Ueber Schönheit

Textdaten
<<< >>>
Autor: Anton Wilhelm Christian Fink
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ueber Schönheit
Untertitel:
aus: Neue Thalia. 1792–93. 1793, Dritter Band, S. 231–233
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[231]
III.
Ueber Schönheit.
Ein Fragment.
An Ida.


Auf! und heb’ empor vom Erdenthale,
     Meine Ida, heb’ empor den Blick!
Laß den matten Schein vom Schönheitsstrahle
     Hier im Land der Dämmerung zurück.

5
Siehst du nicht im ewig inngen Schimmer

     Hoch Uranien über Sternenglanz? –
     Wahrer Schönheit frischer Blüthenkranz,
Ida, welkt dem Hauch der Zeiten nimmer.

War’s nur dieser Glanz der vollen Rosen,

10
     Den der May auf deine Wange goß,

Nur die Brust, auf welcher Götter kosen,
     Nur das Haar, das wallend niederfloß;
Nur der Wuchs aus Harmonie gewoben
     Und vom Schmuck der Grazien umwallt –

15
     War’s nur diese holde Lichtgestalt

Der mein Herz entgegen sich gehoben?

Nein, o Ida! – Nicht des Busens Wallen
     Nicht der Wange Purpur war’s allein!
Monde wechseln, und die Rosen fallen,

20
     Winter stürmt – entblättert steht der Hain! –
[232]

Unter Blumen schleicht der Krankheit Schlange,
     Blumen sind für keine Ewigkeit!
     Unter Küssen selber pflückt die Zeit
Manche Blüthe von der vollen Wange!

25
Doch – es webet oft der Gottheit Milde

     Um die schönen Seelen ein Gewand
Rein und herrlich, wie nach ihrem Bilde
     Einst die Ersterschaffne vor ihr stand.
Schwesterlich umarmt der Geist die Hülle,

30
     Und die schöne Hülle selbst wird Geist!

     So durchströmend, so durchlodernd fleust
In sie über heil’ger Gottheit Fülle.

In des Auges lebenvollen Blikken
     Schwimmt der Seele holder Engelsinn

35
Bald im Stralenmeere voll Entzükken,

     Bald, ein leichtes Abendwölkchen, hin;
Wallet itzt auf reiner Freude Wellen
     Sorglos, wie auf stiller Flut der Schwan;
     Oder legt den Thränenschleier an,

40
Wann der Wehmuth Fluten höher schwellen.


Auf der Wange lichten Frühlingsauen
     Geht die Seel’ im Morgenroth herauf;
Demuth, holde Schaam und Liebe thauen
     Schwesterlich den reinsten Purpur drauf.

45
Auf der Stirne hohem Aetherbogen

     Thront der Geist, wie über seiner Welt;
     Die Gedanken sind am Himmelszelt
Zahllos, wie die Sterne, aufgezogen.

[233]

Aus des Mundes süßen Melodieen

50
     Tönt die Seele freundlicher hervor,

Auf der Sprache sanften Harmonieen
     Steigt sie milder zu des Freundes Ohr:
Spricht im leisen Ach! wie Wehmuthsflöten,
     Wenn die Nachtigall am Waldsee klagt:

55
O! und was der blöde Mund nicht wagt,

Sagt der Liebe Tochter, das Erröthen.

Geist und Seele lebt im schönen Bilde,
     Wie im Spiegel eine Lichtgestalt,
Wahrer Abdruck iener innern Milde,

60
     Die in schöne Formen überwallt.

Geist und Seele schwebt aus jeder Regung,
     Wie auf Grazien die Anmuth schwebt;
     Geist und Seele wallt und wirkt und lebt
In der Glieder leisester Bewegung.

65
Ida, meine Ida, Jugendblüthe

     Welkt hinweg vom Engelangesicht;
Aber dieses Herzens ewge Güte
     Schwindet aus dem schönen Auge nicht.
Anmuth strömt von eines Nestors Munde,

70
     Und der Seele holden Abglanz bleicht,

     Wenn die Schönheit mit der Jugend weicht,
Keine Zeit und keine Todesstunde.

W. Fink.