er endlich den Gegenstand seines Hasses vor sich sah.

„Du hast mich wohl nicht erwartet?“ fragte er.

[797] Waldemar erwiderte nichts. Ihm, dem Besonneneren, stieg sofort der Gedanke an die Gefahr auf, der sich Leo hier aussetzte; er wendete sich um, schloß die Thür des Nebenzimmers ab und kehrte dann wieder zurück.

„Nein,“ entgegnete er, die Frage erst jetzt beantwortend, „und auch die Mutter hat Dich schwerlich erwartet.“

„Ich wollte Dir Glück wünschen zu Deiner Heldenthat auf der Grenzförsterei, denn so wirst Du Deine Handlungsweise ja wohl nennen,“ fuhr der junge Fürst mit unverstelltem Hohne fort. „Du hast den Förster niedergeschossen und den Uebrigen allesammt die Spitze geboten. Die Feiglinge wagten es nicht, Dich anzurühren.“

„Sie gingen noch in derselben Nacht über die Grenze,“ sagte Waldemar. „Sind sie etwa zu Dir gestoßen?“

„Ja.“

„Das dachte ich mir. – Seit wann bist Du fort von Deinem Commando?“

„Willst Du etwa ein Verhör mit mir anstellen?“ fuhr Leo auf. „Ich bin gekommen, Dich zur Rechenschaft zu ziehen. Komm! Wir haben allein miteinander zu reden.“

„Ihr bleibt!“ gebot die Fürstin. „Ich lasse Euch nicht allein bei dieser Begegnung. Wenn sie denn doch einmal stattfinden muß, so sei es in meiner Gegenwart! Vielleicht vergeßt Ihr es dann nicht so ganz, daß Ihr Brüder seid.“

„Bruder oder nicht!“ rief Leo außer sich. „An mir hat er den schmählichsten Verrath geübt. Er wußte, daß Wanda meine Braut war, und er hat sich nicht gescheut, sie und ihre Liebe an sich zu reißen. So handelt nur ein Verräther, ein Ehr –“

Die Mutter wollte ihm wehren, aber umsonst - das Wort „Ehrloser“ fiel von seinen Lippen, und Waldemar zuckte zusammen, als habe ihn eine Kugel getroffen. Die Fürstin erbleichte. Es war nicht die bis zur Raserei gesteigerte Leidenschaft ihres jüngsten Sohnes, die sie so erschreckte, sondern der Ausdruck in dem Gesichte des ältesten, als dieser sich jetzt emporrichtete. Ihn riß sie zurück, ihn fürchtete sie, obgleich er waffenlos war, während Leo den Degen an der Seite trug, und mit der vollen Autorität der Mutter zwischen beide tretend, rief sie gebietend:

„Waldemar – Leo – Mäßigung! Ich befehle es Euch.“

Wenn die Fürstin Baratowska befahl, mit diesem Tone und dieser Haltung befahl, so hatte sie sich noch immer Gehör erzwungen. Auch ihre Söhne gehorchten unwillkürlich. Leo ließ die Hand sinken, die er schon am Degengriffe hatte, und Waldemar hielt inne. Er rang wieder furchtbar mit seinem Ungestüme, aber die Worte der Mutter hatten ihn zur Besinnung gebracht, und mehr bedurfte es jetzt nicht, um ihn sich selber zurückzugeben.

„Leo, jetzt ist es genug mit den Beleidigungen,“ sagte er rauh. „Noch ein Wort, ein einziges, und es bleibt uns wirklich keine andere Entscheidung, als die Waffe übrig. Wenn Du gestern noch das Recht hattest, mich anzuklagen, heute ist es verwirkt. Ich liebe Wanda mehr, als Du ahnst, denn Du hast nicht, wie ich, jahrelang im Kampfe mit dieser Leidenschaft gelegen, Dich nicht durch Haß und Trennung und Todesgefahr hindurchgerungen zum Bewußtsein, daß sie stärker ist als Du. Aber selbst um Wanda’s willen hätte ich nicht Pflicht und Ehre hingegeben. Ich wäre nicht von dem Posten gewichen, der mir übergeben ist, hätte nicht heimlich die mir anvertraute Schaar verlassen und den Eid gebrochen, mit dem ich meinem Führer Gehorsam zugeschworen. Das Alles hast Du gethan – die Mutter mag es entscheiden, wer von uns das schmachvolle Wort verdient, das Du mir zuschleuderst.“

„Was ist das, Leo?“ rief die Fürstin empor schreckend. „Du bist doch hier mit Wissen und Willen Deines Oheims? Du hattest doch ausdrückliche Erlaubniß von ihm, nach Wilicza zu gehen? Antworte!“

In dem bisher so bleichen Gesichte des jungen Fürsten schlug es jetzt wie eine Flamme auf; er wagte es nicht, dem Auge der Mutter zu begegnen, und wandte sich statt dessen mit jäh aufloderndem Trotze zu seinem Bruder.

„Was weißt Du von meinen Pflichten, was kümmern sie Dich? Du hältst es ja mit unseren Feinden. Ich habe meinen Platz im Kampfe so lange behauptet und werde zur Stelle sein, sobald es Noth thut. Aber eben deshalb eilt die Sache zwischen uns. Ich habe nicht viel Zeit, mit Dir abzurechnen; ich muß zurück zu den Meinigen, noch heute, schon in den nächsten Stunden.“

„Du kommst zu spät,“ sagte Waldemar kalt. „Du findest sie nicht mehr.“

Leo faßte augenscheinlich den Sinn dieser Worte nicht. Er sah den Bruder an, als rede dieser zu ihm in einer fremden Sprache.

„Seit wann hast Du Dein Commando verlassen?“ fragte Waldemar noch einmal, aber diesmal mit so furchtbarem Ernste, daß der Bruder ihm halb unwillkürlich Antwort gab.

[798] „Seit – gestern Abend.“

„Und in der Nacht hat der Ueberfall stattgefunden. Deine Schaar ist aufgelöst, vernichtet.“

Ein Aufschrei brach von den Lippen des jungen Fürsten. Er stürzte auf den Sprechenden zu. „Das ist nicht möglich; das kann nicht sein. Du lügst; Du willst mich nur schrecken mit der Nachricht, willst mich damit zur Entfernung zwingen.“

„Nein, es kann nicht sein,“ fiel jetzt auch die Fürstin mit bebenden Lippen ein. „Du kannst noch keine Nachrichten haben. Waldemar, von dem, was sich drüben während der Nacht ereignete; ich hätte sie früher als Du haben müssen. Du täuschest uns – greife nicht zu solchen Mitteln.“

Waldemar sah einige Secunden lang schweigend die Mutter an, die ihn eher der Lüge beschuldigte, ehe sie an ein Vergehen seines Bruders glaubte; vielleicht war es dies, was seine Stimme so eisig und mitleidslos machte, als er jetzt sagte:

„Dem Fürsten Baratowski war ein wichtiger Posten übergeben worden, mit dem strengsten Befehle, nicht davon zu weichen. Er deckte mit seiner Schaar seinem Oheim den Rücken. Fürst Baratowski fehlte auf diesem Posten, als der nächtliche Angriff erfolgte; der Führer fehlte, und die Uebrigen zeigten sich dem Ueberfalle nicht gewachsen. Sie setzten sich völlig planlos zur Wehre – es gab ein Blutbad. Einige zwanzig Mann retteten sich durch den Uebertritt auf unser Gebiet und fielen unsern Patrouillen in die Hände; drei der Flüchtlinge liegen schwer verwundet drüben im Gutshofe. Aus ihrem Munde erfuhr ich das Geschehene – der Rest ist zersprengt oder vernichtet.“

„Und mein Bruder?“ fragte die Fürstin anscheinend ruhig, aber es lag etwas Schreckliches in dieser Ruhe. „Und das Morynski’sche Corps? Was ist aus ihnen geworden?“

„Ich weiß es nicht,“ versetzte Waldemar. „Es heißt, die Sieger hätten die Richtung nach W. genommen. Was dort geschehen ist, darüber fehlen noch die Nachrichten.“

Er schwieg. Es folgte eine Pause furchtbarer Stille. Leo hatte das Gesicht in beide Hände verborgen; aus seiner Brust drang ein dumpfes Stöhnen hervor. Die Fürstin stand aufrecht, das Auge unverwandt auf ihn gerichtet – sie rang nach Athem.

„Laß uns allein, Waldemar!“ sagte sie endlich tonlos, aber mit der alten Festigkeit.

Er zögerte. Die Mutter war ihm stets kalt und oft genug feindselig erschienen. Hier, an dieser Stelle, hatte sie ihm als erbitterte Gegnerin gegenüber gestanden, als der Streit um die Herrschaft in Wilicza endlich zum Ausbruche kam, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen wie in diesem Augenblicke, und ihn, den harten rücksichtslose Nordeck, ergriff es wie Angst und Mitleid, als er das Urtheil seines Bruders in jenen Zügen las.

„Mutter!“ sagte er leise.

„Geh’!“ wiederholte sie. „Ich habe mit dem Fürsten Baratowski zu reden. Da taugt kein Dritter zwischen uns. Laß uns allein!“

Waldemar gehorchte und verließ das Zimmer, aber es bäumte sich wieder heiß und schmerzlich in ihm auf, als er ging. Er wurde verbannt, wo die Mutter mit ihrem Sohne zu reden hatte. Wenn sie diesen auch jetzt ihren Zorn fühlen ließ, wie sie ihm so oft ihre Zärtlichkeit hatte zu erkennen gegeben, der Aeltere war und blieb ein Fremder dabei; ihn hieß man gehen – er „taugte“ nicht zwischen Mutter und Bruder, mochten sie sich nun in Liebe oder Haß begegnen. Ein tiefe Bitterkeit regte sich in Nordeck, und doch fühlte er, daß diese Stunde ihn an der Mutter gerächt hatte für die versagte Zärtlichkeit, daß sie jetzt in ihrem Lieblingssohne, in ihrem Abgotte auf’s Schwerste gestraft war.

Waldemar schloß die Portière hinter sich. Er blieb im Nebenzimmer, um auf alle Fälle den Eingang zu hüten, denn er kannte die Gefahr, der sich Leo aussetzte. Fürst Baratowski hatte zu offen und entscheidend an dem Aufstande Theil genommen, um nicht auch hier geächtet zu sein; auch hier drohte ihm Verurtheilung und Verhaftung. Er war, unvorsichtig genug, am hellen Morgen in das Schloß gekommen; noch befand sich die Escorte, welche die Verwundeten gebracht, im Dorfe, und jeden Augenblick konnten die Bedeckungsmannschaften mit den übrigen Flüchtlingen Wilicza passiren – es galt Vorsichtsmaßregeln zu treffen.

Waldemar stand am Fenster, so weit als möglich von der Thür entfernt. Er wollte nichts hören von der Unterredung, von der man ihn ausgeschlossen, und es war auch nicht möglich – die dicken Sammetfalten der Portière fingen jeden Laut auf. Aber die Zeit drängte. Mehr als eine halbe Stunde war verstrichen und die Unterredung da drinnen währte noch immer fort. Weder die Fürstin noch Leo schienen daran zu denken, daß mit jeder Minute die Gefahr des Letzteren wuchs. Waldemar entschloß sich endlich, sie zu unterbrechen. Er trat wieder in den Salon, blieb aber befremdet stehen, denn statt der erwarteten erregten Scene fand er das tiefste Schweigen.

Die Fürstin war verschwunden und die vorhin offen stehende Thür zu ihrem Arbeitscabinet fest geschlossen. Leo befand sich allein im Zimmer. Er lag in einem Sessel, den Kopf tief eingewühlt in die Kissen, ohne sich zu regen, ohne den Eintretenden zu bemerken, wie gebrochen und vernichtet. Waldemar trat zu ihm und nannte seinen Namen.

„Ermanne Dich!“ mahnte er leise und eindringlich. „Sorge für Deine Sicherheit! Wir haben jetzt hundertfache Beziehungen zu L.; ich kann das Schloß nicht vor Besuchen schützen, die Dir gefährlich sind. Ziehe Dich für’s Erste in Deine eigenen Zimmer zurück! Sie können ja nach wie vor als verschlossen gelten, und Pawlick ist zuverlässig. Komm!“

Langsam hob Leo das Gesicht empor; es war erdfahl – jeder Blutstropfen schien daraus gewichen zu sein. Er blickte den Bruder groß und starr an, ohne ihn zu verstehen. Sein Ohr fing nur mechanisch das letzte Wort auf.

„Wohin?“ fragte er.

„Vor allen Dingen nur fort aus diesen Hauptgemächern, die so Vielen zugänglich sind! Komm – ich bitte Dich.“

Leo erhob sich ebenso mechanisch, wie er vorhin zugehört. Er sah sich im Zimmer um, so fremd, als kenne er nicht die vertrauten Räume und müsse sich erst besinnen, wo er sei, nur als sein Auge auf die geschlossene Thür zum Gemach seiner Mutter fiel, zuckte er zusammen.

„Wo ist Wanda?“ fragte er endlich.

„In ihrem Zimmer. Willst Du sie sehen?“

Der junge Fürst machte eine abwehrende Bewegung: „Nein! Sie würde mich auch mit Abscheu, mit Verachtung zurückstoßen – ich habe genug an dem einen Male.“

Er stützte sich schwer auf den Sessel; die sonst so helle, jugendfrische Stimme klang matt und gebrochen. Man sah es, die Scene mit der Mutter war ihm an’s Leben gegangen.

„Leo,“ sagte Waldemar ernst, „hättest Du mich nicht so furchtbar gereizt, ich hätte Dir die Nachricht nicht so schonungslos mitgetheilt. Aber Du brachtest mich auf’s Aeußerste mit jenem verhängnißvollen Worte.“

„Sei ruhig! Die Mutter hat es mir zurückgegeben. Ich bin ihr jetzt der Verräther, der Ehrlose. Ich habe das anhören müssen und – schweigen.“

Es lag etwas Unheimliches in dieser starren, dumpfen Ruhe des sonst so leidenschaftlich aufbrausenden Jünglings; die eine halbe Stunde schien seine ganze Natur verändert zu haben.

„Folge mir!“ drängte Waldemar. „Du mußt doch für’s Erste noch im Schlosse bleiben.“

„Nein, ich will nach W. hinüber, sofort. Ich muß wissen, was aus meinem Oheim und den Seinigen geworden ist.“

„Um Gotteswillen!“ rief der Bruder entsetzt. „Du willst doch nicht den Wahnsinn begehen, jetzt am hellen Tage die Grenze zu passiren? Das wäre ja offenbarer Selbstmord.“

„Ich muß,“ beharrte Leo. „Ich kenne den Ort, wo der Uebergang noch möglich ist. Habe ich heute Morgen den Weg gefunden, so werde ich ihn auch zum zweiten Male finden.“

„Und ich sage Dir: Du kommst jetzt nicht hinüber. Seit heute Morgen ist die Bewachung verstärkt auch auf unserer Seite, und drüben steht eine dreifache Postenkette. Sie haben Befehl, Jeden niederzuschießen, der die Losung nicht kennt. Und Du kommst in jedem Falle zu spät. In W. ist die Entscheidung längst gefallen.“

„Gleichviel!“ brach Leo aus, plötzlich aus seiner Erstarrung in die wildeste Verzweiflung übergehend. „Irgend einen Kampf wird es da drüben doch noch geben, nur einen einzigen, und mehr brauche ich nicht. Wenn Du wüßtest, was die Mutter mir angethan hat mit ihren furchtbaren Worten! Sie weiß es ja, daß, wenn ich den Untergang der Meinigen verschuldete, ich [799] auch den ganzen Fluch, die ganze Höhe dieses Bewußtseins tragen muß; sie hätte barmherzig sein müssen, und sie hat mich – – O mein Gott, es ist doch meine Mutter, und ich bin so lange ihr Alles gewesen.“

Waldemar stand erschüttert da vor diesem Ausbruche des Schmerzes. „Ich will Wanda rufen,“ sagte er endlich. „Sie wird –“

„Sie wird das Gleiche thun. Du kennst nicht die Frauen unseres Volkes. Aber eben deshalb“ – es brach mitten durch die Verzweiflung des jungen Fürsten etwas wie ein düsterer Triumph –, „eben deshalb hoffe Du nichts von ihnen! Wanda wird Dir nie angehören, niemals, auch über meine Leiche hinweg nicht. Und wenn sie Dich liebt, und wenn sie stirbt an dieser Liebe – Du bist der Feind ihres Volkes; Du hilfst mit an seiner Unterdrückung; das spricht Dir bei ihr das Urtheil. Eine Polin wird nicht Dein Weib. Und es ist gut, daß es so ist,“ fuhr er, tief aufathmend, fort. „Ich hätte nicht ruhig sterben können, mit dem Gedanken, sie in Deinen Armen zu wissen; jetzt kann ich’s – sie ist Dir verloren wie mir.“

Er wollte forteilen, blieb aber plötzlich wie gebannt stehen. Einige Secunden lang schien er zu schwanken, dann ging er langsam, zögernd zu der Thür, die in das Arbeitscabinet der Fürstin führte.

„Mutter!“

Drinnen blieb Alles still – nichts regte sich.

„Ich wollte Dir Lebewohl sagen.“

Keine Antwort.

„Mutter!“ die Stimme des jungen Fürsten bebte in angstvollem, herzzerreißendem Flehen. „Laß’ mich nicht so von Dir gehen! Wenn ich Dich nicht sehen soll, so sage mir wenigstens ein Wort des Abschiedes, nur ein einziges! Es ist ja das letzte. Mutter, hörst Du mich nicht?“

Er lag auf den Knieen vor der verriegelten Thür und preßte die Stirn dagegen, als müsse sie sich ihm aufthun. Es war vergebens – die Thür blieb geschlossen, und von drinnen kam kein Laut. Die Mutter hatte kein Abschiedswort für ihren Sohn, wie die Fürstin Baratowska keine Verzeihung für sein Vergehen hatte.

Leo erhob sich von den Knieen. Sein Antlitz war wieder starr wie vorhin, nur um die Lippen zuckte ein Ausdruck von so wildem bitterem Weh, wie er es wohl noch niemals in seinem Leben empfunden. Er sprach kein Wort; er nahm schweigend den Mantel auf, den er vorhin abgeworfen, legte ihn um die Schultern und ging dann der Thür zu. Der Bruder versuchte vergebens ihn zurückzuhalten. Leo drängte ihn bei Seite.

„Laß mich! Sage Wanda – nein, sage ihr nichts! Sie liebt mich ja nicht; sie hat mich ja aufgegeben um Deinetwillen. Leb wohl!“

Er stürmte fort. Waldemar stand einige Minuten lang völlig rathlos. Endlich schien er einen Entschluß zu fassen und schritt rasch durch das Nebengemach bis in das Vorzimmer der Fürstin. Dort stand der Haushofmeister Pawlick mit verstörter Miene. Er war sogleich, als er von der Ankunft seiner verwundeten Landsleute hörte, zu ihnen geeilt und hatte noch vor dem Schloßherrn die Schreckensnachricht erfahren. Als er damit in das Schloß zurückkehrte, noch ungewiß, wie er sie seiner Gebieterin mittheilen solle, stand auf einmal am Eingange Fürst Baratowski selbst vor ihm. Aber er ließ dem erschrockenen alten Manne keine Zeit zu irgend einer Erklärung; er warf ihm nur im Vorbeieilen die hastige Frage nach seinem Bruder, nach der Gräfin Morynska zu und verschwand dann in den Gemächern seiner Mutter. Noch wußte Pawlick nicht, ob sein junger Gebieter bereits von dem Geschehenen unterrichtet sei, oder nicht; erst die Art, wie Leo jetzt bei der Rückkehr an ihm vorbeistürmte, zeigte ihm, daß er Alles wußte.

„Pawlick,“ sagte Waldemar herantretend. „Sie müssen dem Fürsten Baratowski folgen, auf der Stelle. Er steht im Begriff, eine Tollkühnheit zu begehen, die ihm das Leben kosten wird, wenn er sie ausführt. Er will jetzt, bei Tage, über die Grenze.“

„Gott im Himmel!“ rief der Haushofmeister entsetzt.

„Ich kann ihn nicht zurückhalten,“ fuhr Nordeck fort, „und ich darf mich nicht offen an seiner Seite zeigen, das würde ihn noch mehr gefährden, und doch muß er in seiner jetzigen Stimmung irgend Jemand zur Seite haben. Ich weiß, Sie reiten noch gut, trotz Ihrer Jahre, nehmen Sie ein Pferd! Der Fürst ist zu Fuß. Sie müssen ihn noch auf diesseitigem Gebiet erreichen, denn Sie kennen jedenfalls die Richtung, die er einschlägt, die Stelle, wo die geheime Verbindung mit den Insurgenten drüben noch besteht. Ich fürchte, sie ist in der Nähe der Grenzförsterei.“

Pawlick blieb die Antwort schuldig; er durfte nicht bejahen, aber es fehlte ihm in diesem Augenblick der Muth, die Wahrheit abzuleugnen. Waldemar verstand sein Schweigen.

„Und gerade dort ist die Bewachung jetzt am schärfsten,“ rief er heftig. „Ich erfuhr es durch unsere Officiere. Wie mein Bruder es heute Morgen möglich gemacht hat, hindurch zu kommen, weiß ich nicht; zum zweiten Mal gelingt es ihm nicht. Eilen Sie ihm nach, Pawlick! Er soll den Uebergang nicht dort versuchen, an jeder anderen Stelle, nur dort nicht. Er soll warten, sich verbergen bis zur Dunkelheit, wenn es nicht anders geht, in der Försterei selbst. Inspector Fellner ist jetzt dort; er hält zu mir, aber er verräth Leo auf keinen Fall. Eilen Sie!“

Er hatte nicht nöthig, anzutreiben. Die Todesangst um seinen jungen Gebieter stand deutlich genug auf dem Gesichte des alten Mannes.

„In zehn Minuten bin ich fertig,“ sagte er. „Ich reite, als gälte es mein eigenes Leben.“

Er hielt Wort. Kaum zehn Minuten später ritt er aus dem Schloßhofe. Waldemar, der oben am Fenster stand, athmete auf.

„Das war das Einzige, was noch übrig blieb. Vielleicht erreicht er ihn noch, und dann ist wenigstens das Schlimmste abgewendet.“ –

Vier, fünf Stunden waren vergangen und noch immer keine Nachricht eingetroffen. Sonst, wenn irgend etwas an der Grenze geschah, drängten sich die Botschafen. Alles, was von dort nach L. wollte, mußte Wilicza passiren und machte mit seiner Neuigkeit wenigstens auf einige Minuten unten im Dorfe Halt – heute war die Verbindung wie abgeschnitten. Unruhig ging Waldemar in seinem Zimmer auf und nieder; er bemühte sich, Pawlick’s Fernbleiben für ein gutes Zeichen zu nehmen. Jedenfalls hatte Dieser Leo erreicht und blieb nun an seiner Seite, so lange sich der junge Fürst noch auf diesseitigem Gebiete befand; vielleicht waren sie Beide in der Försterei geborgen. Da endlich – es war schon spät am Nachmittage – erschien der Administrator; er trat eilig, ohne jede vorherige Anmeldung, bei dem jungen Gutsherrn ein.

„Herr Nordeck, ich möchte Sie bitten, nach dem Gutshofe hinüber zu kommen,“ sagte er. „Ihre Anwesenheit dort ist dringend nothwendig.“

Waldemar sah auf. „Was giebt es? Ist irgend etwas mit den Verwundeten vorgefallen?“

„Das nicht!“ versetzte Frank ausweichend. „Aber ich möchte Sie doch ersuchen, selbst zu kommen. Wir haben Nachrichten von der Grenze erhalten. Drüben bei W. soll es nun wirklich zur Entscheidung gekommen sein; es ist heute Morgen dort eine förmliche Schlacht geliefert worden – gegen das Morynskische Corps.“

„Nun, und der Ausgang?“ fragte Nordeck in äußerster Spannung.

„Die Insurgenten haben eine furchtbare Niederlage erlitten. Es heißt, es sei dabei Verrath oder Ueberfall im Spiele gewesen. Sie haben sich gewehrt wie Verzweifelte, mußten aber doch schließlich der Uebermacht erliegen. Was von ihnen noch lebt, das ist zersprengt und nach allen Himmelsrichtungen geflohen.“

„Und der Führer? Graf Morynski?“

Der Administrator sah schweigend zu Boden.

„Ist er todt?“

„Nein, aber schwer verwundet in den Händen des Feindes.“

„Auch das noch!“ murmelte Waldemar. Er selbst hatte dem Oheim stets fern gestanden, aber Wanda! Er wußte, mit welcher glühenden leidenschaftlichen Zärtlichkeit sie an dem Vater hing. Wäre dieser im Kampfe gefallen, sie hätte es leichter ertragen, als ihn einem solchen Loose preisgegeben zu sehen und durch wen preisgegeben! Wer hatte die Niederlage jenes Corps verschuldet, das ungewarnt, ohne jede Deckung, einem Angriffe [800] ausgesetzt war, gegen den es sich durch die Vorhut des Fürsten Baratowski gesichert glaubte?

Waldemar raffte seine ganze Fassung zusammen. „Woher haben Sie die Nachrichten? Sind sie zuverlässig, nicht blos Gerüchte?“

„Der Haushofmeister Pawlick brachte sie mir,“ erklärte der Administrator. „Er ist drüben –“

„Bei Ihnen? Und Ihnen bringt er die Nachrichten, während er weiß, daß ich hier seit Stunden auf seine Rückkehr harre? Weshalb kommt er nicht in’s Schloß?“

Frank’s Auge suchte wieder den Boden. „Er wagte es nicht – die Frau Fürstin, die junge Gräfin hätten am Fenster sein können; sie müssen doch erst vorbereitet werden – Pawlick ist nicht allein, Herr Nordeck.“

„Was ist geschehen?“ brach Waldemar ahnend aus. „Mein Bruder –“

„Fürst Baratowski ist gefallen,“ sagte der Administrator leise. „Pawlick bringt die Leiche.“ –

Waldemar schwieg. Er legte nur einige Secunden lang die Hand über die Augen, dann raffte er sich gewaltsam auf und eilte hinüber nach dem Gutshofe, Frank ihm nach. Drüben im Hause des Letzteren trat ihnen Pawlick entgegen. Er blickte scheu zu seinem Herrn auf, den er, der treu ergebene Diener der Fürstin, als Feind zu betrachten gewohnt war, aber der Ausdruck Nordeck’s zeigte ihm, was ihm schon der heutige Morgen gezeigt hatte, daß es nur noch der Bruder seines jungen Gebieters sei, der jetzt vor ihm stand, und da brach die Fassung des alten Mannes zusammen.

„Unsere Fürstin!“ jammerte er, „sie wird es nicht überleben und Gräfin Wanda auch nicht.“

„Sie haben den Fürsten also nicht mehr erreicht?“ fragte Waldemar.

„Doch,“ berichtete Pawlick mit halb gebrochener Stimme. „Ich holte ihn noch rechtzeitig ein und überbrachte ihm die Warnung. Er wollte nicht darauf hören, wollte trotzalledem den Uebergang versuchen; er meinte, das Waldesdickicht werde ihn schützen. Ich bat; ich lag auf den Knieen vor ihm und fragte ihn, ob er sich denn von den Grenzposten niederschießen lassen wolle, wie ein gehetztes Wild. Das half endlich. Er willigte ein, zu warten bis zum Abende. Wir überlegten eben, ob wir die Einkehr in die Försterei wagen dürften, da begegnete uns –“

„Wer? Eine Patrouille?“

„Nein, der Pächter von Janowo. Von dem war kein Verrath zu besorgen; er hat von jeher zu uns gehalten. Er hatte Vorspanndienste bei den Truppen leisten müssen und kam nun zurück von der Grenze. Bei der Gelegenheit hatte er gehört, was man sich dort erzählte, drüben bei W. sei es heute zum Kampfe gekommen, und der sei noch jetzt nicht entschieden, das Morynski’sche Corps wehre sich verzweifelt gegen einen Ueberfall. Da war es aus mit der Vernunft und Besinnung unseres jungen Fürsten; er hatte nur den einen Gedanken noch, nach W. hinüber zu kommen und sich mit in den Kampf zu werfen. Wir konnten ihn nicht halten – er hörte auf Keinen mehr. Eine halbe Stunde war er fort, da hörten wir Schüsse fallen, erst zwei rasch hintereinander, dann ein halbes Dutzend auf einmal, und dann –“ der alte Mann konnte nicht weiter reden; die Stimme versagte ihm, und ein heißer Thränenstrom stürzte aus seinen Augen.

„Ich habe die Leiche mitgebracht,“ sagte er nach einer Pause. „Der Herr Rittmeister, der gestern hier im Schlosse war, hat es mir ausgewirkt von denen da drüben. Mit dem Todten konnten sie ja doch nichts mehr anfangen. Aber ich wagte nicht, sogleich mit ihm in’s Schloß zu kommen. Wir haben ihn einstweilen dort niedergelegt.“

Er wies nach den gegenüberliegenden Zimmer. Waldemar gab ihm und dem Administrator einen Wink zurückzubleiben und trat allein in das bezeichnete Gemach. Grau und trübe fiel das schon im Schwinden begriffene Tageslicht herein und auf die leblos hingestreckte Gestalt des jungen Fürsten. Schweigend stand der Bruder an der Leiche. Das schöne Antlitz, das er so strahlend von Leben und Glück gesehen hatte, war jetzt starr und kalt; die flammenden dunklen Augen waren geschlossen, und die Brust, die so hoch aufschwoll von Freiheits- und Zukunftsträumen, trug jetzt die Todeswunde. Was das heiße, wilde Blut des Jünglings verbrochen, das hatte auch das Blut gesühnt, das aus der zerschossenen Brust quoll; es röthete in unheimlich dunklen Flecken die Kleidung. Noch vor wenig Stunden stürmten in dieser nun entseelten Hülle alle Leidenschaften der Jugend, Haß und Liebe, Eifersucht und Rachegedanken, Verzweiflung über die eigene nicht gewollte That mit ihren entsetzlichen Folgen – jetzt war das Alles vorbei, erstarrt in der eisigen Ruhe des Todes. Nur Eines stand noch auf dem stillen bleichen Antlitz, stand so fest darin ausgeprägt, als sei es eingegraben für ewig, jener Zug bitteren Schmerzes, der um die Lippen des Sohnes zuckte, als seine Mutter ihm das letzte Lebewohl verweigerte, als sie ihn ohne ein Wort der Verzeihung, des Abschiedes von ihrer verschlossenen Thür gehen ließ. Alles Andere sank mit dem Leben zusammen. Dieses Weh hatte der Fürst Baratowski mit hinübergenommen in den Todeskampf, in den letzten Schimmer des Bewußtseins – selbst der Schleier des Grabes vermochte es nicht zu decken.

Waldemar verließ das Gemach, stumm und düster, wie er es betreten hatte, aber als er den draußen Harrenden entgegentrat, sahen sie es doch, daß er den Bruder geliebt hatte.

„Bringt die Leiche hinüber in’s Schloß!“ befahl er. „Ich gehe voraus – zu meiner Mutter.“

[817] Es war Frühling geworden, zum zweiten Male seit dem Beginne des Aufstandes, der im Anfange so mächtig emporloderte, und der jetzt erdrückt, vernichtet am Boden lag. Jene winterlichen Märztage des vergangenen Jahres hatten nicht blos Unheil über die Bewohner von Wilicza gebracht, sie waren auch für die ganze Insurrection verhängnißvoll geworden, die mit der Niederlage des Morynski’schen Corps eine ihrer Hauptstützen verlor. Graf Morynski hatte sich bei jenem Ueberfalle, der ihn und die Seinigen so gänzlich unvorbereitet traf, während sie sich durch die Deckung des Fürsten Baratowski gesichert glaubten, mit der Kraft der Verzweiflung gewehrt, und selbst da, als er sich umringt und verloren sah, noch das Aeußerste daran gesetzt, um Leben und Freiheit so theuer wie möglich zu verkaufen. So lange er an der Spitze stand, hielt sein Beispiel noch die Wankenden, aber als der Führer blutend und bewußtlos am Boden lag, war es vorbei mit jedem Widerstande. Was nicht fliehen konnte, wurde niedergemacht, oder fiel gefangen in die Hände der Sieger. Die Niederlage kam einer Vernichtung gleich, und wenn sie auch noch nicht das Schicksal der Revolution entschied, so bezeichnete sie doch einen Wendepunkt darin. Von da an ging es abwärts, unaufhaltsam abwärts. Der Verlust Morynski’s, der unter den Führern des Aufstandes weitaus der bedeutendste und energischste gewesen war, der Tod Leo Baratowski’s, den Name und Traditionen seiner Familie, trotz seiner Jugend, zum Hauptaugenmerke der Partei für die Zukunft gemacht hatte, waren schwere Schläge für diese Partei, die, längst unter sich uneins und gespalten, jetzt noch mehr auseinanderfiel. Zwar blitzte der schon im Sinken begriffene Stern hier und da noch einmal auf; es gab noch Kämpfe und Gefechte voll Verzweiflung und Heldenmuth, aber es trat immer deutlicher hervor, daß die Sache, für die man kämpfte, eine verlorene war. Die Insurrection, die sich anfangs über das ganze Land verbreitet hatte, wurde immer mehr zurückgedrängt, in immer engere Grenzen eingeschlossen; ein Posten nach dem andern fiel, eine Schaar nach der andern wurde zersprengt oder löste sich auf, und das Ende des Jahres, mit dessen Beginne der Aufstand so drohend aufflammte, sah ihn erlöschen bis auf den letzte Funken. Nur Schutt und Trümmer zeugten noch von dem letzten verzweifelten Todeskampfe eines Volkes, über das die Geschichte längst das Urtheil gesprochen hatte.

Es dauerte lange, ehe das Schicksal des Grafen Morynski entschieden wurde. Er erwachte erst im Kerker wieder zum Bewußtsein, und eine schwere, anfangs für tödtlich gehaltene Verwundung machte in der ersten Zeit jedes Verfahren gegen ihn unmöglich. Er schwebte monatelang zwischen Leben und Tod, und als er endlich genas, war das Erste, was ihn an der Schwelle des Lebens erwartete – das Todesurtheil. Für einen Führer der Revolution, der im Kampfe, mit den Waffen in der Hand, in die Gewalt des Siegers gefallen war, konnte der Spruch nicht anders lauten. Das Todesurtheil wurde über ihn ausgesprochen, und es wäre sicher vollzogen worden, wie so viele andere, ohne die lange schwere Krankheit. Gegen den vermeintlich Sterbenden wollte man den Spruch doch nicht zur Ausführung bringen, und als seine Vollziehung möglich wurde, war der Aufstand bereits bewältigt, die drohende Gefahr für das Land beseitigt, und damit ließ auch die eiserne Strenge des Siegers nach. Graf Bronislaw Morynski wurde zu lebenslänglicher Deportation begnadigt, allerdings zur Deportation in ihrer schärfsten Form, nach einem der entlegensten Orte Sibiriens – eine furchtbare Gnade für den Mann, dessen ganzes Leben nur ein einziger Freiheitstraum gewesen war, der selbst während der ersten jahrelangen Verbannung in Frankreich keine Beschränkung seiner persönlichen Freiheit gekannt hatte.

Er hatte die Seinigen nicht wieder gesehen seit jenem Abende, wo er in Wilicza von ihnen Abschied nahm, um in den Kampf zu gehen. Weder der Schwester noch selbst seiner Tochter wurde es erlaubt, ihn zu sehen. Was sie auch unternahmen, um bis zu ihm zu dringen, es scheiterte Alles an der Strenge, mit der man den Gefangenen von der Außenwelt und dem Verkehre mit seiner Anverwandten abschloß. Diese hatten freilich die Strenge selbst verschuldet, denn sie versuchten es mehr als einmal, ihn seiner Haft zu entreißen. Sobald der Graf nur einigermaßen genesen war, wurde von Seiten der Fürstin und Wanda’s alles nur Mögliche aufgeboten, ihm zur Flucht zu verhelfen, aber die sämmtlichen Befreiungspläne mißlangen, und der letzte hatte Pawlick, dem alten treuen Diener des Hauses Baratowski, das Leben gekostet. Er hatte sich freiwillig zu dem gefährlichen Dienste erboten, und es glückte ihm auch wirklich, sich mit dem Grafen in Verbindung zu setzen; dieser war benachrichtigt, der Fluchtplan verabredet, aber bei den Vorbereitungen dazu wurde Pawlick entdeckt und, als er in der ersten Bestürzung die Flucht nahm, von den Festungswachen niedergeschossen. Die Folge dieser Entdeckung war eine nur noch strengere Bewachung des Gefangenen und die schärfste Beobachtung seiner Angehörigen; sie konnten [818] keinen Schritt mehr thun, ohne sich neuem Verdachte auszusetzen, ohne die Haft des Vaters und Bruders noch härter zu machen; sie mußten endlich der Unmöglichkeit weichen.

Die Fürstin hatte unmittelbar nach dem Tode ihres jüngsten Sohnes Wilicza verlassen und war gänzlich nach Rakowicz übergesiedelt. Die Welt fand es sehr natürlich, daß sie ihre verwaiste Nichte jetzt nicht allein ließ, Waldemar verstand besser, was seine Mutter forttrieb. Er hatte es schweigend hingenommen, als sie ihm ihren Entschluß ankündigte, und nicht den geringsten Versuch gemacht, sie zu halten; er wußte, daß sie weder den Aufenthalt in seinem Schlosse noch seinen täglichen Anblick mehr ertrug, war er ja doch die Ursache jener unglückseligen That Leo’s gewesen, die diesem den Tod und den Seinigen das Verderben brachte. Vielleicht war es für Nordeck auch eine Erleichterung, daß die Fürstin ging, jetzt wo er gezwungen war sie täglich und stündlich zu verletzen durch die Art, wie er die Zügel der Herrschaft in Wilicza führte. Seine Hand, die sie mit so eiserner Willenskraft ergriffen hatte, wußte sie auch eisern zu regieren, und das war in der That nothwendig. Er hatte Recht, es war ein Chaos, was die zwanzigjährige Beamtenwirthschaft unter seinem ehemaligen Vormunde und die vier letzten Jahre unter dem Baratowski’schen Regimente ihm auf seinen Gütern geschaffen hatte, aber er ging mit einer unglaublichen Energie daran, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Im Anfange hatte Waldemar freilich genug zu thun, wenn er sich mit allen Kräften der auch auf seinem Gebiete drohenden Rebellion entgegenstemmte, aber sobald er sich nur wieder frei regen konnte, sobald der Aufstand, der mit tausend geheimen Beziehungen auch nach Wilicza hinübergriff, zu erlöschen anfing, begann dort ein Umwälzungsproceß, der seines Gleichen suchte. Was sich von den Beamten nicht unbedingt fügte, wurde entlassen und jeder Zurückgebliebene der schärfsten Controlle unterworfen. Die Forstverwaltung wurde durchweg mit neuen Persönlichkeiten besetzt, die Pachtgüter, zum Theil mit bedeutenden Geldopfern, aus den Händen der bisherigen Pächter befreit und der Herrschaft selbst zugetheilt, an deren Spitze der junge Gutsherr ganz allein stand. Es war eine Riesenaufgabe für einen Einzelnen, das Alles zu bewältigen, jetzt, wo all’ das Alte zusammenstürzte und das Neue erst geschaffen werden sollte, wo noch nichts sich fügte, nichts ineinander griff, aber Waldemar zeigte sich dieser Aufgabe gewachsen. Er war doch schließlich Sieger geblieben im Kampfe mit seinen Untergebenen; zwar die eigentliche Bevölkerung von Wilicza blieb ihm nach wie vor feindlich gesinnt; sie haßte fortgesetzt in ihm den Deutschen, aber auch sie hatte die Hand des Herrn fühlen und sich ihr beugen lernen. Mit der Entfernung der Fürstin verlor der Ungehorsam seine stärkste Stütze, und mit dem Erlöschen des Aufstandes drüben im Nachbarlande sanken auch hier Trotz und Widerstand zusammen. Von ruhigen, geordneten Verhältnissen, wie sie auf den Gütern in anderen Provinzen herrschten, war freilich noch keine Rede, dazu hätte es anderer Zeiten und Umgebungen bedurft, aber der Anfang war doch wenigstens gemacht, die Bahn gebrochen, und das Uebrige mußte der Zukunft aufbehalten bleiben.

Der Administrator Frank befand sich noch in Wilicza und hatte seine beabsichtigte Entfernung um ein Jahr hinausgeschoben. Er gab darin hauptsächlich dem Wunsche des Gutsherrn nach, dem viel daran lag, den tüchtigen, erfahrenen Mann noch eine Zeit lang zur Seite zu haben. Erst jetzt, wo das Nothwendigste geordnet war, hatte Frank seine definitive Entlassung genommen und zugleich den langgehegten Plan ausgeführt, sich selber anzukaufen. Das hübsche, gar nicht so unbedeutende Gut, das er erworben, lag in einer anderen Provinz des Landes, in angenehmer Gegend und befand sich, im Gegensatz zu der „polnischen Wirthschaft“, die der Administrator zwanzig Jahre lang bekämpft hatte und die er so gründlich verabscheute, in durchaus geordneten, friedlichen Verhältnissen. Er sollte erst in zwei Monaten in die Hände des neuen Besitzers übergehen, und so lange blieb dieser noch in seiner alten Stellung.

Was Gretchen betraf, so hatte der Vater bei ihrer Verheirathung bewiesen, daß sie in der That sein Liebling war, ihre Mitgift übertraf all die Berechnungen, die Assessor Hubert so genau und gründlich für – einen Andern angestellt hatte. Die Hochzeit war schon im letzten Herbste gefeiert worden, und das neue Ehepaar lebte in J., wo Professor Fabian nun wirklich die ihm angebotene Stellung angenommen hatte, und wo „wir ganz außerordentliche Erfolge haben“, wie die Frau Professorin ihrem Vater schrieb. In der That überwand Fabian seine Scheu vor der Oeffentlichkeit weit schneller und besser, als er glaubte, und rechtfertigte all die Erwartungen, die man von dem so schnell berühmt gewordenen Verfasser der „Geschichte des Germanenthums“ hegte. Sein bescheidenes, liebenswürdiges Wesen, das im schärfsten Gegensatze zur der schroffen Selbstüberhebung seines Vorgängers stand, gewann ihm die allgemeine Sympathie, und seine junge, hübsche Frau, die in ihrer reizenden, durch die Großmuth des Vaters mit allen nur möglichen Annehmlichkeiten ausgestatteten Häuslichkeit so anmuthig die Honneurs zu machen wußte, trug das Ihrige dazu bei, auch seine gesellschaftliche Stellung zu einer höchst angenehmen zu machen. Gegenwärtig wurde das junge Paar zu dem ersten Besuche im Vaterhause erwartet und sollte in den nächsten Wochen eintreffen.

Nicht so gut war es dem Assessor Hubert ergangen, obgleich ihm im Laufe des Jahres eine ganz unerwartete und ziemlich bedeutende Erbschaft zugefallen war, aber sie kostete ihm leider die Familienberühmtheit. Professor Schwarz war vor einigen Monaten gestorben, und da er unverheirathet war, ging sein Vermögen auf die nächsten Verwandten über. Die pecuniären Verhältnisse Hubert’s hoben sich dadurch bedeutend, aber was half ihm das? Die Braut, auf deren Besitz er mit solcher Sicherheit gerechnet hatte, gehörte einem Anderen, und er selbst war noch immer nicht Regierungsrath und hatte auch vorläufig keine Aussicht, es zu werden, obwohl er sich im Amtseifer überstürzte, obwohl er jede Minute das Polizeidepartement von L. mit seinen sogenannten Entdeckungen alarmirte und Alles aufgeboten hatte, um in diesem Revolutionsjahr auch für seinen eigenen Staat ein paar Hochverräther aufzugreifen, was ihm bekanntlich nicht gelungen war. Aber dieser Staat benahm sich in einer wahrhaft himmelschreienden Weise gegen seinen treuesten Diener; er schien gar kein Verständniß für die Aufopferung und Hingebung desselben zu besitzen, sich vielmehr der Auffassung Frank’s anzuschließen, der in seiner derben Weise behauptete, der Assessor mache jetzt „eine Dummheit nach der anderen“ und werde sich damit noch den ganzen Staatsdienst unmöglich machen. In der That wurde Hubert bei jeder Beförderung in einer so absichtsvollen Weise übergangen, daß die Collegen zu sticheln anfingen; da reifte ein finsterer Entschluß in der Seele des Tiefbeleidigten. Die Schwarz’sche Erbschaft machte ihn ja völlig unabhängig – weshalb sollte er noch länger Verkennung und Zurücksetzung ertragen, weshalb noch länger dieser undankbaren Regierung dienen, die seine glänzenden Fähigkeiten so beharrlich verkannte, während sie unbedeutende Menschen, wie den Doctor Fabian, zu den ehrenvollsten Stellungen berief und mit Auszeichnungen überhäufte?!

Hubert sprach davon, seine Entlassung zu nehmen; er wiederholte das sogar im Gegenwart des Präsidenten und mußte die Kränkung erleben, daß dieser ihm mit vernichtender Freundlichkeit beistimmte. Seine Excellenz meinten, der Herr Assessor habe bei seinem Vermögen eine Anstellung ja gar nicht nöthig und thue ganz recht, sich der anstrengenden Thätigkeit zu entziehen; er sei ohnehin etwas zu „nervös“ für einen Beamten, von dem man doch in erster Linie Besonnenheit verlange. Der Wink war deutlich genug. Hubert fühlte etwas von dem Menschenhaß und der Weltverachtung seines berühmten Verwandten in sich, als er stehenden Fußes nach dieser Unterredung nach Hause ging, um sein Entlassungsgesuch aufzusetzen. Es wurde abgeschickt und auch wirklich angenommen. Noch waren der Staat und das Polizeidepartement von L. darüber nicht aus den Fugen gegangen, aber es geschah vielleicht noch nachträglich, wenn die Entlassung eine Thatsache wurde, was im nächsten Monat bevorstand. Der Assessor war viel zu sehr der Neffe seines Onkels, dessen verunglücktes Manöver er nachgeahmt hatte, um nicht auf den Eintritt einer solchen Katastrophe zu warten. –

Im Hofe von Rakowicz stand das Pferd des jungen Gutsherrn von Wilicza. Es geschah nur äußerst selten, daß er herübergeritten kam, und auch dann dauerten seine Besuche stets nur kurze Zeit. Die Kluft, welche ihn von seinen nächsten Verwandten trennte, wollte sich noch immer nicht schließen, die letzten Ereignisse schienen sie nur noch weiter aufgerissen zu haben.

[819] Im Zimmer der Gräfin Morynska befand sich diese allein mit Waldemar. Wanda hatte sich sehr verändert; sie war wohl immer bleich gewesen, aber diese Blässe hatte nichts gemein mit jener todtenhaften Farbe, die jetzt ihr Antlitz deckte. Man sah es, was sie gelitten hatte in der Zeit, wo sie den so leidenschaftlich geliebten Vater im Kerker wußte, krank, dem Tode nahe, ohne ihn auch nur auf einen Augenblick sehen zu dürfen, als der Freiheitstraum, für den er sein Leben so begeistert in die Schanze geschlagen, den auch seine Tochter mit voller Seele umfaßte, für immer zu Ende ging. Die Todesangst bis zur Entscheidung des Doppelschicksals, das fortwährende Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung, die Aufregung bei den immer wiederholten Befreiungsversuchen, das alles hatte seine deutlichen Spuren hinterlassen. Wanda war eine jener Naturen, die mit verzweiflungsvoller Energie auch dem schwersten Unglücke Stand halten, so lange noch ein Schimmer von Hoffnung vorhanden ist, die aber, wenn dieser Schimmer erlischt, machtlos zusammenbrechen, und sie schien jetzt nahe bis an diesen Punkt gelangt zu sein. Für den Augenblick lag freilich noch eine fieberhafte Ueberreizung in ihrem Wesen, ein Zusammenraffen der letzten Kräfte, aber es waren eben auch die letzten.

Waldemar stand vor ihr, unverändert in seiner trotzigen Erscheinung, aber er schien wenig von der Schonung zu üben, die das Aussehen der jungen Gräfin so dringend forderte. Seine Haltung war eine beinahe drohende, und in seiner Stimme lag ein Gemisch von Zorn und Schmerz, als er zu ihr sprach:

„Ich bitte Dich zum letzten Male: gieb den Gedanken auf! Du giebst Dir den Tod damit, ohne Deinem Vater helfen zu können. Es ist nur eine Qual mehr für ihn, wenn er Dich vor seinen Augen hinsterben sieht. Du willst ihm folgen in jene furchtbare Einöde, in jenes mörderische Klima, dem die Stärksten unterliegen, Du, die von Jugend auf verwöhnt, mit allem umgeben worden bist, was das Leben nur Angenehmes zu bieten vermag, willst Dich jetzt den schlimmsten Entbehrungen aussetzen. Was die stählerne Natur des Grafen vielleicht noch aushält, dem erliegst Du in den ersten Monaten. Frage den Arzt, frage Dein eigenes Aussehen, und sie werden Dir sagen, daß Du nicht das nächste Jahr dort erlebst.“

„Glaubst Du vielleicht, daß mein Vater es erlebt?“ entgegnete Wanda mit bebender Stimme. „Wir hoffen und verlangen ja auch nichts mehr vom Leben, aber wir wollen wenigstens zusammen sterben.“

„Und ich?“ fragte Waldemar mit bitterem Vorwurf.

Sie wandte sich ab, ohne zu antworten.

„Und ich?“ wiederholte er heftiger. „Was wird aus mir?“

„Du bist wenigstens frei. Du hast das Leben noch vor Dir. Trage es! Ich habe noch schwerer zu tragen.“

Waldemar wollte auffahren; ein Blick auf das bleiche, schmerzdurchwühlte Antlitz verbot ihm das. Er zwang sich zur Ruhe.

„Wanda, als wir uns vor einem Jahre endlich fanden, da stand das Wort zwischen uns, das Du meinem Bruder gegeben hattest. Ich hätte Dich ihm abgerungen um jeden Preis, aber es kam nicht dazu. Sein Tod hat die Schranke niedergerissen, und was jetzt auch von außen herandrohen mag, sie ist nieder zwischen uns. An Leo’s frischem Grabe, in einer Zeit, wo das Todesschwert täglich über dem Haupte Deines Vaters hing, habe ich es nicht gewagt, Dir von Liebe, von Vereinigung zu sprechen, habe es über mich gewonnen, Dich nur selten und flüchtig zu sehen. Du und die Mutter, Ihr ließet mich ja bei jedem Besuche in Rakowicz fühlen, daß ich von Euch immer noch als Feind betrachtet werde, aber ich hoffte auf die Zukunft, auf bessere Zeiten – und nun trittst Du mir mit einem solchen Entschlusse entgegen. Begreifst Du denn nicht, daß ich dagegen kämpfen werde bis zum letzten Athemzuge? ‚Wir wollen zusammen sterben‘. Das ist leicht gesagt und auch leicht gethan, wenn man wie Leo von einer Kugel mitten in’s Herz getroffen wird. Hast Du Dir schon klar gemacht, was der Tod in der Verbannung ist? Dieses langsame Dahinsterben, dieser monatelange Todeskampf unter Entbehrungen, die den Geist brechen, noch ehe sie den Körper vernichten, fern vom Vaterlande, abgeschnitten von der Welt und ihren Interessen, von jedem geistigen Lebenshauche, der Dir so nothwendig ist, wie die Luft zum Athmen, erdrückt werden, ersticken unter der Last des Elends! – Und Du verlangst von mir, daß ich das ertrage, daß ich es geschehen lasse, wenn Du Dich freiwillig einem solchen Loose weihst?“

Es ging ein leiser Schauer durch die Gestalt der jungen Gräfin. Sie mochte wohl die Wahrheit seiner Schilderung empfinden, aber sie verharrte im ihrem Schweigen.

„Und Dein Vater nimmt dieses unglaubliche Opfer an,“ fuhr Waldemar in immer wilderer Erregung fort, „und meine Mutter läßt es zu? Freilich, es gilt ja, Dich meinen Armen zu entreißen; um den Preis weihen sie Dich selbst dem Lebendigbegrabenwerden. Wäre ich an Leo’s Stelle gefallen, und den Grafen hätte das jetzige Schicksal erreicht, er hätte Dir befohlen zu bleiben, so würde meine Mutter mit vollster Energie die Rechte ihres Sohnes vertreten und Dich zurückgehalten haben; jetzt haben sie Dir selbst den Märtyrergedanken eingegeben, obgleich sie wissen, daß er Dir den Tod bringt, aber er macht ja jede Verbindung zwischen uns auch für die fernste Zukunft unmöglich, und das ist ihnen genug.“

„Laß’ die Bitterkeit!“ unterbrach ihn Wanda. „Du thust den Meinigen Unrecht damit; ich gebe Dir mein Wort, daß ich den Entschluß allein gefaßt habe. Mein Vater steht an der Schwelle des Greisenalters; die Wunden, die lange Gefangenschaft, mehr als das Alles unsere Niederlage haben ihn geistig und körperlich gebrochen. Ich bin das Einzige, was ihm geblieben ist, das letzte Band, das ihn noch an das Leben knüpft – ich gehöre zu ihm. Was Du vorhin so furchtbar schildertest, das ist sein Loos. Glaubst Du, ich könnte auch nur eine Stunde ruhig an Deiner Seite leben, wenn ich wüßte, daß er allein und verlassen einem solchen Schicksale entgegengeht, daß ich selbst ihm den letzten bittersten Schmerz seines Lebens bereite durch die Vermählung mit Dir, den er doch nun einmal als Feind betrachtet? Das Einzige, was ich jenem erbarmungslosen Urtheilsspruche abringen konnte, war die Erlaubniß, den Vater zu begleiten, und auch das habe ich nur mit Mühe erreicht. Ich wußte, daß es einen schweren Kampf mit Dir geben würde; wie schwer er ist, das zeigst Du mir erst jetzt. Schone mich, Waldemar! Ich habe nicht viel Kraft mehr übrig.“

„O nein, für mich nicht!“ sagte Waldemar bitter. „Was Du an Kraft und Liebe besitzest, das gehört allein Deinem Vater; was aus mir wird, wie ich die Trennung ertrage, darnach fragst Du nicht. Ich war ein Thor, als ich der Aufwallung glaubte, die Dich damals im Momente der Todesgefahr in meine Arme warf. Nur einen Augenblick lang warst Du mir Wanda; als ich Dich am nächsten Tage wiedersah, hörte ich schon wieder die Gräfin Morynska aus Dir sprechen, und sie spricht auch heute zu mir. Meine Mutter hat Recht: Eure nationalen Vorurtheile sind das Lebensblut, mit dem Ihr genährt seid von Jugend auf, von denen Ihr nicht lassen könnt, ohne das Leben selbst zu lassen; denen opferst Du uns Beide, denen opfert Dein Vater sein einziges Kind. Er hätte nun und nimmermehr Deine Begleitung angenommen, wenn es ein Pole wäre, der Dich liebte. Da ich es bin, willigt er in Alles, was Dich von mir reißt. Was thut es denn auch, wenn er sie nur vor dem Schicksale bewahrt, einem Deutschen anzugehören, wenn er nur dem alten Nationalhasse seine Schuld abträgt! Könnt Ihr Polen denn nur hassen und nichts als hassen, selbst über Tod und Grab hinaus?“

„Wäre mein Vater frei,“ sagte Wanda tonlos, „ich hätte vielleicht den Muth gefunden, ihm und Allem zu trotzen, was Du Vorurtheil nennst, um Deinetwillen. Jetzt kann ich es nicht, und“ – hier flammte ihre ganze Energie wieder auf – „jetzt will ich es auch nicht, denn es wäre Verrath an meiner Kindespflicht. Ich gehe mit ihm, und müßte ich wirklich sterben daran. Ich lasse ihn nicht allein in seinem Unglück.“

Die Art, wie sie die letzten Worte sprach, zeigte, daß ihr Entschluß nicht zu erschüttern war, und auch Waldemar schien das einzusehen. Er gab den Widerstand auf.

„Wann willst Du abreisen?“ fragte er nach einer Pause.

„Im nächsten Monat. Ich darf den Vater erst wiedersehen, wenn ich in O. mit ihm zusammentreffe; dann wird es wohl auch der Tante erlaubt werden, ihn noch einmal zu sprechen. Sie begleitet mich bis O. Du siehst, wir brauchen nicht heute und [820] jetzt von einander Abschied zu nehmen. Es sind noch Wochen bis dahin. Aber versprich mir, inzwischen nicht nach Rakowicz zu kommen, nicht wieder so auf mich einzustürmen, wie Du es heute thatest! Ich brauche meinen ganzen Muth zur Trennungsstunde, und Du nimmst ihn mir mit Deiner Verzweiflung. Wir sehen uns ja noch einmal wieder; bis dahin – lebe wohl!“

„Lebe wohl!“ sagte er kurz, beinahe rauh, ohne sie anzusehen, ohne die Hand zu nehmen, die sie ihm reichte.

„Waldemar!“ es lag ein ergreifender Vorwurf in ihrem Ton, aber er blieb machtlos gegen die wilde Gereiztheit des jungen Mannes. Zorn und Angst, die Geliebte zu verlieren, überwogen bei ihm jedes Gerechtigkeitsgefühl.

„Du magst ja Recht haben,“ sagte er in seinem herbsten Tone, „aber ich kann mich nun einmal in diese erhabene Aufopferung nicht finden, und am allerwenigsten vermag ich sie zu theilen. Meine ganze Natur sträubt sich dagegen. Da Du aber darauf bestehst, da Du die Trennung unwiderruflich über uns verhängst, so muß ich zusehen, wie ich allein mit meinem Schicksal fertig werde. Klagen kann ich nicht – das weißt Du. Meine Bitterkeit verletzt Dich höchstens; also ist es besser, ich schweige ganz. Leb’ wohl, Wanda!“

Wanda schien mit sich selber zu kämpfen. Sie wußte, daß es nur einer Bitte aus ihrem Munde bedurfte, um seinen Trotz in Weichheit umzuwandeln, aber das hieß nur den eben bestandenen Kampf wieder erneuern, den so schwer errungenen Sieg wieder in Frage stellen. Sie schwieg, neigte nach einem secundenlangen Zögern nur leise das Haupt gegen ihn und verließ das Zimmer.

Waldemar ließ es geschehen, daß sie ging. Er stand abgewendet am Fenster. In seinem Gesichte kämpften alle möglichen bitteren Empfindungen mit einander, nur die Entsagung, welche die Geliebte von ihm forderte, war dort nicht zu lesen. Die Stirn gegen die Scheiben gedrückt, verharrte er lange in dieser Stellung und sah erst auf, als sein[WS 1] Name genannt wurde.

Es war die Fürstin, die unbemerkt eingetreten war. Was hatte das letzte Jahr mit seinen Schicksalsschlägen aus dieser Frau gemacht! Als der Sohn sie damals in C. wiedersah, zum ersten Male nach langen Jahren, hatte sie gleichfalls einen schweren Verlust erlitten, auch damals trug sie die Trauerkleidung wie jetzt. Aber der Tod des Gemahls hatte es nicht vermocht, diese energische Natur zu beugen; sie war sich klar der Pflichten bewußt, welche die Wittwe wie die Mutter zu erfüllen hatte; sie entwarf und vollführte mit fester Hand den neuen Lebensplan, der sie auf eine Zeit lang zur gebietenden Herrin von Wilicza machte. Der Schmerz um den Gatten wurde überwunden, weil es nothwendig war, weil andere Aufgaben an seine Wittwe herantraten, als nur die, ihn zu betrauern, und Fürstin Jadwiga hatte von jeher die beneidenswerthe Fähigkeit besessen, selbst ihre Gefühle der Nothwendigkeit unterzuordnen.

Jetzt war das anders geworden. Zwar die Haltung der Trauernden war noch aufrecht, und der erste flüchtige Eindruck ihrer Erscheinung zeigte kaum eine auffallende Veränderung, wer aber nur einen tieferen Blick in ihr Antlitz that, der wußte, was Leo Baratowski’s Tod seiner Mutter gekostet hatte. Es lag eine starre, todte Ruhe in diesen Zügen, aber es war nicht die der Fassung und Ergebung, nur die Todesruhe dessen, der nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu verlieren hat, den das Leben mit seinen Interessen nicht ferner berührt. Die einst so gebietenden Augen blickten matt und umflort; in die Stirn, vor einem Jahre noch so klar und stolz, gruben sich tiefe, gramvolle Furchen, und das dunkle Haar zeigte sich an einzelnen Stellen ergraut. Man sah es, der Schlag, der das Herz wie den Stolz der Mutter gleich tödtlich getroffen, war ihr bis an’s innerste Leben gegangen, und die Niederlage ihres Volkes, das Schicksal des Bruders, den sie nach Leo am meisten auf der Welt liebte, hatten das Uebrige gethan, um diese einst so unbeugsame und unerschütterliche Kraft zu brechen.

„Hast Du wieder einmal auf Wanda eingestürmt?“ sagte sie – auch die Stimme war verändert; sie hatte einen matten gebrochenen Klang. „Du weißt doch, daß es vergebens ist.“

Waldemar wandte sich um. Sein Gesicht hatte sich noch nicht aufgehellt; die ganze frühere Gereiztheit lag noch darauf, als er finster erwiderte:

„Ja wohl, es war vergebens.“

„Ich sagte es Dir vorher. Wanda ist keine von den Frauen, die sich heute versagen und morgen in Deine Arme werfen. Als sie den Entschluß erst einmal gefaßt hatte, war er auch unwiderruflich. Du solltest das doch endlich einsehen – statt dessen reißest Du sie immer wieder zurück in die nutzlosen Kämpfe. Du bist es, der schonungslos gegen sie verfährt, Du allein.“

„Ich?“ fragte Waldemar in beinahe drohendem Tone. „Und wer war es denn, der ihr den Entschluß eingegeben hat?“

Das Auge der Fürstin begegnete fest und ernst dem ihres Sohnes. „Niemand!“ entgegnete sie. „Ich, das weißt Du, habe es längst aufgegeben zwischen Euch Beide zu treten; ich habe meine Machtlosigkeit Eurer Leidenschaft gegenüber zu bitter empfinden müssen, als daß ich das noch ferner versuchen sollte. Aber ich kann und will Wanda auch nicht zurückhalten. Mein Bruder hat nichts mehr auf der Welt als sie allein. Sie thut nur ihre Pflicht, wenn sie ihm folgt.“

„Um zu sterben!“ ergänzte Waldemar.

Die Fürstin hatte sich niedergelassen und stützte den Kopf in die Hand.

„Der Tod ist uns in dieser letzten Zeit zu oft nahe getreten, als daß ihn noch Einer von uns fürchten sollte. Wen das Schicksal so Schlag auf Schlag trifft, wie es uns getroffen, der lernt sich selbst mit dem Schlimmsten vertraut machen, und auch Wanda hat das gelernt. Wir haben Nichts mehr zu verlieren – darum fürchten wir auch Nichts mehr. Dieses unselige Jahr hat mehr Hoffnungen vernichtet, als nur die Deinigen, es hat so unendlich viele in Blut und Thränen zu Grabe getragen – da wirst Du es wohl ertragen müssen, wenn es auch Dein Lebensglück in Trümmer schlägt.“

„Ihr würdet es mir auch nicht verzeihen, wenn ich mir mein Glück aus den Trümmern Eurer Hoffnungen rettete,“ sagte Waldemar bitter. „Nun, Ihr könnt unbesorgt sein! Ich habe es heute eingesehen, daß Wanda nicht zu bewegen ist; sie bleibt unwiderruflich bei ihrem Nein.“

„Und Du?“

„Nun, ich füge mich.“

Die Fürstin sah ihn einige Secunden prüfend an.

„Was hast Du vor?“ fragte sie plötzlich.

„Nichts. Du hörst es ja, ich gebe die Hoffnung auf und füge mich dem Unvermeidlichen.“

Das Auge der Mutter ruhte noch immer auf seinem Gesichte. „Du fügst Dich nicht – oder ich müßte meinen Sohn nicht kennen. Ist das etwa Entsagung, die da auf Deiner Stirn geschrieben steht? Du hast etwas vor, irgend etwas Unsinniges, Gefährliches. Nimm Dich in Acht! Es ist Wanda’s eigener Wille, der Dir entgegen steht – sie läßt sich nicht zwingen, auch von Dir nicht.“

„Das werden wir sehen,“ versetzte der junge Mann kalt; er gab das Leugnen auf, als er sich durchschaut sah. „Uebrigens darfst Du ganz ruhig sein. Es mag ja unsinnig sein, was ich vorhabe, aber wenn eine Gefahr dabei ist, so trifft sie mich allein, und es ist höchstens mein Leben, das auf dem Spiele steht.“

„Höchstens Dein Leben?“ wiederholte die Fürstin. „Und das sagst Du Deiner Mutter zum Troste?“

„Verzeih, aber ich meine, das kann für Dich doch jetzt nicht mehr in Betracht kommen, seitdem Du Deinen Leo verloren hast.“

Das Auge der Fürstin heftete sich auf den Boden. „Seit jener Stunde hast Du es mich empfinden lassen, daß ich kinderlos bin,“ sagte sie leise.

„Ich?“ fuhr Waldemar auf. „Hätte ich Dich vielleicht halten sollen, als Du Wilicza verließest? Ich wußte ja, daß Du nur meine Nähe flohest, daß mein Anblick der Stachel war, den Du nicht ertragen konntest. – Mutter – er trat ihr unwillkürlich näher und mitten durch die Schonungslosigkeit seiner Worte wehte etwas wie herber Schmerz – „als Du damals so fassungslos an der Leiche meines Bruders zusammenbrachest, habe ich es nicht gewagt, Dir ein Wort des Trostes zu sagen, und wage es noch heute nicht, ich war ja stets ein Fremder, ein Ausgestoßener in Deinem Herzen, für mich war ja niemals Raum darin. Ich bin nach Rakowicz gekommen, weil ich nicht leben konnte, ohne Wanda zu sehen. Dich suchte ich nicht, so wenig wie Du mich gesucht hast in dieser Zeit der Trauer, aber ich trage wahrlich nicht die Schuld der Entfremdung zwischen [822] uns. Rechne es mir nicht an, wenn ich Dich in den bittersten Stunden Deines Lebens allein ließ!“

Die Fürstin hatte schweigend zugehört, ohne ihn zu unterbrechen, aber ihre Lippen zuckten wie im inneren Krampfe, als sie antwortete:

„Wenn ich Deinen Bruder mehr geliebt habe als Dich, so habe ich ihn auch verlieren müssen, und wie verlieren! Daß er fiel, hätte ich ertragen, ich sandte ihn ja selbst hinaus in den Kampf für sein Vaterland, daß er so fallen mußte –“ die Stimme versagte ihr; sie rang nach Athem, und es dauerte einige Secunden, ehe sie fortfahren konnte. „Ich habe meinen Leo gehen lassen, ohne ein Wort der Verzeihung, ohne das letzte Lebewohl, um das er auf den Knieen flehte, und an demselben Tage legten sie ihn mit durchschossener Brust zu meinen Füßen. Das Einzige, was ich noch von ihm habe, sein Andenken, ist mir auf ewig verknüpft mit jener unglückseligen That, welche die Unserigen in’s Verderben riß. Die Sache meines Volkes ist verloren; mein Bruder geht einem Schicksale entgegen, das schlimmer ist als der Tod; Wanda folgt ihm – ich stehe ganz allein. Ich dächte, Waldemar, Du könntest zufrieden sein mit der Art, wie das Schicksal Dich gerächt hat.“

[833] Es lag etwas Furchtbares in der Klanglosigleit der Stimme, in der Starrheit der Züge der Fürstin; es war ergreifender als der Ausbruch des wildesten Schmerzes. Auch Waldemar vermochte nicht sich diesem Eindruck zu entziehen, er beugte sich zu ihr nieder.

„Mutter,“ sagte er bedeutsam, „noch ist der Graf in seinem Vaterlande, und noch ist Wanda hier. Sie hat mir heute unbewußt selbst den Weg gezeigt, auf dem sie allein noch zu gewinnen ist. Ich werde ihn gehen.“

Die Fürstin schreckte empor. Ihr Blick suchte mit banger, angstvoller Frage den seinigen – sie las die Antwort darin.

„Du wolltest versuchen –?“

„Was Ihr versucht habt. Ihr seid daran gescheitert – ich weiß es – vielleicht gelingt es mir.“

In dem Antlitz der Fürstin schien es wie ein Hoffnungsstrahl aufzuflammen aber er erlosch sofort wieder – sie schüttelte den Kopf.

„Nein, nein, das unternimm nicht! Es ist vergebens. Und wenn ich Dir das sage, wirst Du wohl überzeugt sein, daß versucht worden ist, was nur im Bereiche der Möglichkeit lag. Wir haben Alles aufgeboten und Alles umsonst. Pawlick hat seine Treue mit dem Leben bezahlt.“

„Pawlick war ein Greis,“ versetzte Waldemar, „und überdies eine vorsichtige, ängstliche Natur. Er besaß wohl Aufopferung genug, aber nicht die nöthige Umsicht, nicht im entscheidenden Augenblick die nöthige Tollkühnheit. So etwas erfordert Jugend, Verwegenheit und vor allen Dingen ein volles persönliches Eintreten.“

„Und die vollste persönliche Gefahr! Wir haben es erfahren, wie sie dort drüben Grenzen und Gefangene bewachen. Waldemar, soll ich auch Dich noch verlieren?“

Waldemar sah sie erstaunt und befremdet bei den letzten Worten an, die wie ein Aufschrei des Schmerzes klangen, aber trotzdem flammte eine helle Röthe in seinem Gesichte auf.

„Es gilt die Freiheit Deines Bruders,“ erinnerte er.

„Bronislaw ist nicht mehr zu retten,“ sagte die Fürstin hoffnungslos. „Setze Dein Leben nicht auch noch an unsere verlorene Sache! Sie hat genug Opfer gekostet. Denke an Pawlick’s Schicksal, an den Fall Deines Bruders!“ Sie ergriff seine Hand und schloß sie fest in die ihrige. „Ich lasse Dich nicht fort. Es war Vermessenheit, wenn ich vorhin sagte, ich hätte nichts mehr zu verlieren; in diesem Augenblicke fühle ich, daß mir doch noch Eins geblieben ist. Ich will mein letztes, mein einziges Kind nicht auch noch hingeben – geh’ nicht, mein Sohn! Deine Mutter bittet Dich darum.“

Das war endlich der Ton, die Sprache des Mutterherzens, die Waldemar noch nie von diesen Lippen gehört hatte. Auch für die stolze, willensstarke Frau war die Stunde gekommen, wo sie Alles um sich zusammenbrechen sah und sich verzweiflungsvoll an das Einzige klammerte, welches das Schicksal ihr noch gelassen hatte. Der verstoßene, zurückgesetzte Sohn trat endlich in seine Rechte; freilich hatte sich erst das Grab für seinen Bruder öffnen müssen, um ihn in diese Rechte einzusetzen.

Eine andere Mutter und ein anderer Sohn wären sich jetzt wohl in die Arme gesunken, um in aufwallender Zärtlichkeit die lange, tiefe Entfremdung zu vergessen. Diese beiden Naturen waren zu hart und in ihrer Härte einander zu ähnlich, als daß sie sich so schnell hätten wiederfinden sollen. Waldemar sprach kein Wort, aber er zog – zum ersten Male in seinem Leben – die Hand der Mutter an seine Lippen, die lange und fest darauf ruhten.

„Du bleibst?“ bat die Fürstin.

Er richtete sich empor. Die helle Röthe lag noch auf seinem Gesichte, aber die wenigen Minuten hatten es völlig umgewandelt. Groll und Bitterkeit waren verschwunden; es leuchtete wohl noch Trotz daraus hervor, aber ein freudiger, siegesgewisser Trotz, der bereit ist, das Schicksal in die Schranken zu fordern.

„Nein,“ entgegnete er, „ich gehe. Aber ich danke Dir für diese Worte – sie machen mir das Wagniß leicht. Ihr habt mich von jeher als Euren Feind betrachtet, weil ich zu Euren Plänen nicht die Hand bot, ich konnte und kann das auch jetzt nicht, aber den Grafen einem unmenschlichen Urtheilsspruche zu entreißen, verbietet mir nichts. Ich will es wenigstens versuchen, und wenn irgend einer, so vollbringe ich es. Du kennst den Sporn, der mich treibt.“

Die Fürstin gab ihren Widerstand auf – sie konnte dieser Zuversicht gegenüber nicht ganz hoffnungslos bleiben.

„Und Wanda?“ fragte sie.

„Sie hat mir heute gesagt: ‚Wenn mein Vater frei wäre, ich würde den Muth finden, Allem zu trotzen, um Deinetwillen.‘ Sage ihr, ich würde sie vielleicht einst an diese Worte erinnern! Und nun frage mich nicht weiter, Mutter! Du weißt es ja, ich muß allein handeln, denn nur ich stehe außer Verdacht; Ihr seid beargwohnt und beobachtet. Jeder Schritt, den Ihr thut, [834] verräth das Unternehmen; jede Nachricht, die ich Euch sende, gefährdet es. Legt es in meine Hände – und nun lebe wohl! Ich muß fort – wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.“

Er berührte noch einmal flüchtig die Hand der Mutter mit seinen Lippen und eilte dann fort. Die Fürstin empfand den schnellen kurzen Abschied fast schmerzlich; sie trat an das Fenster, um dem Fortreitenden noch einen Gruß nachzuwinken, aber sie wartete vergebens darauf, daß er zu ihr emporblicken sollte. Wohl suchten seine Augen ein Fenster des Schlosses, als er langsam und zögernd aus dem Hofe ritt, aber es war nicht das ihrige. Sie hingen so fest und beharrlich an Wanda’s Erkerzimmer, als müsse dieser Blick die Kraft haben, die Geliebte zum Abschiedsgruße heranzuzwingen. Um ihretwillen ging er ja doch allein in das Wagniß, die Mutter, die eben geschlossene Versöhnung, das Alles versank, sobald es sich um seine Wanda handelte.

Und er erreichte es in der That, sie noch einmal zu sehen. Die junge Gräfin mußte wohl im Erkerfenster erschienen sein, denn Waldemar’s Gesicht leuchtete plötzlich auf, als habe ein Sonnenstrahl es berührt. Er warf einen Gruß hinauf, dann gab er seinem Normann die Zügel und flog, schnell wie der Sturmwind, aus dem Schloßhofe.

Die Fürstin stand noch immer an ihrem Platze und sah ihm nach; zu ihr hatte er nicht zurückgeblickt; sie war vergessen, und mit diesem Gedanken senkte sich auch zum ersten Male jener Stachel in ihre Seele, den der Sohn so oft gefühlt hatte, wenn er ihre Zärtlichkeit gegen Leo sah. Und doch drängte sich ihr gerade in diesem Augenblicke unwiderstehlich die Ueberzeugung auf, der sie bisher immer noch nicht ganz hatte Raum geben wollen, daß gerade ihr Erstgeborener das Erbtheil besaß, das dem jüngsten Lieblingssohne von jeher gefehlt hatte, die unbeugsame Kraft und Energie der Mutter, daß er auch in Geist und Charakter Blut von ihrem Blute war.




Es war in den Vormittagsstunden eines kühlen, aber sonnigen Maitages, als der Administrator von L. zurückkehrte, wo er seine Kinder abgeholt hatte. Herr und Frau Professor Fabian befanden sich bei ihm im Wagen. Dem Professor schien die neue akademische Würde recht gut zu bekommen und die Ehemannswürde ebenfalls. Er sah wohler und heiterer aus als je. Seine junge Frau hatte mit Rücksicht auf die Stellung ihres Gatten eine gewisse Feierlichkeit angenommen, die sie möglichst zu behaupten strebte und die einen komischen Contrast zu ihrer jugendlich frischen Erscheinung bildete. Zum Glücke fiel sie sehr oft aus ihrer Rolle und war dann ganz und gar wieder Gretchen Frank, in diesem Augenblicke aber herrschte die Frau Professorin vor, die mit sehr viel Haltung neben ihrem Vater saß und ihm von ihrem Leben in J. erzählte.

„Ja, Papa, der Aufenthalt bei Dir wird uns eine rechte Erholung sein,“ sagte sie und fuhr sich mit dem Taschentuche über das blühende Gesicht, das nichts weniger als erholungsbedürftig aussah. „Wir von der Universität werden ja fortwährend von allen nur möglichen Interessen in Anspruch genommen und müssen überall unsere Stellung vertreten. Wir Germanisten stehen ja überhaupt im Vordergrunde der wissenschaftlichen Bewegung.“

Du scheinst mir allerdings sehr im Vordergrunde zu stehen,“ meinte der Administrator, der mit einiger Verwunderung zuhörte. „Sage einmal, Kind, wer sitzt denn eigentlich auf dem Lehrstuhle in J.? Du oder Dein Mann?“

„Die Frau gehört zum Manne; also kommt das auf eins heraus,“ erklärte Gretchen. „Ohne mich hätte Emil die Professur überhaupt gar nicht annehmen können, so bedeutend er auch als Gelehrter ist. Professor Weber sagte ihm noch vorgestern in meiner Gegenwart: ‚Herr College, Sie sind ein Schatz für unsere Universität, aber für das praktische Leben taugen Sie ganz und gar nicht; darin wissen Sie sich nicht zurechtzufinden; es ist nur ein Glück, daß Ihre junge Frau Sie darin so energisch vertritt.‘ Er hat auch vollkommen Recht – nicht wahr, Emil? Ohne mich wärst Du in gesellschaftlicher Hinsicht verloren.“

„Ganz und gar!“ bestätigte der Professor gläubig und mit einem Blicke dankbarer Zärtlichkeit auf seine Gattin.

„Hörst Du, Papa, er sieht es ein,“ wandte sich diese an ihren Vater. „Emil ist einer von den wenigen Männern, die es begreifen, was sie an ihrer Frau haben. Hubert hätte das nie gethan – Apropos, wie geht es denn eigentlich dem Assessor? Ist er noch immer nicht Regierungsrath?“

„Nein, noch immer nicht! Und aus Groll darüber hat er seine Entlassung genommen. Mit dem Beginne des nächsten Monats verläßt er den Staatsdienst.“

„Welch ein Verlust für die Ministersessel unseres Landes!“ spottete Gretchen. „Er hatte einen davon bereits für die Zukunft mit Beschlag belegt und probirte regelmäßig die Ministerhaltung, wenn er in unserem Wohnzimmer saß. Plagt ihn noch immer die fixe Idee, überall Verschwörer und Hochverräther zu entdecken?“

Frank lachte. „Das weiß ich wirklich nicht, denn ich habe ihn seit Deiner Verlobung kaum gesehen und nicht ein einziges Mal gesprochen. Seitdem hat er mein Haus in Acht und Bann gethan, nicht ganz mit Unrecht. Du hättest ihm die Nachricht auch wohl schonender mittheilen können. Wenn er jetzt nach Wilicza kommt, was nicht oft geschieht, so steigt er unten im Dorfe ab, ohne den Gutshof zu betreten. Ich bin der Verhandlungen mit ihm überhoben, seit Herr Nordeck die Polizeiverwaltung selbst in Händen hat. Uebrigens kann der Assessor jetzt für einen reichen Mann gelten; er war ja der Haupterbe des Professor Schwarz, der vor einigen Monaten gestorben ist.“

„Wahrscheinlich am Gallenfieber,“ ergänzte die Frau Professorin.

„Gretchen!“ mahnte ihr Gatte, halb bittend, halb vorwurfsvoll.

„Mein Gott, er hatte doch nun einmal ein so galliges Temperament. Er war darin gerade so extrem, wie Du es in Deiner Langmuth bist. Stelle Dir vor, Papa, Emil hat gleich nach seiner Berufung nach J. an den Professor geschrieben, einen Brief voll Demuth und Liebenswürdigkeit, in welchem er sich förmlich entschuldigte, sein Nachfolger geworden zu sein, und feierlich seine Unschuld an dem ganzen Universitätsstreite versicherte. Der Brief ist natürlich nie beantwortet worden; trotzdem fühlt sich mein Herr Gemahl jetzt, wo diese unliebenswürdige Berühmtheit endlich aus der Welt geschieden ist, veranlaßt, ihm einen großartigen Nachruf zu widmen, und beklagt darin den Verlust für die Wissenschaft, als wäre der Verstorbene sein innigster Freund gewesen.“

„Ich that es aus voller Ueberzeugung,“ sagte Fabian in seiner sanften ernsten Weise. „Der schroffe Charakter des Professors hat nur zu oft die Anerkennung beinträchtigt, die man ihm schuldig war. Ich fühlte mich verpflichtet, daran zu erinnern, was die Wissenschaft in ihm verloren hat. Mag sein persönliches Auftreten gewesen sein wie es wolle, er war eine bedeutende Kraft.“

Gretchen warf verächtlich die Lippen auf. „Meinetwegen! Aber jetzt zu der Hauptsache! Herr Nordeck ist also nicht in Wilicza?“

„Nein,“ versetzte der Administrator einsilbig. „Er ist verreist.“

„Ja, das wissen wir; er schrieb meinem Manne schon vor längerer Zeit, daß er einen Ausflug nach Altenhof zu machen beabsichtigte und wahrscheinlich einige Wochen dort bleiben werde. Jetzt, wo er alle Hände voll im Wilicza zu thun hat – das ist doch seltsam!“

„Waldemar hat Altenhof ja stets als seine eigentliche Heimath betrachtet,“ wandte der Professor ein. „Er konnte sich deshalb auch nie entschließen, das Gut zu verkaufen, das ihm Herr Witold im Testamente vermachte. Es ist nur natürlich, daß er die Stätte seiner Jugendzeit einmal wieder aufsucht.“

Gretchen machte eine sehr ungläubige Miene. „Du solltest Deinen ehemaligen Zögling doch besser kennen! Der hängt sicher keinen sentimentalen Jugenderinnerungen nach, während er mitten in der Riesenarbeit ist, seine slavischen Güter zu germanisiren. Dahinter steckt etwas Anderes, wahrscheinlich seine Liebe zu der Gräfin Morynska, die er sich endlich einmal aus dem Sinne schlagen will, und das wäre auch das Beste. Diese Polinnen sind bisweilen ganz unvernünftig in ihrem nationalen Fanatismus, und Gräfin Wanda ist es nun vollends. Dem Manne, den sie liebt, ihre Hand nicht reichen zu wollen, nur weil er ein Deutscher ist! Ich hätte meinen Emil genommen und wenn er [835] zu den Hottentotten gehört hätte! Aber nun grämt er sich Tag für Tag über das vermeintliche Unglück seines lieben Waldemar und bildet sich im vollen Ernste ein, dieser habe ein Herz wie andere Menschen, was ich entschieden nicht glaube.“

„Gretchen!“ sagte der Professor zum zweiten Male, diesmal mit einem Versuche streng auszusehen, der ihm aber vollständig mißglückte.

„Entschieden nicht!“ wiederholte die junge Frau. „Wenn Jemand Herzenskummer hat, so zeigt er das doch auf irgend eine Weise. Herr Nordeck wirthschaftet ja in Wilicza herum, daß ganz L. die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, und als er bei unserer Hochzeit meinen Brautführer machte, war ihm auch nicht das Geringste anzusehen.“

„Ich habe es Dir schon einmal gesagt, daß die Verschlossenheit ein Hauptzug in Waldemar’s Charakter ist,“ erklärte Fabian. „Er könnte zu Grunde gehen an dieser Leidenschaft; fremden Augen würde er sie nie zeigen.“

„Ein Mensch, dem man die unglückliche Liebe nicht einmal ansieht, hat kein tiefes Gefühl,“ beharrte Gretchen. „Dir sah man sie auf zehn Schritte an. Du gingst in den letzten Wochen vor unserer Verlobung, als Du noch glaubtest, daß ich den Assessor heirathen würde, mit einem Jammergesichte umher. Ich hatte tiefes Mitleid mit Dir, aber Du warst in Deiner Schüchternheit ja zu keiner Erklärung zu bringen.“

Der Administrator hatte sich an dem letzten Gespräche gar nicht betheiligt, sondern angelegentlich auf die Bäume am Wege geblickt. Der Weg, der eine kurze Strecke am Rande des Flusses hinführte, begann hier sehr schlecht zu werden. Die Beschädigungen, welche das jüngste Hochwasser angerichtet, waren noch nicht wieder ausgebessert, und die Fahrt über den halb zerrissenen und unterwühlten Uferdamm konnte immerhin für bedenklich gelten. Frank behauptete zwar, die Sache habe keine Gefahr, er habe die Stelle erst auf der Hinfahrt passirt, aber Gretchen traute der Versicherung nicht recht. Sie zog es vor, auszusteigen und die kurze Strecke bis zur nahegelegenen Brücke zu Fuß zu gehen. Die beiden Herren folgten ihrem Beispiele; alle Drei schlugen den höher gelegenen Fußpfad ein, während der Wagen unten auf dem Uferdamme langsam nachfuhr.

Sie waren nicht die einzigen Bedenklichen; von der Brücke her kam ein anderer Wagen, dessen Insasse die gleichen Befürchtungen zu hegen schien. Er ließ halten und stieg ebenfalls aus, gerade in dem Augenblicke, wo Frank mit den Seinigen anlangte, und diese fanden sich urplötzlich dem Herrn Assessor Hubert gegenüber.

Die unerwartete Begegnung rief auf beiden Seiten eine peinliche Verlegenheit hervor. Man hatte sich nicht wieder gesprochen seit jenem Tage, wo der Assessor, wüthend über die eben geschlossene Verlobung, aus dem Hause stürzte, und der Administrator ihm, in der Meinung, er habe den Verstand verloren, seinen Inspector nachschickte. Man war aber doch zu lange befreundet gewesen, um jetzt so völlig fremd an einander vorüber zu gehen – das fühlten beide Theile. Frank war der Erste, der sich faßte und das beste Auskunftsmittel ergriff; er trat, als sei nichts geschehen, auf den Assessor zu, bot ihm in der alten freundschaftlichen Weise die Hand und sprach sein Vergnügen aus, ihn endlich einmal wieder zu sehen.

Der Assessor stand in steifer Haltung da, schwarz gekleidet vom Kopfe bis zu den Füßen. Er trug einen schwarzen Kreppflor um den Hut, einen zweiten um den Arm. Die Berühmtheit der Familie wurde gebührend betrauert, aber die Erbschaft schien doch einigen Balsam in das Herz des trauernden Neffen geträufelt zu haben, denn er sah nichts weniger als verzweifelt aus. Es lag heute überhaupt ein eigener Ausdruck in seinem Gesichte, eine erhabene Selbstzufriedenheit, eine stille Größe; er schien in der Stimmung, aller Welt zu verzeihen, mit aller Welt Frieden zu machen, und so ergriff er denn auch nach kurzem Zögern die dargebotene Hand und erwiderte einige höfliche Worte.

Der Professor und Gretchen traten jetzt auch heran. Hubert warf einen Blick düsteren Vorwurfs auf die junge Frau, die in ihrem Reisehütchen mit dem wehenden Schleier allerdings reizend genug aussah, um in dem Herzen ihres früheren Anbeters ein schmerzliches Gefühl zu wecken, und verneigte sich vor ihr, dann aber wandte er sich zu Fabian.

„Herr Professor,“ sagte er feierlich, „Sie haben den großen Verlust mitempfunden, den unsere Familie und mit ihr die gesammte Wissenschaft erlitten hat. Der Brief, den Sie meinem Onkel schrieben, überzeugte ihn freilich längst, daß Sie unschuldig waren an der gegen ihn in’s Werk gesetzten Intrigue, daß Sie wenigstens seine großen Verdienste neidlos anerkannten. Er hat mir selbst diese Ueberzeugung ausgesprochen und Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der schöne Nachruf, den Sie ihm widmeten, giebt Ihnen das ehrenvollste Zeugniß und ist den Hinterbliebenen ein Trost gewesen. Ich danke Ihnen im Namen der Familie.“

Fabian drückte herzlich die aus freien Stücken dargebotene Hand des Sprechenden. Die Feindschaft seines Vorgängers und der Groll des Assessors hatten schwer auf seiner Seele gelegen, so unschuldig er auch an der Beiden widerfahrenen Kränkung gewesen war. Er condolirte dem betrübten Neffen mit aufrichtiger Theilnahme.

„Ja, wir haben auf der Universität den Verlust des Professor Schwarz auch tief beklagt,“ sagte Gretchen, und war gewissenlos genug, eine ausführliche Beileidsbezeigung über den Tod des Mannes hinzuzufügen, denn sie gründlich verabscheut hatte, ohne ihn zu kennen, und dem sie seine Kritik der „Geschichte des Germanenthums“ noch im Grabe nicht vergeben konnte.

„Und Sie haben wirklich Ihre Entlassung genommen?“ fragte jetzt der Administrator, zu einem anderen Thema übergehend. „Sie verlassen den Staatsdienst, Herr Assessor?“

„In acht Tagen,“ bestätigte Hubert. „Aber hinsichtlich des Titels, den Sie mir geben, Herr Frank, möchte ich mir doch eine kleine Correctur erlauben. Ich –“ er machte wieder eine Kunstpause, weit länger, als sie damals seiner Liebeserklärung voranging, und sah die Anwesenden der Reihe nach an, als wolle er sie auf etwas Großes vorbereiten, dann athmete er tief auf und vollendete, während ein Lächeln unendlicher Wonne sein Antlitz verklärte – „ich bin seit gestern Regierungsrath.“

„Gott sei Dank, endlich!“ sagte Gretchen halblaut, während ihr Gatte sie erschrocken am Arme zupfte, um sie von weiteren Unvorsichtigkeiten abzuhalten. Zum Glücke hatte Hubert den Ausruf nicht gehört; er empfing mit einer Würde, welche der Größe des Momentes entsprach, die Gratulation Frank’s und gleich darauf die Glückwünsche des Ehepaares. Jetzt freilich war seine versöhnliche Stimmung erklärt. Der neue Regierungsrath stand hoch über allen Beleidigungen, die der ehemalige Assessor erfahren. Er verzieh Allen, sogar dem Staate, der ihn so lange verkannt hatte.

„Die Beförderung ändert freilich nichts an meinem Entschlusse,“ nahm er wieder das Wort, und es fiel ihm nicht entfernt ein, daß er sie einzig und allein diesem Entschlusse verdankte. „Der Staat erkennt es bisweilen zu spät, was er an seinen Dienern hat, aber der Würfel ist jetzt einmal gefallen. Ich versehe natürlich noch die Functionen meiner früheren Stellung, und man hat mir noch in der letzten Woche meiner Amtsthätigkeit einen wichtigen Auftrag anvertraut. Ich bin im Begriffe nach W. zu reisen.“

„Ueber die Grenze?“ fragte Fabian erstaunt.

„Allerdings! Ich habe Rücksprache mit den dortigen Behörden zu nehmen wegen Ergreifung und Auslieferung eines Hochverräthers.“

Gretchen warf ihrem Manne einen Blick zu, der deutlich sagte: da fängt er schon wieder an! Auch der Regierungrath hilft nicht dagegen. Frank aber war auf einmal aufmerksam geworden, verbarg das jedoch unter dem gleichgültigsten Tone, mit dem er die Worte hinwarf:

„Ich denke, der Aufstand ist zu Ende.“

„Aber die Verschwörungen dauern fort,“ rief Hubert eifrig. „Davon haben wir jetzt wieder ein eclatantes Beispiel. Sie wissen es wohl noch nicht, daß der Führer, die Seele der ganzen Revolution, Graf Morynski, entkommen ist?“

Fabian und seine Frau fuhren in lebhaftester Ueberraschung auf, während der Administrator ruhig sagte. „Es ist wohl nicht möglich.“

Der neue Regierungsrath zuckte die Achseln. „Es ist leider kein Geheimniß mehr; man spricht bereits in L. davon. Wilicza [836] und Rakowicz bilden ja dort nach wie vor das Hauptinteresse. Wilicza freilich steht außer Frage, seit Herr Nordeck es so energisch regiert, aber in Rakowicz residirt die Fürstin Baratowska, und ich bleibe dabei, diese Frau ist eine Gefahr für die ganze Provinz; es wird nicht Ruhe, so lange sie auf unserem Boden lebt. Gott weiß, wen sie jetzt wieder zur Befreiung ihres Bruders angestiftet hat! Ein Tollkopf ohne Gleichen ist es gewesen, der sein Leben für nichts achtete. Die zur Deportation verurtheilten Gefangenen werden auf’s Schärfste bewacht. Trotzdem hat der oder haben die Helfershelfer sich mit dem Grafen in Verbindung gesetzt und ihm die sämmtlichen Mittel zur Flucht in die Hände gespielt. Sie sind bis in das Innere der Festung, bis an die Mauer des Gefängnisses selbst vorgedrungen; man hat sichere Spuren gefunden, daß der Flüchtling dort erwartet wurde, und dann haben sie ihn mitten durch die Posten und Wachen hindurch, mitten durch all’ die Wälle und Ringmauern entführt, wie – das ist noch heute ein Räthsel. Das halbe Wächterpersonal muß bestochen gewesen sein; die ganze Festung ist in Aufruhr über die unglaubliche Tollkühnheit des Unternehmens. Seit zwei Tagen wird die ganze Umgegend durchstreift, aber noch hat man nicht die geringste Spur entdeckt.“

Fabian hatte anfangs nur mit lebhafter Theilnahme zugehört, als aber wiederholt von der Kühnheit des Unternehmens die Rede war, begann er unruhig zu werden. Eine unbestimmte Ahnung tauchte in ihm auf; er wollte eine hastige Frage thun, begegnete aber noch zu rechter Zeit den warnenden Augen seines Schwiegervaters. Es stand ein entschiedenes Verbot in dem Blicke. Der Professor schwieg, aber er erschrak bis in das innerste Herz hinein.

Gretchen hatte die stumme Verständigung zwischen den Beiden nicht bemerkt und folgte unbefangen der Erzählung Hubert’s, der jetzt fortfuhr:

„Weit können die Flüchtlinge nicht gelangt sein, denn die Flucht wurde entdeckt, fast unmittelbar nachdem der Graf fort war. Die Grenze hat er noch nicht passirt – das steht fest, aber eben so unzweifelhaft ist es, daß er versuchen wird, deutsches Gebiet zu erreichen weil hier die Gefahr minder groß ist. Wahrscheinlich wendet er sich zuerst nach Rakowicz. Wilicza ist ja jetzt, Gott sei Dank, solchen verrätherischen Umtrieben verschlossen, obgleich Herr Nordeck im Augenblick nicht dort ist.“

„Nein,“ sagte der Administrator mit großer Bestimmtheit, „er ist in Altenhof.“

„Ich weiß es; er theilte es dem Herrn Präsidenten selbst mit, als er sich von ihm verabschiedete. Diese Abwesenheit erspart ihm viel – es würde doch sehr peinlich für ihn sein, seinen Oheim ergriffen und ausgeliefert zu sehen, wie es ohne Zweifel geschieht.“

„Wie, Sie werden ihn ausliefern?“ rief Gretchen heftig.

Hubert sah sie erstaunt an. „Natürlich! Er ist ja ein Verbrecher, ein Hochverräther. Die befreundete Regierung wird darauf bestehen.“

Die junge Frau sah erst ihren Gatten und dann den Vater an; sie begriff es nicht, daß keiner von Beiden in ihre Entrüstung einstimmte, aber der Administrator sah gleichgültig vor sich hin, und Fabian sprach keine Silbe. Doch das tapfere Gretchen ließ sich nicht so leicht einschüchtern. Sie erging sich in einer nicht besonders schmeichelhaften Beurtheilung der „befreundeten Regierung“ und auch die eigene mußte sich einige sehr anzügliche Bemerkungen gefallen lassen. Hubert hörte ganz entsetzt zu. Er dankte zum ersten Male Gott, daß er die junge Dame nicht zur Regierungsräthin gemacht hatte; sie zeigte ihm soeben, daß sie ganz und gar nicht zur Frau eines loyalen Beamten paßte; sie trug auch so eine hochverrätherische Ader in sich.

„Ich an Ihrer Stelle hätte den Auftrag abgelehnt,“ schloß sie endlich. „So kurz vor Ihrem Scheiden konnten Sie das ja. Ich würde meine Amtsthätigkeit nicht damit schließen, einen armen, halb todt gehetzten Gefangenen seinen Peinigern wieder in die Hände zu liefern.“

„Ich bin Regierungsrath,“ versetzte Hubert, den Titel feierlichst betonend, „und kenne meine Pflicht. Mein Staat befiehlt – ich gehorche. – Aber ich sehe, daß mein Wagen glücklich die bedenkliche Stelle passirt hat. Leben Sie wohl, meine Herrschaften! Mich ruft die Pflicht.“ Er grüßte und entfernte sich.

„Hast Du es gehört, Emil?“ fragte die junge Frau, als sie wieder im Wagen saßen. „Er ist Regierungsrath geworden, acht Tage vor seiner Entlassung, damit er in der neuen Stellung nicht etwa noch eine neue Albernheit begeht. Nun, mit dem bloßen Titel kann er ja doch in Zukunft keinen Schaden mehr anrichten.“

Sie verbreitete sich noch ausführlich darüber und über die Neuigkeit von der Flucht des Grafen Morynski, erhielt aber nur kurze und zerstreute Antworten. Vater und Gatte waren seit jener Begegnung auffallend einsilbig geworden, und es war ein Glück, daß man bereits das Gebiet von Wilicza erreicht hatte, denn die Unterhaltung wollte nicht wieder in Gang kommen.

Die Frau Professorin fand im Laufe des Tages noch manche Gelegenheit, sich zu wundern und auch zu ärgern. Vor allen Dingen begriff sie ihren Vater nicht. Er freute sich doch zweifellos über die Ankunft seiner Kinder; er hatte sie beim Willkommen mit solcher Herzlichkeit in die Arme geschlossen, und doch schien es ihr, als sei ihm diese Ankunft, die sie ihm gestern erst durch ein Telegramm angezeigt hatten, nicht ganz recht, als hätte er gewünscht, sie aufgeschoben zu sehen. Er behauptete, mit Geschäften überhäuft zu sein, und hatte in der That fortwährend zu thun. Gleich nach der Ankunft nahm er seinen Schwiegersohn mit sich in sein Zimmer und blieb fast eine Stunde dort mit ihm allein.

Gretchen’s Indignation wuchs, als sie weder zu dieser geheimen Conferenz zugezogen wurde, noch von ihrem Manne etwas darüber erfahren konnte. Sie fing an, sich auf’s Beobachten zu legen, und da fiel ihr denn allerdings Manches auf. Einzelne Wahrnehmungen, die sie schon während der Fahrt gemacht, tauchten wieder auf; sie combinirte äußerst geschickt und kam endlich zu einem Resultate, das für sie ganz unzweifelhaft war.

[849] Nach Tische befand sich das Ehepaar allein im Wohnzimmer; der Professor ging ganz gegen seine Gewohnheit auf und nieder. Er bemühte sich vergebens, eine innere Unruhe zu verbergen, und war so tief in Gedanken versunken, daß er gar nicht die Schweigsamkeit seiner sonst so lebhaften Frau bemerkte. Gretchen saß auf dem Sopha und beobachtete ihn eine ganze Weile. Endlich schritt sie zum Angriff.

„Emil,“ begann sie mit einer Feierlichkeit, die der Hubert’s nichts nachgab. „Ich werde hier empörend behandelt.“

Fabian sah erschrocken auf. „Du? Mein Gott, von wem?“

„Von meinem Papa, und was das Allerschlimmste ist, auch von meinem eigenen Manne.“

Der Professor stand bereits neben seiner Frau und ergriff ihre Hand, die sie ihm mit sehr ungnädiger Miene entzog.

„Geradezu empörend!“ wiederholte sie. „Ihr zeigt mir kein Vertrauen; Ihr habt Geheimnisse vor mir; Ihr behandelt mich wie ein unmündiges Kind, mich, eine verheirathete Frau, die Gattin eines Professors der Universität zu J. – es ist himmelschreiend.“

„Liebes Gretchen –“ sagte Fabian zaghaft und stockte dann plötzlich.

„Was hat Dir Papa vorhin gesagt, als Du in seinem Zimmer warst?“ inquirirte Gretchen. „Weshalb hast Du es mir nicht anvertraut? Was sind das überhaupt für Geheimnisse zwischen Euch beiden? Leugne nicht, Emil! Ihr habt Geheimnisse mit einander.“

Der Professor leugnete keineswegs; er blickte zu Boden und sah äußerst gedrückt aus – seine Gattin sandte ihm einen strafenden Blick zu.

„Nun, dann werde ich es Dir sagen. In Wilicza besteht wieder einmal ein Complot, eine Verschwörung, wie Hubert sagen würde, und Papa ist diesmal auch betheiligt, und Dich hat er gleichfalls mit hineingezogen. Die ganze Geschichte hängt mit der Befreiung des Grafen Morynski zusammen –“

„Kind, um Gotteswillen schweig’!“ rief Fabian erschrocken, aber Gretchen kehrte sich durchaus nicht an das Verbot; sie sprach ungestört weiter:

„Und Herr Nordeck ist schwerlich in Altenhof, sonst würdest Du Dich nicht so ängstigen. Was geht Dich Graf Morynski und seine Flucht an? Aber Dein geliebter Waldemar ist auch mit dabei, und deshalb zitterst Du so. Er wird es wohl gewesen sein, der den Grafen entführt hat – das sieht ihm ganz ähnlich.“

Der Professor war völlig starr vor Erstaunen über die Combinationsgabe seiner Frau; er fand, daß sie unglaublich klug sei, entsetzte sich aber doch einigermaßen, als sie ihm die Geheimnisse, die er undurchdringlich glaubte, an den Fingern herzählte.

„Und mir sagt man kein Wort davon,“ fuhr Gretchen in steigender Gereiztheit fort, „obgleich man doch weiß, daß ich ein Geheimniß bewahren kann, obgleich ich damals ganz allein das Schloß rettete, indem ich den Assessor nach Janowo schickte. Die Fürstin und Gräfin Wanda werden wohl Alles wissen; freilich die Polinnen wissen das immer – die sind die Vertrauten ihrer Väter und Gatten; die läßt man an der Politik, sogar an den Verschwörungen theilnehmen, aber wir armen deutschen Frauen werden von unsern Männern stets zurückgesetzt und unterdrückt; uns erniedrigt man durch beleidigendes Mißtrauen und behandelt uns wie Sclavinnen –“ und die Frau Professorin fing im Gefühl ihrer Sclaverei und Erniedrigung laut zu schluchzen an. Ihr Gatte gerieth fast außer sich.

„Gretehen, mein liebes Gretchen, so weine doch nicht! Du weißt ja, daß ich keine Geheimnisse vor Dir habe, sobald es sich um mich allein handelt, aber diesmal betrifft es Andere, und ich habe mein Wort gegeben, unbedingt zu schweigen, auch gegen Dich.“

„Wie kann man einem verheiratheten Manne das Wort abnehmen, seiner Frau etwas zu verschweigen!“ rief Gretchen immer noch schluchzend. „Das hat keine Geltung; das darf Niemand von ihm fordern.“

„Ich habe es doch aber nun einmal gegeben,“ sagte Fabian verzweiflungsvoll. „So beruhige Dich doch! Ich kann es nicht ertragen, Dich in Thränen zu sehen; ich –“

„Nun, das ist ja eine allerliebste Pantoffelwirthschaft!“ fuhr der Administrator dazwischen, der unbemerkt eingetreten war und die Scene mit angesehen hatte. „Meine Frau Tochter scheint sich hinsichtlich der Unterdrückung und Sclaverei doch in der Person geirrt zu haben. Und Du läßt Dir das gefallen, Emil? Nimm es mir nicht übel – Du magst ein tüchtiger Gelehrter sein, aber als Ehemann spielst Du eine traurige Rolle.“

Er hätte seinem Schwiegersohne nicht wirksamer zu Hülfe kommen können als durch diese Worte. Gretchen hörte sie kaum, als sie sich auch sofort auf die Seite ihres Mannes stellte.

„Emil ist ein ganz ausgezeichneter Ehemann,“ erklärte sie entrüstet, während ihre Thränen auf einmal versiechten. „Du brauchst ihm keinen Vorwurf zu machen, Papa; daß er seine Frau lieb hat, das ist nur in der Ordnung.“

[850] Frank lachte. „Nur nicht so hitzig, Kind! Ich meinte es nicht böse. Uebrigens hast Du Dich umsonst ereifert. Wir müssen Dich jetzt nothgedrungen mit in das Complot ziehen, das Du ganz richtig errathen hast. Es ist soeben eine Nachricht angelangt –“

„Von Waldemar?“ fiel der Professor ein.

Der Schwiegervater schüttelte den Kopf. „Nein, von Rakowicz! Herrn Nordeck kann überhaupt keine Nachricht mehr vorangehen. Entweder er kommt selbst, oder – wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen. Aber die Fürstin und ihre Nichte treffen jedenfalls im Laufe des Nachmittags ein, und sobald sie da sind, müßt Ihr hinüber nach dem Schlosse. Es wird auffallen, daß die beiden Damen, die Wilicza seit einem Jahre nicht betreten haben, jetzt so unerwartet und in Abwesenheit des Gutsherrn hier anlangen, daß sie die ganze Zeit über allein im Schlosse bleiben. Eure Anwesenheit giebt der Sache einen harmloseren Anstrich und läßt an ein zufälliges Zusammentreffen glauben. Du machst der Mutter Deines ehemaligen Zöglings einen Besuch, Emil, und stellst ihr Gretchen als Deine Frau vor; das ist glaublich für die Dienerschaft. Die Damen wissen, um was es sich handelt. Ich selbst reite nach der Grenzförsterei und warte, wie verabredet, in der Nähe derselben mit den Pferden. – Und nun laß Dir das Uebrige von Deinem Manne auseinandersetzen, mein Kind! Ich habe keine Zeit mehr.“

Damit ging er, und Gretchen setzte sich wieder auf das Sopha, um die Mittheilungen ihres Gatten entgegenzunehmen, sehr befriedigt darüber, daß man sie endlich auch wie eine Polin behandelte und an der Verschwörung Theil nehmen ließ. –

Es war Abend oder vielmehr Nacht geworden. Auf dem Gutshofe schlief schon Alles, und auch im Schlosse hatte man die Dienerschaft möglichst früh zu Bett geschickt. Im oberen Stockwerke waren noch einige Fenster hell; der grüne Salon und die beiden anstoßenden Gemächer waren erleuchtet, und in einem der letzteren stand der Theetisch, den man hatte herrichten lassen, um den Dienern keinen Anlaß zur Verwunderung zu geben. Das Abendessen blieb natürlich eine bloße Form. Weder die Fürstin noch Wanda waren zu bewegen, auch nur das Geringste zu sich zu nehmen, und jetzt wurde auch Professor Fabian rebellisch und weigerte sich, Thee zu trinken. Er behauptete, auch nicht einen Tropfen davon herunterbringen zu können, wie ihn seine Frau auch von der Nothwendigkeit einer Stärkung zu überzeugen suchte. Sie hatte ihn halb mit Gewalt an den Theetisch gebracht und hielt ihm dort eine leise, aber eindringliche Strafpredigt.

„Aengstige Dich nicht so, Emil! Du wirst mir sonst noch krank vor Aufregung, wie die beiden Damen da drinnen. Gräfin Wanda sieht aus wie eine Leiche, und vor dem Gesichte der Fürstin könnte ich mich beinahe fürchten. Dabei spricht keine von ihnen ein Wort. Ich halte es nicht länger aus, diese stumme Todesangst mit anzusehen, und auch ihnen ist es eine Erleichterung, wenn sie einmal ohne Zeugen sind. Wir wollen sie auf eine halbe Stunde allein lassen.“

Fabian stimmte bei, schob aber die ihm aufgenöthigte Theetasse weit von sich.

„Ich begreife gar nicht, weshalb Ihr Euch Alle so verzweifelt anstellt,“ fuhr Gretchen fort. „Wenn Herr Nordeck erklärt hat, daß er noch vor Mitternacht mit dem Grafen hier sein werde, so ist er hier, und wenn sie an der Grenze ein ganzes Regiment aufgestellt hätten, um ihn einzufangen. Der setzt Alles durch. Es muß doch etwas an dem Aberglauben seiner Wiliczaer sein, die ihn für kugelfest halten. Da ist er wieder mitten durch Gefahren gegangen, bei deren bloßer Erzählung sich uns schon das Haar sträubt, und keine einzige berührt ihn auch nur. Er wird auch glücklich die Grenze passiren.“

„Das gebe Gott!“ seufzte Fabian. „Wenn nur dieser Hubert nicht gerade heute in W. wäre! Er würde Waldemar und den Grafen in jeder Verkleidung erkennen. Wenn er ihnen begegnete!“

„Hubert hat sein Lebenlang nur Dummheiten gemacht,“ sagte Gretchen verächtlich. „Er wird in der letzten Woche seiner Amtsthätigkeit nicht noch etwas Kluges anstiften. Das wäre wider seine Natur. Aber in Einem hat er doch Recht. Kann man wohl den Fuß in dieses Wilicza setzen, ohne gleich wieder mitten in einer Verschwörung zu sein? Das muß wohl hier so in der Luft liegen, denn sonst begreife ich nicht, wie wir Deutsche uns sämmtlich zwingen lassen, zu Gunsten dieser Polen zu conspiriren, Herr Nordeck, Papa, sogar wir Beide. Nun, hoffentlich ist dies das letzte Complot, das in Wilicza angestiftet wird.“

Die Fürstin und Wanda waren in dem anstoßenden Salon zurückgeblieben. Hier wie in sämmtlichen Zimmern der ersteren war nichts verändert worden, seit sie dieselben vor einem Jahre verlassen hatte. Dennoch hatten die Räume den Anstrich des Oeden, Unbewohnten; man fühlte, daß die Herrin ihnen so lange fern geblieben war. Die auf dem Seitentische brennende Lampe erhellte nur zum Theile das hohe düstere Gemach; die ganze Tiefe desselben blieb in Schatten gehüllt.

In diesem tiefen Schatten saß die Fürstin, unbeweglich und starr vor sich hinblickend. Es war derselbe Platz, an dem sie an jenem Morgen gesessen hatte, als Leo’s unseliges Kommen die furchtbare Katastrophe auf ihn und die Seinigen herabrief. Die Mutter rang schwer mit den Erinnerungen, die von allen Seiten auf sie einstürmten, als sie wieder den Ort betrat, der für sie so verhängnißvoll geworden war. Was war aus jenen stolzen Plänen, aus jenen Hoffnungen und Entwürfen geworden, die einst hier ihren Mittelpunkt fanden! Sie lagen alle in Trümmern. Bronislaw’s Rettung war noch das Einzige, was man dem Schicksale abringen konnte, aber diese Rettung war erst zur Hälfte vollbracht, und vielleicht in diesem Augenblicke bezahlten er und Waldemar den Versuch, sie zu vollenden, mit dem Leben.

Wanda stand in der Nische des großen Mittelfensters und blickte so angestrengt hinaus, als könnten ihre Augen die Dunkelheit durchdringen, die draußen herrschte. Sie hatte das Fenster geöffnet, aber sie fühlte es nicht, daß die Nachtluft scharf hereindrang, wußte nicht, daß sie zusammenschauerte unter dem kalten Hauche. Für die Gräfin Morynska hatte diese Stunde keine Erinnerung an die Vergangenheit mit ihren gescheiterten Plänen und Hoffnungen. Für sie drängte sich Alles zusammen in dem einzigen Gedanken der Erwartung, der Todesangst. Sie zitterte ja nicht mehr für den Vater allein, es galt jetzt auch Waldemar, und das Herz behauptete trotz alledem seine Rechte – es galt zumeist ihm.

Es war eine kühle, etwas stürmische Nacht, die von keinem Mondesstrahle erhellt wurde. Der Himmel, leicht bedeckt, ließ nur hin und wieder einen Stern aufblinken, der bald hinter den Wolken verschwand. In der Umgebung des Schlosses herrschte die tiefste Ruhe, der Park lag dunkel und schweigend da, und in den Pausen, wo der Wind ruhte, hörte man jedes fallende Blatt.

Plötzlich fuhr Wanda auf, und ein halb unterdrückter Ausruf entrang sich ihren Lippen. In der nächsten Minute stand die Fürstin an ihrer Seite.

„Was ist’s? Bemerktest Du etwas?“

„Nein, aber ich glaubte in der Ferne Hufschlag zu hören.“

„Täuschung! Du hast ihn schon oft zu hören geglaubt – es ist nichts.“

Trotzdem folgte die Fürstin dem Beispiele ihrer Nichte, die sich weit aus dem Fenster beugte. Die beiden Frauen verharrten in athemlosem Lauschen. Es kam allerdings ein Laut herüber, aber er klang fern und undeutlich, und jetzt erhob sich der Wind von Neuem und verwehte ihn ganz. Wohl zehn Minuten vergingen in qualvollstem Harren – da endlich vernahm man in einer der Seitenalleen des Parkes, da wo dieser einen Ausgang nach dem Walde hin hatte, Schritte, die sich offenbar vorsichtig dem Schlosse näherten, und jetzt unterschied die auf’s Aeußerste angestrengte Sehkraft auch mitten in der Dunkelheit, daß zwei Gestalten aus den Bäumen hervortraten.

Fabian kam in das Zimmer gestürzt. Er hatte von seinem Fenster aus die gleiche Beobachtung gemacht.

„Sie sind da,“ flüsterte er, seiner kaum mehr mächtig. „Sie kommen die Seitentreppe herauf. Die kleine Pforte nach dem Parke ist offen; ich habe erst vor einer halben Stunde nachgesehen.“

Wanda wollte den Ankommenden entgegenstürzen, aber Gretchen, die ihrem Manne gefolgt war, hielt sie zurück.

„Bleiben Sie, Gräfin Morynska!“ bat sie. „Sie sind nicht allein im Schlosse, nur hier in Ihren Zimmern ist Sicherheit.“

Die Fürstin sprach kein Wort, aber sie ergriff die Hand ihrer Nichte, um sie gleichfalls zurückzuhalten. Die Folter der Erwartung dauerte nicht mehr lange. Nur noch wenige Minuten, – dann flog die Thür auf. Graf Morynski stand auf der [851] Schwelle; hinter ihm zeigte sich die hohe Gestalt Waldemar’s, und fast in derselben Secunde lag Wanda in den Armen ihres Vaters.

Fabian und Gretchen hatten Tact genug, sich bei diesem ersten Wiedersehen zurückzuziehen. Sie fühlten, daß sie hier doch nur Fremde waren, aber auch Waldemar schien sich zu den Fremden zu rechnen, denn anstatt einzutreten, schloß er die Thür hinter dem Grafen und blieb im Nebenzimmer, wo er seinem ehemaligen Lehrer herzlich die Hand reichte.

„Da sind wir glücklich,“ sagte er mit einem tiefen Athemzuge. „Die Hauptgefahr wenigstens ist überstanden. Wir sind auf deutschem Boden.“

Fabian umschloß mit beiden Händen die dargebotene Rechte. „In welches Wagniß haben Sie sich wieder gestürzt, Waldemar! Wenn Sie entdeckt worden wären!“

Waldemar lächelte. „Ja, das ‚Wenn‘ muß man bei solchen Unternehmungen von vorn herein ausschließen. Wer über den Abgrund will, darf nicht an den Schwindel denken, sonst ist er verloren. Ich habe die Möglichkeiten nur insofern in Betracht gezogen, als es galt, ihnen vorzubeugen. Im Uebrigen habe ich fest auf mein Ziel geschaut, ohne rechts oder links zu blicken. Sie sehen, das hat geholfen.“

Er warf den Mantel ab und zog aus der Brusttasche einen Revolver, den er auf den Tisch legte. Gretchen, die in der Nähe stand, wich einen Schritt zurück.

„Erschrecken Sie nicht, Frau Professorin!“ beruhigte sie Nordeck. „Die Waffe ist nicht gebraucht worden; die Sache ist ohne jedes Blutvergießen abgegangen, obgleich es anfangs nicht den Anschein hatte, aber wir fanden einen unerwarteten Helfer in der Noth, den Assessor Hubert.“

„Den neuen Regierungsrath?“ fiel die junge Frau erstaunt ein.

„Ja so, er ist ja Regierungsrath geworden! Nun kann er die neue Würde drüben in Polen geltend machen. Wir sind mit seinem Wagen und seinen Legitimationspapieren über die Grenze gefahren.“

Der Professor und seine Frau ließen gleichzeitig einen Ausruf der Ueberraschung hören.

„Freiwillig hat er uns diese Gefälligkeit allerdings nicht erwiesen,“ fuhr Nordeck fort. „Im Gegentheile, er wird nicht verfehlen uns Straßenräuber zu nennen, aber Noth kennt kein Gebot. Für uns standen Freiheit und Leben auf dem Spiele, da galt kein langes Besinnen. – Wir langten gestern Mittag in dem Wirthshause eines polnischen Dorfes an, das nur zwei Stunden von der Grenze entfernt liegt. Daß man uns auf der Spur war, wußten wir und wollten um jeden Preis hinüber auf deutsches Gebiet, aber der Wirth warnte uns, die Flucht vor Einbruch der Dunkelheit fortzusetzen, es sei unmöglich, man fahnde in der ganzen Umgegend auf uns. Der Mann war ein Pole. Seine beiden Söhne hatten bei der Insurrection unter dem Grafen Morynski gedient; die ganze Familie hätten ihr Leben für den ehemaligen Chef gelassen. Der Warnung war unbedingt zu trauen – wir blieben also. Es war gegen Abend, und unsere Pferde standen bereits gesattelt im Stalle, als der Assessor Hubert, der von W. zurückkam, plötzlich im Dorfe erschien. Sein Wagen hatte irgend eine Beschädigung erhalten, die schleunigst ausgebessert werden sollte; er hatte ihn in der Dorfschmiede gelassen und kam nun in das Wirthshaus, hauptsächlich, um sich zu erkundigen, ob keine Spur von uns aufzufinden sei. Sein polnischer Kutscher mußte ihm, da er der Landessprache unkundig war, als Dolmetscher dienen. Er hatte ihn deshalb auch nicht bei dem Wagen gelassen, sondern mitgenommen. Der Wirth behauptete natürlich, von nichts zu wissen. Wir waren im oberen Stocke verborgen und hörten ganz deutlich, wie der Assessor unten im Hausflure in seiner beliebten Art von flüchtigen Hochverräthern declamirte, denen man auf der Spur sei. Dabei war er so freundlich, uns zu verrathen, daß wir in der That verfolgt wurden, daß man den Weg kannte, den wir genommen hatten; er wußte sogar, daß wir unser zwei und zu Pferde seien. Jetzt gab es keine Wahl mehr. Wir mußten fort, so schnell wie möglich. Die unmittelbare Nähe der Gefahr gab mir einen glücklichen Gedanken ein. Ich ließ dem Wirthe durch seine Frau schnell die nöthigen Weisungen zukommen, und er begriff sie auf der Stelle. Dem Assessor wurde gemeldet, daß sein Wagen vor Ablauf einer Stunde nicht herzustellen sei; er war sehr ungehalten darüber, bequemte sich aber doch, so lange im Wirthshause zu bleiben und das angebotene Abendessen einzunehmen. Inzwischen gingen wir zur Hinterthür hinaus und nach der Dorfschmiede. Der Sohn des Wirthes hatte bereits dafür gesorgt, daß der Wagen im Stande war. Ich stieg ein; mein Oheim,“ – es war das erste Mal, daß Waldemar diese Bezeichnung von dem Grafen Morynski gebrauchte – „mein Oheim, der auf der ganzen Flucht für meinen Diener galt, und auch die Kleidung eines solchen trug, nahm die Zügel, und so fuhren wir auf der anderen Seite des Dorfes hinaus.

Im Wagen machte ich noch einen unschätzbaren Fund. Auf dem Rücksitze lag der Paletot des Assessors mit seiner Brieftasche und seinen sämmtlichen Papieren, die dieser umsichtige Beamte ganz einfach hier zurückgelassen oder vergessen hatte, ein neuer Beweis seiner glänzenden Befähigung für den Staatsdienst. Von seinem Passe konnte ich mit meiner Hünengestalt leider keinen Gebrauch machen, dagegen fand sich unter den anderen Papieren manches Nützliche für uns. So zum Beispiel eine Ermächtigung des Polizeidepartements von L., den flüchtigen Grafen Morynski auch auf deutschem Boden zu ergreifen, ein Schreiben, das den Assessor zur Rücksprache über diese Angelegenheit bei den Behörden in W. legitimirte, endlich noch verschiedene Notizen dieser Behörden über die wahrscheinliche Richtung, die wir genommen, und über die bereits getroffenen Maßregeln zu unserer Ergreifung. Leider waren wir gewissenlos genug, die gegen uns gerichteten Documente für uns zu benutzen. Der Assessor hatte im Wirthshause erzählt, daß er heute Morgen über A. gekommen sei; dort hätte man jedenfalls den Wagen wiedererkannt und den Wechsel der Insassen bemerkt. Wir machten also einen Umweg bis zur nächsten Grenzstation und fuhren dort ganz offen als Herr Regierungsrath Hubert nebst Kutscher vor. Ich zeigte die betreffenden Papiere vor und verlangte schleunigst durchgelassen zu werden, da ich den Flüchtigen auf der Spur sei und die größte Eile noth thue. Das half augenblicklich. Niemand fragte nach unseren Pässen. Wir wurden für hinreichend legitimirt erachtet und passirten glücklich die Grenze. Eine Viertelstunde diesseits ließen wir den Wagen, der uns nur verrathen hätte, auf der Landstraße in der Nähe eines Dorfes zurück, wo er jedenfalls gefunden werden muß, und erreichten zu Fuß die Waldungen von Wilicza. Bei der Grenzförsterei fanden wir verabredetermaßen den Administrator mit den Pferden, ritten in voller Carriére hierher – und da sind wir.“

Gretchen, die eifrig zugehört hatte, war sehr ergötzt über den Streich, den man ihrem ehemaligen Bewerber gespielt hatte, Fabian’s Gutmüthigkeit aber ließ eine Schadenfreude nicht aufkommen. Er fragte im Gegentheile in besorgtem Tone:

„Und der arme Hubert?“

„Er sitzt ohne Wagen und ohne Legitimationen drüben in Polen,“ versetzte Waldemar trocken, „und kann von Glück sagen, wenn er nicht selbst noch als Hochverräther angesehen wird. Unmöglich wäre das nicht. Wenn unsere Verfolger wirklich im Wirthshause eintreffen, so finden sie dort die beiden Fremden nebst zwei gesattelten Pferden, und der Wirth wird sich hüten, einen etwaigen Irrthum aufzuklären, der unsere ungestörte Flucht sichert. Der Kutscher, der in jedem Zuge den Polen verräth, und überdies von imposanter Figur ist, kann zur Noth für einen verkleideten Edelmann gelten, der Regierungsrath für seinen Befreier und Mitverschworenen. Legitimiren kann sich der letztere nicht; die Sprache versteht er auch nicht, und unsere Nachbarn pflegen bei solchen Verhaftungen weder viel Umstände zu machen, noch sich streng an die Formen zu halten. Vielleicht genießt der Herr Regierungsrath jetzt selbst das Vergnügen, das er uns bei unserer Ankunft in Wilicza zugedacht hatte: als verdächtiges Individuum geschlossen nach der nächsten Stadt transportirt zu werden.“

„Das wäre ein unvergleichlicher Schluß seiner Amtsthätigkeit,“ spottete Gretchen, ohne sich an den ernsten Blick ihres Gatten zu kehren.

„Und nun genug von diesem Hubert!“ brach Waldemar ab. „Ich sehe Sie doch noch, wenn ich zurückkomme? Für diese Nacht bin ich freilich nur incognito im Schlosse; ich kehre erst in den nächsten Tagen officiell von Altenhof zurück, wo man mich die ganze Zeit über glaubte. Doch nun muß ich die Mutter und meine – meine Cousine begrüßen. Der erste Sturm des Wiedersehens wird jetzt wohl vorüber sein.“

[852] Er öffnete die Thür und trat in das anstoßende Gemach, wo sich die Seinigen befanden. Graf Morynski saß in einem Sessel. Er hielt noch immer seine Tochter in den Armen, die vor ihm auf den Knieen lag und das Haupt an seine Schulter lehnte. Der Graf hatte sehr gealtert in der letzten Zeit. Die dreizehn Monate der Haft schienen ebenso viele Jahre für ihn gewesen zu sein. Haar und Bart waren weiß geworden, und sein Antlitz zeigte unauslöschliche Spuren der Leiden, die Kerker, Krankheit und vor Allem das Schicksal seines Volkes über ihn verhängt hatten. Es war ein energischer, lebenskräftiger Mann gewesen, der vor kaum einem Jahre hier in Wilicza Abschied nahm – jetzt kehrte ein Greis zurück, dessen äußere Erscheinung schon seine Gebrochenheit verrieth.

Die Fürstin, welche neben dem Bruder stand, bemerkte zuerst den Eintritt ihres Sohnes und ging ihm entgegen.

„Kommst Du endlich, Waldemar?“ sagte sie im Tone des Vorwurfs. „Wir glaubten schon, Du wolltest Dich uns ganz entziehen.“

„Ich wollte Euer erstes Wiedersehen nicht stören,“ erwiderte er zögernd.

„Bestehst Du noch immer darauf, ein Fremder für uns zu sein? Du bist es lange genug gewesen. Mein Sohn –“ die Fürstin streckte ihm plötzlich in tiefster Bewegung beide Arme entgegen – „ich danke Dir.“

Waldemar lag in den Armen der Mutter, zum ersten Mal wieder seit seiner Kinderzeit, und in dieser langen, innigen Umarmung versanken die Jahre der Entfremdung und Bitterkeit, versank alles, was sich je kalt und feindselig zwischen sie gestellt hatte. Auch hier war eine unsichtbare und doch so unheilvolle Schranke niedergerissen. Sie hatte lange genug zwei Menschen getrennt, die durch die heiligsten Bande des Blutes einander angehörten. Der Sohn hatte sich endlich die Liebe seiner Mutter erobert.

Der Graf erhob sich jetzt auch und bot seinem Retter die Hand. „Danke ihm immerhin, Jadwiga!“ sagte er. „Ihr wißt noch nicht, was er alles für mich gewagt hat.“

„Das Wagniß war nicht so groß, wie es schien,“ lehnte Waldemar ab. „Ich hatte mir zuvor die Wege geebnet. Wo Gefängnisse sind, ist auch Bestechung möglich. Ohne diesen goldenen Schlüssel wäre ich nie bis in’s Innere der Festung gedrungen, und noch weniger wären wir beide wieder hinausgelangt.“

Wanda stand neben ihrem Vater, dessen Arm sie noch immer festhielt, als fürchte sie, er könne ihr wieder entrissen werden. Sie allein hatte noch kein Wort des Dankes gesprochen, nur ihr Blick war Waldemar entgegen geflogen, als sie sich bei seinem Eintritte umwandte, und dieser Blick mußte ihm wohl mehr gesagt haben, als alle Worte. Er schien zufrieden damit und machte keinen Versuch, sich ihr direct zu nähern.

„Noch ist die Gefahr nicht ganz überstanden,“ wandte er sich wieder an den Grafen. „Wir haben es ja leider schwarz auf weiß in Händen, daß Ihnen auch hier die Verhaftung und Auslieferung droht. Für den Augenblick freilich sind Sie sicher in Wilicza. Frank hat versprochen, uns als Wachposten zu dienen, und Sie bedürfen auch dringend einige Stunden der Ruhe, aber morgen früh müssen wir weiter nach S.“

„Ihr wollt also nicht den directen Weg nach Frankreich oder England nehmen?“ fragte die Fürstin.

„Nein, das dauert zu lange, und gerade auf diesem Wege wird man uns vermuthen; wir müssen versuchen, so schnell wie möglich die See zu erreichen. S. ist der nächste Hafen und morgen Abend können wir bereits dort sein. Ich habe alles vorbereitet; schon seit vier Wochen liegt ein englisches Schiff dort, über das ich mir die alleinige Disposition gesichert habe, und das jeden Augenblick bereit ist, in See zu gehen. Es bringt Sie vorläufig nach England, mein Oheim. Von dort aus stehen Ihnen ja Frankreich, die Schweiz, Italien offen, gleichviel, wo Sie Ihren Aufenthalt wählen. Einmal auf hoher See, sind Sie gerettet.“

„Und Du, Waldemar?“ – der Graf gab seinem ältesten Neffen auch das Du, das er so lange nur dem Jüngeren zugestanden – „Wirst Du Deine Kühnheit nicht noch büßen müssen? Wer weiß, ob das Geheimniß meiner Flucht streng bewahrt bleiben wird – es wissen zu Viele darum.“

Waldemar lächelte flüchtig. „Ich habe allerdings diesmal meine Natur verleugnen und an allen Ecken und Enden Vertraute haben müssen; es ließ sich nicht anders durchführen. Zum Glück sind es sämmtlich Mitschuldige – sie können nichts verrathen, ohne sich selbst preiszugeben. Die Befreiung wird man aber unbedingt meiner Mutter zuschreiben, und wenn in Zukunft wirklich einmal Vermuthungen oder Gerüchte über die Wahrheit auftauchen, nun so leben wir ja auf deutschem Boden. Hier ist Graf Morynski weder angeklagt, noch verurtheilt worden, und hier wird seine Befreiung also auch nicht als Verbrechen gelten. Man wird es begreifen, daß ich, trotz allem, was uns politisch trennt, die Hand zur Rettung meines Oheims bot, wenn man erfährt, daß er auch – mein Vater geworden ist.“

In dem Antlitz Morynski’s zuckte etwas auf bei dieser Mahnung, was er vergebens zu unterdrücken versuchte, ein Schmerz, dessen er nicht Herr zu werden vermochte. Er wußte ja längst um diese Liebe, die ihm wie seiner Schwester so lange als ein Unglück, ja beinahe als ein Verbrechen erschienen war. Auch er hatte sie mit allen Mitteln bekämpft, die ihm nur zu Gebote standen, und noch in der letzten Zeit versucht, Wanda davon loszureißen; er hatte es geduldet, daß sie sich entschloß, mit ihm in ein fast sicheres Verderben zu gehen, nur um diese Verbindung zu hindern. Es war ein schweres Opfer, das er den nationalen Vorurtheilen, dem alten Nationalhaß abrang, der so lange die Richtschnur seines Lebens gewesen war, aber er sah auf den Mann, dessen Hand ihn aus dem Kerker geführt, der Leben und Freiheit daran gesetzt hatte, um ihm beides zurückzugeben – dann beugte er sich zu seiner Tochter nieder.

„Wanda!“ sagte er leise.

Wanda blickte zu ihm auf. Das Antlitz des Vaters war ihr nie so düster, so gramvoll erschienen, wie in dieser Minute. Sie war ja darauf vorbereitet gewesen, ihn verändert zu finden, aber so furchtbar hatte sie sich diese Veränderung nicht gedacht, und als sie jetzt in seinen Augen las, was ihn die Einwilligung kostete, da trat jeder eigene Wunsch zurück, und die leidenschaftliche Zärtlichkeit der Tochter flammte auf.

„Jetzt noch nicht, Waldemar!“ flehte sie mit bebender Stimme. „Du siehst, was mein Vater gelitten hat und noch leidet. Du kannst nicht fordern, daß ich mich im Augenblicke des Wiedersehens schon wieder von ihm trenne. Laß mich noch einige Zeit an seiner Seite, nur ein Jahr noch! Du hast ihn vor dem Furchtbarsten bewahrt, aber er muß doch immer in die Fremde, in die Verbannung hinaus – soll ich ihn krank und allein gehen lassen?“

Waldemar schwieg. Er fand nicht den Muth, Wanda an das Wort zu erinnern, das sie ihm bei ihrem letzten Zusammensein ausgesprochen; die gebrochene Gestalt des Grafen verbot jeden Trotz und sprach zugleich mächtig für die Bitte seiner Tochter, aber in dem jungen Manne bäumte sich jetzt der ganze Egoismus der Liebe empor. Er hatte so vieles gewagt, um die Geliebte zu besitzen, und nun ertrug er es nicht, daß man ihm den Preis noch länger versagte. Finster, mit zusammengepreßten Lippen sah er zu Boden, als plötzlich die Fürstin dazwischen trat.

[876] „Ich will die Sorge um den Vater von Dir nehmen, Wanda,“ sagte die Fürstin. „Ich gehe mit ihm – –“

Die drei Anderen fuhren in höchster Ueberraschung auf. „Wie, Jadwiga?“ fragte der Graf, „Du wolltest mit mir gehen?“

„In die Verbannung,“ vollendete die Fürstin mit fester Stimme. „Sie ist uns beiden so nicht fremd, Bronislaw; wir haben sie lange Jahre hindurch gekostet – wir nehmen das alte Schicksal wieder auf uns.“

„Niemals!“ rief Waldemar auflodernd. „Ich gebe es nicht zu, daß Du mich jetzt verläßt, Mutter. Die Kluft zwischen uns ist endlich ausgefüllt; der alte Streit ist begraben. Dein Platz ist fortan in Wilicza bei Deinem Sohne.“

„Der soeben dabei ist, seinen Gütern mit eiserner Hand den Stempel des Deutschthums aufzuprägen!“ es lag ein furchtbarer Ernst in dem Tone der Fürstin Baratowska, als sie ihn mit diesen Worten unterbrach. „Nein, Waldemar, Du unterschätzest die Polin in mir, wenn Du meinst, ich könnte noch ferner in Wilicza bleiben, in dem Wilicza, das jetzt unter Deiner Hand auflebt. Ich habe Dir spät, aber ganz die Liebe der Mutter gegeben und werde Dir diese Liebe bewahren, auch wenn wir von einander scheiden, auch in der Ferne und wenn wir uns bisweilen wiedersehen, aber an Deiner Seite leben und Tag für Tag sehen, wie Du alles zu Boden wirfst, was ich mühsam gebaut habe, in Deinen deutschen Kreisen meine ganze Vergangenheit verleugnen und jedesmal, wenn der Gegensatz zwischen Euch und uns wieder hervortritt, mich Deinem Machtworte beugen, das, mein Sohn, kann ich nicht; es wäre mehr, als ich mit aller Willenskraft zu leisten vermöchte. Das würde unsere kaum geschlossene Versöhnung wieder zerreißen, würde den alten Streit, die alte Bitterkeit wieder wachrufen. Also laß mich gehen – es ist das Beste für uns Beide.“

„Ich habe nicht geglaubt, daß diese Bitterkeit sich selbst in diese Stunde drängen würde,“ sagte Waldemar mit leisem Vorwurf.

Die Fürstin lächelte schmerzlich. „Sie gilt nicht Dir; sie gilt dem Schicksal, das uns zum Untergange verurtheilt hat. Ueber die Baratowski wie über die Morynski hat es den Stab gebrochen. Mit Leo ging das edle Polengeschlecht zu Grabe, das Jahrhunderte lang in der Geschichte unseres Volkes geglänzt hat. Auch mein Bruder ist der Letzte seines Stammes. Mit Wanda erlischt sein Name, und er erlischt jetzt in dem Deinigen. Wanda ist jung; sie liebt Dich; sie wird vielleicht überwinden lernen, was uns Beiden unmöglich ist. Euch gehört ja das Leben und die Zukunft – wir haben nur noch die Vergangenheit.“

„Jadwiga hat Recht,“ nahm jetzt auch Graf Morynski das Wort. „Ich darf nicht bleiben, und sie will es nicht. Ihr hat die Verbindung mit Deinem Vater kein Heil gebracht, Waldemar, und mir ist es, als könnten ein Nordeck und eine Morynska überhaupt kein Glück mit einander finden. Auch zwischen Euch liegt der unselige Zwiespalt, der Deinen Eltern so verhängnißvoll geworden ist, auch Wanda ist ein Kind ihres Volkes und kann das Blut dieses Volkes nicht verleugnen, so wenig wie Du das Deinige. Es ist ein Wagniß, das Ihr mit dieser Ehe auf Euch nehmt, aber Ihr habt es gewollt – ich widerstrebe nicht länger.“

Es war keine frohe Verlobung, die das junge Paar feierte. Die angekündigte Trennung von der Mutter, die düstere Resignation des Vaters und seine Warnung warfen einen tiefen Schatten über die Stunde, die sonst so sonnenhell zu sein pflegt für zwei jugendliche Herzen. Es schien wirklich, als sollte dieser Leidenschaft, die sich durch so heiße Kämpfe durchgerungen, so viele Hindernisse zu Boden geworfen hatte, kein Glück beschieden sein.

„Und nun komm, Bronislaw!“ sagte die Fürstin, den Arm ihres Bruders nehmend. „Du bist zu Tode erschöpft von dem scharfen Ritt und den Aufregungen der letzten Tage. Du mußt bis morgen ruhen, wenn es Dir möglich sein soll, die Reise fortzusetzen. Wir wollen die Beiden allein lassen; sie haben noch kaum mit einander gesprochen, und sie haben sich doch so viel zu sagen.“

Sie verließ mit dem Grafen das Zimmer, aber kaum hatte sich die Thür hinter ihnen geschlossen, da wich der Schatten. Waldemar zog mit stürmischer Zärtlichkeit die endlich errungene Braut in seine Arme. – –

Fabian und seine Gattin befanden sich noch im Nebenzimmer, [878] aber Gretchen war äußerst ungehalten und warf einen wehmüthigen Blick nach dem Theetisch.

„Daß die Menschen über ihre romantischen Gefühle doch immer vergessen, was nothwendig und in der Ordnung ist!“ bemerkte sie. „Die Angst und Aufregung ist doch nun vorbei und das Wiedersehen auch; sie könnten sich doch nun ruhig zu Tische setzen, aber das fällt Niemandem ein. Ich habe weder die Fürstin noch den Grafen Morynski dahin bringen können, auch nur etwas zu genießen, aber Gräfin Wanda wenigstens muß eine Tasse von dem Thee nehmen, den ich eben wieder frisch bereitet habe; sie muß es unter allen Umständen. Ich werde nachsehen, ob sie mit Herrn Nordeck noch drinnen im Salon ist. Bleibe Du inzwischen hier, Emil!“

Emil blieb gehorsam bei der Theemaschine sitzen, aber die Zeit wurde ihm lang dabei, denn es vergingen wohl zehn Minuten, ohne daß seine Frau zurückkehrte. Der Professor fing an sich unbehaglich zu fühlen. Er kam sich hier so überflüssig vor; er hätte sich so gern auch irgendwie nützlich gemacht, wie Gretchen, deren praktische Natur sich nie verleugnete, und um doch wenigstens etwas zu thun, ergriff er die bereits gefüllte Theetasse und trug sie in den anstoßenden Salon. Zu seiner großen Ueberraschung fand er diesen leer und seine Frau dicht vor der jetzt geschlossenen Thür des Arbeitscabinets der Fürstin stehen.

„Liebes Gretchen,“ sagte Fabian, die Tasse so vorsichtig und ängstlich auf der Hand balancirend, als enthielte sie das kostbarste Lebenselixir. „Ich bringe den Thee; er könnte am Ende kalt werden, wenn es noch lange dauert.“

Die Frau Professorin hatte sich in einer sehr verfänglichen Stellung überraschen lassen. Sie stand nämlich gebückt, mit dem Auge am Schlüsselloch, hatte sich aber glücklicher Weise noch rasch aufgerichtet, als ihr Gemahl eintrat. Jetzt aber ergriff sie ihn sammt der Tasse und zog ihn wieder in’s Nebenzimmer.

„Laß nur, Emil!“ erwiderte sie. „Die Gräfin braucht keinen Thee, und es dauert noch sehr lange. Um Deinen lieben Waldemar brauchst Du Dich auch nicht mehr zu grämen; dem geht es gar nicht schlecht da drinnen, durchaus nicht. Ich habe ihm übrigens Unrecht gethan – er hat doch ein Herz. Dieser kalte starre Nordeck kann wirklich auf den Knieen liegen und in den glühendsten Worten von seiner Liebe sprechen. Ich hätte es nicht geglaubt.“

„Aber liebes Kind, woher weißt Du denn das alles?“ fragte der Professor, der in seiner Unschuld und Gelehrsamkeit nie etwas mit Schlüssellöchern zu thun gehabt hatte. „Du standest ja draußen.“

Gretchen wurde feuerroth, faßte sich aber schnell und sagte mit großer Bestimmtheit:

„Das verstehst Du nicht, Emil. Es ist auch gar nicht nöthig – und da der Thee nun einmal da ist, so wollen wir ihn selber trinken.“


Die milde klare Frühlingsnacht, welche über dem Meere lag, begann dem Morgen zu weichen. Am Himmel blinkten noch matt die Sterne, aber fern am Horizont dämmerte schon die erste Tageshelle, und das Meer rauschte leise, wie im Traume.

Durch die immer lichter werdende Morgendämmerung eilte ein Schiff, das gegen Mitternacht den Hafen von S. verlassen hatte. Es hatte mehrere Stunden gebraucht, um die weite seeartige Mündung des Flusses zu durchmessen, und stand nun im Begriff, die hohe See zu gewinnen. An Bord befand sich Graf Morynski mit seiner Tochter und Waldemar. Wanda hatte die Trennung vom Vater so unmittelbar nach dem Wiedersehen nicht über sich gewinnen können. Sie bestand darauf, ihn wenigstens bis zum Hafen zu begleiten und auch dann noch so lange wie möglich an seiner Seite zu bleiben, und Waldemar hatte ihren stürmischen Bitten nachgegeben. Eine Gefahr brachte das kaum mit sich, im Gegentheil, die Fahrt nach S. wurde vielleicht unverdächtiger in Gesellschaft einer Dame zurückgelegt. Die Fürstin verweilte ja vorläufig noch in Rakowicz; ihr schrieb man, wie der Sohn ganz richtig voraussah, allein die Befreiung ihres Bruders zu. Jeder Verdacht, jede etwaige Nachforschung richtete sich auf sie und ihren Aufenthalt. Wanda’s Abwesenheit wurde schwerlich bemerkt; überdies sollte sie schon in den nächsten Tagen in Begleitung Waldemar’s von Altenhof zurückkehren. Das ehemalige Gut Witold’s, jetzt das Eigenthum seines Pflegesohnes, lag an der offenen Küste, die das Schiff bei seiner Abfahrt passiren mußte, und bis hierher ward dem Flüchtlinge von seinen Kindern das Geleit gegeben. Graf Morynski beabsichtigte in England die Fürstin zu erwarten, die noch einige Wochen in Rakowicz bleiben wollte, bis zur Vermählung ihres Sohnes und ihrer Nichte, um dann unverzüglich dem Bruder zu folgen. Von England aus wollten Beide gemeinschaftlich ihren ferneren Aufenthalt wählen.

Es war allmählich Tag geworden. Das erste kalte Frühlicht ruhte auf der weiten Meeresfläche, aber noch ohne Wärme und Farbe. Jetzt, wo die Küste zurückwich und die offene See vor den Scheidenden lag, konnte die Trennung nicht länger verschoben werden. Dort drüben dehnte sich der Strand hin, der das Gebiet von Altenhof begrenzte, und in unmittelbarer Nähe des Schiffes, das jetzt seinen Lauf hemmte, lag, noch umwallt von weißen Morgennebeln, der Buchenholm. Es war eine kurze, aber ergreifende Abschiedsscene, die auf dem Verdecke stattfand. Graf Morynski litt wohl am schwersten darunter. So sehr er auch strebte, seine Fassung zu behaupten sie brach doch zusammen, als er die Tochter in die Arme ihres künftigen Gatten legte. Waldemar sah, daß die Qual der Trennung nicht verlängert werden durfte; er umfaßte rasch seine Braut und hob sie in das bereitliegende Boot, das sie in wenigen Minuten nach dem Buchenholm hinübertrug, während das Schiff sich wieder in Bewegung setzte. Vom Verdeck flatterte noch ein weißes Tuch, und vom Holm aus wurde der Abschiedsgruß erwidert, dann wurde, die Entfernung weiter und weiter zwischen den Scheidenden. Das Schiff wandte sich mit voller Dampfkraft gen Norden.

Wanda war auf eins der Steintrümmer niedergesunken, die unter den Buchen zerstreut lagen, und überließ sich dem Ausbruche eines leidenschaftlichen Schmerzes. Waldemar, der neben ihr stand, behauptete wohl die Fassung, aber auch auf seinem Antlitze lag der ganze Ernst dieser Abschiedsstunde.

„Wanda,“ sagte er, seine Hand sanft auf die ihrige legend, „die Trennung ist ja keine ewige. Wenn Dein Vater den heimathlichen Boden nicht wieder betreten darf, so hindert uns nichts, ihn bisweilen aufzusuchen. In Jahresfrist siehst Du ihn wieder – ich verspreche es Dir.“

Wanda schüttelte schmerzlich das Haupt. „Wenn ich ihn dann noch finde. Er hat zu viel und zu schwer gelitten, um sich je wieder ganz dem Leben zuwenden zu können. Mir ist es, als hätte ich das letzte Mal in seinen Armen gelegen.“

Nordeck schwieg – auch ihm hatte sich beim Abschiede die gleiche Befürchtung aufgedrängt. Wenn Graf Morynski auch wirklich die Folgen der Wunden und der Kerkerhaft zu überwinden vermochte, den Untergang der Sache, der sein ganzes Leben geweiht gewesen war, überwand er schwerlich. Als er vor Jahren das erste Mal in die Verbannung ging, da hatte er geistig und körperlich noch die volle Kraft des Mannes einzusetzen, aber jetzt war diese Kraft gebrochen – wer konnte es wissen, wie lange der Rest davon noch Stand hielt!

„Der Vater bleibt ja nicht allein,“ entgegnete Waldemar endlich. „Meine Mutter folgt ihm, und ich sehe erst jetzt, was wir ihr zu danken haben. Sie nimmt mit diesem Entschlusse eine schwere Sorge von uns Beiden. Du kennst ihre Liebe zu dem einzigen Bruder; sie wird ihm die Stütze sein, deren er bedarf.“

Der Blick Wanda’s hing noch immer an dem Schiffe, das schon in weiter Ferne dahinzog.

„Und Du verlierst auch die Mutter, nachdem Du sie kaum erst gefunden hast,“ sagte sie leise.

Seine Stirn verdüsterte sich bei der Erinnerung. „Glaubst Du, daß mir das leicht wird? Und doch, ich fürchte, sie hat Recht. Wir sind zu gleichartige Naturen, als daß sich je eine der anderen beugen könnte, und bei einem Zusammenleben müßte das doch nun einmal geschehen. Gehörte ich ihrem Volke an oder sie dem meinigen, dann freilich bedürfte es dessen nicht, dann würde Alles, was ich unternehme und erringe, ihr Stolz, ihr eigenes Wollen sein, jetzt aber steht mir dieses Wollen ewig feindlich gegenüber, und wo ich in Wilicza meinen Schöpfungen die Bahn brechen will, da muß ich erst die ihrigen zerstören. Wir können uns wohl über die Kluft hinweg die Hand reichen und es endlich fühlen, daß wir Mutter und Sohn sind – miteinander gehen können wir nicht. Sie hat das klarer eingesehen als ich selber [879] und gewählt, was für uns Alle das Beste ist; ihr Entschluß allein sichert uns die Versöhnung.“

Die junge Gräfin hob das dunkle thränenvolle Auge zu ihm empor. „Hast Du die düstere Warnung des Vaters vergessen? Auch zwischen uns Beiden liegt der unselige nationale Zwiespalt, der von jeher wie ein tiefer Riß durch unsere Familie ging. Er hat schon Deine Eltern unglücklich gemacht.“

„Weil sie keine Liebe kannten,“ ergänzte Waldemar. „Weil kalte Berechnung nach beiden Seiten das innigste Band knüpfte, das zwei Menschen vereinigen kann. Daraus konnte keine Versöhnung erstehen; da mußte der alte Streit nur noch heftiger auflodern. Wir haben denn doch etwas Anderes einzusetzen. Ich habe jenem Zwiespalte schon meine Braut abgerungen – ich werde auch mein Glück dagegen zu vertheidigen wissen. Wenn unsere Ehe wirklich ein Wagniß ist, wir können es auf uns nehmen.“

Die leichten Morgenwolken, welche am Himmel schwammen, begannen sich licht und lichter zu färben, und im Osten flammte die Morgenröthe. Der ganze Horizont war in Rosengluth getaucht, und die Wellen erschienen wie gesäumt mit flüssigem Golde. Jetzt blitzte es auf wie ein strahlender Funke, der erste Gruß der aufsteigenden Sonne, und nun stieg das leuchtende Tagesgestirn selbst empor aus den Wogen, langsam, immer höher und höher, bis es sich endlich ganz davon löste und in voller Klarheit dastand. Durch die helle, kalte Morgenluft floß es wie ein rosiger Hauch, und die bisher so öde dunkle Wasserfläche gewann das tiefste Blau. Mit dem Sonnenaufgang strömten Licht und Leben über Meer und Erde hin.

Die ersten Strahlen berührten den Buchenholm, und vor ihnen zerrannen die weißen Nebel, die noch zwischen den Bäumen schwebten; sie sanken nieder auf den thaubedeckten Rasen; sie zerflatterten im Walde, nur ein leichter Duft blieb noch zurück. Der Morgenwind strich durch die Kronen der mächtigen Buchen, die sich leise rauschend zu einander neigten, aber was sie jetzt flüsterten, das war keine düstere Klage mehr von Vergehen und Sterben, wie damals am Waldsee von Wilicza. Und doch war gerade dort, in den herbstlich öden Wäldern, aus Dämmerung und Nebelschatten das Traumbild aufgestiegen, das jetzt als helle Wirklichkeit dastand – der meerumrauschte Buchenholm im Sonnenglanze mit seiner Märchepoesie.

Waldemar und Wanda standen wieder an der Stelle, wo vor Jahren der wilde, ungestüme Knabe gestanden hatte, der da meinte, er brauche nur die Hand auszustrecken, um das, was seine erste Leidenschaft erweckte, nun auch als sein unbestrittenes Eigenthum an sich zu reißen, und das übermüthige Kind, das mit dieser Leidenschaft ein kindisches Spiel getrieben hatte. Damals wußten sie Beide noch nichts vom Leben und seinen Aufgaben. Seitdem war es ihnen genaht in seinem ganzen furchtbaren Ernste; es hatte sie hineingerissen in seine schwersten Kämpfe, und Alles zwischen sie gestellt, was zwei Menschen nur trennen kann. Aber die alte Meeressage hatte ihnen doch wahr gesprochen. Seit jener Stunde, wo ihr Zauber die beiden jugendlichen Herzen umspann, waren diese in ihrem Bann geblieben, und der Bann hielt sie fest trotz Entfremdung und Trennung; er zog sie mächtig zu einander, als um sie her Alles in Haß und Streit aufloderte, und führte sie siegreich durch all die feindlichen Gewalten bis zu dieser Minute.

Waldemar hatte den Arm um seine Braut gelegt und sah ihr tief in’s Auge.

„Glaubst Du noch, daß ein Nordeck und eine Morynska kein Glück mit einander finden können?“ fragte er. „Wir wollen den Schatten tilgen, der bisher auf diesem Bunde lag.“

Wanda lehnte das Haupt an seine Schulter. „Du wirst bei Deinem Weibe vieles schonen und vieles überwinden müssen. Ich kann nicht Alles verleugnen, was mir so lange heilig und theuer gewesen ist. Reiße mich nicht ganz los von meinem Volke, Waldemar! Es wurzelt ein Theil meines Lebens darin.“

„Bin ich denn jemals hart gegen Dich gewesen?“ Waldemar’s Stimme hatte wieder jene seltsame Weichheit, die nur ein einziges Wesen auf Erden diesem kalten, starren Manne abzuringen vermochte. „Diese Augen haben ja schon den unbändigen Knaben Fügsamkeit gelehrt; sie werden auch den Mann zu zügeln wissen. Ich weiß, daß jener Schatten sich noch oft zwischen uns drängen wird; er wird Dir vielleicht noch manche Thräne und mir manchen Kampf kosten, aber ich weiß auch, daß in jedem entscheidenden Augenblicke meine Wanda da stehen wird, wo sie schon einmal stand, als die Todesgefahr mich bedrohte, und wo hinfort allein ihr Platz ist – an der Seite ihres Gatten.“

Das Schiff, das den Flüchtling seinem Vaterlande entführte, verschwand in nebelduftiger Ferne. Ringsum wogte die blaue See, und über den Buchenholm strömte das volle goldene Sonnenlicht. Das Meer sang wieder seine alte ewige Melodie, aus Windesrauschen und Wellenbrausen gewoben, und dazwischen tönte es fern und geheimnißvoll wie Glockenklang – der Geistergruß Vinetas aus der Meerestiefe.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: seine