Unter den Schleichhändlern an der russischen Grenze

Textdaten
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Autor: C. Schiemann
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Titel: Unter den Schleichhändlern an der russischen Grenze
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, 20, S. 298–301; 311–313
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Unter den Schleichhändlern an der russischen Grenze.

Ein schneidend kalter Wintertag neigte sich zum Abend, und sein grellblendender Glanz dämpfte sich zu jenem milden, rosigen Licht, das wie ein Glorienschein die winterliche Grabesruhe der nordischen Natur verklärt. Unsere Fahrt ging auf knirschender Schneebahn durch einen dichten Forst der preußisch-russischen Grenze zu, die wir in etwa einer Stunde zu erreichen hofften. Wir kamen von Memel, dieser ultima Thule des deutschen Reiches, und unsere Reise galt einem etwa vier Meilen jenseits der Grenze tief im dunkeln Walde gelegenen Forsthause zu einem Weihnachtsbesuch bei einem lieben Jugendfreunde, welcher als fürstlich O.’scher Oberförster seit Jahren in Rußland lebte. Er selbst holte uns in seinem mit drei flinken Steppenpferden echter Race bespannten Jagdschlitten ab; in scharfem Trabe ging es vorwärts, so daß wir hoffen durften, unser Ziel noch vor dunkler Nacht zu erreichen. Der bis dahin schon scharf und schneidend wehende Ostwind, dem es darauf anzukommen schien, uns seinen Ursprung aus den eisigen Schneewüsten Sibiriens möglichst eindringlich zu demonstriren, und gegen den kaum die zottige Wildschur genügenden Schutz verlieh, war nach und nach zum heftigen Sturm geworden, der mit den lockeren Schneemassen sein wildes Spiel begann. Bald fegte er sie zu dichten Wolken geballt über den Weg und die weiten Lichtungen, bald schleuderte er sie gleich flatternden zerrissenen Schleiern zu den Wipfeln der schwarzen Föhren empor, die ob der Wucht des mächtigen Anpralls ächzten und stöhnten.

[299] Wir hatten bei einem elenden Dorfe, dessen Hütten tief verschneit am Waldessaum lagen, den festgebahnten Weg verlassen und fuhren nun über eine weite Haide, auf der sich die Spuren einiger Schlitten bald verloren. Das Wetter war immer wilder geworden, aber unsere struppigen Renner, denen es in ihrer heimathlichen Steppe schon ganz anders um die mähnenumwallten Köpfe geweht hatte, flogen muthig schnaubend vorwärts dem Schneesturm entgegen.

„Das ist ein rechtes Wetter für die Schmuggler,“ bemerkte mein Freund, „und es würde mich wundern, wenn wir nicht noch heute Gelegenheit haben sollten, diese wilden Gesellen zu Gesicht zu bekommen.“

Wir hatten uns mittlerweile mehr und mehr der Grenze genähert und befanden uns auf einem Terrain, das dem Kenner der hiesigen Verhältnisse sofort den verderblichen Einfluß des Schmuggels verrieth. Der größte Theil des Bodens war nämlich ödes Haideland, weil der litthauische Grenzbauer den leichten Erwerb durch den Schleichhandel der schweren Feldarbeit, die er überhaupt gern den Weibern aufbürdet, vorzieht und so die Urbarmachung weiter Strecken seit Generationen versäumte.

Ein Dorf, das wir später erreichen, war nach der Mittheilung meines Freundes als Schmuggelstation allgemein berüchtigt. Welch ein trauriges Bild der wirthschaftlichen Verwahrlosung und Verkommenheit bot sich uns hier dar! Halb verschneite, elende Hütten, niedrig und mit halbgeborstenen Lehmwänden, bildeten die schmale Gasse, durch die wir fuhren, zum größten Theile Wohnstätten eines ökonomisch und moralisch verkommenen Proletariats, das seit langen Jahren ein bedeutendes Contingent zu den Verbrechern der Grenzdistricte liefert. Der Bauer und Tagelöhner, durch den mühelosen Erwerb im Schmuggel verwöhnt und der ehrlichen Arbeit entfremdet, wird zum herumlungernden Tagedieb und Trunkenbold, der leichtsinnig durchbringt, was er leicht erworben. Durch den Trunk und rohe Gewaltthätigkeit gegen die Wächter eines despotischen Gesetzes, dessen Uebertretungen ihm zur Gewohnheit geworden, wird er in jeder Beziehung gewissenlos und brutal und neigt zu all jenen zahlreichen Verbrechen, zum Diebstahl (besonders an Vieh und Pferden), zu Raub, Brandstiftung, Mord und Todtschlag, die den größten Theil des processualischen Materials der Gerichte jener Gegenden liefern.

Das Schmugglerdorf lag hinter uns, und wir fuhren bei sinkender Sonne in schneller Fahrt durch einen dunklen Fichtenwald, dessen mächtige Bäume öfter so nahe an unsern Weg traten, daß uns ihre weitausgreifenden schneebeladenen Aeste streiften. Plötzlich tönte durch das weithin schallende Geläute unseres Gespanns lautes Hundegebell, und um eine Waldecke biegend, bekamen wir auf einer weiten Lichtung eine einsame Waldschenke in Sicht, die unser kundiger Begleiter als einen berüchtigten Sammelplatz der Schmuggler bezeichnete, welche von hier aus unter der verwegenen Führung des Wirthes ihre Expeditionen über die nahe Grenze antreten. Von dem wilden Gebell zweier riesiger[WS 1] Wolfshunde empfangen, näherten wir uns dem einsamen Hause, dessen weißes mit langen Eiszapfen behangenes Dach in scharfem Contrast gegen die schwarzen Fichten des Hintergrundes abstach. Der bläuliche Rauch, der in dichten Wolken dem verfallenen Schornsteine entquoll, um dann vom Sturme zerzaust zu werden, gemahnte zu gastlicher Einkehr, obgleich die Herberge sonst wenig Einladendes hatte. So ließen wir denn unsere braven Renner halten und traten durch die niedrige Thür in ein dunkles Gemach, in welchem uns eine den halberstarrten Gliedern gar wohlthuende Wärme empfing, während freilich der dichte Qualm, der dem kratergleichen Schlunde eines riesigen Ofens entquoll, uns unangenehm in Augen und Nase beizte. Der Wirth war nicht daheim, und seine Frau, eine alte, schwarz geräucherte Litthauerin, welche uns mit mißtrauischen, finsteren Blicken musterte, fragte in gebrochenem Deutsch nach unseren Wünschen. Sie erhielt den Auftrag nach unseren Pferden zu sehen; wir aber nahmen schnell einen kräftigen Imbiß aus unserm Reisevorrath. Plötzlich hörten wir draußen lautes Getümmel: Pferdegewieher, Hundegebell, Peitschenknall und heftiges Reden in fremdem Idiom. „Da kommen die Schmuggler,“ sagte mein Freund, und an’s Fenster tretend, bot sich uns ein eigenthümliches belebtes Bild: etwa fünfzehn Schlitten hielten auf dem weiten, sonst so einsamen Platze und immer noch neue fuhren herzu. Wilde malerische Gestalten schritten laut und leidenschaftlich sprechend und öfter nach unserm Fuhrwerk deutend umher, so daß wir sofort zu dem Schlusse kamen, daß die Anwesenheit von Fremden an ihrem Stationsorte sie beunruhige. Jetzt kam ein stämmiger, breitschultriger Litthauer zu Pferde an, den unser Forstmann als den Wirth der Schmugglerspelunke erkannte, und an ihn wendeten sich fragend jene Leute. Er trat gleich darauf mit höflichem Gruße in’s Zimmer, und nachdem er meinen Freund, der ihm von früheren Reisen her bekannt war, erkannt hatte, theilte er uns mit, daß jene Ankömmlinge, szamaitische und litthauische Schmuggler, für diese Nacht ein besonders großes Unternehmen beabsichtigten, daß sie durch die Anwesenheit von Fremden, welche sie, nach dem Gespann urtheilend, für Russen hielten, in Besorgniß und Unruhe versetzt seien und daß er sie daher jetzt beruhigen wolle.

Wir traten mit ihm vor die Thür, und nachdem er ihnen gesagt, daß wir vollkommen „sichere“ Leute seien, von denen ein Verrath nicht zu befürchten, begrüßten sie uns freundlich grinsend mit einer Art von pfiffiger Vertraulichkeit. Wir betrachteten nun mit lebhaftem Interesse die bewegte charakteristische Scene, dann aber griff ich rasch zu Stift und Papier, um in flüchtiger Zeichnung die landschaftliche Scenerie zu skizziren. Die Staffage brauchte ich hier nicht besonders zu fixiren, da ich in Memel die Szamaiten alle Tage vor Augen hatte. Wer sie dort als Fremder zum ersten Male erblickt, wie sie einzeln oder in Gruppen meistens in eiligem Schritt durch die Straßen der Seestadt ziehen, um ihre Einkäufe zu machen, dem erscheinen sie sofort als Fremdlinge auf Germanias Boden, und nachdem er in der ethnographischen Musterkarte seines Gedächtnisses vergeblich nach einem analogen Typus gesucht, vermuthet er in ihnen einen Bruchtheil aus jener riesigen Völkermosaik, über welche der russische Doppelaar seine mächtigen Schwingen breitet.

Schlanken und hagern Wuchses, von sehnigem, kräftigem Körperbau und flinkem, unstätem Wesen, ein Idiom redend, das wildfremd an unser deutsches Ohr schlägt, erinnern sie durch ihre Tracht an den halbwilden Trapper Amerika’s: kurze Pelze oder Röcke von einem groben, selbstgefertigten Stoff, weite, bis über das Knie reichende Beinkleider, eine sandalenartige aus Fell oder Lindenbast bereitete, den Mocassins der Indianer gleichende Fußbekleidung, deren Bänder oder Riemen den Unterschenkel umwinden, endlich eine Mütze aus Fuchs-, Wolfs- oder Bärenfell (im letzten Fall von der turbanähnlichen Form der Tscherkessenmützen) bilden ihre malerische Tracht, und man könnte sich darüber wundern, daß nicht schon längst irgend ein nach neuen Motiven jagender Maler sie erspäht, wenn man nicht bedächte, wie weit ab von den Heerstraßen des bequemen Weltverkehrs dies Völkchen haust. Die Szamaiten sind ein Zweig des alten litthauischen Volksstammes, der als autochthone Bevölkerung den Nordosten der Provinz Ostpreußen bewohnt, und dem sie in Sprache, Sitte und Lebensweise vielfach verwandt sind. Der Ackerbau, den sie in allerdings höchst primitiver Form betreiben, gewährt ihnen die Mittel zu ihrer einfachen Existenz, sie suchen aber, besonders in der Nähe der Grenze, gleich ihren diesseitigen Nachbarn und Stammesgenossen, den preußischen Litthauern, einen nicht übel lohnenden Nebenerwerb im Schleichhandel, den sie entweder auf eigene Hand betreiben, oder dem sie als Transporteure, Spione oder Escorte dienen. Ihre listige Verschlagenheit läßt sie in kluger Berechnung aller günstigen und ungünstigen Verhältnisse tausend Mittel und Wege zur Ausführung ihrer Pläne finden; ihr verwegener Muth, der freilich die tollkühne Tapferkeit der preußischen Litthauer lange nicht erreicht, scheut vor dem offenen Kampfe mit den bewaffneten Hütern des Gesetzes nicht zurück, und ihre Geschicklichkeit in der Führung der Schußwaffen entscheidet denselben oft zu ihren Gunsten. Unterstützt werden sie in ihren Unternehmungen von ihren zwar kleinen und unansehnlichen, aber sehr schnellen und ausdauernden Pferden.

Das waren also die Gestalten, die sich hier vor der einsamen Waldschenke tummelten, beschäftigt mit allerlei Vorbereitungen zu ihrem gefährlichen Unternehmen; hier flickten einige an dem Geschirr ihrer Rosse, dort vertheilten sie die Ladung, kleine Fäßchen und Bällen, zweckmäßig auf die einzelnen Schlitten und Packpferde, hier wurden die Waffen hervorgeholt und sorgfältig revidirt, dort gingen Spione zu Fuß und zu Pferde ab, nachdem sie ihre Weisungen von dem Führer erhalten hatten, welcher mit einigen Litthauern, seinen bewährten Helfershelfern, großen Kriegsrath hielt. [300] Ganz besonders fesselte unsern Blick eine Gruppe inmitten des Bildes, deren Hauptperson, ein alter Jude, der sogenannte „Macher“, Entrepreneur des Unternehmens war. Sein altes, von hundert Falten durchzogenes Gesicht mit den unter weißen Brauen hervorblitzenden listigen Augen war ein förmliches Qualificationszeugniß für sein verdächtiges Metier, in welchem er, wie er versicherte, „mit Ehren grau geworden“. Dieser Ausdruck hatte übrigens, so sonderbar es auch scheinen mag, seine entschiedene Berechtigung, denn die Kaufleute, die solchen Machern ihre Waaren auf Discretion übergaben, setzten dabei, besonders in der Blüthezeit des Schmuggels, öfter Werthe von zehn- bis fünfzehntausend Thalern aufs Spiel, so daß ein Spitzbube, welcher sich etwa mit den russischen Grenzwächtern darüber geeinigt hätte, ihnen unter der Gewähr eines gewissen Beuteantheils einen solchen Transport zu verrathen, durch seinen Judaslohn sich schöne Summen hätte verdienen können. – Etwa ein halbes Dutzend Schmuggler umringte den alten Juden, um ihm begreiflich zu machen, daß zum Gelingen ihrer Expedition Muth, sehr viel Muth erforderlich sei, und daß man diesen durch den „Brandewyne“ (Schnaps) des Krügers bedeutend erhöhen könne. Aber der alte, schlaue Sohn Abraham’s ist, wie er sagt, „ein Mann nicht von heute oder gestern“; er hat seinen Leuten, wie das bei solchen Zügen Brauch ist, schon bedeutende Quantitäten ihres Lieblingsgetränkes gespendet und sieht die Wirkung desselben an ihrem erregten Wesen; im Bewußtsein seiner großen Verantwortlichkeit verhält er sich ihren Forderungen gegenüber daher strenge ablehnend.

Nachdem noch etliche Litthauer aus dem benachbarten Schmugglerdorfe mit ihren Packpferden angelangt und sämmtliche Vorbereitungen beendigt waren, setzte sich der Zug in Bewegung, und bald entzog der dichte Wald ihn unsern Blicken. Wir selbst konnten ihm nicht weiter folgen, da dies Wagstück für uns leicht üble Folgen hätte haben können; wir wendeten uns daher rechts auf einem andern Wege der Grenze zu und passirten diese bald darauf auf einem officiellen Uebergangspunkte, erfuhren aber auf der Rückreise das Nähere von dem Wirth jener Waldschenke.

Janis Caireronke, das heißt Linkhand, er führte diesen Beinamen, weil er sich der Rechten nicht bedienen konnte, da ihm vor Jahren ein russischer Grenzsoldat, mit dem er um einen Ballen kostbarer Waare rang, mit seinem Säbel die Finger abgeschlagen hatte, erzählte etwa Folgendes: „Wir stellten uns an jenem Abende, nachdem wir die Grenze erreicht hatten, in einem dichten Gehölz diesseits derselben auf, um das Dunkel der Nacht abzuwarten. Das Wetter wurde immer ärger, und wir hätten daher vor den Russen ziemlich sicher sein können, wenn wir nicht in Folge eines andern Umstandes besorgt gewesen wären. Trotz der größten Vorsicht waren nämlich unsere Unternehmungen in letzter Zeit mehrmals verrathen worden; wenngleich nun unsere Kundschafter auch berichteten, es sei drüben Alles sicher, so mußten wir dennoch in Besorgniß sein, es sei vielleicht auf einen Hinterhalt abgesehen, und daher mit doppelter Vorsicht zu Werke gehen. ‚Wollen die Feinde uns belangen, so betrügen wir sie erst recht, denn wenn der Russe schlau ist, ist’s der Litthauer noch zehnmal mehr,‘ sagte ich zu meinen Leuten und schickte eine Abtheilung derselben unter der Führung des alten Jurgis, den wir den ‚Sibirier‘ nennen, weil er vor Jahren das Unglück hatte, mit russischen Schmugglern gefangen genommen und zu einem Spaziergang nach Sibirien verurtheilt zu werden, die Grenze weiter hinauf, damit sie durch einen zum Schein ausgeführten Uebergang die Grenzwächter täuschen sollten. Sie mußten sich also mit Stroh gefüllte Säcke und leere Kisten auf den Rücken binden, damit sie von jenen für Packträger gehalten würden. Der alte Jurgis verstand sich trefflich auf solche Finten, denn er hatte sie in den dreißig Jahren, welche er beim Schmuggel verlebte, oft genug geübt, so daß wir uns ganz auf ihn verlassen konnten. Er ging also mit seinen Leuten die Grenze entlang bis zu einem Cordonhause, passirte hier dieselbe und wurde bald darauf von einem Posten bemerkt, welcher sofort mit dem üblichen Signalschuß die Wache alarmirte. Diese erschien denn auch fluchend und schimpfend, gab auf die Unsrigen mehrere Schüsse ab und diese zogen sich, ebenfalls schießend, auf das diesseitige Gebiet zurück, gingen, sich immer mehr von uns entfernend, die Grenze weiter hinauf, wodurch sie die Russen glauben machten, sie wollten dort den Uebergang erzwingen. Sie und wir Alle erreichten dadurch unsern Zweck, jene zu täuschen, vollkommen, wobei das Dunkel der Nacht und das Brausen des Schneesturms uns die besten Dienste leistete.

Ich selbst wartete mit meinen Leuten während dieser Zeit im dichten Gehölz versteckt, denn wir mußten zunächst die Patrouille, die an dieser Stelle die Grenze zu bereiten hat, vorbei passiren lassen. Ich selbst stieg auf einen alten buschigen Fichtenbaum, von dem aus ich nach zwei Seiten den sogenannten neutralen Boden – einen mehrere Schritte breiten, von den beiden Grenzgräben eingefaßten Streifen Landes – eine ziemliche Strecke weit übersehen konnte. Wir hatten bald nach dem Schießen unserer Leute und der ihnen gegenüberstehenden Russen auch nach der entgegengesetzten Richtnug zu, also zu unserer Rechten, mehrere Signalschüsse gehört, und in lautloser Stille warteten wir auf das von dorther kommende Reiterpiquet. Meine Leute standen bei ihren Pferden, um etwaiges Wiehern derselben sofort zu verhindern; der ganze Zug hatte sich in der von uns meistens festgehaltenen Ordnung aufgestellt, nach welcher die Spione, Führer und die Packträger mit den billigeren Waaren vorangehen, während die Schlitten je nach dem Werth ihrer Ladung ihnen folgen. So wußte ich denn Alles in Ordnung und horchte und spähte von meiner Warte in die dunkle Nacht hinaus. Endlich vernahm ich das mir so wohlbekannte Klirren von Waffen, und bald kam das Piquet in scharfem Trabe daher. Es waren elf Reiter, darunter ein Officier, und sie ritten jetzt, um eine Biegung des Grenzweges abzuschneiden, über preußisches Gebiet, so nahe an meinem Versteck vorbei, daß ich dem einen fast die Bärenmütze vom Kopfe hätte nehmen können; aber sie bemerkten mich im Dunkel der Nacht nicht und bald waren sie meinen Blicken entschwunden.

Schnell schlüpfte ich nun von meinem Baume hinunter, eilte zu meinen Leuten zurück und gab den Befehl zum Aufbruch. In möglichster Eile ging es über die Grenze nach Rußland hinein, denn es kam uns darauf an, für den Fall, daß etwa bei dem späteren Absuchen des neutralen Weges mit Laternen unsere Spur gefunden werden sollte, einen möglichst großen Vorsprung zu gewinnen. Durch Busch und Wald, über Felder und Sümpfe, meistens in tiefem Schnee, ging es vorwärts bis in die Nähe des zweiten Zollcordons, der sich etwa eine halbe Stunde (öfter auch mehr) von dem ersten entfernt in ziemlich gleicher Richtung mit demselben weiter landeinwärts hinzieht. Die vorausgeschickten Spione kehrten mit der frohen Botschaft zurück, daß hier noch Alles ruhig sei; wir passirten glücklich auch diese Linie und kamen nach Mitternacht zu einem ziemlich großen Marktflecken, in welchem wir unsere Waaren an den Sohn unseres ‚Machers‘, welcher dort ein Gasthaus hielt, ablieferten. Noch in derselben Nacht kehrten wir, froh, wieder einmal ein gutes Geschäft gemacht zu haben, unangefochten nach Preußen zurück, meine Leute aber konnten es sich nicht versagen, einige Kugeln nach dem Cordonhause, an dem wir diesmal ganz nahe vorüberzogen, zu schicken, während ich selbst in der nächsten Wachthütte, in welcher, wie ich wußte, am folgenden Tage mein alter Bekannter, der russische Gefreite Gregoriew, die Wache hatte, für diesen eine Flasche Rum, die ich ihm lange versprochen, niederlegte.“

Die Unternehmungen der Schleichhändler haben nicht immer einen so glücklichen Erfolg, wie eben erzählt wurde; sie nehmen im Gegentheil öfter ein sehr verhängnißvolles Ende, indem nicht nur die oft höchst werthvolle Contrebande confiscirt wird, sondern zuweilen auch der Verlust von Menschenleben dabei zu beklagen ist. So fiel z. B. vor einigen Wochen bei einem heftigen Gefecht, welches ein großer Schmugglerzug in der Nähe des Grenzstädtchens Garsden den Russen lieferte, ein Officier, während mehrere Grenzsoldaten schwerer oder leichter verwundet wurden. Der Werth des „Schmuggelgutes“, das in diesem Falle ausschließlich aus Spiritus bestand, war überdies ein verhältnißmäßig sehr geringer und höchstens auf etwa vierhundert Rubel zu veranschlagen.

Aus der großen Zahl von theils sehr interessanten Fällen dieser Art, über welche ich von Beamten, alten Schmugglern, aus den Verhandlungen der Schwurgerichte oder den Berichten der Presse Kunde erlangte, möge hier nur einer Platz finden, welcher durch ein Versehen der russischen Justitia (die sich diesmal übrigens mit ihrer Blindheit passend entschuldigen konnte) für einen der dabei Betheiligten in eigenthümlicher Weise verhängnißvoll wurde.

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Die Gartenlaube (1870) b 301.jpg

Ein Schmugglerzug an der preußisch-russischen Grenze.
Nach der Natur aufgenommen C. Schiemann.

[311] Mein Gewährsmann war diesmal der alte litthauische Schmuggler Jurgis, der, wie unsere Leser schon erfahren haben, den Beinamen des „Sibiriers“ besaß. Der Wirth jener Schmugglerschenke hatte nämlich versprochen, mir denselben als Berichterstatter zuzuschicken, und so trat denn eines Tages der alte Bursche, eine stämmige, breitschulterige Gestalt, der man trotz des ergrauenden Haares große Kraft und Ausdauer ansah, bei mir ein, indem er mich schelmisch fragte, ob ich der Herr sei, der über ihn ein Buch schreiben wolle. Ich hätte vielleicht annehmen können, er wolle eine Anspielung auf jenen früher in unserer Provinz viel gelesenen Criminalroman „Raudonis Krotinnos“ machen, in welchem Temme’s treffliche Feder die Thaten und Abenteuer eines berüchtigten Schmugglerhauptmanns schildert, wenn ich nicht gewußt, daß er mit der Literatur überhaupt und speciell mit der seines Faches gänzlich unbekannt gewesen wäre. Ich legte ihm als Antwort die Gartenlaube von 1867 vor und zeigte ihm das Bild (Seite 181), auf welchem Meister Sundblad’s geschickter Stift einen Schmugglerzug in den bairischen Alpen dargestellt hat, mit der Frage, wen er wohl in jenen Gestalten vermuthe. Er erkannte sie sofort als Collegen seines gefährlichen Metiers und meinte jenen Leuten müsse „ihr Bischen Verdienst“ doch noch saurer werden, als den Schwärzern an der russischen Grenze. – Bei unserer nun folgenden Unterhaltung zeigte er sich in sämmtliche auf den Schleichhandel bezügliche Verhältnisse und Fragen vollständigst eingeweiht, und er wäre in der That ganz der Mann gewesen, nicht nur sehr interessante „Memoiren eines Schmugglers“, sondern auch ein „Lehrbuch für Schleichhändler und Solche, die es werden wollen“ zu schreiben, womit er vielleicht einem „lange gefühlten Bedürfniß“ abgeholfen hätte. Ich muß es mir indeß versagen, all’ seine interessanten Mittheilungen hier zu reproduciren, und beschränke mich auf eine kurze Schilderung jenes unglücklichen Unternehmens, das ihm seinen schwer bezahlten Beinamen eintrug.

„Vor etwa zwanzig Jahren,“ so erzählte der alte Schmuggler, „kam eines Tages mein alter Bekannter Abraham Rosenstiel, ein großer Macher im Schmuggel, zu mir, um mit mir ein besonders bedeutendes Unternehmen zu verabreden. Wir kannten uns seit langen Jahren, und ich hatte durch ihn manch’ schönes Stück Geld verdient. Er erhielt öfters große Aufträge selbst aus Moskau und Petersburg, denn er stand nicht allein in dem Rufe eines höchst geschickten und glücklichen, sondern auch ehrlichen und zuverlässigen Unternehmers. Es galt diesmal einen großen Transport kostbarer Seidenstoffe, Spitzen, Tücher und ähnlicher theurer Waaren über die Grenze zu schaffen, die später von den geheimen Lagerplätzen weiter landein nach den großen russischen Städten gebracht werden sollten. Ich wählte also meine Leute, etwa zwanzig erprobte, zuverlässige Bursche aus, und wir empfingen die Waaren, für die ich dem Macher eine bedeutende Caution gezahlt hatte, von den Szamaiten, unsern Grenznachbaren, welche dieselben von Memel nach meinem Gehöft brachten. Wir beschlossen diesmal die ziemlich leichten Päcke und Ballen mit der Contrebande über die Grenze zu tragen; die Szamaiten sollten mit Ausnahme von etwa acht Mann mit ihren Schlitten bis zu einem jenseit des zweiten Zollcordons liegenden Orte vorausfahren und uns dort erwarten, um das Schmuggelgut bis zu seinem nächsten Bestimmungsort zu schaffen. Um noch sicherer zu gehen, hatten wir den Nasaratl (Officier) des nächsten Grenzpostens bestochen und so glaubten wir uns denn so sicher, daß wir nicht einmal das Dunkel der Nacht abwarteten, sondern schon Abends die Grenze überschritten.

Ich befand mich unter den Kundschaftern, und da ich in meiner Nähe eine jener Strohhütten bemerkte, die sich die Wachtposten zum Schutz gegen Wind und Wetter herrichten, beschloß ich, mich davon zu überzeugen, ob sie auch leer sei, was der Fall hätte sein müssen, wenn der bestochene Officier die Posten von dieser für unsern Uebergang in Aussicht genommenen Strecke der Grenze wirklich eingezogen oder anderswohin geschickt hätte. Ich schlich also vorsichtig an die Hütte heran, vernahm aber zu meinem Erstaunen und Schreck lautes Gespräch in derselben. Jetzt wurde mir die Sache klar: der Nasaratl hatte nämlich außer einem feinen Seidenkleide für seine Geliebte und den blanken Rubeln, die wir ihm für seine Gefälligkeit zahlten, ein Fäßchen Rum gewünscht, das ihm die Langeweile seines einsamen Postens vertreiben sollte; jedenfalls hatte er sich sofort über dasselbe hergemacht und seine Befehle verkehrt oder gar nicht ertheilt. Was war da zu thun? Umkehren mochte ich nicht, da die Einhaltung des Lieferungstermins für den Macher diesmal von großer Wichtigkeit war; den Posten zu umgehen war auch bedenklich, da wir später vielleicht von ihm bemerkt worden wären. Schnell war mein Entschluß gefaßt. Ich winkte einen unserer Leute, den ich als höchst entschlossenen Burschen kannte, herbei, durch Winke verständigten wir uns und sprangen dann plötzlich wie die Tiger vor, ergriffen die Gewehre der beiden Straszniks (Grenzsoldaten), welche am Eingange der Hütte lehnten, und drohten den vor Schreck sprachlos Daliegenden, sofort zu schießen, wenn sie etwa Miene machen sollten, zu entfliehen oder nach Hülfe zu rufen. [312] Dann ließen wir Einen nach dem Andern hervorkommen, banden ihnen die Hände, stärkten sie mit einem tüchtigen Schluck Rum und schickten sie unter der Begleitung einiger unserer Leute nach einem dichten, auf preußischer Seite liegenden Gehölz. So war also hier die Grenze frei; wir marschirten eilig auf einem viel befahrenen Holzwege nach Rußland hinein und erreichten bald einen dichten Wald. Hier warteten wir auf das Dunkel der Nacht und auf die von der zweiten Zolllinie zurückkehrenden Spione. Nachdem die letzteren mit der Botschaft, es sei dort Alles sicher, zurückgekehrt waren, brachen wir wieder auf, zogen etwa eine halbe Stunde lang vorwärts und gelangten in einen Hohlweg, der zu einem Flüßchen hinabführte. Hier sollte uns unser Unglück ereilen. Kaum war unser Zug (wir schritten, wie das bei solchen Zügen immer der Fall zu sein pflegt, Einer hinter dem Andern im Gänsemarsch her) etwa in der Mitte des Hohlwegs, als plötzlich mehrere Schüsse fielen und aus dem Walde zu unserer Linken ein Reiterpiket von zehn oder zwölf Mann hervorsprengte, dessen Führer uns ein lautes ‚Halt!‘ entgegendonnerte.

Das war allerdings uns, der gut bewaffneten Uebermacht, gegenüber eine sehr sonderbare Zumuthung, die wir mit lautem Gelächter und einigen Schüssen beantworteten, deren einer den Lieutenant tödtlich verwundet vom Pferde warf, während drei andere ebenso viele Reiter kampfunfähig machten. Schon glaubten wir, uns durchschlagen zu können, als plötzlich ein zweites Reiterpiket von dem vor uns liegenden Cordon heranjagte und uns von vorn angriff. Ein wüthendes Gefecht entspann sich und bald gab es Todte und Verwundete auf beiden Seiten. Jetzt kam auch noch eine starke Abtheilung Fußsoldaten an, und wir waren überzeugt, daß einer von den schurkischen Szamaiten, der sich vielleicht für die Zukunft bei den Russen einen Stein in’s Brett setzen wollte, unser Unternehmen an der Zolllinie verrathen habe. Es blieb nichts Anderes übrig, als den Rückzug anzutreten, und ich gab daher das verabredete Signal. Heftig feuernd schlugen wir uns seitwärts in den Wald hinein, um so wenigstes vor den Reitern mehr gesichert zu sein. Da sah ich in der Nähe meinen Bruderssohn, einen braven, tüchtigen Jungen, in großer Gefahr, von den Russen gefangen genommen zu werden; ich wollte ihm mit dem Kolben Luft machen, denn laden konnte ich in der Eile nicht, erhielt aber in demselben Augenblick einen schweren Säbelhieb über den Kopf, der mich bewußtlos zu Boden streckte. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Schlitten zwischen sechs anderen verwundeten Gefangenen, von denen die meisten zu meiner Freude Szamaiten waren. Noch in derselben Nacht wurden wir weiter landeinwärts geschafft und nach einigen Tagen vor ein ‚Gericht‘ gestellt; die Szamaiten hatten, wie sie meinten, zu ihrem Vortheil, mich als Denjenigen bezeichnet, der den Officier erschossen, und all’ mein Leugnen (Gott weiß, daß ich es nicht gethan habe!) half mir nichts.

Umsonst forderte ich, nach Preußen ausgeliefert zu werden; man that, als verstehe man mich nicht, und so befand ich mich denn schon nach einigen Wochen ‚aus Versehen‘, wie es vor mir schon manchem ehrlichen Litthauer gegangen war, in der Gesellschaft jener mit mir gefangenen Szamaiten, von Dieben, Falschmünzern und Spitzbuben auf dem Wege nach Sibirien. – Wollte ich aber die schrecklichen Leiden der monatelangen Reise, meiner vierjährigen Gefangenschaft in jenem entsetzlichen Lande oder gar die Erlebnisse auf meiner Flucht aus demselben erzählen, so würde ich in einem Tage kaum fertig werden.“

So lautete die schlichte Erzählung des alten Jurgis; als ich aber meine Verwunderung darüber aussprach, daß er nach so furchtbaren Erfahrungen dem Schmuggel nicht entsagt habe, sprach er lächelnd: „Es geht den Schmugglern wie den Wildschützen: sie können von ihrem gefährlichen Handwerk nicht lassen. – Was sollte ich übrigens, nachdem ich glücklich nach Hause gekommen, beginnen? Mein kleines Besitzthum war verkauft, meine Frau gestorben; als daher mein Bruderssohn, welcher an jenem Unglückstage glücklich entkommen war, mir sagte, daß er noch in der nächsten Nacht über die Grenze ginge, war ich natürlich sofort bereit, mit ihm zu gehen, und habe seitdem noch an so manchem glücklichen und unglücklichen Zuge Theil genommen.“ –

Dergleichen Fälle sind übrigens früher mehrfach vorgekommen, ja noch vor etwa zwei Jahren erschien vor dem Gericht in Memel ein Litthauer, welcher zu Protokoll gab, daß er mit russischen Schmugglern den Grenzsoldaten in die Hände gefallen und fünf Jahre in Sibirien gefangen gehalten worden sei.

Zuweilen endigen solche Kämpfe auch in höchst komischer Weise. Seit einigen Jahren werden ungeheure Quantitäten Spiritus durch den Schleichhandel über die Grenze geschafft, ein Geschäft, das den Unternehmern einen bedeutenden Gewinn abwirft, weil dieser Artikel drüben sehr theuer und mit einem enormen Zoll belegt ist. Gelingt es nun den Straszniks (Grenzwächtern), den Spiritusschmugglern ihre Waare abzujagen, so lassen sie meistens die Leute unangefochten entschlüpfen, um sich sofort mit wahrer Gier über die Beute zu werfen und so lange zu zechen, bis sie sinnlos betrunken sind. Diesen Zustand benutzen dann die Schmuggler, um oft vor den Augen der armen Zollwächter lachend und spottend die Grenze zu passiren.

Der Schmuggel ist übriges stark in der Abnahme begriffen, seit Rußland seine Zölle für viele Importartikel so bedeutend ermäßigt und durch eine allgemeine Purification des Standes der Grenzbeamten, sowie durch eine bedeutende Gehaltserhöhung diese der Bestechung schwerer zugänglich gemacht hat.

Früher wurde die Bestechung in der großartigsten und offenkundigsten Weise getrieben, und so mancher große „Macher“ zahlte alljährlich Tausende an die Zöllner und Sünder der Grenze als Aequivalent für gewisse Gefälligkeiten. Die Beamten waren theilweise zu entschuldigen durch ihr äußerst geringes Gehalt, das zu dem theuern Leben an der Grenze in keinem Verhältnisse stand. Die Regierung mußte ferner wissen, daß der Aufwand, den viele trieben, ihre Einnahme um das Doppelte oder Dreifache überstieg, daß sie also gezwungen seien, durch Zudrücken eines oder gar beider Augen das Fehlende zu ergänzen. Es lag demnach eine gewisse stillschweigende Billigung von officieller Seite in der Duldung und dem Fortbestehen dieser corrupten Verhältnisse, und das ganze ungeheure Heer der Grenzwächter und Zollbeamten vom gemeinen Strasznik bis zum Zolldirector und Inspector wußte dieselbe in umfassendster Weise zu benutzen. Trieb es endlich Dieser oder Jener zu arg, so wurde zuweilen ein Beispiel statuirt, indem man solch einem armen Schelm Zeit und Gelegenheit gab, in dem unwirthbaren Sibirien „fern von Madrid“ über den Unbestand aller Menschengunst nachzudenken.

Jetzt ist in dieser Beziehung, wie schon erwähnt, Manches besser geworden, indeß gilt auch heute noch das Wort eines alten schlauen Juden, mit dem ich lange über diese Verhältnisse sprach, daß nämlich ein goldener Schlüssel auch das festeste Schloß erschließt. Es werden daher, wie jeder in der Nähe der Grenze Wohnende oft aus eigenster Erfahrung weiß, immer noch enorme Massen von Waare aller Art nach unserm Nachbarreich durch Schmuggeln eingeführt, und die hermetische Grenzsperre erreicht ihren Hauptzweck, die Hebung der inländischen Industrie, nur unvollkommen, weil die ausländische Waare als Contrebande den oft sehr hohen Zoll umgehend mit jener auf dem allgemeinen Markt sehr wohl concurriren kann. Außer Spiritus, welcher in enormen Quantitäten, zum Theil sogar seewärts durch kurische und finnische Fischer aus den Ostseehäfen eingeführt wird, obgleich die Regierung in Riga eigens einen Dampfer zur Verhinderung dieser Art des Schleichhandels stationirt hat, sind seidene, wollene und baumwollene Zeuge, besonders feine Tuche, Spitzen, Tücher, ferner allerlei feine Eisen- und Stahl-, Holz-, Leder- und Perlmutterwaaren, Cigarren, Zucker etc. die wichtigsten Artikel des Schmuggels.

Schließlich mögen hier noch einige Bemerkungen über das Grenzwächtercorps Platz finden, eine Institution, die unter der Zahl der Culturstaaten als ein Unicum dasteht. Dasselbe ist vollständig militärisch organisirt, ressortirt aber nicht vom Kriegsministerium, sondern von dem der Finanzen. Aus Cavalleristen (Obiersziks) und Infanteristen (Straszniks) bestehend, bildet es neben seinem Hauptzweck eine Art von Versorgungsanstalt für altgediente Mannschaften aus allen Theilen dieses Riesenreiches. Man trifft darunter Veteranen aus dem Tscherkessen- und Krimkriege, die es hier übrigens mit durchaus nicht zu verachtenden Gegnern zu thun haben, weil die Litthauer, durchweg gut geschulte preußische Soldaten, sich in ihren Rencontres mit vorzüglicher Bravour schlagen und durch ihre Gewandtheit und Verwegenheit den Russen so sehr überlegen sind, daß dieselben in unserer Gegend es nie wagen, das national-preußische Hausrecht zu verletzen, während das zum Beispiel an der westpreußisch-russischen [313] Grenze leider noch immer sehr häufig geschieht. Unter den Officieren, meistens Stockrussen, zeichnen sich die deutschen Herren aus den russischen Ostsee-Provinzen vortheilhaft durch Bildung und feinen Ton aus, und man begreift nicht, wie sie die Misere des Grenzdienstes, in dem sie vom Verkehr mit der übrigen Welt durch ihre strenge Instruction fast ganz ausgeschlossen sind, ertragen können.

Der Dienst der Grenzwache besteht für die Infanterie darin, bei Tage die Grenze, einen wenige Schritte breiten, von zwei parallelen Gräben eingefaßten Streifen neutralen Landes zu beobachten, die Schmuggler zurückzuweisen, respective ihnen die Contrebande abzujagen und als Begleiter (Convoys)) den Reisenden und Waaren von der Grenzstation (Regatka) bis zu der weiter landeinwärts liegenden Zollkammer (Tomoszna) zu dienen. Die einzelnen Posten sind so gestellt, daß sie sich gegenseitig unterstützen können. Nachts patrouilliren Cavalleriepiquets die Grenze auf und ab, während die Infanterie mehr landein postirt wird. Die Mannschaften wohnen casernenartig in den sogenannten Cordonhäusern, in deren Nähe sich meistens besondere Dienstwohnungen für die Officiere befinden.

Das sind die Wächter, deren Schaaren das Weichbild des riesigen Zarenreiches bewachen, welche an der chinesischen Mauer dieses Riesenbaues die officiellen Pforten und Thore für die polizeimäßig legitimirten, sogenannten „ehrlichen Leute“, sowie die tausend Hinterpförtchen und Schlupflöcher hüten, durch welche die schlauen Schmuggler, Ueberläufer, Falschmünzer, Mordbrenner und ähnliches Gelichter aus- und einwechseln. Sie gehorchen einem despotischen Willen, der nicht allein die fremde Waare vom inländischen Markt ausschließen, sondern sich noch lieber auch gegen die ihm viel gefährlichere Contrebande des Gedankens der Freiheit durch die Legion seiner Schergen verwahren möchte. Doch auch diese Schranke wird weichen müssen, wie noch Alles dem Untergange verfiel, was sein Entstehen dem Despotismus, der Willkür und dem Irrthum verdankte. Die Civilisation und die Freiheit werden über die Trümmer der gesunkenen Mauer ihren Einzug halten und der Segen dieser Stunde wird auch unserer armen Provinz zu Gute kommen, die durch das russische Absperrungssystem bisher so sehr geschädigt war.

C. Schiemann.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: riesigen