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Textdaten
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Autor: Prof. Dr. Kurt Lampert
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Titel: Tierisches Leben unter Eis
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 836–839
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Tierisches Leben unter Eis.
Von Professor Dr. Kurt Lampert.

Durch den winterlichen Hochwald führt uns der Weg zu dem einsam gelegenen Bergsee. In tausend Lichtern spielen die frostigen Strahlen der Dezembersonne auf der glitzernden Eisfläche. Die Natur ist eingegangen in die große Winterruhe, in der sie frische Kräfte sammelt zu baldigem, neuem Sprossen und Keimen. Tiefe Stille umgiebt uns, heute raschelt keine Eidechse im Gras, kein fröhlicher Vogelchor ertönt in den Zweigen, lautlos klettern gewandte Meisen an den kahlen Aesten und trägen Fluges zieht ein Rabe zu unseren Häupten.

Das vollendete Bild des Todes scheint uns der See zu geben. Das flüssige leichtbewegliche Element ist erstarrt unter dem Frosthauch des Winters und jedes Leben ist verschwunden. Da hüpft kein Frosch bei unserem Nahen mit plumpem Sprung ins Wasser, kein zierlicher Salamander taucht zwischen den Blättern am Ufer auf, kein Fisch springt draußen auf leicht gekräuselter Wasserfläche empor.

Ist wirklich alles Leben erstorben? Weit draußen im See zeigen Warnungspfähle den Schlittschuhläufern eine gefährliche Stelle an. Ein Loch ist dort in das Eis geschlagen. Es soll wohl ein „Luftloch“ sein, welches ein besorgter Fischbesitzer gemacht hat, um dem Wasser atmosphärische Luft zuzuführen; vielleicht hat es auch zu winterlichen Fischereizwecken gedient.

Hiernach zu schließen pulsiert also doch auch unter dem Eis noch thätiges Leben?

Eine Reihe von Fragen tritt sofort uns entgegen: Herrscht in den gefrorenen Wasserbecken überhaupt keine Winterruhe? Oder sind nur einzelne Bewohner in der glücklichen Lage, die Winternacht zu verträumen, während anderen auch im Winter das harte Ringen um die Existenz beschieden ist?

Die Natur liebt keine Monotonie; auf den verschiedensten Wegen verfolgt sie das gleiche Ziel, die Erhaltung ihrer Geschöpfe. Dem einen ist nur die Lebensdauer eines kurzen Sommers beschieden, aber widerstandsfähige Keime sorgen für das Erstehen einer neuen Generation im kommenden Frühjahr; andere Lebewesen versinken in einen schützenden Winterschlaf, der ihnen die Nahrungsaufnahme unnötig macht und bei herabgesetzter Lebensthätigkeit über alle Fährlichkeiten hinüberhilft. wiederum anderen Organismen ist die glückliche Gabe mit auf den Lebensweg gegeben, in geringer Abhängigkeit von Temperatur und sonstigen äußeren Einflüssen, sich ihres Daseins auch im Winter freuen zu dürfen und endlich begegnen wir auch in Deutschland manchen Organismen, denen die Winterszeit sogar als die angenehmste des Jahres erscheint.

Erst in neuerer Zeit hat sich die biologische Wissenschaft eingehender auch mit der Frage beschäftigt, wie die Bewohner unserer Wasserbecken den Winter verbringen, und fragen wir heute bei ihr hierüber an, so bekommen wir oft noch recht ungenügende Antwort. Wir dürfen freilich hieraus keinen Vorwurf erheben, denn kaum zehn Jahre sind es her, seit überhaupt der Tierwelt unserer Binnengewässer in Fach- und Laienkreisen in erhöhtem Maß Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch der bescheidenste Tümpel zeigt im Sommer ein reiches Leben an tierischen und niederen pflanzlichen Organismen. In Weihern und vollends erst in großen Seebecken umfaßt das Inventar an Lebewesen leicht viele Dutzend Arten. Frösche, Salamander und Fische vertreten die Wirbeltiere, zwischen den Pflanzen des Ufers kriechen Schnecken umher, während im schlammigen Boden große Muscheln stecken; auf Steinen und an Schilfstengeln sitzen korallenartig verzweigt oder in dicken Knollen die Kolonien der Schwämme und Moostierchen. Schon mit den bloßen Augen erkennen wir zahlreiche Wasserinsekten und Insektenlarven, und nehmen wir das Netz zur Hand und fahren zwischen Uferpflanzen hin oder fischen draußen auf freiem See, so füllen sich unsere Gläser mit einem Gewimmel halbmikroskopischer Tiere, welche die Zoologie meist zu den kleinen Krebstierchen zählt. Forschen wir noch weiter und nehmen das Mikroskop zu Hilfe, so enthüllt es uns noch Lebewesen, die dem menschlichen Auge verborgen geblieben waren: Rädertierchen verschiedenster Art, Infusorien winzige pflanzliche Gebilde mit einem eleganten Kieselpanzer, die bekannten Diatomeen, und auch Bakterien.

Dieses Bild sommerlichen Lebens eines kleinen Wasserbeckens von geringer Tiefe ändert sich im Winter. Schon im Frühsommer haben die Wassersalamander nach dem Laichgeschäft das Wasser verlassen und sich ans Land begeben, wo sie unter Steinen und [838] Moos im Herbst zum Winterschlaf sich verkriechen. Ihre Verwandten, die Frösche, sind zwar dem feuchten Element treu geblieben, sinkt aber die Temperatur des Wassers immer mehr, dann bohren sie sich tief im Schlamm des Grundes ein und verfallen hier in einen lethargischen Winterschlaf.

Der Schlamm ist auch für viele andere Geschöpfe der schützende Zufluchtsort, der ihnen den Winter überstehen hilft. Wohl die Mehrzahl der Wasserkäfer und Wasserwanzen, die in ausgebildetem Zustand überwintern, wie auch die zahlreichen Insektenlarven, die wir im Wasser finden, die Larven der Libellen, der Eintagsfliegen verkriechen sich, soweit sie ihre Entwicklung noch nicht vollendet haben, im Schlamm. Als ausnahmslose Regel können wir es freilich nicht hinstellen, denn nicht selten finden wir an offenen Stellen des Eises, an Einflüssen oder Abflüssen auch Wasserinsekten mitten im Winter schwimmend oder herumkriechend.

Auch die Wasserschnecken verhalten sich verschieden; während vielfach angegeben wird, daß die großen bekannten Sumpfschnecken sich zur Winterruhe in den Schlamm verbergen, liegen von anderer Seite Beobachtungen vor, daß diese Schnecken mitten im Winter in dick gefrorenen Teichen auf dem Grund sich fortbewegen, ja, Brockmeier bemerkte selbst an der Unterseite des Eises eine Wasserschnecke kriechen. Freilich mag der von der Schnecke abgesonderte Schleim die Kälteempfindung mindern. Darf demnach als sicher angenommen werden, daß die Schnecken der Regel nach oder wenigstens zum Teil in keinen Winterschlaf verfallen, so findet doch während dieser Zeit keine erhöhte Lebensthätigkeit statt, die sich im Wachstum oder in der Eiablage äußert.

Andere Tiere, die wir im Sommer vielfach in unserem kleinen Weiher, dem häufigen Ziel unserer Exkursionen, gefunden haben, sind im Winter völlig verschwunden. Vergebens suchen wir besonders nach Schwämmen und Moostieren. Sie scheinen aus der Liste der Bewohner des Wasserbeckens getilgt, und doch finden wir sie sicher wieder im nächsten Frühjahr. Wenn der Sommer vorüber ist, sehen wir, wie in diesen pflanzenähnlichen Lebewesen in ungeheurer Zahl kleine runde oder ovale Körperchen entstehen, die mit einer dicken, oft noch durch Kieselbestandteile verstärkten Hülle umgeben sind; es sind Dauerkeime, mit dem wissenschaftlichen Namen bei den Schwämmen „Gemmulae“, bei den Moostieren „Statoblasten“ genannt, dazu bestimmt, die Fortexistenz der Art über den Winter hinaus zu erhalten. Der Tierstock, in welchem sie entstanden, geht seinem Zerfall entgegen; die Dauerkeime werden hierdurch frei, wie der Sämann den Samen ausstreut, verstreuen sie Wind und Wellen über den ganzen See. Die einen haften an Steinen und Holzwerk, die andern sinken langsam zu Boden andere bleiben hängen am Gefieder der Wasservögel und werden in weit entlegene Wasserbecken transportiert; gegen Kälte und kürzeres Austrocknen sind sie gefeit durch ihre schützende Hülle, ja sie bedürfen sogar längerer Ruhe, um die Keimfähigkeit zu erlangen, wenn im Frühjahr die milden Strahlen der Sonne das Wasser wieder erwärmen. So ist bei diesen niederen Tieren zwar das Individuum dem Winter zum Opfer gefallen, aber die Natur hat Fürsorge getroffen, daß die Art erhalten wird.

Aehnliches finden wir bei vielen niederen Krebsen, besonders den sogenannten Wasserflöhen, den Daphnien und den verwandten Formen. Im Laufe des Sommers produzieren die Tiere sogenannte Sommereier, die sich im mütterlichen Körper in rascher Folge zu jungen Krebschen entwickeln, naht aber der Herbst, so entstehen die Wintereier, welche mit einer eigenartigen harten Schale umgeben sind, von dem kleinen Kruster abgelegt werden und die Fähigkeit besitzen, niedere Temperaturgrade zu überdauern, während die Krebschen selbst im Winter verschwinden.

So vermissen wir manche alte Bekannte aus den Sommertagen oder wir müssen sie im Schlamm suchen. Nicht gering aber ist die Zahl der Tierchen, die wir auch im tiefsten Winter unter der dicksten Eisdecke in voller Lebensthätigkeit antreffen.

Die Untersuchung eines gefrorenen Wasserbeckens ist freilich etwas schwieriger, auch sind zu dieser Zeit diese zoologischen Studien im Freien etwas weniger angenehm als an einem schönen Sommertag. Wir haben Vorsorge getroffen, daß bis zu unserer Ankunft ein mehrere Meter langer Schlitz in das dicke Eis gehauen wurde, in welchem wir nun mit dem feinen Netz fischen. Die Eisdecke ist über 30 cm dick, die Tiefe des Wassers sehr gering, knapp einen Meter betragend, die Wassertemperatur unter dem Eisrand 1°C, am Boden 1 ½°. Ist es möglich, hier etwas zu finden? Groß ist allerdings unsere Ausbeute nicht, aber nachdem wir den Inhalt unseres Netzes in ein kleines Glas mit Wasser gebracht haben und unseren Fang mit der Lupe mustern, finden wir zahlreiche winzige Tierchen, die in schnellenden Bewegungen das Wasser durcheilen, von Zeit zu Zeit kurz stehen bleibend. Es sind ebenfalls kleine Kruster, zu den Hüpferlingen oder Cyklopsarten gehörend, die wir auch im Sommer nie in der Tierwelt unserer Gewässer vermissen. Daß sie sich in der eisigen Temperatur wohlfühlen, zeigen die zahlreichen mit Eiersäckchen versehenen Weibchen. Für manche Arten fällt die Hauptperiode ihrer Entwicklung geradezu in die strengsten Wintermonate. So fand, um nur ein Beispiel anzuführen, Zacharias, daß eine bestimmte Art dieser kleinen Krebse im Plöner See von Juni bis Ende August völlig verschwand, ihre größte Verbreitung aber im Dezember erreichte, zu welcher Zeit sich etwa 50 000 Stück unter einem Quadratmeter Seefläche fanden.

Noch manche andere bemerkenswerte Form unter diesem an oder unter der Grenze der Sichtbarkeit stehenden Kleingetieren, z. B. Rädertiere und Infusorien, erwischen wir bei unserer winterlichen Exkursion, mehr aber noch fesselt unser Interesse das Leben der Fische in den mit Eis bedeckten Wasserbecken.

Auch die größten Wasserbewohner überdauern selbst in seichten Wasserbecken leicht die Winterzeit, wenn nicht besonders ungünstige Verhältnisse eintreten, vollständiges Ausfrieren oder Luftmangel. Friert ein Wasserbecken bis zum Grunde aus, was infolge der besonderen physikalischen Verhältnisse des Wassers nur bei sehr seichten Ansammlungen oder bei wiederholtem Auseisen anzunehmen ist, so fällt jedes aktive Leben der Vernichtung anheim, nur die widerstandsfähigsten Dauerkeime, die wir bereits kennenlernten, vermögen auch ein Einfrieren zu überstehen. Wohl lesen wir immer und immer wieder von Fischen und Fröschen, die, in einem Eisklumpen eingefroren, trotzdem zu neuem Leben erwachten, aber für alle diese Erzählungen kann durch das streng wissenschaftliche Experiment, wie es in den letzten Jahren u. a. besonders Kochs ausführte, der Wahrheitsbeweis nicht erbracht werden. Wohl vermögen viele Wassertiere niedere Temperaturen zu ertragen, selbst wenn das Wasser rings um sie gefroren ist, können sie noch einige Zeit leben, aber wenn sie nur einen Tag völlig vom Eis umschlossen waren, starben die Versuchstiere. Den Fischen muß daher die Möglichkeit gegeben sein, in tieferem Wasser oder im Notfall auch im Schlamm eine frostfreie Zufluchtsstätte zu finden. Da Wasser ein sehr schlechter Wärmeleiter ist, so erweist sich schon eine Wassertiefe von 1 bis 1½ m als hinreichend.

Eine bestimmte Tiefe genügt jedoch allein nicht zur Erhaltung der winterlichen Fauna, sondern vor allem muß auch das Wasser gesund bleiben. Bei kleineren Wasserbecken, die keinen Zu- oder Abfluß haben, verdirbt nicht selten das Wasser völlig. Abnahme des Sauerstoffgehaltes und Zunahme der Fäulnisbakterien, die mit dem Abschluß des Wassers durch die Eisdecke Hand in Hand gehen, können in solchen Wasserbecken den gesamten Fischbestand vernichten. In solchen Fällen nutzen selbst in das Eis geschlagene Löcher nach Kochs' Untersuchungen nicht, sondern es muß zur Erhaltung der Fische Luft eingepumpt werden.

Es ist dies freilich nur ein schwacher Ersatz für die natürliche Luftzufuhr, die an Einflüssen von Bächen in das zugefrorene Wasserbecken stattfindet. Hier finden wir naturgemäß auch das reichste tierische Winterleben; besonders suchen auch die sehr sauerstoffbedürftigen Bachflohkrebse, die sog. Flußgarneelen, gern solche Plätze auf.

Haben die Wasserbecken auch nur eine mäßige Tiefe von nur wenig Metern, so ändern sich bereits die Existenzbedingungen zu gunsten der unter dem Eis lebenden Tiere und in großen Seebecken herrscht auch im Winter eine Fülle organischen Lebens. Es sind zum Teil andere Arten als diejenigen, die wir im Sommer sehen, aber in welch großer Masse auch im Winter sich die niedere Tierwelt findet, haben wir bereits an einem Beispiel kennengelernt. Schon in wenig Metern Tiefe hat das Wasser [839] eines dick gefrorenen Sees eine Temperatur von etwa +4°C, und für viele Tiere ist diese Temperatur völlig zureichend, besonders für solche, die an und für sich in größeren Tiefen leben, wo auch im Sommer die Temperatur nicht viel höher steigt.

In ausgedehntestem Maße hat zum erstenmal Imhof über diese interessante Frage systematisch durchgeführte Untersuchungen gemacht. In den Wintermonaten Dezember und Januar untersuchte er schon vor mehreren Jahren hochgelegene Wasserbecken im Ober-Engadin und Kanton Graubünden, z. B. den St. Moritzsee, den Silvaplanasee u.v.a., darunter auch den Lej Sgrischus in 2640 m Höhe, welchen neun Monate lang eine Eisdecke abschließt. Wo sich auch nur eine Tiefe von einigen Metern ergab, fand sich organisches Leben. ja sogar solche Tiere, die wir bei unserer winterlichen Exkursion nach dem seichten Weiher vermißt haben, lebten in der Tiefe der gefrorenen Seen. Hier fanden sich, wie z. B. im Campfèrsee, üppig gewachsene Stöckchen von Moostierchen, auf deren Aestchen wohlgenährte Hydren saßen. Ferner kleine Kruster der verschiedenen Ordnungen, nicht nur Hüpferlinge, sondern auch Wasserflöhe, Fadenwürmer und Strudelwürmer, Wassermilben, Insekten und Insektenlarven. Es ist kein Wunder, daß bei solch reich gedecktem Tisch mitten im Winter es auch den Fischen nicht schlecht geht und die Forellen, die Imhof in diesen hochgelegenen Seen fischte, sich wohlgenährt zeigten. Wir wissen ja auch, daß für die trefflichen Bodensee-Felchen, welche zu den besten unserer Tafelfische zählen, die Laichzeit mitten in den Winter fällt.

Nur scheinbar und trügerisch ist die Todesruhe, in welcher uns das winterliche Wasserbecken erscheint. In weitaus den meisten Fällen herrscht reges Leben unter dem Eis, meist klein zwar und dem gewöhnlichen Blick sich entziehend, nicht unwert der näheren Beachtung und nicht bedeutungslos im vielverzweigten Haushalt der Natur.