Textdaten
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Autor: Max Grube
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Titel: Theater-Rothwelsch
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 227–231
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
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Theater-Rothwelsch.

Von Max Grube.

Unser Geschlecht gleicht ein wenig dem neugierigen Kinde, das nicht eher ruht, bis es sein Spielzeug recht innerlich untersucht und sich hierdurch die Freude daran recht gründlich verdorben hat. Wir zerstören uns gar zu gern unsere Illusionen, wir sehen gar zu gern hinter den Vorhang, wir „interviewen“ große Männer, aber noch lieber ihre Kammerdiener, wir bringen uns große Geister durch die Nachlese ihrer Waschzettel und Schneiderrechnungen „menschlich näher“, wir wollen schließlich von allem, was wir selbst nicht machen können, doch wenigstens wissen, wie es gemacht wird. „Wie wird man Schriftsteller?“ „Wie wird man Schauspieler?“ – es sind nicht unklug geleitete Blätter, welche ihren Lesern die mehr oder minder interessanten oder gar „sensationellen“ Enthüllungen und Bekenntnisse berühmter Künstler auftischen können. Sie haben ein „groß Publikum“.

Zum Glück ist eine lebendige Kunst kein todtes Spielzeug. So modern es auch ist, hinter die Coulissen zu schauen, noch übt das Theater auf Tausende denselben Einfluß, denselben geheimnißvollen Zauber wie zu jenen kindlicheren Zeiten, wo man sich willig und ohne nach dem Ursprung zu forschen, der Täuschung hingab. Wie vertraut man heutzutage mit den Geheimnissen der Bühne ist, erhellt wohl am besten daraus, wenn man beobachtet, wie sehr unsere Sprache mit Ausdrücken, die der Theatersprache entlehnt sind, durchsetzt ist, wie leicht wir in solchen Redewendungen und Bildern sprechen, fast ohne uns mehr ihrer Herkunft bewußt zu sein.

Das ist Ihnen wohl noch gar nie aufgefallen, liebenswürdige Leserin? Wenn Sie aber z. B. folgenden Satz aus dem Zusammenhange herausgerissen in einem Zeitungsblatte fänden: „Der Rede folgte nur der ‚Applaus‘ der ‚gut inscenirten‘ ‚Claque‘. Der ‚tragische Held‘ ist gründlich ‚abgefallen‘, hat ‚seine Rolle ausgespielt‘, nie wird ihn ein ‚Stichwort‘ wieder ‚auf die Scene rufen‘, er kann nur noch ‚komische Partien‘ ‚kreieren‘, wenn er nicht ganz zum ‚Komparsen‘ herabgesunken ist, dem von anderer Seite ‚soufflirt‘ wird. Nach diesem verunglückten ‚Debut‘ wird kein ‚Gastspiel‘ mehr erfolgen können, sondern bald wird der ‚Vorhang‘ über dieser traurigen ‚Komödie‘ sich senken.“

Wenn Sie das lesen, so wissen Sie gewiß nicht, ob hier von einem Handlanger der Kunst oder vielleicht vom General Boulanger die Rede ist.

Aber doch giebt es noch eine ziemliche Anzahl von terminis technicis, von Ausdrücken der Kunstsprache, wenn man es vornehm – des Theater-Rothwelsch, wenn man es einfacher ausdrücken will, welche noch nicht so allgemein und oft über die Rampen ins Publikum gekollert sind, und das sind vielleicht die merkwürdigsten, denn wie bei großen und mächtigen Völkerschaften, so kann man auch bei dem kleinen und heiteren Bühnenvölkchen vom sprachlichen Gebiete aus historische Rückblicke thun.

Macht es Ihnen Vergnügen, mit mir einen kleinen sprachforschenden Ausflug ins Theaterland zu unternehmen? Er ist weder mühsam, noch wird er gar zu lange dauern, denn unser Sondersprachschatz ist nicht gerade reich. Man könnte auch nicht gerade behaupten, daß er sich durch eigenthümliche Schönheiten des Ausdrucks auszeichnete – uns ist er doch geläufig und nicht unlieb, wir kramen immer wieder darin herum, sei es auch nur im Scherze, und wenn wir unter uns in der „Bude“ sind.

Wenn wir unser stolzes und säulengeschmücktes Schauspielhaus eine „Bude“ nennen, wenn wir vor dem Betreten unserer mit aller ausgesuchten Pracht ausgestatteten Bühne sagen, wir steigen aufs „Brettel“, so wollen wir keineswegs damit beide herabsetzen. Wir sind in diesem Falle nur keine stolzen oder eingebildeten Emporkömmlinge, sondern wir gleichen dann dem tüchtigen self-made man, dem Manne, der, wenn er auch aus niederen Verhältnissen aufstieg, sich seiner Herkunft doch nicht schämt, vielmehr gern bei der Erinnerung an die schweren und harten Jahre des Anfangs verweilt.

So mahnt uns die „Bude“ an jene weit entlegenen und darum poetisch verklärten Zeiten, wo die meisten „deutschen Komödianten“ ruhelos von Ort zu Ort zogen. Der italienischen Oper, dem französischen Ballet waren in den Residenzen prunkende Paläste errichtet, dem deutschen Komödiantenmeister oder Schauspielprinzipal – wie man damals den späteren „Directeur“ nannte – wurde auf sein submissestes Gesuch höchstens gnädigste Permission gegeben, vor dem Thore auf eigene Kosten und Gefahr eine „Bude“ aufzubauen.

Da kommt „einer vom Bau“, heißt es dann auch wohl in der Theatersprache von einem Kollegen, und diese Benennung ist gewiß älter und ehrwürdiger als die bekanntere: „Fettschminke“, denn Fettschminke ist erst eine Erfindung der neuesten Zeit. Die alten „Seelenmaler“ trugen entweder trocken gepulverte oder in Wasser geschlemmte Farben auf das Antlitz auf, und in welchen Massen dies geschehen mußte, läßt sich leicht ermessen, wenn man an die spärliche Leuchtkraft der Talgkerze oder der Oellampe denkt.

Heute lächeln wir, wenn wir in des Dichters Klingemann Reisewerk „Kunst und Natur“ blättern und an die Stellen gelangen, in welchen er über die Beleuchtungsanstalten der besuchten Theater spricht, denen er als bühnenerfahrener Mann große Aufmerksamkeit zollt. Als auffallend prächtig erhellt rühmt er das Leipziger Theater. Wir aber vermögen uns kaum vorzustellen, wie selbst der verhältnißmäßig kleine Raum des jetzigen sogenannten alten Theaters in der Pleißenstadt durch den Kronleuchter von Oellampen genügendes Licht erhalten haben soll.

Aber in Leipzig, das auch in seiner Neigung und seinem Verständniß für die dramatische Kunst seinen ihm vom Altmeister Goethe verliehenen Beinamen „Klein Paris“ bis auf diesen Tag mit hohen Ehren zu behaupten weiß, in Leipzig ging das Gestirn der Fettschminke auf, welche von dem Schauspieler Baudius erfunden oder doch vervollkommnet wurde. Baudius wurde durch seine Art, sich zu schminken, oder wie es in der Kunstsprache heißt: „Maske zu machen“, berühmt. Selbst sein von der Natur stiefmütterlich behandeltes Riechorgan wußte er durch kühnes Auftragen einer geeigneten Masse passend zu verändern und führte daher in der Kunstwelt den stolzen Namen: Nasenbaudius. Hierüber lache keiner, der nicht zu ermessen vermag, welches Hinderniß ein ungenügender „Gesichtserker“ einem Bühnenkünstler sein kann.

Lange Zeit bereiteten sich die alten Komödianten, wie die alten Maler, ihre Farben selbst. Mischungen und Rezepte wurden hoch und geheim gehalten, jeder hatte sein eigenes System, sich „das Lederzeug anzustreichen“. Das ist der wenig zartfühlende Ausdruck unseres Wörterbuchs für „schminken“, und, ich bekenne es schaudernd, er findet sogar auf die rosigzarten Teintauflagen unserer Damen Anwendung.

[228] Doch zurück zu unserer bescheidenen „Bude“! Wird sie, im räumlichen und künstlerischen Betracht, gar zu klein, so heißt sie, wie männiglich bekannt, eine „Schmiere“, und das „Brettel“ schrumpft dann zum „Nudelbrett“ zusammen. Mit dem „Meerschweinchen“ wird dann die Reihe der Bezeichnungen für kleine und Wander-Bühnen geschlossen. Was unbedeutender sei, die Schmiere, das schmale Nudelbrett oder das winzige Meerschweinchen, ist schwer zu entscheiden. So viel steht fest, daß die zwei letzteren noch verhältnißmäßig „anständige Verhältnisse“ sein können, wogegen der Schmiere stets der im Worte liegende üble Begriff anhaftet. So wird denn auch manches größere Theater, bei dem etwas faul im Staate Dänemark ist, Schmiere oder auch „höhere Kunstschmiere“ genannt, und auch der schlechte, nicht nur der kleine Schauspieler heißt „Schmieren-Komödiant“.

Der echte und rechte Schmieren-Komödiant, das heißt der schlechte Wandermime, ist sehr stolz, sieht zwar mit großem Neid zur Gage seiner Hoftheaterkollegen hinauf, doch mit noch größerer Verachtung auf ihre Kunstleistungen hinab. Dort wird „auch nur mit Wasser gekocht,“ sagt er wegwerfend und tröstet sich leicht mit diesem unbestreitbaren Grundsatz.

Der Kochkunst entlehnt ist auch die Benennung „alter Schmarr’n“ für ein Ritterstück oder sonstige urzeitliche Dichtung von zweifelhaftem litterarischen Werthe. Der erfahrene „Schmierenhäuptling“ weiß übrigens sehr gut, daß er im kleinen Städtchen mit einem solchen „alten Schinken“, wenn es nur ein gehöriger „Reißer“ ist, eine fettere Benefizeinnahme ergaukeln kann als mit einem meist mißtrauisch angesehenen neuen Stück; giebt es doch selbst große Städte, in welchen das Publikum den Erfolg einer „Novität“ erst vorsichtig abwartet, ehe es sein Geld ins Theater trägt. Die Stücke können aber leider keinen Erfolg haben, wenn sie vor leeren Bänken „agirt“ werden müssen.

„Wir sind heute in der Mehrzahl, wenn’s zum Gefechte kommt,“ heißt es bei solcher betrübenden Gelegenheit oben auf der Bühne. Fragt dann einer. „Ist’s heute voll?“ so erwidert man: „Jammervoll!“ oder mit leicht zu durchschauendem Doppelsinn: „Einige Plätze sind recht gut besetzt!“

Nun schaut er wohl durch das Loch im Vorhang und ruft schmerzlich aus: „Aber wo ist denn heut das Publikum?“

Worauf stets irgend ein Witzbold mit dem uralten Scherz zur Hand ist: „Er ist hinausgegangen“ oder „er holt Bier!“

„Holt Bier“ ist überhaupt eine beliebte Antwort, wenn nach einem nicht aufzutreibenden Garderobier oder Friseur gerufen wird. Selbst die Abwesenheit eines Darstellers, der gerade auftreten soll, wird höhnischerweise mit dieser schnöden Redensart bemerkt. Dagegen meldet sich der Anwesende oft mit dem aus Laubes „Essex“ beliebt gewordenen: „Hier hängt er!“

Aus obigem läßt sich leicht entnehmen, in wie hoher Werthschätzung guter Gerstensaft bei der Bühne steht, sowie daß Wein noch nicht zum Nationalgetränk des deutschen Bühnenvolks geworden ist, man müßte denn gerade den Ausdruck: „eine Rolle verzapfen“ auch vom Weinfaß ableiten wollen, wogegen gewichtige Gründe sprechen, die wir hier nicht näher erörtern wollen. Uebrigens wird eine Rolle niemals „gespielt“ oder „gegeben“, sondern, wie bereits bemerkt, „verzapft“, was etwas ansäuerlich klingt, oder, und das kann auch ein Lob sein, „gemacht“. Aus ganz grauen Zeiten klingt noch das Wort: eine Rolle „performiren“. Ist das Latein und stammt wohl gar von den mittelalterlichen Passionsspielen und Mysterien her, oder weist es auf das englische „perform“ und auf die Anfänge regelrechter Theaterkunst in Deutschland, auf die englischen Komödianten des 17. Jahrhunderts hin?

Gegen das französische „kreiren“, welches sich in den Zeitungsberichten einen hohen Ehrenplatz zu erringen wußte, hat sich die Bühnensprache bisher stolz ablehnend verhalten.

Die Vorstellung und das Stück, sei es ein Trauerspiel oder eine Posse, werden „Komödie“ schlechtweg genannt. Der verantwortungsvolle Mann, der darüber zu wachen hat, daß niemand seinen Auftritt versäumt, daß es zur richtigen Zeit donnert und daß zur richtigen Zeit die Sonne aus- und untergeht, der durch Glocken eine Kuhheerde oder einen Schlitten „markiren“ muß, mit einem Wort: der „Inspicient“, mag wohl auch ein Nachkomme des „inspiciens“, des Aufsehers auf der Moralitäten- und Mysterienbühne, gewesen sein. Oder sollten diese und andere lateinische Ausdrücke von den Studententruppen des wackern Magisters Velthen herstammen, der zuerst um das Ende des 17. Jahrhunderts mit geordneteren Darstellungen durch Deutschland streifte und junge Studenten unter seine Fahne zog, die dann nach einiger Zeit wohl auch wieder hübsch ordentlich zu ihrem Studium zurückkehrten? Im Französischen, dem doch sonst die meisten technischen Bezeichnungen für Bühnenämter entlehnt sind, giebt es keinen Inspicienten, sondern einen „régisseur de la scène“. Es giebt übrigens auch in Deutschland Regisseure, welche nur Inspicienten höheren Grades sind.

Merkwürdigerweise hat sich für das wichtigste und unentbehrlichste Glied im weitverzweigten Bühnenorganismus, für den Souffleur, kein Wort im Bühnenjargon gebildet, so wenig wie für Garderobier, Garderobe, Kostüme, Requisiteur und andere, wohl ein Beweis, daß dies alles neuere Errungenschaften sind. Verächtlich sagte daher jener wackere mecklenburgische Thespiskarrenführer zu seinen Leuten: „Wat bruukt ju Requisiten, speelt man gaud!“, ein klassischer Ausspruch, der zum geflügelten Wort bei uns wurde und oft gebraucht wird, wenn jemand in höchster Angst um ein nicht aufzufindendes unentbehrliches Requisit jammert.

„Prospekt“ für „Hintergrund“ klingt auch ziemlich antiquarisch, und ganz feierlich liest sich in den Soufflirbüchern das „Aktus“ hinter dem Schluß eines Aufzuges. Aktus heißt: „Hier fällt der Hauptvorhang“; auch der Inspicient antwortet auf die Frage: „Wie weit ist es draußen?“ nicht: „Es ist Zwischenakt,“ sondern einfach: „Aktus.“

Das Aufziehen des Vorhangs wird manchmal mit dem wenig schmeichelhaften: „Fetzen hoch!“ oder: „Hoch den Lappen!“ angedeutet, namentlich wenn der erste Held und Liebhaber der Meinung ist, durch recht rasches Auf und Ab der Gardine ließe sich ganz gut noch ein zweiter Hervorruf „herauskitzeln“. Seine bezüglichen Wünsche und Bestrebungen rufen natürlich die abfälligste Kritik seitens seiner Kollegen wach. Da tönt wohl halbleise das bekannte „Coulissenreißer“, auch schlechtweg „Reißer“, oder man nennt ihn einen „scharfen Spieler“. Letzteres kann jedoch auch im lobenden Sinne gebraucht werden. Unbedingt ehrenvoll ist das vielleicht von der studentischen Mensur abgeleitete: „Er geht los!“ oder die Bemerkung: „Er kniet sich hinein!“

Der Charakterspieler jedoch, der gewöhnlich weniger Organ aufzuwenden hat als jener, wird meist zu kalten Spieles beschuldigt. „Er macht’s mit der kalten Hand“ oder mit der kalten „la main“ ab! Auch führt er die Ehrentitel: „Alter Brunnenvergifter“ und „Intriguant auf Gummischuhen“. Dieser Beiname schreibt sich von dem „alten Schütz“ her, der lange Jahre hindurch auf dem berühmten Volkstheater der „Mutter Gräberten“ in Berlin alle Bösewichter „verzapfte“ und, um recht unheimlich als „schleichender Bösewicht“ aufzutreten, stets Gummigaloschen statt der Schuhe getragen haben soll. Böse Leute sollen schon damals behauptet haben, es habe ihn dabei weniger ein höheres Kunstinteresse als die gewöhnliche Rücksicht auf seine Hühneraugen getrieben.

Da der Intriguant und „Charaktermacher“ gern seine Aufgabe mit geistvollen „Details“ auszustatten liebt, so wird er auch „Nuancenjäger“ gescholten, man dichtet ihm ein „großes Nuancenbuch“ an, in welchem er die Arabesken für seine Rollen sorgfältig und gewissenhaft vermerken soll. Er schafft kein Ganzes, sondern macht lauter „Maffeeken“, was echt berlinisch ist und nach Lindenbergs dankenswerthem und lustigem Idiotikon des „echten Berliners“ so viel bedeutet wie unnütze Umstände machen. Ueber den Ursprung des seltsamen Wortes kann Lindenberg nichts angeben.

Der Komiker hingegen versichert, wenn er gut bei Humor und ihm eine Rolle „recht auf den Leib geschrieben“ ist, er wolle „seinem Affen einmal Zucker geben“. Welch ein tiefsinniger Gedanke, der jedem Mimen einen gewissermaßen selbständigen Vierfüßlersgeist in Brust und Kopf einlogirt!

Der erste Held seinerseits, der eben sein „Paradepferd geritten“ hat, das heißt die einzige Rolle gespielt hat, die ihm „liegt“ und die er daher gut „machen“ kann, kümmert sich wenig um das Gerede der „Lappigen“ – soll wohl sagen derjenigen, die statt der feinen Garderobe und der besten Kleidungsstücke, auf die ein für allemal nur der Held und Liebhaber Anspruch erhebt, nur in bunten Lappen zu geben haben. Diese sind ja gut genug für die „zweite Garnitur“ – man sieht, auch der Militarismus hat uns von seinem Sprachschatze etwas abgegeben.

Unser Held weiß, dem Publikum zu gefallen ist schwer, den Kollegen zu gefallen am allerschwersten. Nur die Anfänger bewundern [230] ihn vielleicht ehrerbietigst oder pflichtschuldigst, manche aber denken auch im Stillen, sie könnten es noch viel besser, wenn sie nur die guten Rollen bekämen. Jedenfalls wagen sie das vor den älteren Schauspielern nicht zu äußern, denn dem Anfänger in der Bühnenlaufbahn geht es verhältnißmäßig gerade ebenso schlimm wie dem Handwerkslehrling, nur daß er natürlich bloß moralisch geprügelt wird. Seine oft ungeschickte Fröhlichkeit, sein dreistes und drolliges Hineintappen in ihm ganz neue und ungewohnte Verhältnisse wird nicht übel durch den Namen „junger Hund“ gekennzeichnet.

Jetzt freilich haben auch die „jungen Hunde“ schon Zähne – sie kommen ja von berühmten Akademien fix und fertig – und sie weisen dieselben gelegentlich auch dem berühmtesten „Mauerweiler“, das heißt dem Gaste, der gerade in unsern Mauern weilt. Hierbei steht stets die elegante Gestalt Fritz Haases vor meinen Augen, der so oft diesen Ausdruck in der Lokalpresse geduldig über sich ergehen lassen muß.

Ich habe „zu meiner Zeit“ noch alle Leiden des „jungen Hundes“ über mich ergehen lassen müssen.

„Du kannst“ – ältere Schauspieler sprechen gern per „Du“, wohl auch mit dem noch aus alten Ritterkomödien übergebliebenen feierlichen „Ihr“ – „Du kannst wohl auch das Talent nicht halten?“ hieß es, wenn ich schon eine halbe Stunde vor Beginn im vollen Kostüm über die noch dunkle Bühne stolzirte.

Große Ehrerbietung und Höflichkeit wurde „zu meiner Zeit“ vom „jungen Hunde“ gefordert und auch geleistet. Bei der Schmiere bezieht sich diese Forderung noch heutigestags besonders auf Schminke, Abschminke und Schminktücher, welche der ältere Kollege als schuldigen Tribut vom Anfänger huldreich entgegennimmt, auch wird es nicht übel vermerkt, wenn der Kunstnovize ihm hier und da die Zeche bezahlt, wofern er dazu imstande ist.

Der erfahrene Mime bildet sich manchmal nicht wenig auf die Kunst des „Nachsprechens“ oder „Schwimmens“ ein. Das ist die Kunst, nicht auswendig zu lernen, sondern, ohne daß das naivere Publikum es allzusehr merkt, jedes Wort „aus dem Kasten zu ziehen“. Viele nennen das „Routine“. Wehe aber dem Anfänger, wenn er schüchterne und meist erfolglose Versuche im „Schwimmen“ sich zu schulden kommen läßt! Wenn er aber sehr leicht und fest lernt, ist’s auch gerade kein Verdienst, denn in seinem Alter „frißt man ja die Rollen“.

Mit großem Vergnügen wird es bemerkt, wenn er bei irgend einer schwierigen Meldung oder „faulen Rolle“ „angeblasen“ wird, worunter man ein halb unterdrücktes Lachen im Publikum versteht, was in der That auf der Bühne wie ein leichtes Windesblasen klingt. Jeder giebt ihm wohlmeinende Rathschläge, wie er es nicht machen soll; wie er es aber machen soll, das erfährt er nur höchst selten. Hat er vor dem ihm als unausbleiblich geschilderten „Abfall“ Angst, so wird er ausgelacht; ist er dreist und unverzagt, so wird es ihm als Unverschämtheit und Ueberhebung ausgelegt. Im allgemeinen wird nämlich bei dem Anfänger die Angst als Kennzeichen des Talentes angesehen, und man trifft hierbei gewiß in vielen Fällen gefühlsmäßig das Richtige, denn das Coulissenfieber ist meist nur das Mißverhältniß von Begeisterung und mangelnder technischer Sicherheit.

Hierbei fällt mir eine lustige Geschichte vom „alten Niklas“ ein, und da sie meines Wissens nur in mündlicher Ueberlieferung beim Theater bekannt ist, so mag sie hierdurch der Nachwelt überliefert werden. Der „alte Niklas“ war zu Laubes Zeiten eine bekannte Wiener Figur, er wirkte als Statistenführer und Inspicient an der Burg. Später war er der unzweifelhaft verdienst-, aber noch mehr geräuschvolle Leiter des sogenannten fürstlich Sulkowskischen Theaters. Dieses allerliebste ehemalige Haustheater eines alten Palais dient jetzt den jungen Wienern als Uebungsplatz für ihre vielversprechenden Talente. Ich habe vor etwa 9 Jahren daselbst einer recht erheiternden Vorstellung von „Wildfeuer“ und einer recht fröhlichen „Deborah“ beigewohnt und dabei auch den alten Niklas zwar nicht gesehen, aber doch hinter den Coulissen recht laut seine Anordnungen ertheilen gehört.

Mit sorgenschwerem Antlitz irrte eines Tages unser Niklas durch die engen Hallen des alten Burgtheaters, war ihm doch vom Herrn Direktor Laube der schwere und verantwortungsvolle Auftrag geworden, aus der Schar seiner Untergebenen einen zuverlässigen Mann auszusuchen, der in einem Lustspiel einige Worte sprechen könnte. Es waren allerdings nur vier unbedeutende Worte: „Verflucht! sie sind entwischt!“, aber es war doch immerhin eine Sprechrolle, eine wirkliche und wahrhaftige ausgeschriebene Rolle! Endlich hatte er seine Wahl getroffen und zog seinen Mann in eine dunkle Coulissenecke.

Es ist nämlich beim Theater Brauch, daß, wenn einer dem andern irgend etwas zu sagen hat, dies stets äußerst geheimnißvoll zu geschehen hat, jedoch zugleich auch so, daß der Vorgang möglichst bemerkt wird, denn es ehrt dies den Empfänger einer so vertraulichen geheimen Mittheilung, wie es andererseits denjenigen, der so Wichtiges zu sagen hat, in den Augen der Genossen heben muß.

Also Niklas handelte demgemäß und flüsterte seinem Vertrauensmann zu: „Se! Hören’s mal! – i hob Ihnen eine Mittheilung zu machen! kommen’s mal her! – So! – Se kriegen nämlich a Roll! – Wissen’s! a wirkliche Roll! Se kriegen ein’n Gerichtsdiener! Se – das is nix Klein’s – a Obrigkeit! Aber – z’ red’n hab’ns: Verflucht! sie sind entwischt! – Werden’s das können? – Se, aber i sag Ihnen, Ihnere Stellung und meine steht auf’m Spiel, wenn’s Ihnen blamiren! Ihnere und meine Stellung – weiter sag’ i nix!“

Und er übernabm’s, der kühne Jüngling, dessen Name uns leider nicht überkommen ist. Die Meldung ging auf der Probe unbemerkt vorüber – was ja bekanntlich der größte Erfolg ist, der mit einer Meldung erzielt werden kann. Aber Niklas’ Gemüth war sorgenschwer und die Angst um seine Stellung ließ ihm nicht Ruhe. Er sah einen unglücklichen Ausgang vorher.

Kaum hatte er am Abend den lange vor seinem Auftreten schon fix und fertig einherwandelnden Polizeidiener erblickt, als er auf ihn zustürzte und in väterlich besorgtem Tone fragte: „Habens Angst?“

„Nein!“ lautete die harmlos gegebene Antwort.

„Schon g’fehlt!“ rief der verantwortliche Heerführer der Komparserie entsetzt, aber sein Amt ließ ihm zu weiterem Jammer keine Zeit, da er gerade auf der andern Seite der Bühne nöthig wurde. Sobald als möglich suchte er jedoch wieder in die Nähe seines Debütanten zu gelangen. – Endlich glückte es. „Haben’s Angst?“ fragte er wieder und zwar dringender. „Nein,“ versetzte der Gefragte wiederum, wenngleich etwas zögernd, und zum zweiten Male vernahm er von den Lippen seines Vorgesetzten: „Schon g’fehlt, schon g’fehlt!“ und zwar in fast drohendem Tone.

Und wieder wurde Niklas abgerufen. –

Endlich eine dritte Zusammeukunft, kurz vor dem Auftreten. „Haben’s Angst?“

„N – n – nein!“ klang es, offenbar viel weniger zuversichtlich, zurück.

Da aber brach das Wetter los. „Was?! Se! Se woll’n keine Angst hab’n? Se Mensch Se! – Was bilden’s Ihnen denn ein? – Die größten Künstler hab’n Angst, wenn’s eine neue Roll’ spiel’n. Der Herr von Sonnenthal hat Angst, der Herr von Krastel hat Angst ... und Se Lackel, Se woll’n keine Angst haben?! Se – ich beschwör’ Ihnen um Gotteswill’n, Ihnere Stellung und meine steht auf’m Spiel . . .“

Kurz er redete den armen Teufel richtig und glücklich dergestalt in die Angst hinein, daß dieser im verhängnißvollen Augenblicke nur stotternd und zähneklappernd herausstoßen konnte:

„Verwischt! Sie sind entflucht!“ – was denn nicht so ganz unbemerkt vorüberging.

Was der Direktor, „der Alte“, dazu gesagt, ob er gelacht oder gebrummt hat, ist im Dunkel geblieben. Soviel steht fest, daß der Unfall keinem der beiden die „Stellung“ gekostet hat, denn „es wird ja nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird“, ist ein Lieblingssprichwort am Theater, das leider auch oft dem Bühnenschlendrian als Schlupfwinkel dient.

„Der Alte“ – so heißt der Direktor billigerweise, wie sich wohl jeder Vorgesetzte diesen patriarchalischen Titel gefallen lassen muß. – „Der Alte sitzt mit Ritterstiefeln an der Kasse“, das heißt: das „Verhältniß“ ist so klein, daß der Direktor sein eigener Kassirer ist, da er aber auch zugleich als Darsteller unentbehrlich ist, so sitzt er bereits kostümirt am Kassentische, oben durch den Ueberzieher verhüllt, während unten die Ritterstiefel die Einlaß Begehrenden schon auf den zu erwartenden Genuß vorzubereiten scheinen.

Meistens aber heißt es bei Gesellschaften dieser Art etwas hochtönend: „Die Frau Direktorin versieht das Kassenwesen“, und bei großen und kleinen Theatern hat gewöhnlich „die Alte“ „die [231] Ritterstiefeln an“, womit jene Machtfülle und Thatkraft versinnbildlicht wird, welche man im bürgerlichen Leben dadurch kennzeichnet, daß man der betreffenden Dame den Besitz eines sonst dem Manne unentbehrlichen, jedoch weniger pathetischen Kleidungsstückes zuspricht.

Die Schauspieler sind sehr geneigt, der „Alten“ die Rolle zuzutheilen, welche die „Frau Meester’n“ im Handwerkerleben spielt, jedenfalls darf man es mit ihr nicht verderben, wenn man gute Rollen bekommen will. Ihr Zorn soll fürchterlich sein. – Darauf baute wohl jener teuflische Bassist seinen Plan, der gern aus einem ihm unangenehmen Engagement „loskommen“ wollte.

„Sie kommen nicht los,“ meinten die Kollegen, „gutwillig läßt Sie der Alte nicht, und auch nicht, wenn Sie irgend einen dummen Streich machen. Er braucht Sie zu nothwendig!“

„Wollen sehen!“ dröhnte das tiefe „Doch“, wie der Sänger des Sarastro bekanntlich genannt wird.

Am nächsten Abend war „Freischütz“, und als in der grauslichen Wolfsschlucht der Theatermeister auch die obligate Wildsau mit transparenten feuerfunkelnden Augen und feurigem Rachen in bedächtiger Schnelle vorüberschlurren ließ, zog der entlassungssüchtige Tückebold seinen Federhut und sagte verbindlich. „Ei, guten Abend, Frau Direktorin! Wo wollen Sie denn noch so spät hin?“

Gleich nach Schluß der Vorstellung bekam er den ersehnten Abschied, aber auch die letzte Monatsgage nicht ausgezahlt. – Wir wollen ihm beides gönnen!

Mir aber sei vergönnt, mein Gastspiel hier zu schließen –

 „Aktus!“