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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Vierundzwanzig Stunden in Venedig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 79–83
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Vierundzwanzig Stunden in Venedig.

Der geflügelte Löwe von San Marco – das Sinnbild der alten Wunderstadt Venezia – war mir schon aus meinen jüngsten Jahren her ein Pförtner alles Geheimnißvollen und ein Schlüssel der reichsten Phantasie. Der würdige alte Graukopf, mein erster Lehrer in der Wissenschaft alles Geschehenen, mit seinem schiefgezogenen und so lehrreichen Munde, mit seinen humor-belebten Gesichtszügen, die eine große bewegliche Warze auf dem linken Nasenflügel keineswegs abstoßend, sondern nur noch ausdrucksvoller [80] zu machen schien, hatte uns so oft vom geflügelten Löwen der mächtigen Lagunenstadt erzählt, daß die Wunder des Orients, die Schätze Indiens, die Schrecken der Inquisition, die Heldenthaten eines neuen Römerreichs, der Sagenreichthum der Kreuzzüge, die volle Gewalt jener ersten italienischen Landmacht und größten europäischen Seemacht ihrer Zeit, in plötzlicher Erinnerung heute noch in mir chaotisch auftauchen, bei der Vorstellung jenes trotzigen Markuslöwen und bei der Erinnerung an – die hügelreiche Nase des liebevollsten alten Lehrers meiner Kinderjahre.

Dieser Nasenflügel und jene Fittige des ehernen Wüstenkönigs auf der Piazzetta von Venedig beschäftigten meine Seele ganz, als von Padua her, in einer wundervollen Juninacht, das gewaltige Dampfroß mich der fabelhaften Seestadt entgegenschleifte, hin über die langgestreckte Lagunenbrücke, einen riesigen Damm von 222 Bögen, wohl die längste Brücke der Welt.

Es war eine jener oft besungenen Sternennächte, die das glückliche Italien uns Nordländern zum Feenreiche machen. Der milchweiße Glanz der Sterne, deren man hier Millionen mehr zu erblicken glaubt, als über unsern heimathlichen Wäldern, scheint das Blau der Luft zu verdrängen. Meer und Himmel bilden eine einzige Glorie, wie ein riesengroßer Heiligenschein deucht dem andachtsvoll erhobenen Gemüthe die weite Welt.

Das Geräusch des Bahnhofes riß mich aus der Nachempfindung dieses Bildes. Und doch ist das Treiben hier bei weitem nicht dem unseligen Lärmen unserer Bahnhöfe zu vergleichen. Der Italiener, Sohn einer milderen Natur, scheint Hamlet’s: „behandelt Alles gelinde“ nicht aus dem Sinne zu verlieren. Selbst wo er geräuschvoll werden muß, dämpft doch der weiche Laut seiner Sprache, der besonders dem venezianischen Accente eigen, leicht die Härten, und so wird hier sogar das Getöse von Menschenmassen musikalisch.

Ermüdet von der langen Fahrt, entriß ich mich jedoch schleunigst dem Gewoge der Menschen, um mich dem Wogen auf den Wogen in die Arme zu werfen. Die Straßen sind nämlich hier meistens mit Wasser gepflastert und Gondeln und Battelli vertreten hier die Stellen von Roß und Wagen. Solcher Gassen, deren Häuser sich schnurgerade aus dem Wasser erheben, hat Venedig 154, selten ist ein schmaler Kai (Uferstraße) vorhanden, der den Fußgängern erlaubt, wie auf einem Trottoir längs des Wassers zu gehen. Die eigentlichen Straßen sind enger als irgend in einer andern Stadt; oft kann man die Häuser zu beiden Seiten mit den ausgebreiteten Armen erreichen, manchmal sogar mit eingestämmten Ellenbogen. Es giebt Gassen von nur zwei Fuß Breite, so daß man nicht einmal einen Regenschirm aufspannen kann, und wenn man Jemandem begegnet, sich an die Wand drücken muß, um ihn vorbeizulassen. Die größte Straße, mit den prächtigsten Kaufläden und Buchhandlungen ausgeschmückt, die Merzeria, den Linden in Berlin und dem Kohlmarkte zu Wien an Pracht nichts nachgebend, mißt gleichwohl nur 4-6 Ellen Breite. Dagegen sind alle Gänge und Wege - bis auf einige entfernt liegende größere Plätze - mit kostbaren Quadersteinen gepflastert. Staub und Schmutz kennt man hier nicht, man kann die ganze Stadt, wie einen Salon, selbst bei schlechtem Wetter, in leichten Schuhen durchwandern: woher es kommt, daß der Venezianer bis auf den heutigen Tag nicht gewöhnt ist, Stiefeln zu tragen.

Eine Todtenstille umfing mich, als meine Gondel in den ersten Kanal der Stadt eingelenkt, Nacht über mir, Nacht unter mir. Sanft wiegte mich der leichte Nachen. Der Gondolier verrichtete schweigend sein geräuschloses Geschäft. Zurückgelehnt in die Polstersitze des schwarzbehangenen Häuschens, welches sich auf jeder Gondel zu befinden pflegt – ein altes Luxusgesetz, das längst zur Nationalsitte geworden, erlaubt den Gondeln nur die schwarze Farbe, bis auf den Fußteppich, der bunt sein darf – fuhr ich auf den schwarzen Wogen dahin, die nur im Fahrwasser mit grünlichen Flammen leicht phosphoreszirten, die einzigen lichten Punkte in diesem schwarzen Gemälde. Es war beinahe unheimlich. Keine Spur von Leben. Der Nachtwind wehte ungehört über diese Tiefe, die er nicht erreichte. Kein Baum, kein Zweig, kein Blättchen erzitterte in dieser steinernen Gruft. Wie Schatten schwebten stumme Gondeln an uns vorüber. Nur selten ein dumpfgedehntes „Eh!“ vernahm ich, die Warnung des umlenkenden Barcariols. Als ob mich Charon über den Styx führe, so ein Todesgrauen durchbebte mich auf diesem feuchten Pfade. Unwillkürlich griff ich mir in den Mund, um den Obolos herauszunehmen, welchen die Griechen ihren Todten für den unterirdischen Fährmann auf die Zunge zu legen pflegten.

Doch ein heller Schein versetzte mich plötzlich unter die Lebenden. Flügelthüren öffneten sich an einem mächtigen Palaste, und die blendenden Marmorstufen warfen den Schein von Windlichtern und Fackeln zurück. Festlich geputzte Damen und Herren bewegten sich die Stiegen herab, und die Barcariri stießen vom Ufer. Ein großer Brückenbogen, durch den mein schwarzer Nachen pfeilschnell dahinfuhr, entzog mir das Bild des blühenden Lebens, und starre Nacht tödtete mir wie zuvor plötzlich den geblendeten Blick. „Ein Bild unsers Erdendaseins!“ rief es in mir, und Goethe’s Distichen klangen in meinem Gedächtniß wieder:

„Diese Gondel vergleich’ ich der sanft einschaukelnden Wiege
und das Kästchen darauf scheint ein geräumiger Sarg.
Recht so! Zwischen der Wieg’ und dem Sarge wir schwanken und schweben
Auf dem großen Kanal sorglos durch’s Leben dahin.“

Den letzten Pentameter stoppelte ich mit Mühe in der Rumpelkammer meines Hirns zusammen, was mich aus meinen stoischen Philosophemen herausriß. Ein leiser Stoß meines Wasserrosses vollendete diese Thatsache. An einer breiten Treppe legte die Barke an; ich erstieg die Riva und fand mich bald in meinem Albergo, nach kurzer Stärkung des Magens die Ruhe der Nacht zu genießen.

Der erste Eindruck Venedigs war so befremdlich und mächtig gewesen, daß die ganze Nacht hindurch mein Geist damit beschäftigt war, und in schnell wechselnden Bildern die Geschichte der alten Republik berundschaute. Ich sah, wie in grauen Zeiten, vor Attila’s Alles verheerenden Hunnenschaaren, Flüchtlinge der Veneter sich auf die Laguneninseln des adriatischen Meeres retten, und mit unendlicher Mühe Jahrhunderte hindurch dem treulosen Sand- und Schlammboden, ja selbst dem Meere und den sumpfigen Lagunen, festen Boden abgewinnen, indem sie ganze Wälder von Pfählen einrammen. Wie sich ihre Vereinigung zu Gemeinden und Völkerschaften ausdehnt, die sich als Republik zusammen thun, und schon im 8. Jahrhundert einen Herzog, Dux oder Dogen, wählen. Diese Wahlfürsten sah ich zu Gerichte sitzen und in jener gewaltsamen Zeit, wo Geld theuer, Blut aber wohlfeil war – ganz im Gegensatz zu spätern Jahrhunderten – ohne Weitläufigkeit Prozesse schlichten und öffentlich Recht sprechen. Wie dann Parteiungen den Staat zerwühlen, Familienfehden und Bürgerkriege das eigene Fleisch des Staatskörpers verzehren. Lange Reihen von Dogen zogen kopflos an mir vorüber; denn selten starb einer natürlichen Todes. Die demokratische Form unterliegt nach und nach den Uebergriffen der mächtiger und reicher werdenden Herzoge und der Vornehmen, Nobili, die ihre Familien in das berühmte Goldene Buch eintragen lassen, und der Verfassung den Charakter der aristokratischen Oligarchie aufprägen. Die Schifffahrt, und nach ihr die Handelsmacht der Republik, sehe ich sich ausdehnen und den großen Dogen Heinrich Dandolo, der mit neunzig Jahren und blind die Regierung übernahm, mit den kreuzfahrenden Franzosen in Gemeinschaft, Konstantinopel erobern. Der Staat wird immer reicher, erlangt durch Kauf und Eroberung immer mehr Besitzungen, auch auf der Terra ferma von Italien, so daß die Dogen unter andern den kuriosen Titel annehmen: „Herren von anderthalb Viertheilen des ganzen römischen Reichs.“ Immer weiter tragen die Venetianer ihre Waffen, ihre Münzen, bis sie im 14. und 15. Jahrhunderte den Glanz des alten römischen Reichs über ihre Republik verbreiten. Wie in ersterem, wurden auch hier nach und nach die Sitten milder, Künste und Wissenschaften blühten auf, und schienen ein Monopol dieses prächtigen Staates zu einer Zeit, wo ganz Europa in Barbarei verfallen war. Aber die Sittenverderbniß des alten Rom kehrte auch in dessen Nachbildung, der üppigen Venezia, ein und zerstörte die Lebenskraft. Als nun vollends die Entdeckung Amerika’s und des Seewegs nach Ostindien, um Afrika herum, Venedig seinen ergiebigsten Handel mit Indien entzog, als die wilden Osmanen Konstantinopel genommen und dem Freistaate seine blühendsten Provinzen geraubt, Cypern, Candia, Morea etc., da war die stolze Kraft auf immer gebrochen. Schlemmerei und Tyrannei entmannte die römergleichen Veneter je mehr und mehr, die Republik vegetirte nur noch ein neutrales Leben dahin, dem, obwohl wieder erst nach Jahrhunderten, der Geist der französischen Revolution durch Bonaparte den Garaus machte. Vierzehn Jahrhunderte hatte die Republik bestanden, als sie sich am 12. Mai 1799 ohne Schwertstreich ergab, und der letzte Doge sammt dem Großen Rathe abdankte. Nach der französischen Herrschaft

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Die Gartenlaube (1856) b 081.jpg

Ansicht von Venedig.

[82] die eine heilsame Regeneration der verdorbenen Nation mit sich zu führen schien, kam Venedig unter die Botmäßigkeit Oesterreichs (seit dem Pariser Frieden von 1814), und – harrt nun vertrauend auf die Rückkehr seiner ehemaligen Pracht und Größe.

Da spiegelte sich der erste Schein der Morgendämmerung am Plafond meines Schlafzimmers; eiligst erhob ich mich, um die wenigen Stunden, die mir vergönnt waren, in Venedig zu verweilen, zur Betrachtung dieser Zauberstadt recht zu nützen. Dem vorgefaßten Plane gemäß begab ich mich, wie wohl die meisten Fremden, zunächst nach dem Markusthurme. Um 1250 vollendet, erhebt sich derselbe schlank und frei aus dem Boden heraus, 335 Fuß hoch. Ein bequemer Gang ohne Stufen führt hinauf bis auf die Gallerie.

Welches Panorama bestürmt hier den trunkenen Blick! Da liegt zu meinen Füßen die triangelförmige Stadt, wie ein Floß anzuschauen, auf dem ein kleines Paris steht. 15,000 Häuser, Hunderte von Thürmen und Minarets, 41 freie Plätze. Dazwischen blinken die Kanäle mit 450 edlen Brücken übersäet. Sechs Häfen mit Tausenden von Schiffen, Schanzen und Batterien, mehr als hundert kleinere und größere Inseln, herrlich bebaut mit Ortschaften und himmlischen Gärten, zeigen sich der Stadt zunächst in den Lagunen verstreut, zumal gegen Süden. Oftwärts unterscheidet man deutlich die Küste des adriatischen Meeres, im Westen das lachende Grün der Ebene von Padua, nördlich, hinter einer weiten Landschaft, erglänzt mit beschneiten Gipfeln die Kette der Alpen. Wendet man von der wundervollen Fernsicht das Auge auf die nächsten Gegenstände, so ist es die uralte Markuskirche mit ihren fünf weißblinkenden orientalischen Kuppeln, welche die Blicke fesselt, neben ihr der riesige Dogenpalast mit den beiden prächtigen Prokuratien, die zusammen den Markusplatz einfassen, endlich das auf demselben sich bewegende ameisenartige Gewimmel der zwerghaft zusammengeschrumpften Menschen. An den Markusplatz rechtwicklicht stößt die Piazzetta, ein kleinerer Platz, der zwischen zwei hohen rothen Granitsäulen, die der Doge Ziani aus Griechenland hierher gebracht, und worauf sich der geflügelte Löwe von San Marco und die Statue des heiligen Theodor befinden, die Aussicht auf den Hafen eröffnet. Fast bestürzt von der Pracht dieses Anblicks stieg ich auf den Markusplatz hernieder. Neues Staunen ergriff mich hier! Es ist kein Markt, keine Straße, sondern ein Salon von 680 Fuß Länge und 550 Fuß Breite. Er ist mit großen Marmorplatten belegt und ringsum von den großartig schönsten Gebäuden und Arkaden geschmückt. Keine Stadt der Welt bietet so reichhaltige und vollkommene Muster der Architektur, wie Venedig.

Hier allein kann die Geschichte der Baukunst vom ersten Wiederaufleben derselben bis zur Epoche ihrer glänzendsten Höhe studirt werden. Freilich hat Venedig in dieser Kunst auch die größten Meister aufzuweisen. Zu einer und derselben Zeit concurrirten hier Baumeister, wie: Vignola, Sansovino, Palladio, Scamozzi und Antonio da Ponte! Während die Malerei außer dem großen Titian, Tintoretto, Paul Veronese und Giorgione wenig bedeutende Namen aufzuweisen hat und die Bildhauerkunst nur einen Canova erzeugte. – Zwei Seiten des Platzes begrenzen die alten und neuen Procuratien (Administrationsgebäude), an der dritten erhebt sich der wundervolle Dogenpalast, und an der gegenüber befindlichen offenen die Markuskirche mit ihren Portalen, Kuppeln und Thürmen, davor die drei großen Standarten, die ehemals die Fahnen der drei Königreiche Candia, Cypern und Morea trugen, jetzt mit Oesterreichs Farben bezeichnet. Ueber dem Portale der Kirche stehen jene vier korinthischen, aus Erz gegossenen, vergoldeten Rosse, welche einst durch Nero aus Griechenland nach Rom, durch Constantin nach Constantinopel, und 1204 durch den Dogen Dandalo nach Venedig gebracht wurden. Napoleon brachte sie nach Paris, von wo sie 1814 auf ihren alten Stand an der Markuskirche zurückkehrten. Die letztere selbst gehört zu dem Kostbarsten und Wunderreichsten, was die Erde bietet; selbst die Peterskirche in Rom verdunkelt sie nicht. Der Schatz der Kirche birgt nicht nur das ursprüngliche Evangelium St. Marci, vom Zahn der Zeit bis beinahe auf den letzten Buchstaben zernagt, sondern der Sage nach selbst die irdischen Ueberreste des heiligen Evangelisten, die man in den Kreuzzügen aus Alexandrien geraubt. Der im Jahr 967 begonnene Tempel selbst bietet ein seltsames Gemisch byzantinischer, gothischer und italienischer Bauart. Die Decke der Vorhalle ist ganz mit Mosaik ausgelegt. Drei bronzene Thüren mit eingelegten Arbeiten aus Silber führen in das Innere, wo der wellenförmige Fußboden von Jaspis und Porphyr Thiere, Bäume und Hieroglyphen darstellt. Ueber demselben erhebt sich ein Wald von kostbaren Säulen, deren Zahl im Ganzen auf 500 angegeben wird. Das Gewölbe, die Kuppeln, alle sind von Mosaik, die Altäre und Kapellen mit Gold, Silber und Edelsteinen überladen; nicht eine Zierrath, keine Arabeske in dem weiten Raume, die sich wiederholte. Es bringt eine feenhafte Wirkung hervor, ähnlicher einem Palaste aus „Tausend und eine Nacht“ als einem Gotteshause der Christen.

Der alte Dogenpalast, ein maurisch-gothisches Riesengebäude, zur Zeit der Republik Residenz des Staatsoberhauptes, Rathskammer und Staatsgefängniß, enthält jetzt fast nur Kunstmuseen und Bibliotheken, deren Schätze ich ungenossen vorübergehen lassen mußte. Eine sogenannte Riesentreppe im Innern führt an dem höllischen Löwenrachen vorüber, in welchen man nur einen Zettel zu stecken brauchte, um den darauf Bezeichneten dem sichern Verderben preiszugeben. Aus dem ersten Stockwerke des Gebäudes führt eine bedeckte Gallerie, „die Seufzerbrücke,“ über einen Kanal in die gegenüberliegenden Staatsgefängnisse, die berüchtigten „Bleidächer (piombi)“, deren Scheidewände jetzt gestürzt sind, und die unterirdischen feuchtmoderigen Kerker (pozzi, Cisternen), die nunmehr mit Schutt ausgefüllt sind. Aehnlich dem Kaiser von China, dessen Thron unmittelbar auf den strengsten Staatsgefängnissen stehen soll, befanden sich die tyrannischen Machthaber Venedigs hier in nächster Nähe der bedauernswerthesten Opfer ihrer Justiz.

Von der Pracht und den Schrecken dieser merkwürdigen Orte tief ergriffen, zog ich mich in eines der Kaffeehäuser am Markusplatze zurück, um, bevor ich eine Rundreise zu Wasser um die Stadt unternahm, an einer Semada mich zu erquicken, einem mandelmilchähnlichen Getränk aus gestoßenem Melonensaamen und Wasser mit Zucker.

Ich ergößte mich an dem lärmenden Gewirre aller Stände und Nationen, die hier im Herzen der Lagunenstadt zusammentreffen. Verkäufer riefen ihre Waaren aus. Ein fliegender Buchhändler bot mir eine nova bellissima Canzonetta an – es war der Text einer Rossinischen Arie. Auf mein Bemerken, daß ich die Weise dazu nicht kenne, erbot er sich, mir dieselbe so lange vorzusingen, bis ich sie behalten. Ein italienischer Zug, dem man häufig begegnet. Schöne Damen in reizender Tracht promenirten und sprachen unverholenes Verlangen in ihren Blicken aus. Ihr schönen Kinder des Südens verblühet ungenossen! Die Pflicht treibt mich vorwärts und ruft mir zu, wie Mephisto Fausten am Hochgericht: „Vorbei, vorbei!“

An der Piazzetta , wo die Hauptstation der Gondoliere ist, war ein Fahrzeug bald gemiethet; ich warf mich hinein und fuhr, mit meinem Führer, rechts ab den Hafen entlang in den Kanal Grande, den Corso Venedigs, eine prachtvolle Wasserstraße, welche die Stadt in Form eines S durchzieht, sie in zwei Hälften theilend. Die prächtigsten Paläste der alten Nobili imponiren uns hier zu beiden Seiten, und die Geschichte der alten Stadt redet mit steinernen Zungen zur Gegenwart. Leider daß viele der hohen Häuser verödet sind, die Fenster mit Bretern vernagelt, oder mit den Lumpen der Armuth verhängt.

Inmitten der Stadt ist der Kanal Grande von der berühmten Rialtobrücke überdämmt. Ein wahrhaft kühnes Bauwerk! Ein einziger Bogen von 70 Fuß Spannung und nur 30 Fuß Höhe trägt die 148 Fuß lange und 43 Fuß breite Brücke, zu welcher 50 Stufen hinaufführen. Fünf Baumeister, darunter Palladio, bewarben sich um die Ehre, sie erbauen zu dürfen. Antonio da Ponte mit seinem so einfachen als kühnen Plane trug den Sieg davon. – Niemand hat Venedig recht gesehen, der es nicht zu Wasser nach allen Richtungen durchschiffte. Mit jeder Wendung der Gondel entdecken wir neue Reize, entfaltet sich ein neues Blatt der Geschichte. Der Canalazzo oder Kanal Grande interessirte mich so sehr, daß ich wieder zurückfuhr, ihn nochmals zu durchlaufen. So kehrte ich wieder zur Piazzetta, meinem Ausgangspunkte. Den Wasserweg nach Osten verfolgend, staunte ich das bunte Leben der Riva degli Schaivoni (Kai der Leibeigenen) an, über den mehrere Brücken nach einem, von Napoleon angelegten, öffentlichen Garten führen, dem einzigen Punkte, wo der Veneter sich in der freien Natur unter Bäumen ergehen konnte – wenn er es nicht vielmehr vorzöge, jedes freie Stündchen auf dem Markusplatze zu verbummeln. Weiterhin befindet sich das große Arsenal vor dem die beiden berühmten Löwen aus dem Hafen Athens stehen. Das [83] colossale Innere sah ich nicht; doch soll es mehr wie alles Andere die Größe und den Verfall der Republik predigen.

Staunenswerth sind die Murazzi, ungeheuere Dämme, welche zum Schutz gegen die Meereswellen aus großen Steinblöcken treppenartig in einer Breite von 52 Fuß und in einer Länge von zwei deutsche Meilen erbaut wurden. Sie tragen die stolze Inschrift: „Ausu romano, Aere veneto“ (mit römischer Kühnheit und venetianischem Gelde).

Außer der Markuskirche besitzt Venedig noch eine Menge anderer Tempel, wo man neben den Werken der Bildhauerkunst und Malerei auch die Geschichte der Republik an den Denkmälern ihrer großen Kriegs- und Friedenshelden studiren kann. Leider neigte sich der Tag schon zum Ende, nur flüchtig hatte ich die Prachtkirche SS. Giovanni e Paolo betrachten, nur aus der Ferne die Kirche del Redentore auf der Insel Giudecca, die Franziskanerkirche, die Confraternita S. Rocco sehen, und den großen Reichthum der Kunstwelt Venedigs ahnen können, den der würdige Winkelmann noch über Roms Kunstschätze stellt. Mit Wehmuth sah ich die Sonne sich neigen und die zugemessenen Stunden fliehen.

Schon läuteten alle Glocken mit feierlichen Klängen das Ave Maria ein, als ich, das Bild der Wunderstadt noch einmal ganz zu genießen und die südliche Sonne, von der ich nun Abschied nahm, noch einmal scheiden zu sehen, meine Gondel weit hinaus in die Lagune rudern ließ.

Meine Seele war in wirren Träumen schon nach der fernen Heimath vorausgeschwebt, als der Gondolier das Schiffchen wandte. Welch´ ein zauberisches Bild sich da dem Auge darbot!

Die Sonne war hinter den vizentinischen Bergen hinabgestigen, große veilchenblaue Wolken durchzogen den Himmel über Venedig. Der Thurm des St. Markus, die Kuppeln von Santa Maria und die Pflanzschule von Thurmspitzen und Minarets, welche von allen Punkten der Stadt sich erheben, zeichneten sich als schwarze Stacheln gegen den glänzenden Ton des Horizonts ab. Der Himmel ging durch eine wunderbare Abstufung der Schattirung vom Kirschroth bis zum Blau des Schmelzes über; und das Wasser, ruhig und eben, strahlte den Wiederschein dieses unendlichen Regenbogenschimmers aus seiner klaren Tiefe zurück. Unter Venedig erschien es gleich einem kupferrothen Spiegel. Niemals hatte ich etwas Schöneres gesehen. Diese schwarze Silhouette, zwischen dem glühenden Himmel und dem flammenden Wasser wie in ein Feuermeer geworfen, nahm jene erhabene Abweichung von der Architektur an, welche der Dichter der Offenbarung wohl auf den sandigen Ufern von Patmos schimmern sah, als er sein neues Jerusalem träumte, das er einer schönen Gemahlin nach der Nachtwache verglich. Nach und nach verdunkelten sich die Farben, die Umrisse wurden bestimmter, die Farben geheimnißvoller. Venedig nahm den Anblick einer unendlichen Flotte an, dann den eines hohen Cypressengehölzes, worin die Kanäle sich wie große silberne Sandwege vertieften.

Von dem Entzücken des Anblicks ermattet senkte sich mein Augenlid, eine wonnige Melancholie ergoß sich über meine Seele, die, in Vergessenheit aller Trübsal der Gegenwart, von Bildern einer großartigen Vergangenheit umgaukelt ward und noch einmal den hingeschwundenen bunten Traum träumte von Venedigs alter Herrlichkeit.

Das waren köstliche vierundzwanzig Stunden, der schönste Punkt einer mehrmonatlichen Reise. Venedig hat noch keinen Besucher unbefriedigt entlassen. Kann es auch mit seinem früheren Pomp, den glänzenden Volksfesten, dem Carneval, dem prächtigen Bucentoro (jener goldschimmernden Barke, auf welcher der Doge nach seiner Erwählung hinausfuhr auf die Lagunen, um dem Meere vermählt zu werden, damit es ihm unterthan sei, wie ein Weib), den alten Regatten (großen Schiffswettrennen) nicht mehr aufwarten, und sah ich auch von seinen verborgenen Reizen, jenen hervorragenden und reichhaltigen Kunstschätzen, nicht den hundertsten Theil: allein und einzig der Anblick jenes zuletzt geschilderten Einbruchs der Nacht war nicht nur ein unvergeßlicher Genuß für mich, sondern noch in der Erinnerung wirkt diese himmlische Natur erwärmend und gewissermaßen poetisch belebend in mir nach, wie kaum ein zweites Erlebniß meiner Reisen.