Spiritisten und Taschenspieler

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Titel: Spiritisten und Taschenspieler
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 491–492
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Spiritisten und Taschenspieler.

Es ist nicht immer so leicht, wie man glaubt, von einer Sache festzustellen: sie ist, oder: sie ist nicht. Wer nur einen Blick in die spiritistische Litteratur wirft, vor Allem in die von gebildeten, ja gelehrten Männern redigirte Zeitschrift „Sphinx“, der muß zu seinem Erstaunen erfahren, daß überall in Deutschland Geister klopfen, schreiben und sichtbar erscheinen, daß es eine höchst gewöhnliche Thatsache ist, an einem Ort gesehen zu werden, während man sich gleichzeitig an einem ganz andern befindet, ja daß auch die Kunst, das menschliche Leben um Jahrhunderte zu verlängern, erlernt werden kann wie jede andere, und daß es in Indien Leute giebt, die es zu bemerkenswerther Dauerhaftigkeit dadurch gebracht haben. Unwillkürlich greift der Laie an seinen Kopf und fragt sich, ob er wache oder träume; aber da steht es gedruckt, der Gegenbeweis ist nicht zu führen, und der gewöhnliche Mensch, der niemals den „kalten Hauch“ oder das „Streicheln der unsichtbaren Hände“ gefühlt, möchte doch gar zu gern dasselbe erleben wie die glaubhaften Leute, die davon erzählen. Aber dazu giebt es für gewöhnlich wenig Aussicht; nur durch die stets reisenden berühmten Medien Eglinton, Slade[WS 1] u. A. ist es möglich, in direkte Berührung mit der Geisterwelt zu kommen; freilich stört dabei einigermaßen der Gedanke, daß jeder dieser Herren schon einmal irgendwo entlarvt wurde, und man sagt sich unwillkürlich: Wenn die ganze Geschichte doch nur ein großer Schwindel wäre! Der Preis von 40 Mark pro Person und Sitzung giebt zu denken, nicht minder der Umstand, daß die Geister so sehr den Aufenthalt im Dunklen, unter dem Tisch und hinter Vorhängen lieben, dagegen nur ungern in Person erscheinen, obwohl sie das können, wie uns die Spiritisten ausdrücklich versichern und ja auch die altehrwürdige Ammen- und Gespensterlitteratur hinlänglich bezeugt.

Im Zweifelfall fragt der Laie einen Sachverständigen, und da es noch keinen Lehrstuhl für Geisterkunde giebt, so wandte ich mich beim diesjährigen Herannahen Eglinton’s nach München an einen sicheren Experten für Alles, was ins Gebiet der „angenehmen Täuschung“ gehört, an Herrn G., einen als durchaus ehrenhaft bekannten Mann, der früher selbst als geschickter Taschenspieler weite Reisen gemacht, dann das leider seitdem eingegangene Münchener Aquarium begründete, dort große elektrische Zauberproduktionen gab und somit als ein mit allen einschlagenden Verhältnissen wohlvertrauter Mann gelten darf.

Herr G. nahm mich sehr zuvorkommend auf und erwiederte auf meine Frage lächelnd: „Ja, diese Herren haben es sehr gut; sie experimentiren vor einem gläubigen Publikum, während wir armen Taschenspieler heute schon mit dem Skepticismus der lieben Schuljugend rechnen müssen, die, wenn sie nur mit der Nase über den Tisch sieht, bereits schreit: ‚Das ist ja der reine Schwindel!‘“

„Also glauben Sie, daß die berühmten ‚Tafelschriften‘ wirklich von dem Medium selbst hergestellt werden?“

„Nicht anders, und ich gestehe Ihnen, daß ich diesen Sachen weniger Interesse entgegenbringe als dem geringsten neuen Taschenspielkunststück, weil sie mir, gerade heraus gesagt, zu einfältig sind und ich immer nur die Menschen anstaune, die sich für ihr schweres Geld solche Dinge vormachen lassen. Sie glauben nicht, wie leicht es ist, ein im Voraus gläubiges, sonst ganz gebildetes Publikum zu täuschen. Ich habe in dieser Beziehung Dinge erlebt, die über jede Vorstellung hinausgehen.“

„Haben Sie denn jemals einer spiritistischen Sitzung beigewohnt?“

„Ja wohl, in Petersburg, als Slade dort war. Ich zahlte meine zwanzig Rubel und wurde, als der große Meister erschien, von ihm nach kurzer Prüfung als ein vorzüglich geeignetes Individuum befunden, eben so mein Begleiter. Wir nahmen im schwach beleuchteten Zimmer an einem nicht von uns gewählten Tische Platz und Slade ergriff unsere Hände. Da er aber an meinen scharf beobachtenden Blicken sofort die Gefahr merkte, ließ er den Andern los und faßte mich an beiden Händen, indem er mich, scheinbar in Konvulsionen sich hin- und herbewegend (die bekannte „Trance“[1] der Spiritisten), über den Tisch mit Gewalt an [492] sich zog, so daß ich an jeder ferneren Beobachtung seiner Anstalten verhindert war. Allmählich nahm die Heftigkeit seiner Trance ab; wir schlossen wieder die Kette, und plötzlich fühlte ich meinen rechten Schenkel unter dem Tische klopfend berührt. Mich ließ dies völlig kalt; denn ich wußte, daß Slade im gleichen Moment drüben mit seinem Bein einen Hebel auslöste und daß der ‚Geisterfinger‘ auf meiner Seite sofort in den Tisch zurückschnappen würde, so daß seine Spur nicht mehr zu finden wäre. Dies verhielt sich auch in der That so, wie ich mich gleich überzeugte. Mein Nebenmann war von einer ähnlichen Berührung vor Schrecken erstarrt und bereits vollkommen gläubig. Deßhalb erschien ihm auch das nunmehr unter dem Tisch erklingende Harmonikaspiel höchst geisterhaft, welches mich wieder nicht rührte, in Anbetracht meiner langen Erfahrung über elektrische und mechanische Veranstaltungen. Ich hatte bedeutend Schwereres schon selbst gemacht und unter schwierigeren Umständen.“

„Schrieben in jener Sitzung die Geister denn auch auf Schiefertafeln?“

„Sie schrieben, ja, aber nur unter dem Tisch, und leider paßte ihre Antwort gar nicht auf meine Frage. Dagegen glaubte ich deutlich zu sehen, wie die Sache gemacht wurde, und beschloß, noch ein zweites Mal hinzugehen und mich vollständig passiv zu verhalten, um noch genauer beobachten zu können. Allein ich wurde nicht vorgelassen, weil eine größere Sitzung war, und als ich zum dritten Male erschien, hieß es, Slade sei abgereist. Nun machte ich mich in meinen Mußestunden daran, die Sache nachzuahmen, und schon nach wenigen Wochen gab ich im Freundeskreis eine Sitzung zum allgemeinen Erstaunen genau wie Slade zum Besten. Allerdings hatte ich nicht seine enorme, durch so fortgesetzte Uebung erworbene Fingerfertigkeit; allein es gelang mir doch stets, mein Publikum vollkommen zu täuschen. Außerdem habe ich diese Produktion stets nur zum Vergnügen, nie für Geld gemacht. Sie können nun wohl denken, daß meine Spannung auf Eglinton nur eine sehr geringe ist; immerhin wird es mich interessiren, ihn zu sehen. Niemand wird bereiter sein als ich, anzuerkennen, wenn Etwas vorgeht, was ich mit meinen Mitteln nicht zu erklären vermag.“

Es sollte nicht so kommen. Zu Eglinton’s ersten Sitzungen konnte Herr G. der beschränkten Personenzahl wegen keinen Zutritt mehr erhalten; mehrere derselben verliefen übrigens unter der sehr scharfen Kontrolle kritischer Geister, welche noch in irdischer Hülle steckten, völlig resultatlos, und darüber offenbar verstimmt, reiste Herr Eglinton bald ab, nicht ohne, wie man später hörte, in den „eingeweihten“ Kreisen noch „überraschende Resultate“ erzielt zu haben. Was aber die Uneingeweihten nachträglich aussagten, war Folgendes:

Die vor einem Jahr in der „Sphinx“ angekündigte Geisterschrift zwischen zwei leeren Tafeln, die vor Aller Augen auf dem Tisch, im vollen Licht der Lampe, zusammengebunden werden, wurde überhaupt gar nicht versucht, sondern das Medium kam auch hier der bekannten Liebhaberei der Geister für Dunkelheit nach und hielt eine Tafel unter den Tisch. Lange blieb dies erfolglos; endlich aber kam doch die ersehnte Schrift und zwar, nach den Vermuthungen objektiver und aufmerksamer Beobachter, auf folgende Weise zu Stande: Herr Eglinton ließ auf verschiedene der von ihm mitgebrachten, auf dem Tisch ausgebreiteten Schiefertafeln eine Frage schreiben, englisch, weil, wie er sagte, „seine Geister nicht deutsch verstehen“. Eine dieser Fragen lautete: „Where is my mother-in-law?“ („Wo ist meine Schwiegermutter?“)

Nun hielt er die Tafel unter den Tisch, verfiel in die bekannten Zuckungen, bog sich hin und her und gewann dadurch Zeit, stets starr vor sich nieder blickend, durch gelegentliches Drehen der Tafel sowohl die Frage zu lesen, als auch mit einem bereit gehaltenen und bisher verborgenen Schieferstiftchen die Antwort auf die andere Seite zu schreiben. Nach einigem weitern Hin- und Herbewegen erklärte er plötzlich: nein, es gehe nicht! und legte die Tafel mit der Frageseite neben sich auf den Tisch, sprach dann noch einige Zeit und sagte plötzlich, wie von einem Entschlusse erfaßt: „Probiren wir es doch!“ nahm die Tafel und legte sie geschickt über eine andere, ohne sie zu wenden, einen Schieferstift dazwischen, befestigte beide und legte seine Hand darauf, oder hielt auch die beiden verbundenen Tafeln von Neuem unter den Tisch, manchmal auch zur Seite hoch in die Höhe. Nun hörten die Anwesenden das bekannte, möglicherweise durch seine Fingernägel oder sonst eine kleine mechanische Veranstaltung hervorgerufene kritzelnde Geräusch; man nahm nach einigen Minuten die Tafeln aus einander und siehe da! auf der Rückseite stand: „In her room“. („In ihrem Zimmer.“) Freilich stand noch Einiges darunter, nämlich deutliche Spuren von Fingernägeln mit feinen Kritzen auf der Platte. Diese, sowie die Geisterschrift, hat Einsender dieses selbst gesehen; die Letztere ist krumm, sehr undeutlich und macht den Eindruck, unter schwierigen Umständen zu Stande gekommen zu sein. Die Antworten auf die Fragen nach dem Jenseits etc. sind sämmtlich von gründlichster Unbedeutendheit. Auch die Angabe hinsichtlich der Schwiegermutter beruhte auf einem kleinen Irrthum der Geister; denn die betreffende Dame befand sich in jenem Moment nicht in ihrem Zimmer; aber das thut nichts; denn allwissend brauchen die merkwürdigen Wesen ja nicht zu sein, die nach dem Glauben der Spiritisten in einer wahrhaft jämmerlichen Existenz auf dieser Erde festkleben und allein durch Mitwirkung eines Mediums schreibend oder klopfend ihre Existenz kund thun können. Und was fördern sie dann nach jahrhundertlangem Schweigen erst noch für Dinge zu Tage! Wenn man die Berichte in der „Sphinx“ durchblättert und findet, daß diese Geister nichts, aber absolut nichts über ihre eigene Existenz zu sagen wissen, wozu sie doch unbedingt, auch ohne Allwissenheit im Stande sein müßten, wenn man ferner sieht, daß ihre Aeußerungen viel unbedeutender sind als die nur ein wenig geistreicher Menschen, so kann man nur voll und ganz der Aeußerung eines unserer hervorragendsten Dichter beistimmen, der da sagte: „Mir ist meine Zeit zu kostbar, um sie auf den Umgang mit verklärten Packträgern zu verwenden!“

Andere sind anderer Ansicht, und thatsächlich sehen wir heute eine große Anzahl ernsthafter und gebildeter Menschen mit dem Versuch beschäftigt, den bekannten großen Vorhang zu lüften und aus dem Verkehr mit der Geisterwelt den Beweis der individuellen Fortdauer zu erhalten. Sie Alle geben zu, daß sich unter den bezahlten Medien Betrüger befinden, aber ihr Glaube an die Sache ist dennoch unerschütterlich. Da man nun, obgleich noch immer leichter Menschen lügen, als Geister erscheinen, doch unmöglich alle diese Männer der bewußten Unwahrheit und des öffentlichen Betrugs zeihen kann, so bleibt uns Andern nur übrig, bis auf unwiderlegliche Belehrung durch eigenen Augenschein, an der alten Gewohnheit festzuhalten, nichts für wahr anzusehen, was nicht bewiesen werden kann. Bekanntlich genügt die bloße Anwesenheit eines Uebelwollenden, um die Geistermanifestationen unmöglich zu machen, die doch mit dem Anspruch wissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit verkündet werden. Nun ist aber kein anderes Naturgesetz solchen Schwankungen unterworfen: Elektricität und Magnetismus z. B. wirken unter den gegebenen Bedingungen, unbekümmert um danebenstehende Zweifler, sie brauchen keinen Glauben.

Wohl wird Niemand heut zu Tage so beschränkt sein, zu meinen, daß wir am Ende aller Entdeckungen stehen, und sehr wahrscheinlicherweise geben die durch den Spiritismus angeregten Fragen den Anstoß zu neuen Untersuchungen über Nervenleben und unbewußte Seelenthätigkeit. (Man braucht in dieser Hinsicht nur an die von der Wissenschaft anerkannken hypnotischen Experimente, nota bene ausgeschlossen den auch damit getriebenen Schwindel, zu erinnern.) Allein so lange die angerufenen Geister nichts wissen, als das, was den um den Tisch Sitzenden auch bekannt ist, so lange sie auf Befragen nichts über das Jenseits zu sagen wissen als: „Das Himmelreich ist ein Großes!“ oder gar noch Plagiate an irdischen Dichtern begehen und z. B. ein schönes Gedicht von Rückert:

„Der Himmel ist, von Gottes Hand gehalten,
Ein großer Brief auf azurblauem Grunde etc.“

als Offenbarung aus dem Jenseits veröffentlichen, ohne daß Einsender und Redaktion es merkt, so lange ist es Niemand zu verdenken, wenn er ihnen gegenüber im Unglauben verharrt. Mögen sie uns einmal leibhaftig erscheinen, wie es für ordentliche Geister gehört, frei mitten im Zimmer stehend, durchsichtig bis zum hintern Rockknopf, wie der aus dem Fegefeuer auf Urlaub gegangene Marley, nicht aber nur in verdächtiger Aehnlichkeit mit dem Medium hinter Vorhängen hervorlugen oder unsichtbar Harmonika spielen! Aber ach, das wird nie geschehen; denn für das „Hereinragen der Geisterwelt“ gilt hinsichtlich kritischer Beobachter auch heute das alte, sehr wahre und beherzigenswerthe Wort:

In Gegenwart der Polizei erscheinen weder Geister noch Teufel!




  1. Entzückung, Entrückung.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. William Eglinton (1857–1933); Henry Slade (1836–1905)