Vögelvergiftung

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Titel: Vögelvergiftung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 640
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[640] Vögelvergiftung. Dem mit der Zeit fortgeschrittenen Farmer und Gärtner in England genügten die altmodischen Vogelscheuchen nicht, welche im Kirschgarten und Weizenfelde den Vögeln Gespensterfurcht einjagen sollten, auch die Vogelflinte nicht, noch das Pistol, mit Vogeldunst geladen; diese Methode schien seinen Korn- und Obstreichthum nicht hinlänglich zu schützen. Gift mußte helfen und es wurde in furchtbarer Weise angewendet. Die Vögel starben zu Myriaden, aber dafür kamen die korn- und fruchtverzehrenden Insecten zu Tausenden von Myriaden. Nun hat man das Parlament zu Hülfe gerufen, und die blonden Squires des Unterhauses zerbrechen sich die Köpfe, wie mit einem Gesetze dem Unheil abhelfen und die Natur in ihre Rechte wieder einsetzen.

Die Vögel haben ihren Platz in der Oekonomie nicht nur der Natur, sondern der civilisirten Gesellschaft überhaupt, in welcher die Herren der Schöpfung zu leben bestimmt sind. Sie haben ihre kleine Mission von Nützlichkeit, und sie ist für sie so groß und wichtig, als für uns selbst. Die Natur erweist sich weiser, als wir selbst, und der Mensch mit der Chemie vertieft sich in Irrthümer beim ersten Versuche, ihre Weisheit durch seine eigene ersetzen zu wollen. Die Wahrheit beginnt sich den Gemüthern aufzuzwingen, daß wir entweder den fruchttragenden Boden den Würmern überlassen, oder eine zahlreiche Armee jener kleinen Tagelöhner in Thätigkeit erhalten müssen, die unermüdlich sind auf der Kriegsfahrt gegen die Ersteren. Die Vögel leben nur zum Theil auf unsere Kosten, aber sie leben noch mehr zu unserem Vortheile. Es ist erwiesen, daß der Buzzard gegen 6000 Mäuse im Jahre vertilge; die Zahl der Würmer, welche die Dohle verzehrt, ist unberechenbar. Bei zehn in England getödteten Schwalben fand man nicht weniger als 5482 Insecten bei der Section ihres Magens. Man berechne die Vermehrung von so vielen hunderttausend Insecten in einem Sommer nach dem Maßstabe der Vermehrung der Zimmerfliege – 20 Millionen in einem Sommer –, und man wird das Entsetzen begreifen, mit welchem in alter Zeit die Engländer auf das Schießen von Schwalben blickten! Es wäre gut, wenn dasselbe Gefühl noch heute vorwaltete. Die Heilighaltung, mit welcher ein milder Aberglaube das Leben des Rothkehlchens geschützt, die sich in Holland auf den Storch ausdehnt, in Indien auf den Scavenger-Vogel, schließt eine Zartheit und Schönheit in sich, welche einen Reiz der Volksnatur bilden. Wie in einer altenglischen Novelle Onkel Toby sagte, als er einer Fliege die Freiheit wiedergab. „Es ist Raum genug in der Welt für uns Alle.“ Und die Vögel, sie haben einen Dienst im Tempel des Himmelsgewölbes und auf der Erde zu verrichten, unter einer Weisheit, die größer als die ist, welche wir aufzubieten vermögen, und es ist so unzweifelhaft sicher, als eine mathematische Beweisführung, daß die allgemeine Nützlichkeit der Vögel bei weitem die Kosten übersteigt, welche sie den Oekonomen des neunzehnten Jahrhunderts verursachen.

In England sind diese Oekonomen mit unbarmherziger Grausamkeit zu Werke gegangen. Fast in jedem Dorfe giebt es Sperlingsclubs, welche Preise auf die Vertilgung dieser Vögel aussetzen; einer dieser Clubs zerstörte in einem einzigen Jahre nicht weniger als 13,000 Vögel. Ein Geistlicher bezeugt, daß innerhalb einer gleichen Periode in Worthing allein 13,848 Goldfinken der „noblen Passion“ zum Opfer fielen. Ein Parlamentsmitglied M. Paull, welcher am 16. Juli dieses Unwesen zur Sprache brachte, schrieb das Gelingen so massenhafter Zerstörung der Anwendung vergifteten Kornes zu, das gegenwärtig im allgemeinen Gebrauche durch ganz England gefunden wird. Nicht nur Raben, Krähen, Spatzen und Lerchen, sondern auch Nachtigallen und Tauben, ja selbst Vierfüßler, wie Spanferkel, seien überall getödtet, indem man weit und breit die Aecker mit jenem vergifteten Korn besäet erhalten habe. Andere Parlamentsmitglieder vereinigten ihre Klagen mit den obigen; Einzelne führten an, daß die Dohlenschwärme, die in den alten Bäumen vor ihren Schlössern seit Jahrhunderten nisten und mit deren Existenz überall in England alter Aberglaube das Glück der jedes Mal angesessenen Familie verbindet, hie und da völlig vertilgt worden. Eine Dame in Kent rühmte sich vor Kurzem öffentlich in den Blättern, auf ihrem Gute binnen zwei Jahren gegen 90,000 Vögel mit einem Pulver „ihrer eigenen Mischung“ vergiftet zu haben. Auch das tödtliche Strychnin findet eifrige Käufer zu gleichem Zweck.

Der Leser kann sich nicht einmal damit trösten, daß nur auf den britischen Inseln dieser Barbarismus zur betrübenden Blüthe gekommen. Die Italiener geben den Engländern nichts nach in dieser Beziehung, und die Franzosen eben so wenig. An einem einzigen Tage d. J. 1862 wurden, um nur ein Beispiel anzuführen, innerhalb eines mäßigen Bezirks in der Lombardei nicht weniger als 15,000 Vögel gefangen oder getödtet, und jedes Jahr sieht an den Ufern des Lago Maggiore 60 – 70,000 Vögel eine Beute dieser Vertilgungsnarrheit werden. So ist es nicht England allein, wo Dohlenvölker in einem Tage aussterben und ihre Jungen in den Nestern dem Verhungern überlassen bleiben, Tauben zu Hunderten aus der Luft fallen und in der Grafschaft Derby die Haideläufer dutzendweise vergiftete Rebhühner von den Aeckern aufheben. Die Franzosen, welche, wie Shakespeare von ihren Falkonieren sagt, „nach Allem jagen“, haben aus ganzen Districten eine Wüste gemacht und büßen dort ihren Muthwillen mit schlechten Ernten. Sie haben so aus culinarischen Rücksichten gehandelt, sie haben die kleinen Vögel gegessen, und jetzt werden sie von den kleinen Insecten gegessen. Die Genauigkeit, mit welcher in Frankreich statistische Resultate festgestellt werden, erlaubt mit Bestimmtheit die Feldverwüstungen zu berechnen, welche ihre Gourmands hervorgerufen. In einem einzigen Departement belief sich der durch Würmer erlittene Getreideverlust in einem Jahre auf den Werth von vier Millionen Franken. Das Ueberhandnehmen dieser Insecten erklärte drei auf einanderfolgende Mißernten! Die Colza ist eine harte Pflanze, aber auch sie unterliegt dem Feinde. Zu Versailles machte man ein Experiment mit fünfhundert Colzakörnern, die man ohne Auswahl gesammelt, und mehr als die Hälfte wurde als von Insecten zerfressen gefunden. Auch der Weinstock, der Sorgenbrecher, erscheint in der Liste derjenigen Pflanzen, an denen die Versündigung gegen die „kleinen Vögel“ gestraft worden. In 23 weinbautreibenden Districten Frankreichs wurde der durch Insectenverwüstung verursachte Schaden auf 20,800,000 Franken berechnet. – Auch Ungarn hat davon traurige Dinge zu erzählen, und die dortigen Weinzüchter und Landökonomen, die bei Zeiten weise geworden, sahen und sehen sich genöthigt, Preise für die Zucht kleiner Vögel auszusetzen. Auch in einzelnen Provinzen Preußens folgte der Vögelvertilgung die Zerstörung von Bäumen durch Raupen um Bereiche von 24 Millionen Cubikmeter auf dem Fuße. Man erzählt vom alten Fritz, daß er es eine Zeit lang für eine gute Politik gehalten, die Spatzen, die in seinen Fruchtbäumen hausten, zu „exterminiren“, indessen sehr bald die Ordre widerrief und die Vermehrung seiner alten Feinde sogar „encouragirte“. Dasselbe ereignete sich in einem der Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo die „Autoritäten am Staatsruder“ in einem Jahre eine Prämie auf die Vertilgung der kleinen Vögel aussetzten und schon im nächsten doppelte Prämien für Vögelvermehrung nach allen Seiten hin verhießen.

Indessen in den oben erwähnten Ländern des Continents war es nur der Vogelfang mit seinen barmherzigeren Utensilien, in England ist es Gift, tausendfach zerstreutes und versäetes Gift, das die Felder entvölkert hat und noch entvölkern wird, ehe der erboste Landmann begreifen wird, daß die unsichtbaren Insecten ihm tieferes Herzeleid verursachen, als die sichtbaren kleinen gefiederten Feinde, die mehr seine Freunde sind. Ist es doch erwiesen, daß auf je 150 Vögelarten nur etwa 14 zu rechnen sind, die Insecten als Nahrung verschmähen.