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Autor: Albert Melander
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Titel: Tempi passati!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 732–736
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[732]
Tempi passati!
Eine Herzensgeschichte aus der Stadt der Weltausstellung.

Ich kam vor Kurzem gelegentlich der Ausstellung von Newhaven über Dieppe nach Paris und nahm in der Rue de Rome Wohnung, in einem kleinen, aber sehr anständigen Hôtel garni, in welchem ich vor dem Kriege längere Zeit gewohnt hatte. Die Besitzer waren nicht mehr dieselben, aber im Café nebenan fand ich alte, bekannte Gesichter. Die Frau am Comptoir erkannte mich sofort und begrüßte mich herzlich.

„Wir haben schlimme Zeiten erlebt, seit wir uns nicht gesehen haben,“ sagte sie. „Ich glaubte, Sie würden einmal früher gekommen sein, aber es ist wahr, was kann Ihnen an Paris gelegen sein ohne Pauline!“

„Ohne Pauline?“ unterbrach ich sie rasch, „ist sie nicht mehr hier?“

„Ich habe sie nicht mehr gesehen,“ lautete die zögernde Antwort.

„Und ihr Bruder?“

„Er ist verheirathet und augenblicklich als Ingenieur im Marinedepartement der Ausstellung beschäftigt. Die Mutter, wenn ich nicht irre, lebt noch immer in der Avenue de Clichy.“

Ich dankte, zahlte und ging, ließ darauf durch den Hausknecht meine Sachen holen und begab mich, nachdem ich etwas Toilette gemacht hatte, sofort in einem Fiaker zur Avenue de Clichy. Daselbst angekommen – ich fand nichts verändert – stieg ich aus; die Oertlichkeit war mir nur zu sehr bekannt, und ich überschritt bald die Schwelle des Hauses, welches vor Jahren den Gegenstand all meines Sehnens und Hoffens geborgen hatte. Mit klopfendem Herzen stieg ich die wohlbekannten Stiegen hinan. Im dritten Stock zog ich die Glocke, auf deren Ton sonst ein liebliches Wesen oft stundenlang und ach! nie vergebens gewartet hatte. Wie ein Dolchstich drang er mir jetzt durch’s Herz. Ein kleines Mädchen von etwa sieben Jahren öffnete. Ich verlangte Madame Lefèvre zu sehen.

„Wen soll ich melden?“ fragte das artige Kind.

„Einen alten Freund.“ Ich getraute mir nicht, meinen Namen zu nennen. Bald stand ich vor der alten Dame. Sie hatte sich sehr verändert; der liebe gutmüthige Zug war einem schneidenden Ausdruck von Härte und Kälte gewichen.

„Wer sind Sie, und was wünschen Sie?“ war ihre Frage.

„Kennen Sie mich nicht?“ Ich war näher getreten und bot ihr eine vor Aufregung zitternde Hand. Doch sie wich zurück.

„Welche Kühnheit!“ sagte sie, wie zu sich selbst. „Monsieur,“ fuhr sie mit eisiger Kälte fort, ich „kenne Sie nicht, wenn ich Sie aber je gekannt habe, so verfluche ich den Tag, der Sie in mein Haus gebracht, bis an mein Lebensende. Gehen Sie! Claire, führe den ‚Deutschen‘ hinaus!“

Mit diesen Worten war sie verschwunden und ließ mich stehen; ich konnte kaum meinen Ohren trauen – diese Frau hatte mich vormals Sohn genannt!

„Sind Sie ein Preuße? Großmama liebt die Preußen nicht,“ sagte nun das Kind, indem es die Thür öffnete.

Ich entfernte mich traurig. Das ist die Mutter – wie wird es mir bei der Tochter ergehen, und wo werde ich diese ausfindig machen? Ich muß den Bruder aufsuchen. Ich bin ja gekommen, um empfangene Beleidigungen zu verzeihen und dem Patriotismus die gebührende Ehre zu geben, dem damals die geschworene Treue zum Opfer fiel.

Pauline – –

Ich hatte sie auf einem Volksfeste in St. Cloud kennen gelernt. Sie war damals in Gesellschaft ihres Bruders, der Braut desselben und eines andern jungen Mannes, der mit dem Bruder befreundet war. Ich lag mit einigen Bekannten auf dem grünen Rasen da oben, wo das herrliche Panorama der schönen großen Stadt sich den bewundernden Blicken bis in unabsehbare Ferne hinaus entfaltet. Meine Freunde machten mich auf das schöne Mädchen aufmerksam. Sie lag auf dem Boden ausgestreckt; der Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesichtchen, welches von dem durch Spiel und Tanz aufgelösten dunkelbraunen Seidenhaare halb verdeckt wurde, ruhte in den Armen der sie liebkosenden Freundin; ihre Arme suchten von rückwärts diese schäkernd zu umfassen und gaben eine unvergleichliche Büste den Blicken preis. O! der Anblick war schön und in meiner Brust pochte es gewaltig. Ich war jung, von heißem Blute und fühlte den Hauch der Liebe mit versengender Gluth die tiefsten und geheimsten Gefühle meines Innern aufwühlen.

War einer meiner heißen Blicke von dem ihrigen aufgefangen worden? Hatte er gezündet? Sie errötete unter demselben wie eine erschlossene Lotosblume und nahm alsdann eine bescheidene Stellung ein. Es wurde auf dem Platze getanzt, und sie schien müde zu sein; sie gab dem sie begleitenden jungen Manne mehrmals einen Korb. Aber ihr Blick streifte mich schüchtern noch einmal; er sagte „komm!“ und ich ging; ich fürchtete keinen Korb und erhielt auch keinen. Wir tanzten, und als ich zu ihr redete, [734] o Wunder! da war ich ihr nicht unbekannt. Sie war meine Nachbarin; nur ein Hof trennte unsere Fenster von einander und ich hatte sie nie bemerkt. Und als ihr Bruder sich näherte, da konnte sie mich ihm vorstellen:

„Sieh, Etienne, das ist der Herr, der so schön Clavier spielt –“

Das Wort und die Art, wie es gesprochen wurde, verscheuchten die düstern Falten von seiner Stirn, und wir wurden rasch mit einander bekannt. Aber der Andere, wer war er? Mit der Zeit erfuhr ich, daß es ein guter Freund der Familie und zugleich ein stiller, jedoch bis jetzt nicht erhörter Anbeter Paulinens war. Wir trennten uns damals bald. Ich wollte nicht zudringlich erscheinen, aber wer kann alle die kleinen Intriguen und Kriegslisten beschreiben, die nun folgten? Wer das süße Gefühl der Erwartung, mit welcher ich, hinter den Gardinen meines Fensters stehend, nach einem andern gewissen Fenster hinüberspähte? Und wer das Herzklopfen, wenn das liebliche Köpfchen sich zeigte, wenn zwei kleine Wachsfinger sich an das rosige Mündchen legten, die Enttäuschung, wenn ich vergeblich wartete, oder wenn sie, nachdem ich ihr eine Kußhand zugeworfen, erröthend davongeeilt war? Und bald – o, es war sehr bald – da hatten wir uns gefunden und verstanden; es war nicht mehr ein loses Kinderspiel, es waren ernstliche, heilige Schwüre für’s Leben. Wo sind diese Schwüre? Waren es nur die Geburten einer vorübergehenden Frauenlaune? Ich habe es lange geglaubt. Sie war ja so jung, zählte erst siebenzehn Jahre. Oft neckte sie mich mit dem oben erwähnten jungen Manne und noch andern Anbetern, und wenn ich böse oder traurig wurde, dann sah sie mir reue- und liebevoll in die Augen, bis mir das Herz überwallte, und sagte: „Du Lieber, ich lebe ja nur für Dich.“

Aber sie wollte auch viel von mir selbst wissen, und eines Tages fragte sie plötzlich:

„Gehst Du denn wieder nach Deinem Deutschland zurück? Dahin gehe ich nicht.“

„Dann liebst Du mich auch nicht.“

Sie begann heftig zu schluchzen.

„Sei ruhig!“ fuhr ich fort, „Dir zu Liebe bleibe ich hier. Aber wenn es doch sein müßte?“ –

„Wenn ich Dein bin, so werde ich Dir folgen bis an’s Ende der Welt, aber ach! ich glaube, ich würde sterben, wenn Du mich aus Paris wegnähmest.“

„Liebst Du Paris, Dein Vaterland überhaupt, so sehr?“

„Ueber Alles; nein, zuerst kommt die Mutter, der Bruder; ach nein, ich glaube, zuerst kommst Du – ich bin so verwirrt; ich weiß es nicht.“

„Süßer Engel“ – und ich küßte ihr die Thränen aus den schönen Augen.

Unsere Liebe wurde bald entdeckt. Da gestand sie ihrer Mutter Alles, war durch nichts zu bewegen, von dem Kinderspiel, wie diese es nannte, abzulassen, und verließ schließlich ihr Zimmer und ihr Lager nicht mehr. Das mochte wohl Eigensinn gewesen sein, denn als später die Mutter mir eine Einladung zuschickte, war sie plötzlich ganz gesund geworden.

„Ich bin auf den richtigen Arzt gefallen,“ sagte die Mutter, matt lächelnd, als das böse Kind schluchzend an ihrem Halse hing.

Wir wurden einig. Die Mutter verlangte vier Wochen Bedenkzeit, während welcher mir erlaubt wurde, das Haus zu besuchen. Sie konnte nichts gegen mich einzuwenden haben; meine Stellung war eine unabhängige, dauernde und einträgliche. Auch der Bruder machte gute Miene zum bösen Spiel. Der einzige Einwand war nur die Nationalität. Wer konnte aber den süßen Bitten des reizenden Kindes widerstehen?

Da kam das Gewitter herangezogen. In Ems zündete es und schlug vernichtend zurück in zwei liebende Herzen, mit ihnen wohl in viele tausend andere.

Es ist Krieg.

O, der schmerzliche, angstvolle Ausdruck ihres schönen Antlitzes, als diese Trauerbotschaft verkündet wurde! Zuerst wurde nicht viel davon gesprochen, als aber die Deutschen in Frankreich eingedrungen waren, als Sieg auf Sieg die deutsche Tapferkeit belohnte, da wurde Pauline still und immer stiller, und ihre Augen sahen roth aus und verweint.

Eines Tages lag ein Brief auf meinem Tische.

„Mein Robert!
Du darfst mich nicht mehr sehen. Ich habe es meiner Mutter versprochen und bin es mir selbst schuldig. Lebe wohl, nimm meinen letzten Gruß, meinen letzten Kuß und mit ihm die Versicherung, daß ich nie einem Andern angehören werde! Siegt Frankreich, so wird noch Alles gut. Gott gebe Frankreich den Sieg!
Deine Pauline.“

Ich hatte es erwartet, und nun es da war, warf es mich zu Boden. Was ich an diesem Abend, in der darauffolgenden Nacht gelitten habe, ist unsäglich. Meine Nerven durchzuckten mich mit erbarmungsloser Heftigkeit; meine armen Gedanken irrten sinnlos hin und wieder; mein krankes Gehirn brütete Pläne, daran ich nicht zurückzudenken wage.

Dir, mein Vaterland, an deiner treuen Mutterbrust gestehe ich es reuevoll: ich wollte ihr schreiben, daß ich ihretwillen die Waffen gegen dich zu erheben bereit sei. Gottlob, es hielt nicht Stand. Wie würde sie mich verachtet haben!

Am andern Morgen schrieb ich die folgenden Zeilen:

     „Meine Pauline!

Sei es, wie Du es wünschest. Sehen wir uns für jetzt nicht mehr! Ob Frankreich siegt, ob Deutschland, ich hoffe, es wird noch Alles gut werden. Meine Gesinnung jedoch mußt Du erfahren, damit Alles klar sei zwischen uns. Meine Gebete sind für mein Vaterland. Gott gebe Deutschland den Sieg!

Dein Robert.“

Der Brief war fort, und es wurde ruhiger in mir, aber das Herz blutete, es wand sich und zitterte in tiefer Noth.

Ich veränderte meine Wohnung und harrte des Weiteren. Berichte kamen und wurden widerrufen; Jeder weiß es, das Volk wurde getäuscht und betrogen, aber der Bericht, welcher die Ereignisse von Sedan brachte, konnte nicht verstümmelt werden – der Schlag war zu ungeheuer. Die Proclamation der Republik war die Folge, und ein neuer Geist, ein frischer Muth beseelte für den Augenblick das französische Volk. Mittlerweile war die Ausweisung der Deutschen aus Paris decretirt worden. Ich bereitete mich zur Abreise vor, wollte aber noch einmal Pauline sehen. Ich weiß, es war nicht recht von mir, aber ich konnte es nicht ändern.

Eine ihrer Freundinnen erbarmte sich meiner Noth. Durch ihre Vermittelung sah ich Pauline auf der Neuen Brücke (Pont neuf). Sie wußte von Nichts und schien ängstlich und überrascht. Das benahm mir die Sprache; ich konnte den Mund nicht aufthun.

„Warum haben Sie das gethan?“ fragte sie, indem sie scheu umher blickte.

„Um Abschied zu nehmen; ich reise ab.“

„Es war nicht recht; wir hatten Abschied genommen.“ Ihre Stimme war tonlos.

„So leben Sie wohl. Leb’ wohl und vergiß mich nicht; ich will Dich nicht in Verlegenheit bringen – ich habe Mitleid mit Deiner Angst.“

„Angst? für wen? Uebrigens es ist zu spät: da sind Antoine und mein Bruder; sie sind mir ohne Zweifel gefolgt. Treten wir hinter die Statue!“ – wir waren neben der Statue Heinrich’s des Vierten angelangt – „vielleicht haben sie uns noch nicht bemerkt.“

Es war in der That zu spät! Ich sah, wie Paulinens Bruder auf uns zeigte und seine Fäuste ballte. Beide Männer trugen die Uniform der Nationalgarde. Das Mädchen wurde blaß wie der Tod.

„Wir sind verloren,“ sagte sie.

Jetzt stand ihr Bruder vor uns.

Eh bien, mademoiselle, sind das Ihre Versprechungen? Sie haben uns schmählich belogen, ebenso wie der ,Preuße‘ da. Er soll es bereuen. – Antoine, führe meine Schwester hinweg.“

Als dieser Anstalt dazu machte, sagte dieselbe abwehrend:

„Nicht, bis ich weiß, was Ihr mit dem Herrn anfangen wollt.“

„Das ist unsere Sache und die der französischen Republik.“

„Etienne,“ erwiderte sie mit bewegter Stimme, „Ihr werdet nichts Unwürdiges begehen. Nein, ich gehe mit Euch, aber laßt den Herrn unbelästigt seines Weges gehen! Er will Paris verlassen. Bitte, Antoine, kommen Sie hinweg!“

Très bien, mademoiselle, wenn Sie hier vor meinen Augen schwören wollen, daß Sie nie einem verfluchten Preußen die Hand reichen werden, dann will ich Ihren Wunsch erfüllen, [735] oder sonst, bei Gott! soll der Herr nicht nach Deutschland, sondern in die Hölle reisen.“

Ich hatte Lust, ihm für die Beschimpfung an die Kehle zu springen; es wäre Thorheit gewesen; es hatte sich ein Kreis von Menschen um uns gebildet. Pauline sah hülflos umher.

„Antoine,“ sagte sie, „ich habe Alles gethan was Ihr wünschtet, warum seid Ihr nicht zufrieden?“

Parbleu! dann hätten Sie Ihr Versprechen halten und kein Stelldichein geben sollen, aber kurz und gut: sind Sie entschlossen oder nicht?“

„Es war lediglich meine Schuld,“ erwiderte ich, „das Fräulein wußte von Nichts. – Pauline,“ sagte ich zu dieser „thun Sie nichts, was Sie nicht vor Gott verantworten können!“

Sie gebot mir Schweigen durch einen raschen, flehenden Blick.

„Ich will es nicht, weil ich eine freie Bürgerin bin und nicht gezwungen werden will.“

„Gut, mein Täubchen! und ich bin ein Bürger und Patriot; ich diene dem Vaterlande. Bürger!“ wandte er sich an die Umstehenden, „hier ist ein Preuße, ein Spion. Er hätte dem Decrete zufolge schon längst über die Grenze sein sollen, aber er zieht es vor, hier zu bleiben und Mädchen zu bethören.“

„Preuße! Spion!“ heulte die Menge. „In die Seine mit ihm!“

„Ja, in die Seine!“ wiederholten hundert Stimmen.

Pauline richtete sich hoch auf, und mit vibrirender Stimme rief sie aus:

„Er lügt! Dieser Mann ist weder ein Spion noch ein Verführer, er ist ein Ehrenmann und will nach seinem Lande abreisen, ich bürge für ihn.“

„In die Seine! in die Seine!“ schrie die Menge, die sich immer mehr vergrößerte, „werft das Mädchen hinterdrein.“

Der kritische Moment war gekommen. Ich bereitete mich vor, den Ersten, der sich nähern würde, mit einem Faustschlage zu empfangen; auch Paulinen näherten sich einige rohe Gesellen. Ihr Bruder trat vor diese hin:

„Es ist meine Schwester und eine Patriotin.“

„Sie soll es beweisen,“ lautete die Antwort. „Sie soll rufen: ‚Es lebe Frankreich! Nieder mit den Preußen!‘“

Mit lauter, fester Stimme wiederholte sie die Worte, und die Wuth der aufgeregten Menge wandte sich wieder gegen meine Person. Die Rufe: „An die Laterne! In die Seine mit dem Spion!“ tobten wüst durcheinander.

„Hört mich, Bürger!“ rief nun Pauline. „Dieser Mann war mit Zustimmung meiner Eltern mein Verlobter, und ich habe ihn geliebt. Ich bin eine Tochter Frankreichs und habe dem Vaterlande das Opfer meiner Liebe gebracht. Ich habe ihm sein Wort zurückgegeben und thue es hiermit noch einmal öffentlich. Aber auch Ihr seid Franzosen und keine Barbaren. Ihr werdet den Mann in sein Land zurückgehen lassen, damit er seinen Landsleuten erzählen kann von dem Patriotismus der Frauen Frankreichs. Dann verspreche ich, daß ich mit meinen schwachen Armen beitragen werde zur Vertheidigung der Wälle unserer geliebten Vaterstadt, und mein Beispiel soll tausend Andere anfeuern und ermuthigen.“

„Gut gesprochen, bravo! Die Bürgerin soll leben! Laßt den Deutschen ziehen, begleitet ihn zum Bahnhofe!“ rief die Menge.

„Nehmen Sie einen Fiaker!“ sagte ein sehr fein gekleideter Herr höflich zu mir.

Ich dankte ihm mit einem Blicke, während das Auge unverwandt auf Paulinens schöner Gestalt ruhte. Ich konnte keinen Blick von ihr erhaschen.

In diesem Augenblicke wünschte ich, daß die Drohungen zur That geworden sein möchten. Ich wünschte, daß Pauline laut vor aller Welt, vor meinem Nebenbuhler, ihrer Liebe sich gerühmt und dann mit mir vereint das Unvermeidliche erduldet haben möchte. Sie kam mir vor wie eine Komödiantin. Sie ging und sah sich nicht einmal nach mir um; das füllte mein Herz mit Bitterkeit. Die Menge hatte sich zerstreut. Ich hielt einen leeren Fiaker an und nannte die Adresse meiner Wohnung, wo mein Koffer gepackt stand. Die beiden Gegner sahen mich abfahren. Es wurde kein Wort weiter gewechselt. –

Acht Jahre verflossen. Die Verhältnisse führten mich nach England, von wo aus ich häufig Besuche in der Heimath mache. Paris hatte ich jedoch bis jetzt immer vermieden.

Nun kam die Weltausstellung; das galt mir als Vorwand. Ihr allein sollte mein Besuch gelten; die Erinnerung aber an die holde Gestalt drängte sich zwischen alle meine Ausflüchte und Einwendungen. Wie, wenn sie doch vielleicht noch meiner harrte? Nach Paris also! – Und ich war nun wieder in Paris und fand die herrliche Stadt schöner, belebter, heiterer denn je, aber zugleich den Haß gegen uns Deutsche unvermindert; und jetzt eilte ich, trotz der häßlichen Erinnerung, mich nach Etienne Lefèvre zu erkundigen, und erfuhr, daß er auf einer Geschäftsreise begriffen sei und erst in fünf Tagen zurück erwartet würde. Ich mußte also warten und füllte die langsam schleichende Zeit mit Ausstellungsbesuchen.

Endlich war die Woche vergangen und mit Ungeduld erwartete ich den nächsten Morgen. Gegen neun Uhr befand ich mich an Ort und Stelle. Ich wurde zu einem finster aussehenden, bärtigen Manne geführt, der mich mit inquisitorischem Blicke maß.

„Kennen Sie mich noch?“ fragte ich.

„Jawohl, ich kenne Sie, obschon ich wünsche, daß ich Sie nie gekannt hätte; was wollen Sie von mir?“

„Es ist mein innigster Wunsch, Nachricht über das Ergehen Ihrer Schwester Pauline zu erhalten.“

„Ah, Sie wünschen dieselbe zu besuchen?“

„Wenn es möglich ist, ja.“

„Kommen Sie!“

Wir gingen. An der Porte Rapp angelangt, winkte er einem Kutscher, flüsterte ihm einige Worte zu und lud mich ein, den Fiaker zu besteigen. Er selbst folgte; dann fuhren wir zwanzig Minuten lang, ohne ein Wort zu wechseln. Vor einem großen Thorwege hielten wir an. Ich las: „Cimetière Montmartre“. Es überlief mich kalt – wir betraten einen Todtenhof. Ich hatte verstanden. Nach einer langen Wanderung zwischen Grabsteinen, Kreuzen, Gebüschen blieben wir stehen. Da war ein schönes Grab mit weißer Marmorsäule, deren goldene Inschrift lautete:

Pauline Lefèvre,
geboren den 17. Mai 1853
gestorben den 25. December 1870.

und auf der andern Seite:

Sie starb als Patriotin auf den Wällen von Paris, von einer Granate getroffen.

Mein Begleiter lehnte schweigend seine Schulter gegen den kalten Marmor, und ich sank auf die Kniee nieder; ich konnte meiner Bewegung lange nicht Herr werden.

„Reichen Sie mir die Hand,“ sagte ich alsdann, „hier über dem Grabe Derjenigen, die uns Beiden theuer war!“

„Es ist nicht nöthig,“ erwiderte er kurz, aber ohne Bitterkeit im Ton. „Ich gäbe zehn Jahre meines Lebens dafür, daß meine Schwester Sie nie gekannt hätte. Dann würde sie auch nicht da liegen,“ fügte er düster hinzu.

„Wie soll ich das verstehen? Erklären Sie sich!“

„Ich muß es wohl; es war Paulinens letzter Wunsch. – Nachdem Sie fort waren, wurde sie so still und in sich gekehrt, daß wir das Schlimmste befürchteten. Als die Deutschen Paris belagerten und wir auf den Wällen Dienst hatten, bezog sie ein Zimmer in der Nähe und besorgte unsere Mahlzeiten; kaum konnten wir sie verhindern, die Waffen zu tragen. Ich schalt sie oft wegen Mangel an Vorsicht, wenn sie sich den feindlichen Geschossen zu sehr aussetzte. Eines Tages – das Schießen war stärker als zuvor – kam sie nicht zur gewohnten Stunde. Ich litt Höllenpein bis zur Ablösung; dann suchte ich sie. Ich fand sie mit einem Granatensplitter in der Brust am Boden liegen. Ich trug sie in ein benachbartes Haus und wollte einen Arzt holen. ‚Es ist unnöthig,‘ flüsterte sie, ‚Etienne, verzeihe mir! Ich habe Euch betrogen; ich bin keine Patriotin; mein Herz gehört ihm; ich habe nie aufgehört, ihn zu lieben, über Alles bis zum Tode; Du sollst es ihm sagen, wenn er kommt, denn er wird kommen. Gott sei mit Euch Allen, mit der theuern Mutter und mit Frankreich.‘ Das waren ihre letzten Worte. Ich habe nicht mehr geglaubt, daß Sie kommen würden, nun Sie da sind, entledige ich mich meines Auftrages. Gott weiß, wie schwer es mir wird, denn sehen Sie, wir hassen die Deutschen.“

Er grüßte kalt, aber höflich, und ging. Ich rief ihn noch einmal an: „Und Antoine?“

„Er ist bei St. Quentin gefallen.“

[736] Ein Gefühl von Eifersucht überschlich mich. Sie sind todt, Beide von deutschen Geschossen getroffen, und sind vereinigt.

Nun aber fort aus Paris! Die Luft darin wird drückend. Grabmäler stellen sich mir von allen Seiten entgegen; die Leute auf den Straßen und Boulevards sehen aus wie Gespenster der Unterwelt, und jeden Augenblick, wenn ein Herr mit einer Dame in meinen Weg tritt, glaube ich, es sei Antoine mit Paulinen vereinigt.

Nachmittags miethete ich einen Fiaker und fuhr hinaus nach Asnières über die Seine, an der Insel „des Ravageurs“ vorbei, wo wir unter dem Schatten der schönen Bäume manche selige Stunde mit einander verkost hatten, wo ich nicht müde wurde, ihr kindliches, oft thörichtes, aber immer bezauberndes Geplauder anzuhören, ihrem Schmollen zu widerstehen; sie schmollte gern, um das selige Gefühl der erlangten Verzeihung genießen zu können, um die Thränen hinweggeküßt zu haben, die reichlich den bittenden Augen entquollen, um sich in meinen sie umschlingenden Armen geliebt zu fühlen. Ich fuhr weiter, nach St. Cloud, ließ ausspannen und stieg den Hügel hinan. Oben auf dem Plateau fand ich nichts verändert; die Aussicht war dieselbe, nur verschönert durch die herrlichen Gebäude der Ausstellung, das alte Teleskop war noch da, die Kuchen- und Limonadenbuden ebenfalls. Gruppen von jungen Leuten beiderlei Geschlechts lagen auf dem Rasen umher, da, wo ich vor acht Jahren Pauline zum ersten Male erblickt, wo ihr zierliches Füßchen hüpfend den Boden berührt hatte.

Meine Augen schlossen sich unwillkürlich. Ich träumte noch einmal jenen lieblichen Traum aus vergangenen Zeiten, und als ich erwachte, da war es Abend; ich wußte nicht, ob es Wirklichkeit sei, oder Täuschung. Jedoch die alten, düsteren Ruinen des zerschossenen Schlosses von St. Cloud standen da, grauenhaft inmitten der Unbeweglichkeit und des Schweigens, getreue Zeugen der Schrecken des Krieges, und in den Wipfeln der Bäume, über welche die deutschen Geschosse hinweggesaust waren, flüsterte es vernehmlich: tempi passati, tempi passati!

Albert Melander.