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Textdaten
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Autor: Dr. Werner Stille
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Titel: Ungenau beobachtete Thatsachen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 398
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[398] „Ungenau beobachtete Thatsachen.“ Die Wünschelruthe. Es steht wohl für jeden Vorurtheilsfreien fest, daß Diejenigen, welche die Kunst des Wasserfindens mittelst der Wünschelruthe ausüben, entweder sich selbst täuschen, oder daß sie gar Betrüger sind. Daß sie Alle Betrüger sein sollten, hat mir nie einleuchten wollen. Jedenfalls mußte hier eine „ungenau beobachtete Thatsache“ vorliegen. Es war mir daher eine angenehme Ueberraschung, neulich die Bekanntschaft eines Farmers zu machen, der ein solcher Wasserfinder ist und der sich gern bereit erklärte, mir das Experiment zu zeigen. Hier hoffte ich die Art der Selbsttäuschung, die bei demselben vorkommt, kennen zu lernen, was auch ganz zu meiner Zufriedenheit gelang. Da man meines Wissens über das Wie dieser Täuschung nirgends Angaben findet, so will ich in der Kürze meine Beobachtung mittheilen.

Bekanntlich wird von den in dieser Richtung Gläubigen behauptet, daß, wenn man eine gabelförmige Ruthe (namentlich eine Haselruthe) so faßt, daß in jeder Hand sich ein Ende dieser Gabel befindet, der Vereinigungspunkt beider aber horizontal hinausgehalten wird, alsdann, wenn man über das Land dahinschreitet, sich die Ruthe auf solchen Stellen abwärts biegt, wo sich (erreichbares) Wasser in der Erde findet. Ja, manchmal soll die Anziehungskraft des Wassers so stark sein, daß die Ruthe nahe bei den Händen abbricht. Unser Farmer machte mir das Experiment vor und zeigte mir, wo im Boden Wasser sei und wo sich keins finde. Wirklich bog sich die Ruthe stark nach unten, und der Mann behauptete, daß eine solche Kraft in derselben thätig sei, daß er kaum die Ruthe halten könne. Es glückte mir nun, auf den ersten Blick zu sehen, wie der redliche Mann die Erscheinung selbst hervorbrachte, ohne es zu wissen oder zu wollen. Ich bat ihn dann, mir die Ruthe zu geben, und zu seinem Erstaunen fand ich Wasser an einer Stelle, von der er soeben behauptet hatte, daß sich dort keins finde. Ja, die Ruthe wand und drehte sich und zerbrach endlich, so sehr ich auch sie zu halten bemüht war.

Und nun die Lösung dieses sonderbaren Räthsels. Man nehme eine Ruthe, wie sie vorhin beschrieben wurde, sehe darauf, daß beide Theile der Gabel einigermaßen gleich stark sind, und mache dieselbe ungefähr zwei Fuß lang. Nun fasse man in jede Hand ein Ende dieser Ruthe, strecke aber, ehe man dieselbe fest anfaßt, die Arme nach vorn, etwa so, daß die Hände in der Höhe der Hüften sich befinden, und halte die Ellenbogen recht straff. Dann drehe man beide Hände möglichst weit nach außen, so daß bei geschlossener Hand die Finger oben und der Daumen an der Außenseite der Hand liegen. Die Ruthe, die man schon in den Händen hat, fasse man nun mit festem Griffe und halte sie in ungefähr horizontaler Lage vor sich hin, indem man über das Land schreitet, das man auf seinen Wassergehalt prüfen will. Die Arme und Hände sind in gezwungener Lage und natürlich suchen sie eine leichtere Haltung anzunehmen. Namentlich suchen die Arme sich zurückzudrehen in ihre natürliche Lage. Aber man hat die Ruthe in der Hand, diese muß man festhalten. Da aber die Drehung der Hände durch Ermüdung und unwillkürlich geschieht, so scheint eine Kraft in der Ruthe thätig zu sein, welche uns dieselbe zu entwinden strebt. Nun nähern sich die Hände wirklich etwas ihrer natürlichen Lage, und betrachtet man die Lage der Ruthe in der Hand, so sieht man, daß durch eben diese Drehung eine Biegung der Ruthe nach unten entsteht. Man wird sicherlich Wasser finden, wenn man das Experiment in einer Gegend, wo überhaupt Wasser ist, fortsetzt.

Man mache den Versuch, der leicht gelingen wird, und man hat ein hübsches Beispiel vor sich, wie eine „ungenau beobachtete Thatsache“ zu Stande kommt.

     Marine, Illinois, im Mai 1873.
Dr. Werner Stille.