Unverhofftes Wiedersehen

Textdaten
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Autor: H.
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Titel: Unverhofftes Wiedersehen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 526–527
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[526] Unverhofftes Wiedersehen. Jetzt, wo abermals ein Krieg, und mit dem furchtbarsten Ernst, über uns gekommen ist, wendet der aufgeregte Geist sich gern zu den Erinnerungen an den jüngsten deutschen Krieg und läßt sich auch die harmloseren Partien desselben zur augenblicklichen Erheiterung gefallen. Dazu gehört folgender Vorfall. Ein sächsischer Signalist besaß ein Horn von ganz besonderer Schönheit, es war das Leibstück seines Besitzers, der es, wie sich selbst, glücklich durch alle Gefechte und Schlachten der sächsischen Armee bis Nechanitz gebracht hatte. Hier jedoch kam auch seine Kugel und schwer verwundet stürzte er zusammen. Man mochte ihn für todt gehalten haben, denn er blieb nach dem Abzug der Seinen liegen. So fanden ihn zwei Mann vom zwölften westphälischen Jäger-Bataillon. Seltsamerweise war es das hübsche Horn, das er fest in der Hand hielt, welches die beiden Jäger zu ihm hinzog, und bei dem Bemühen es demselben zu entreißen, spürten sie noch Leben in dem Sachsen. Sofort regte sich das bessere Gefühl in Beiden, sie trugen den nahzu verschmachteten Feind zum nächsten Verbandplatz, nahmen aber das Horn als ein Andenken an das Erlebniß mit.

Der Signalist war in gute Hände gerathen, und doch begrüßte er das [527] ihm von Neuem geschenkte Leben mit den bittersten Klagen, denn die erste Frage, die das wiedererlangte Bewußtsein ihm gestattete: „Wo ist mein Horn?“ – erhielt die für ihn trostlose Antwort: „Mit fort!“ Wer konnte es dem Armen verargen, daß der Ausdruck seiner Dankbarkeit gegen seine ihm übrigens völlig unbekannten Lebensretter ein total verfehlter genannt werden mußte? Das Horn kam dem Mann nicht aus dem Kopf, auch nachdem er, aus der Gefangenschaft entlassen und heimgekehrt, in dem erzgebirgischen Städtchen Schneeberg seiner völligen Genesung entgegenharrte.

Damals war bekanntlich das Königreich Sachsen von den Preußen völlig besetzt, und auch von den aus Böhmen und Oesterreich heimkehrenden Truppen kamen viele als Besatzung in das eroberte Land. In Zwickau marschirte eine Abtheilung des zwölften westphälischen Jägerbataillons ein, und zwei Mann davon erhielt ein Maurermeister F. als Einquartierung. Es gab damals schon verständige Menschen genug in Sachsen, welche in der Förderung des Preußenhasses keine politische Weisheit erkannten, am wenigsten aber siegreich heimkehrenden Soldaten gegenüber. Auch unser Gesellchäftchen saß bald in guter Unterhaltung, wenn auch nur beim Gläschen Bier und den vorschriftsmäßigen Cigarren beisammen. Dabei kramten die Jäger ihre Tornister aus, um das Waffen- und Kleiderputzzeug in Bewegung zu setzen, und eben dabei kam auch ein Signalistenhorn zum Vorschein, das des Meisters regste Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Und als nun gar die mittheilsamen Westphalen umständlich und mit genauester Personalbeschreibung erzählt hatten, auf welche Weise das Horn an sie gekommen, da rannte der Mann strahlenden Auges davon und ließ Weib, Kinder und Einquartierung in kopfschüttelndem, aber freudigem Erstaunen zurück.

Es dauerte eine gute Weile, bis die Thür sich wieder öffnete und unser Meister wohlbepackt hereintrat. Nicht blos ganz einladende Schinken- und Wurstpakete erstanden aus den Tiefen seiner Rocktaschen, sondern auch einige Flaschen Wein und ein Bund viel feinerer Cigarren, als vorher der „Einquartierung“ geboten worden waren. Und nun ging ein Fest an, das eigentlich Niemand verstand, als der Mann allein, der aber jeder Erklärung auswich und nur seine Gäste in die Einzelheiten des Gefechts bei Nechanitz und die Schicksale dieses sächsischen Signalistenhorns immer eifriger hineinführte.

Längst hatte unser freudevoller Maurermeister mit augenscheinlich wachsender Ungeduld zur Thür hingelauscht. Da ging sie endlich auf – und drei große Schreie, zwei der Verwunderung und einer der Freude, erfüllten die kleine Stube. Die Westphalen erkannten den sächsischen Signalisten von Nechanitz und dieser sah sein Horn wieder, und was nun für ein Händedrücken und Erzählen, Danken und Weinen und Brüderschaftmachen losging, und wie die Westphalen ihrem alten Feind und neuen Freund das Horn wieder förmlich aufdrängen mußten, das Alles braucht nicht erzählt zu werden. Nur die Erklärung über die schier wunderbare „Wirkung in die Ferne“, d. h. von Zwickau nach Schneeberg, sind wir unseren Lesern noch schuldig: der Maurermeister F. ist der Bruder des Signalisten und hatte diesen mittelst des Telegraphen herbeigerufen. Es ist das wohl eine ganz einfache Geschichte, aber doch hat sie ein paar Menschen für ein paar der kurzen Erdenstunden sehr glücklich gemacht, – und darum darf sie hier stehen.
H.