Sophie Dorothea

Textdaten
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Autor: Emile Mario Vacano
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Titel: Sophie Dorothea
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36–39, S. 561–564; 577–580; 593–596; 609–614
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[561]

Sophie Dorothea.

Eine Hofgeschichte.


1. Exposition.

In den Empfangssälen des kurfürstlichen Schlosses in Hannover war reges Leben und Treiben. Die Wohlgerüche der Atmosphäre vermischten sich mit dem leisen Gesumme der Plaudernden, und der Glanz der Lüstres verschmolz mit dem Strahlenreflex der hohen Wandspiegel zu einem Ocean von Licht, welcher den transparenten Blättern der exotischen Pflanzen das Aussehen von zitternden Smaragden gab. Seidenstarrende Damen, deren Costüme in allen Farben des Regenbogens glänzten, flatterten vor den Spiegeln umher wie lebendige Blumen, umgaukelt von den glänzenden Cavalieren des Hofes, wie von leichtfertigen Schmetterlingen. Alles war Gelächter, Geschwätz, Wohlgeruch und Aufregung.

In der Mitte des Thronsaales standen vier Männer in eifriger Unterhaltung. Der Größte derselben war ein robuster, junger Mann von etwa vierunddreißig Jahren, mit einem unangenehmen breiten Gesichte und kleinen grauen Augen. Das war der Erbprinz Georg Ludwig von Hannover, der Gemahl der schönen Prinzessin von Celle. Er plauderte eben mit einem hochgewachsenen, schlanken Cavalier, dessen männliche Schönheit noch von seiner schönen Männlichkeit übertroffen wurde. Sein Antlitz vereinigte den feinen Typus des Franzosen mit den kräftigen Umrissen des Schweden. Er hatte ein schönes, sprechendes Auge, eine entschlossene geistvolle Miene und einen feingeschlitzten Mund. Seine Kleidung von mattgelber Seide, mit granatrothem Moire eingefaßt, war ebenso weit von der Ueberladung des damaligen Hofcostüms, wie von der geschmacklosen Einfachheit der Bürgerkleidung entfernt. Es war dies der Graf Philipp Christoph von Königsmark, der Sohn Konrad’s von Königsmark und der Bruder der schönen Aurora. Er war erst heute auf eine Einladung des Kurprinzen in Hannover angekommen, um einige Monate hindurch in der Atmosphäre dieses zahmen Hofes von seinen pikanten Abenteuern in Holland und Flandern auszuruhen.

Nicht weit von diesen Beiden stand der alte Kurfürst von Hannover, ein gelber, dürrer, unangenehmer Greis. Er war im tiefsten Gespräche mit Lord Walpole, dem Gesandten Englands, begriffen, der ebenfalls erst an diesem Tage angekommen war, um den an Verdauungsbeschwerden gestorbenen Mäßigkeitsapostel Lord Rivers zeitweilig zu ersetzen. Weiter gegen die Orangerie hin befand sich eine Schaar kichernder und schwatzender Hofdamen, welche einen alten Höfling umringten, der sie augenscheinlich mit irgend einer pikanten Chronique scandaleuse unterhielt.

„Du bist zur guten Stunde gekommen, Philipp!“ rief Georg, indem er die Hände seines Jugendfreundes ergriff. „Nie bedurfte ich eines gewandten Intriganten so sehr, wie eben jetzt. Du, der Meister aller Geniestreiche, welcher seine ersten Sporen an dem prachtliebenden Hofe des sächsischen Kurfürsten gethan hat, Du mußt mir helfen den Eigensinn einer Frau zu bekämpfen, welche sich’s zur Aufgabe gemacht hat, mir das Leben zu verbittern.“

Philipp lachte. „Eine Frau? Aber Prinz! Sie bedürfen einer Alliance gegen eine Frau? – Gewiß eine hartherzige Geliebte? Nehmen Sie sich in Acht, Monseigneur, ich bin in derlei Dingen ein gefährlicher Helfershelfer – vorausgesetzt, daß die Dame hübsch ist.“

Georg zuckte ungeduldig mit den Achseln. „Bah! hartherzige Geliebte! – Die verwünschte Dörthe ist’s, die sich’s seit einiger Zeit in den Kopf gesetzt hat, die verfolgte Märtyrin zu spielen, und die mich mit ihren larmoyanten Phrasen verfolgt. Denke Dir einen Hof, Philipp, dessen Fürstin eine personificirte Thränenweide ist, und dessen Fürst seine Geliebten mit petites maisons beschenken muß, wie ein kleiner Bürger, nur um seine allenfallsigen Liaisons vor der Spionage seiner Gemahlin zu verbergen.“

„Welch ein Unglück!“ lachte Philipp mit komischem Entsetzen, „Ihre Gemahlin ist also naiv genug, zu glauben, sie habe mit der Fürstenkrone zugleich einen Mann geheirathet?“

Georg warf einen raschen Blick auf seinen Vater und Lord Walpole. „Still!“ flüsterte er, „sprich leise – der rothhaarige Lord schnappt jedes Wort auf, um es seiner allergnädigsten Souverainin zu rapportiren und mich dadurch in Mißcredit zu bringen.“

„Ah, richtig!“ meinte Philipp, indem er sich zum Ohre des Prinzen neigte. „Man muß die alte, bigotte god-save menagiren – der Succession wegen? Getroffen!“

Georg nickte. „Um aber wieder auf unser Gespräch zu kommen,“ fuhr er fort, „ich habe heute Abend einen Gewaltstreich vor.“

„Einen Gewaltstreich?“ lächelte Philipp mit maliciöser Miene. „Eine Entführung?“

Georg machte eine Bewegung der Ungeduld. „Du, der Ränkeschmieder par excellence, der Intrigant sans pareil, Du weißt doch, daß man diese heroischen Mittel nur noch in den Romanen des Herrn von Ayren und der Frau von Scudéry findet. Und übrigens, wen sollte ich entführen?“

Philipp verbeugte sich. „Ah, ich hatte ganz vergessen, daß ich zu dem „Unwiderstehlichen“ sprach, wie Sie auf der Universität hießen, Prinz.“

Georg lächelte fad. „Ohne Schmeichelei, Graf. Höre mich. Stelle Dir vor, daß ich jetzt die schönste Frau Hannovers anbete. Ein Weib, schön wie Venus, majestätisch wie Diana, wild wie … wie …“

[562] „Wie eine Amazone?“ half ihm Philipp lächelnd ein.

„Ja – wie eine … Du kennst die Gräfin Platen nicht, Philipp?“

„Hoheit wissen, daß ich in Hannover ein Wilder bin.“

„Du, der alle Welt kennt!“

„Ich, der alle Welt kennt, muß zu meiner Schande gestehen, daß ich die schöne Platen nur renommée kenne.“

„Nun denn, so sieh dorthin, Philipp – die große Brünette.“

Königsmark ließ seine blinzelnden Augen über die Gruppe der Damen schweifen und hatte die Bezeichnete rasch gefunden. Es traf sich, daß die Gräfin zufällig ebenfalls herübersah, und ein aufmerksamer Beobachter hätte wahrnehmen können, daß die Beiden einen Blick tauschten, der ein halbes Lächeln aufwog. Dennoch suchte der Graf noch immer fort.

„Es giebt so viele Brünetten hier,“ sagte er.

„Die mit der grünen Seidenrobe.“

„Ah!“

„Nun?“

„Ich mache Ihrem Geschmacke mein Compliment, Monseigneur!“

„Ach – ich wußte es!“ Ich wollte aber sagen, daß ich, aller dieser Heimlichkeiten satt, diese Liaison offen bekennen und die Gräfin Platen an die Person meiner Gemahlin attachiren will.“

„Teufel! Ganz Louis quatorze!“ sagte Königsmark mit einer Grimasse. „Aber Madame Sophie Dorothea –?“

Georg stampfte ungeduldig mit dem Fuße und rieb sich unruhig die Hände. Sie wird wohl meinem Willen weichen müssen!“ sagte er mit einem Blicke auf die Thüre des Saales. „Ich schrieb ihr heute ein Billet, worin ich ihr meinen Entschluß mittheilte, ihr heute Abend die Gräfin Platen vorzustellen.“

„Wie? Heute Abend? – Jetzt?“

„Ja, ja, ja.“

„Nun, und Madame Dorothea?“

„Dörthe ließ das Billet ohne Antwort, folglich willigt sie ein.“

„Glauben Sie?“ lächelte Königsmark. „Hm. Ich kenne das Schweigen der Frauen. Es gleicht der Stille vor dem Sturme. Nehmen Sie sich in Acht, Monseigneur!“

In diesem Augenblicke lüftete sich in der Nähe der Sprechenden die damastene Portière einer Seitenthüre, und das Knistern einer Seidenrobe ertönte hinter ihnen, – jenes Knistern, welches leise ist wie der Hauch des Windes, der durch die Zweige der Linden raschelt, und welches dennoch die eigenthümliche Macht hat, uns einen Schauer durch alle Glieder zu jagen. Trotz des Summens der Sprechenden hatten die Beiden dennoch dieses Rauschen gehört und wandten sich um.

Georg erbleichte ein wenig. „Ah! Frau von Nassau –“ Königsmark blickte neugierig auf die Kommende.

„Frau von Nassau? Wer ist Frau von Nassau?“

„Die Unzertrennliche meiner Frau.“

Königsmark’s Miene zeigte ein lebhaftes Interesse. „Ah! der Sturmvogel, Hoheit!“ flüsterte er, indem er sich discret zurückziehen wollte.

Aber Georg hielt ihn zurück. „Bleib, Philipp,“ sagte er, indem er sich zugleich an Frau von Nassau wandte, die mit einer tiefen Verbeugung vor ihm stehen geblieben war.

„Darf ich Monseigneur um ein gnädiges kurzes Gehör ersuchen?“ sagte die Dame mit gedämpfter Stimme, indem sie sich wieder aufrichtete.

Der Prinz nickte und schlug ungeduldig die Hände aneinander. Frau von Nassau ließ einen raschen Blick auf Königsmark hinübergleiten. Der Prinz machte ein Zeichen der Ungeduld. „Dieser Herr ist mein Freund, und ich habe keine Geheimnisse vor ihm.

Monsieur le comte Philippe de Königsmarkmadame Jeanne de Nassau-Scharffenstein, dame d'atours – und jetzt, da die Vorstellung geschehen ist, machen Sie schnell, Frau von Nassau – ich bin auf der Folter – haben Sie mir wieder eine Bizarrerie meiner Gemahlin zu melden?“

Frau von Nassau und Königsmark hatten sich kalt vor einander verbeugt, und die Gräfin wandte sich wieder an den Prinzen, indem sie mit gedämpftem Tone sprach: „Die Prinzessin hat das Billet Monseigneurs empfangen und ist entschlossen, lieber zu sterben, als die Präsentation der bewußten Dame zu acceptiren.“

Georg stieß einen Schrei der Ueberraschung aus. „Das wollen wir doch sehen!“ rief er, roth vor Wuth. „Ich will selbst zu meiner Frau – ich werde sie zu zwingen wissen!“

„Was ist’s?“ rief der Kurfürst, indem er heranschritt, gefolgt von dem lauernden Lord Walpole.

„Nehmen Sie sich in Acht, Monseigneur!“ flüsterte Königsmark.

„Laß mich!“ rief Georg, indem er zur Thüre schritt. „Ich will doch sehen, ob Dörthe es wagt!“

„Da ist die Prinzessin!“ rief Frau von Nassau, indem sie zur großen Eingangsthüre eilte, deren Portière soeben bei Seite geschoben wurde und auf deren Schwelle Sophie Dorothea von Celle inmitten einiger Damen, erschien.

„Ah! ah!“ murmelte der Graf von Königsmark, indem er sich die Hände rieb. „Es scheint, man amüsirt sich hier beinahe so gut, wie in Dresden!“



2. Eine Kriegserklärung.

Die Prinzessin war eine hohe, majestätische Gestalt, von jener üppigen Schönheit, wie sie der Pinsel eines Velasquez und eines Mignard zu schildern verstand – und welche für die starrenden Seidenroben und die hohen Frisuren des 17. Jahrhunderts wie geschaffen zu sein schienen. Ein matter bläulicher Hauch, welcher wie der Blütenstaub einer Lilie ihre großen lichten Augen umgab, verlieh ihrem interessanten Gesichte einen neuen Reiz und gab ihr ein schmachtendes Aussehen, welches durch die leichtgeringelten braunen Locken, die ungezwungen über ihre Schultern niederwallten, noch erhöht wurde. Sie war sehr schön, und Königsmark, dieser große Kenner der Schönheit, hatte einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken können, als der Blick ihrer herrlichen großen Augen zum ersten Male auf ihn fiel und wohl die Ewigkeit einer Secunde hindurch auf ihm haften blieb.

Georg blieb beim Eintritte seiner Gattin stehen und wandte sich dann, statt ihr vollends entgegen zu gehen, mit einem raschen Entschlusse nach der Seite, wo sich die Hofdamen und Cavaliere befanden, welche sich beim Eintritte der Prinzessin wie auf ein Commando verneigt hatten, und deren Rücken die normale Lage noch nicht wieder angenommen hatte. Er blieb neben der Gräfin von Platen stehen und erwartete hier seine Frau.

Die Gräfin blickte ihn beinahe flehend an und hatte die Hand auf ihr pochendes Herz gelegt. Er beruhigte sie aber mit einem entschlossenen Lächeln. Der alte Kurfürst war auf Sophie Dorothea zugegangen und stellte ihr den englischen Gesandten vor, welcher sich vor der Gattin seines präsumtiven Herrn tief und ehrfurchtsvoll verneigte.

Während einige verbindliche Phrasen in englischer Sprache gewechselt wurden, schritt die Gruppe den Saal entlang an den Damen und Cavalieren vorbei, welche alle in ihrer tiefen Verbeugung verharrten. Sophie Dorothea blieb mit dem Kurfürst von Zeit zu Zeit vor dieser oder jener Person stehen und wechselte einige verbindliche Worte mit ihr.

„Ah, Herr von Nassau!“ lächelte sie, indem sie vor einem alten stutzerhaften Herrn stehen blieb. „Sind Sie uns endlich aus dem abscheulichen, nebligen Holland zurückgekehrt? Meine arme Johanna ist mir schon ganz melancholisch geworden –“

Der Kurfürst unterbrach sie, indem er mit seiner dürren Hand auf ein junges, hübsches Mädchen wies, welches sich erröthend verbeugte.

„Das ist die Gräfin von Hohenstein, ma fille,“ näselte er mit seiner unangenehmen Stimme, „die uns von unserem guten Vetter von Sachsen empfohlen worden ist.“

Sophie reichte dem Mädchen mit einem freundlichen Lächeln die Hand. „Wie hübsch die Kleine ist!“ sagte sie. „Wir wollen Freundinnen werden – wollen Sie, Gräfin?“

Fräulein von Hohenstein erröthete noch tiefer, und ihre Hand zitterte in der Hand der Fürstin. Wie Sophie jetzt wieder aufblickte, runzelte sie leicht die Stirne, denn ihr Blick fiel auf den Grafen von Königsmark, welcher sich soeben an der Seite des Kurfürsten näherte. Sie hatte den Grafen nie gesehen, aber sie wußte, daß er gekommen sei, und errieth ihn. Er war für sie ein Feind mehr an diesem Hofe. Der Jugendfreund ihres Gatten, der leichtfertige und berüchtigte Cavalier vom Hofe des sächsischen August mußte jedenfalls, wie alle Andern, Partei gegen sie nehmen.

„Monsieur le comte de Königsmark, général de son altesse l'électeur de Saxe,“ sagte der Kurfürst.

Königsmark verbeugte sich. Sophie nickte leicht mit dem Kopfe, sagte ein leises: „Seien Sie willkommen!“ und schritt weiter.

Während des Weiterschreitens machte sie einige Schwingungen [563] mit ihrem großen Fächer, und verborgen hinter den Planchen desselben flüsterte sie eilig der Frau von Nassau, welche an ihrer Seite ging, zu: „Sie ist nicht hier!“

Die Nassau lächelte bitter und ließ ihre Blicke mit einem bezeichnenden Ausdrucke auf einem Theile der Damengruppe haften.

Sophie Dorothea folgte der stummen Aufforderung, stieß plötzlich einen leisen Schrei aus und blieb wie angewurzelt stehen, als habe sie ein Gespenst erblickt.

Dieses Stehenbleiben konnte aber ebenso gut von der hastigen Bewegung einer langen, dürren Dame – der Obersthofmeisterin von Waiden – herrühren, die jetzt mit der Gräfin von Platen vortrat. In demselben Augenblicke wurde auch Prinz Georg sichtbar, welcher die Gräfin aus der Hand der dürren Dame empfing und mit derselben vor die Prinzessin trat.

Die Gräfin von Platen war ein schönes brünettes Weib, deren dunkle Schönheit durch das grelle Grün ihrer Robe noch gehoben wurde. Sie trug nach der damaligen Mode drei Schönpflästerchen im Gesicht, eine Neuerung, die an diesem Hofe noch Niemand gewagt hatte, und die erst in den Privatcirkeln acceptirt worden war. – Sie verbeugte sich vor der Prinzessin mit ungezwungener Anmuth und Leichtigkeit, aber die wogende Brust und die festgeschlossenen Lippen verriethen die Aufregung, welche diesen stolzen Körper durchzitterte.

„Hier stelle ich Ihnen die Wittwe des Grafen von Platen vor, Dorothea,“ sagte der Prinz mit harter, hastiger Stimme. „Ihr Gemahl ist in unserem Dienste umgekommen, und ich habe wohl nicht nöthig, Ihnen seine Wittwe zu empfehlen.“

Eine athemlose Pause trat ein. Man hörte das Knistern der Kerzen, das Rascheln der Seidenroben und das Knarren des Parquets. Eine tiefe Gluth hatte den Nacken und den Hals Dorothea’s übergossen, war wie ein rosiger Hauch in ihr Antlitz hinaufgestiegen und blieb auf ihrer Stirne haften wie ein Diadem ihrer verletzten Würde. Etwas wie eine Drohung blitzte in ihren Augen.

Dann wurde sie todtenbleich, und ein Zittern lief über ihre Gestalt, wie ein Windhauch über die Fläche eines Sees. Ohne ein Wort zu sprechen, wandte sie sich um und ergriff den Arm der Frau von Nassau, um sich mit ihr zu entfernen.

„Dorothea!“ wiederholte Georg mit einer dumpfen und concentrirten Stimme, „Dorothea, ich stelle Ihnen hier die Gräfin von Platen vor – sprechen Sie mit ihr –!“

Die zitternden Lippen der Prinzessin öffneten sich, und während sich ihre Augen mit Thränen füllten, murmelte sie mit halberstickter Stimme: „Ah! und welchen Namen wollen Sie, daß ich Ihrer Maitresse gebe, Georg?!“

Die Worte waren leise, sehr leise gesprochen worden – und nur wenige Ohren konnten sie vernommen haben, – aber dennoch brachten sie eine blitzartige Wirkung hervor. Georg trat mit einem wüthenden Ausrufe zurück und fing Frau von Platen auf, welche mit einem leisen Schrei in Ohnmacht sank. Der Kurfürst warf einen bösen Blick auf seine Schwiegertochter und wandte sich mit bebenden Lippen zu Lord Walpole, welcher mit seinem ewigen süßen Lächeln die Gruppe betrachtete.

Sophie Dorothea hatte den Arm ihrer Freundin ergriffen und schritt langsam und aufrecht durch den Saal, während die Damen und Herren des Hofes – welche nicht wußten, was eigentlich vorgefallen sei – theils mit einer tiefen Verneigung sich rangirten, um die Prinzessin vorbei zu lassen, theils mit einem Rufe des Bedauerns zu der ohnmächtigen Gräfin von Platen hineilten.

Als die schweren Portièren hinter der Prinzessin niedergefallen waren und dieselbe in ihre Gemächer trat, faltete Frau von Nassau entsetzt die Hände: „Was haben Sie gethan, Prinzessin! was haben Sie gethan!“

„Was ich gethan habe?“ rief Sophie Dorothea mit einem Seufzer der Befriedigung und des Triumphes, indem sie ihre Arme ausbreitete. „Ich habe mich endlich gerächt!“ Dann aber brach der ganze lang zurückgedrängte Jammer ihres Herzens aus, und sie sank bitterlich weinend auf einen Divan nieder, während sie die Arme rang, um welche sich die goldenen Armbänder krallten wie glänzende Schlangen.

Noch waren nicht zehn Minuten vergangen, als sich rasche Tritte auf dem Corridor hören ließen und die Thüre des Gemaches hastig aufgerissen wurde. Die beiden Frauen fuhren empor. Der Prinz stand auf der Thürschwelle und hielt die Falten der Portière in der Hand. Sein Auge blitzte, und die Zornader auf seiner Stirn war zum Zerspringen angeschwollen.

„Georg!“ rief Dorothea, indem sie aufsprang, „Georg!“

„Ich komme Ihnen zu sagen, Dörthe,“ rief er mit heiserer Stimme, „daß von heute an zwischen uns Beiden Alles aus ist. Bisher waren Sie mir nur gleichgültig, jetzt hasse ich Sie, wie mein Vater Sie haßt. Sie haben mich in dem beleidigt, was meinem Herzen und meiner Seele das Liebste ist – und ich werde mich rächen, das schwöre ich Ihnen. Hören Sie, Dörthe, von heute ab haben Sie einen Feind mehr am Hofe, der sich freuen wird, Sie leiden zu sehen. Und ich werde sorgen, daß Sie leiden und jene Scene nie vergessen! Leben Sie wohl!“ Und damit ließ er die Portière wieder herabfallen, und seine dröhnenden Schritte hallten im Corridor wieder.

„Georg!“ schrie Dorothea, „Georg!“

Aber er schritt weiter, ohne sich umzuwenden, und sah nicht ihre gebrochene Gestalt, wie sie mit gerungenen Händen und zurückgeworfenem Kopfe auf dem Boden lag und mit demselben jammernden und verzweifelnden Tone schrie: „Georg! Georg!“




3. Soyons amis, Cinna

In dem kleinen Palaste, welchen die schöne Gräfin von Platen unweit des kurfürstlichen Schlosses bewohnte, war es heute stiller als gewöhnlich. Keine Soirée zu sechs Couverts, kein kleines Spiel, kein petit comité. Denn die Gräfin war unwohl – und selbst dem Prinzen Georg, welcher jederzeit Zutritt bei ihr hatte, wurde der Eintritt in ihr Boudoir verwehrt – auf welchem er aber in Wahrheit nicht allzusehr bestand. Denn der Prinz, dieser verkörperte Egoismus, liebte seine Bekannten und Geliebten nur, um sich von ihnen erheitern und schmeicheln zu lassen – eine Indisposition scheuchte ihn von seinen besten Freunden zurück. Er haßte nicht nur alle Krankheiten, sondern auch alle Kranken.

Frau von Platen war also unwohl. Man hätte es kaum glauben sollen, wenn man einen Blick in ihr Boudoir warf – in dieses heimliche, lauschige Nestchen von Seide und Sammt, wo das Feuer so lustig knisterte und die Lampe so matt brannte. Auf einem Tische, welcher sich in der Nähe des Kamins befand, standen zwei langhalsige Weinflaschen und einige Assietten mit kalter Küche, Confect und Früchten. Frau von Platen, welche nachlässig in ihrem Fauteuil lehnte und an einer Apfelsine schälte, blickte mit ihren halbgeschlossenen Augen in’s Feuer und ließ nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihr vis-à-vis fallen, welches Niemand anders als der schöne Graf von Königsmark war. Der Graf hielt sein schlankes Kelchglas zum Lichte empor und betrachtete das Farbenspiel der tanzenden Perlen des Burgunders.

„Sagen Sie, Gräfin, es war doch eine schöne Zeit, nicht? – Wie haben wir uns damals geliebt!“

Die Gräfin betrachtete lächelnd den pausbäckigen Amor, welcher die Lampe auf seinen Schultern trug, und seufzte. „Wir waren Beide sehr jung. Sie waren meine erste Liebe, Philipp.“

Königsmark schloß die Augen und schlürfte die obersten Perlen des Burgunders. „In Wahrheit?“

„Wirklich!“ sagte die Gräfin. „Ich habe damals geglaubt, ich müsse sterben, wenn ich Sie einen Tag nicht gesehen hatte.“

„Und ich wollte mir eine Kugel durch den Kopf jagen, als Ihr Vater Sie zwang, den Grafen von Platen zu heirathen.“

Die Gräfin seufzte abermals. „ Es ist so schön, wenn man jung ist!“

„Und verliebt!“ ergänzte der Graf. „Schade, daß die schöne Zeit schon vorbei ist.“

„Wer weiß, wozu das gut ist!“ sagte die Gräfin philosophisch, indem sie dem pausbäckigen Amor einen Nasenstüber gab. „Wir sind wenigstens ein wenig gescheidter geworden.“

„Glauben Sie?“ lächelte Königsmark. „Ich sage Ihnen, Gräfin, ich gäbe gern alle Weisheit der Welt für einen Moment jener närrischen Liebe! Ach! ich möchte’ wohl ein Stückchen von ihr wiederfinden – es müßte eine Curiosität sein, die ich in Gold fassen und als Agraffe tragen könnte. Uebrigens steht es nur bei Ihnen, diese Zeit wieder herbeizuzaubern,“ fügte er mit einer galanten Verbeugung hinzu.

Die Gräfin sah ihn durchdringend an. „Keine Heuchelei, Graf! Wir Beide wissen, was wir von einander zu halten haben. Ihr Herz ist schon längst todt – und ich habe nie eins gehabt. Sie sehen, ich bin aufrichtig.“

[564] Philipp blickte halb ernst, halb spöttisch auf sein Gegenüber. „Sie haben mich also nie geliebt?“ flüsterte er, indem er mit den Mundwinkeln lächelte.

Die Gräfin zuckte ungeduldig mit den Achseln. „Du lieber Gott,“ seufzte sie spöttisch, „ich war ein kokettes Gänschen, und Sie waren zufällig der Erste, in den ich verliebt war. Ich konnte nicht leben ohne Sie, so lange Sie mir den Hof machten. Als ich den Grafen geheirathet hatte, war ich in acht Tagen von meiner Liebe geheilt!“

„Wie von einem Schnupfen!“ lachte Königsmark. Aber sein Lachen klang etwas gezwungen. „Gut, daß ich das jetzt erst erfahre – damals wäre ich an diesem naiven Geständniß gestorben! Es lebe die Wahrheit! Aber à propos,“ sagte er dann, nachdem er sein Glas geleert hatte, „dann lieben Sie ja auch den Prinzen Georg nicht?“

Die Gräfin sah ihn mit einem unaussprechlichen Ausdrucke von Ironie und Verachtung an. „Sie trauen mir also gar keinen Geschmack zu, Philipp?“ sagte sie.

Königsmark brach in ein lautes Gelächter aus. „Bravo!“ rief er. „Ich sehe, Sie sind wirklich aufrichtig!“

„Nicht wahr? ich gebe mich ganz in Ihre Hände –“

„Wahrhaftig! Aber dazu müssen Sie jedenfalls einen Grund haben. Denn unnütze Empfindungen traue ich Ihnen nicht zu.“

Die Gräfin machte eine leichte Verbeugung. „Sie sind zu galant. Der Grund dieser Offenherzigkeit ist übrigens ganz einfach und derselbe, welcher mich heute bewog, Sie allein zu empfangen – obwohl wir hier einander fremd sein müssen.“

„Und dieser Grund?“

„Errathen Sie ihn nicht?“

„Glauben Sie, Jedermann müßte so scharfsichtig sein wie Sie?“

„Danke. „Nun, ich will Ihrer Naivetät zu Hülfe kommen: ich will Sie zum Freunde haben.“

Philipp warf einen erstaunten Seitenblick auf die Gräfin. „Bah! Ich denke, wir sind es schon?“

„Verstehen wir uns. Wenn ich sage Freunde, so meine ich Bundesgenossen.“

Philipp warf seinen Kopf zurück. „Ah! ah!“ murmelte er für sich. „Es scheint, ich soll mich hier um jeden Preis amüsiren!“ Dann fügte er laut hinzu, indem er die Gräfin mit affectirter Einfalt anblickte: „Bundesgenossen, Gräfin? Zu was brauchen Sie einen Bundesgenossen, Sie, die Sie hier allmächtig sind?“

Die Gräfin blickte nachdenklich in die Flammen und zerzupfte eine prachtvolle rothe Blume, welche sie aus einer der Kaminvasen genommen hatte. „Meine Allmacht geht nicht so weit, als ich möchte.“

[577] Philipp sah die Gräfin Platen durchdringend an, dann leerte er mit einem Zuge sein Glas und fuhr mit dem feinen Spitzentuche über sein blondes Schnurbärtchen, an dessen Spitzen einige Tropfen des Burgunders zitterten. Dann stand er auf und neigte sich vertraulich über den Stuhl der Gräfin. – Er war ein schöner, sehr schöner Mann, wie er so dastand – leicht vornübergebeugt, seine weiße, feine Hand auf den Sammt des Kissens gelegt, und seine dunklen Augen herabgesenkt. So etwas mußte die Gräfin denken, als sie zu ihm aufblickte.

„Gräfin,“ sagte er, „gestehen Sie, es handelt sich um eine Rache.“

Die Gräfin sah noch immer zu ihm auf. In der rechten Hand hielt sie einen schwarzseidenen Fächer, um sich vor der Gluth des Kaminfeuers zu schützen – vielleicht auch, um ihr Gesicht zu beschatten. Die Hand, welche diesen Fächer hielt, ruhte in der Luft, und das Kaminfeuer ließ Millionen Funken und Flammen aus ihren Diamantringen sprühen. Plötzlich klappte sie den Fächer zu. „Ja,“ sagte sie mit klarer und fester Stimme.

Die Augen des Grafen schossen einen Blitz, welcher sich mit den Strahlenreflexen der Ringe kreuzte. „Und das Opfer dieser Rache soll die Prinzessin Sophie Dorothea sein?“

Die Gräfin legte ihre weiße Hand auf seine Schulter, und ihre Augen hielten die des Grafen gleichsam gefangen. „Sie errathen gut, Graf,“ sagte sie. „Es ist so. Wollen Sie mir helfen, Philipp?“

Philipp hatte sich wieder aufgerichtet und trat einen Schritt zurück. „Gräfin,“ sagte er, „stellen Sie mich einem ganzen Bataillon von Feinden gegenüber, und ich will eine Schleife Ihres Corsets mit meinem letzten Blutstropfen vertheidigen. Aber was Sie mir da vorschlagen, ist kein Geschäft für einen Mann, für einen Cavalier.“

Die Gräfin lachte und faßte seine Hand. „Das sind große Worte, Philipp. Es handelt sich ja um eine bloße Intrigue. Die Prinzessin hat mich beleidigt, und ich will mich ein wenig rächen. Helfen Sie mir! Wollen Sie? Sie ist Ihnen ja doch gleichgültig. Nicht?“

Ein seltsames Lächeln spielte um Philipp’s Lippen. „Ja.“

Aber die Gräfin betrachtete ihn so aufmerksam, daß dieses Lächeln bald verschwand.

„Sie haben neulich bei der Vorstellung Muße gehabt, die Prinzessin zu mustern. Wie gefällt sie Ihnen?“

Philipp beugte seinen Kopf zurück, so daß sein Gesicht im Schatten war, und warf nachlässig hin: „Ich habe mir wahrlich nicht die Mühe genommen, dies zu thun.“

„Sie haben sich nicht die Mühe genommen!“ rief die Gräfin mit einem leichten Stirnrunzeln. „Sie, der Graf von Königsmark, der berüchtigte Libertin, Sie haben sich nicht die Mühe genommen, eine der schönsten Frauen unserer Zeit zu mustern? Und noch dazu eine Frau, welche Sie haßt! Denn sie muß Sie hassen, Philipp,“ fügte sie mit erhabener Keckheit hinzu – „sie ist eine ehrbare Frau.“

Königsmark lachte laut auf. „Sie haben Recht!“ rief er. „Alle ehrbaren Frauen hassen mich – ich vernichte ihrer aber auch, so viel ich kann!“

„Nun also – wollen Sie mir helfen?“ fragte die Gräfin hastig, indem sie ihre Hand ausstreckte. „Soyons amis, Cinnay!“

Der Graf trat einen Schritt zurück. „Gräfin,“ sagte er, „mein Grundsatz ist: Thue nichts ohne eine Ursache. Geben Sie mir also eine Ursache, einen Grund, die Prinzessin zu hassen, und ich stehe Ihnen mit allen Mitteln der Intrigue zu Gebote. Bis jetzt ist sie mir gleichgültig. Weshalb sollte ich sie also bekämpfen? Lassen Sie die Dame aber einmal feindlich gegen mich auftreten, und Sie sollen sehen, wie treu ich Ihnen dienen werde! Bis dahin aber werde ich neutral bleiben.“

Die Gräfin runzelte die Stirn. „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich,“ sagte sie. „Sie sind der Jugendfreund, der Vertraute des Prinzen Georg. Sie theilen seit einer Woche schon alle Orgien und Tollheiten mit ihm. Und ist das nicht Grund genug, die zu hassen, die Ihr Freund haßt?“

Der Graf machte eine spöttische Grimasse. „Ich bin gewöhnt, meinen Haß und meine Liebe auf eigene Rechnung zu führen,“ sagte er. „Also bleibe ich, wie gesagt, für jetzt neutral.“

„Gut,“ sagte die Gräfin nach einem kurzen Nachdenken. „Ich gebe Ihnen vierzehn Tage Bedenkzeit. Sind Sie bis dahin entschlossen mein Bundesgenosse zu werden, so melden Sie mir’s persönlich. Nanette wird Sie einlassen. Ist aber das Gegentheil der Fall, so …“

„So sende ich Ihnen eine verwelkte Rose,“ sagte Königsmark lachend. „Ganz wie in dem Schäferspiele des Meister Gryphius.“

„Es sei. Ich werde dann wissen, daß ich Sie als Feind zu betrachten habe.“

„Als Feind? Nie!“ lächelte Königsmark galant, indem er die Fingerspitzen der schönen Gräfin küßte. „Höchstens als Gegner.“

Die Gräfin hatte sich erhoben. „Nehmen Sie sich in Acht, Graf!“ sagte sie. „Ich bin als Gegnerin unerbittlich und grausam.“

[578] „So grausam wie in der Liebe?“ flüsterte der Graf, indem sich die Spitzen seines Schnurrbärtchens leicht in die Höhe zogen.

„Sie sind impertinent!“ lachte die Gräfin. „Noch eins, Sie können mich hier nicht mehr besuchen. Es wäre doch zu riskirt.

Einmal ließ sich das wohl arrangiren, aber ein zweites Mal wäre es zu gefährlich. Georg ist eifersüchtig, und ich habe meine Stellung viel zu lieb, um sie Ihretwegen auf’s Spiel zu setzen.“

„Aber wie soll ich Ihnen dann meine Ergebenheit melden, im Falle ich Ihr Bundesgenosse zu werden wünsche?“

Die Gräfin sann einen Augenblick nach. Der Fächer klappte auf und zu, und die Diamantenringe sprühten einen Funkenregen aus. Plötzlich lächelte sie. Sie hatte augenscheinlich gefunden, was sie suchte. „Sie bewohnen ein Appartement im Schlosse?“ fragte sie.

Königsmark nickte.

„Und Ihr Boudoir besitzt gewiß irgend eine kleine Seitenthür, zu der man durch irgend einen dunklen Corridor gelangt, der auf den Wall mündet? Prinz Georg wird doch seinem „Trinkcumpan“ ein solches Appartement angewiesen haben, um ihm ungestörte Besuche machen zu können?“

Philipp lachte. „Errathen! Sie kennen das Terrain des Feindes vollkommen, Gräfin – und das ist immerhin ein Vortheil. Aber was soll Ihre Frage?“

„Geben Sie mir den Schlüssel dieser Thüre!“ sagte die Gräfin, indem sie ihre Hand ausstreckte.

„Aber –“

„Geben Sie mir den Schlüssel dieser Thüre.“

„Wer soll –“

„Geben Sie mir den Schlüssel dieser Thüre!“ wiederholte Frau von Platen, indem sie mit dem Fuße stampfte. „Ich will Sie in vierzehn Tagen besuchen. Ganz wie ein guter Camerad, der seinen Collegen besucht. Bei uns Beiden hat es wohl keine Gefahr – wir lieben uns ja nicht – nun?“

Königsmark zog lachend einen kleinen Schlüssel aus seiner Westentasche und reichte ihn der Gräfin. „Bei Gott, Amelie,“ sagte er, „Sie sind ein reizendes Wesen. Ich könnte mich beinahe noch einmal in Sie verlieben!“

Die Gräfin klingelte. „Eine Liebschaft zwischen uns Beiden wäre mehr als absurd!“ sagte sie.

„Sie haben Recht,“ sagte der Graf mit einer galanten Verbeugung und mit einem Blick auf das lebensgroße Portrait des Prinzen Georg, „sie wäre ungeschickt.“



4. Das Deutsch des Mylord Walpole.

Das Studirzimmer des Kurfürsten war ein düsteres, ungemüthliches Gemach, dessen dunkle Tapisserien und Möbeln dasselbe noch ungemüthlicher machten. In einer weichen Causeuse lehnte der alte dürre Fürst und trommelte mit seinen gelben Fingern auf die Marmorplatte eines kleinen Leuchterhalters, welcher vor ihm stand. Mylord Walpole stand an das Kaminsims gelehnt und blicke mit seinem liebenswürdigen zerstreuten Lächeln nach allen Seiten, nur nicht auf den Kurfürsten.

„Also, Mylord,“ sagte Ernst August mit einer ungeduldigen Betonung in seiner Stimme, „weshalb zögert die britische Majestät mit der Erklärung, daß sie meinen Sohn als unbestrittenen Nachfolger anerkennt? Welcher Grund kann die Königin Anna abhalten, diese Erklärung abzugeben? Sie selbst behaupteten ja, daß sie den Prinzen allen andern Prätendenten vorziehe – es muß dennoch ein geheimer Grund da sein, welcher ihr oder vielmehr uns im Wege steht. Sprechen Sie doch zum ersten Male in Ihrem Leben offen heraus, Herr Gesandter, und wir wollen bald alle Hindernisse bei Seite schaffen. Bei Gott, die Krone Großbritanniens ist wohl eines kleinen Opfers werth!“

Mylord Walpole lächelte mit seiner gutmüthigsten Miene. „Aufrichtig sein? Wie gern!“ lispelte er. „Aber Sie wissen, daß ich mit der deutschen Sprach’ nicht so gut fortkomme, als ich wollte …“

„Da geht es Ihnen mit dem Deutschen, wie mir mit dem Englischen!“ brummte der Kurfürst. „Und das lateinische Geträtsche ist uns Beiden zuwider. Aber versuchen Sie es nur immerhin, Mylord! Zum Teufel, Herr von Walpole, wenn wir uns gegenseitig ergänzen, wollen wir uns schon verstehen!“ fügte er bedeutsam hinzu, indem er das letzte Wort betonte.

„Wenn mein Sohn nach dem Tode der Königin Anna – den Gott noch lange hinausschieben möge! …“

Mylord neigte leicht das Haupt.

„… den Thron von England besteigt, so wird er sich jedenfalls glücklich schätzen, wenn er einen so treuen und ergebenen Rathgeber an der Seite hat, der zugleich ein wenig deutsch kannyou understand me?“

Und der Kurfürst, zog die Winkel seiner dünnen Lippen aufwärts, während Mylord abermals sein Haupt neigte.

Yes – perfectly.

Der Kurfürst fuhr fort. „Sie sehen also, daß es für beide Theile nur nutzbringend sein kann, wenn Sie sich in den deutschen Sitten und vor allem in der deutschen Sprache so fleißig als möglich üben. Vor allem in der Sprache. Vous comprenez toujours?

Every word,“ lächelte Mylord.

„Jedes Wort? Gut. Aber den Sinn?“

And the matter,“

„Nun also. Fangen wir gleich mit einer kleinen Redeübung an. Weshalb zögert die Königin, meinen Sohn als Erben anzuerkennen?“

Mylord hüstelte leicht in seine Hand und hub mit seinem gemüthlichsten Lächeln an: „Unsere gute Königin – die Gott beschützen möge! – ist eine große Liebhaberin der Geschichte und giebt sich mit großer Vorliebe dem Studium derselben hin.“

„Teufel! Teufel!“ murmelte der Kurfürst. „Sie wollen wieder meiner Frage ausweichen, Mylord? Wie oft soll ich Ihnen sagen, daß wir hier in keinem Conseil sind. Wir sind hier unter uns – wozu also alle diese Winkelzüge?“

Mylord hustete stärker. „Ich sagte Ew. Durchlaucht wohl, daß ich mit dem Deutschen zu langsam fortkomme. Wir wollen es also doch mit dem Latein versuchen.“

Der Kurfürst biß sich in die Nagel und lächelte. „Nein, nein, Mylord – fahren Sie nur fort – ich werde Sie nicht mehr unterbrechen. Uebrigens sind Sie allzu bescheiden. Sie sprechen ja das Deutsche, als ob es Ihre Muttersprache wäre! – Also?“

„Also. Wie ich mir vorhin zu erwähnen erlaubte, besitzt meine gute Königin eine große Vorliebe für das Studium der Geschichte. In allen Chroniken nun hat sie – wie sie mir in einer vertrauten Unterredung gestand – gefunden, daß fremde Königinnen dem Throne Englands stets Unheil bringen.“

Der Kurfürst horchte auf. „Ah! ah!“ machte er.

„So groß nun auch ihre Achtung und Neigung für das Haus Ew. Durchlaucht ist, so besitzt Prinz Georg dennoch einen Fehler, der ihn – vom Standpunkte der Geschichte aus betrachtet – für den Thron von England un…“

„Nun, nun?“

„Hier läßt mich mein Deutsch im Stiche, Durchlaucht.“

„Untauglich macht, Mylord? Untauglich macht?“

„Ich habe das nicht gesagt,“ entgegnete Mylord mit seinem unschuldigsten Lächeln.

Der Kurfürst sprang auf und faßte Mylord an beiden Schultern. „Jetzt wird mir Alles klar! Das also ist’s!“ Dann steckte er die Hände in die Tasche und eilte aufgeregt hin und her. „Teufel! Teufel!“ murmelte er, „das ist schlimm! Dieses bleichsüchtige Wesen soll mir immer und ewig im Wege stehen? Diese hochmüthige Bettelprinzessin soll mir also alle meine Pläne kreuzen? Was ist da zu thun? Was zu thun?“

Mylord Walpole betrachtete sich im Spiegel und zupfte seine Halskrause zurecht.

Plötzlich blieb der Kurfürst stehen. „Mylord, was sagen Sie zu einer Scheidung?“

Walpole wandte sich langsam um und betrachtete den Kurfürsten mit seinen wasserblauen Augen. „Scheidung?“

„Ja, Scheidung – divortium.

„Scheidung!“ wiederholte Walpole. „Aber die gute Königin Anna ist ja eine so entschiedene Feindin von jedem Scandale!“

Der Fürst fuhr auf. „Scandal?“

„Nun ja,“ entgegnete Mylord. „Eine freundschaftliche Trennung zweier Fürstenhäupter ist doch ein Scandal? Denn in diesem Falle tragen beide Parteien einen Theil der Schuld. Etwas Anderes ist es freilich,“ fügte er leise, fast unhörbar hinzu, „wenn [579] die Scheidung ein Urtheil ist, mit dem die Untreue des einen Theiles bestraft wird.“

„Und wenn der schuldige Theil die Frau ist, nicht wahr?“ flüsterte der Kurfürst ebenso leise, „als desto strengerer Züchter steht dann der Gemahl da. O, Sie sind ein Juwel, Mylord!“ lachte er dann laut heraus. „Und ich werde nächstens bei Ihnen Stunden nehmen in der deutschen Sprache!“

Mylord verbeugte sich lächelnd. Dann nahm er sein rothes Portefeuille von der Leuchtersäule und öffnete es. „Es ist aber wahrhaftig unverzeihlich von mir, gnädigster Herr, daß ich von Dingen rede, die nicht hierher gehören – anstatt Ihnen die Depeschen vorzulegen, welche ich heute aus London erhalten habe.“

Der Kurfürst lachte laut auf. „Von Dingen, welche nicht hierher gehören, sagen Sie?“

„Nun ja,“ entgegnete Mylord, indem er emsig seine Schriften durchblätterte; „wie kann sich das, was wir soeben besprachen, auf irgend ein Ehepaar unserer Umgebung beziehen? Die Damen Ihres Hofes, gnädigster Herr, sind sämmtlich Muster von Treue und Sittsamkeit und Würde, in welchen Tugenden die schöne Prinzessin Sophie Dorothea allen Andern als glänzendes Beispiel voranstellt. – Hier ist der neue Handelsvertrag gnädigster Herr, den Ihre Majestät mit Frankreich abgeschlossen hat …“



5. Herr von Königsmark amüsirt sich.

Der Hof Ernst August’s zeigte noch immer sein altes Gesicht. Prinz Georg ging mit seinem Busenfreunde Königsmark allnächtlich auf Abenteuer aus, die gewöhnlich mit kleinen Orgien endigten, und die petites maisons des Kurprinzen wiederhallten von dem Jauchzen und Singen seiner Gefährten und Freundinnen. Sophie Dorothea lebte eingezogener als je und verließ nur selten ihre Gemächer. Seit jenem Abende der Vorstellung hatte der Prinz nicht mehr mit ihr gesprochen. Umsonst ließ sie ihn täglich und stündlich um eine kleine Audienz ersuchen – umsonst bat sie ihren Gatten um eine Gunst, welche er dem Geringsten seiner Unterthanen gewährte. Selbst der alte Kurfürst behandelte sie schroff und zuckte mit den Achseln, wenn sie sich mit einer Klage an ihn wandte. Sie erstickte beinahe in der feindlichen Atmosphäre dieses Hofes, an welchen sie durch die Etiquette und die Convenienz gefesselt war wie an eine Schandsäule, der ihr eine Heimath sein sollte und der ihr nur ein Kerker war. Ihr Gemahl und ihr Schwiegervater haßten sie – und dennoch durfte sie nicht fort - denn sie war ja in den Augen der Welt die Gattin des Einen und die Tochter des Andern.



Das Toilettezimmer des Prinzen Georg war an diesem Abende freundlicher als je. Die offenen Fenster desselben gingen in den Garten und ließen den Duft tausendfältiger Blumen und Blüthen herein. Eine leichte, frische Brise machte die Reben erzittern, welche die Fenster umrankten, und die Vögel zwitscherten der sinkenden Sonne ein lustiges „Auf Wiedersehen!“ zu. Alles war voll Sonnenschein und Sommerduft. Der Graf von Königsmark lehnte am Fenster und trällerte ein Liebchen, während sich Prinz Georg, vor seinem Spiegel stehend, ein wenig Rouge auflegte und seinen Augenbrauen mit einem parfümirten Cosmetique eine dunklere Färbung verlieh.

„Heute muß ich besonders schön sein!“ meinte er lachend. „Heute kommt die kleine Italienerin zur Tafel, die unserm Kapellmeister empfohlen worden ist.“

„Und die möchten Sie gern unglücklich machen, Prinz?“ lachte Königsmark, „o weh! und ich wäre Ihnen da so gern in’s Garn gegangen –! Aber wenn Sie sich so unwiderstehlich machen, muß ich freilich alle Hoffnung aufgeben!“

„Spotte nur, Du Glücklicher! mit Deinem südlichen Teint brauchst Du freilich keine Rouge, um beim Lampenschein den Eclat Deines Gesichtes zu erhöhen, aber wir armen Blondins! – Ah, wie die verdammte Sonne blendet!“

„Aber es ist doch ein herrlicher Abend, Prinz. Wir sollten wahrhaftig eine kleine Streiferei durch den Park machen, ehe wir uns in die schwüle Atmosphäre der Frau von Wimpffen begeben.“

Georg seufzte. „Unmöglich. Denke Dir, Philipp, ich muß noch eine Audienz geben.“

„Jetzt – am Abend?“

Georg nickte.

„Und wem?“

„Du wirst es nie errathen, – meiner Frau.“

Königsmark horchte aus. „Bah! Ich denke, Sie sprechen nicht mehr mit ihr.“

„Ja, ich verabscheue sie. Du hast mich ja selbst meiner Festigkeit wegen gelobt. Aber sie hat endlich ihren Stolz gebeugt und giebt nach.“

„Wirklich?“

„Sie hat mir angetragen, Frau von Platen zur Palastdame zu erheben, wenn ich ihr eine Unterredung gewähre. Ist das nicht göttlich? O die Weiber! Früher oder später werden sie doch kleinlaut!“

Königsmark runzelte die Stirne. „Auch diese?“ murmelte er.

„Du begreifst also wohl, daß ich diese Unterredung nicht gut abschlagen konnte.“

„Ja,“ sagte Königsmark, indem er seinen Hut ergriff, „ich begreife es und will daher nicht länger lästig fallen.“

„Du gehst, Philipp?“

Mais …

„Was fällt Dir denn ein?– Du mußt hier bleiben, damit wir dann gleich zusammen ausfliegen können.“

„Aber die Unterredung, welche die Prinzessin von Ihnen erbat, soll doch jedenfalls eine geheime sein?“

„Das soll sie auch. Geh hier in dieses Cabinet – da sieht sie Dich nicht.“

„Nein aber, Prinz, ich höre Alles …“

„Nun, und?“

Königsmark sah den Prinzen mit einem seltsamen Ausdrucke an. „Es ist nicht ritterlich, Monseigneur, die Geheimnisse eines Frauenherzens so preiszugeben.“

„Du bist ein Narr! Bist Du denn ein Fremder? Allons! Nimm Dich in Acht, daß Du nicht einschläfst – die Apostrophen meiner Frau sind schrecklich langweilig. Ich glaube, ich höre sie schon.“

„Ihre Durchlaucht, die Frau Prinzessin Sophie Dorothea!“ meldete in diesem Augenblicke der einäugige Jean, des Prinzen Kammerdiener.

Georg ließ die Portiere des Cabinets, worin Königsmark verschwunden war, niederfallen und näherte sich wieder dem Spiegel. Die Prinzessin trat ein. Sie schritt rasch einen oder zwei Schritte vor, mit ausgestreckten Armen und fliegendem Athem. Als sie aber ihren Gemahl erblickte, der sich im Spiegel besah und dessen kalte Miene wie ein eisiger Frost auf ihr Herz fiel, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihre Arme sanken herab, und das Feuer ihrer Augen erlosch.

Georg wandte sich halb um. „Nun, Madame?“ sagte er.

Sophie preßte ihre Hände aneinander und sagte mit thränenschwerer Stimme, der sie vergebens den Ton der Fassung zu geben suchte: „Georg! Georg! So empfängst Du mich? Nachdem ich wochenlang umsonst versucht habe, zu Dir zu dringen – nachdem ich, Deine Gattin, Dich umsonst angefleht habe, daß Du mich anhörst nachdem ich endlich diese Unterredung mit einer Unterschrift erkauft habe, welche mir noch jetzt die Schamröthe in’s Gesicht treibt: jetzt empfängst Du mich so? O Georg, Georg! Ich bin Deine Gattin, die Mutter Deiner Kinder! Und Du hast mich doch einst geliebt!“ Und unfähig, die hervorquellenden Thränen länger zurückzuhalten, barg sie ihr Gesicht in ihren zitternden Händen.

Georg maß sie mit seinen insolenten Blicken. „Ist das Alles, was Sie mir zu sagen haben, Madame?“ sagte er – „Sie sind also mir gekommen, um mir Vorwürfe zu machen und mich in meiner Eigenschaft als „Ungeheuer“ anzuklagen? – Das ist gewiß sehr amüsant – aber machen Sie schnell, ich habe Eile.“

Sophie fuhr auf. Ihr Auge blitzte und ihr bleiches Antlitz röthete sich. „Nein,“ rief sie, „nein, Georg, ich komme weder um Dir Vorwürfe zu machen, noch um Dich anzuflehen – ich komme nicht als ein schwaches, liebendes Weib zu Dir, die sich zu Bitten erniedrigt, ich komme als Deine Gattin, als die Fürstin, welche Deinen Thron theilt, zu Dir, um mein Recht zu fordern. Es muß endlich in’s Reine kommen mit uns Beiden, Georg. Ich bitte nicht mehr, ich verlange!“

Georg versuchte ein Lachen, aber vor diesen gebietenden Augen, welche durch ihren Thränenschleier Blitze schossen, und vor dieser [580] entschiedenen Haltung bebte er zurück, und sein Gelächter brach schrill ab. „Zu verlangen, Madame!“

„Ja, ich verlange!“ wiederholte Sophie mit einer gebieterischen Bewegung. „Du mußt mich hören, Georg – zum ersten und zum letzten Male. Ich habe Dich nie geliebt.“

„Ah!“

„Ja – in dieser Stunde wäre jede Heuchelei eine Feigheit – ich habe Dich nie geliebt! Du weißt wohl, daß wir Beide gezwungen und mit Widerwillen an den Altar traten. Erinnerst Du Dich noch der ersten Nacht unserer Ehe? Wo ich mit meinem kostbaren Spitzengewande weinend im Parke umherirrte, weil ich Dich verabscheute – und wo Du beim Scheine unserer Hochzeitsfackel an Deine Geliebte schriebst, daß Du mich hassest? – O, was habe ich seit jener Nacht geweint! Wie viele Thränen der Verzweiflung habe ich seit jener Nacht vergossen! Aber ich bin Dir immer ein treues Weib, eine gehorsame Gefährtin gewesen, Georg. Oft, wenn mein armes, vernachlässigtes Herz aufjammerte und aufschrie in seiner Verlassenheit und nach ein wenig Liebe lechzte – denn auch ich bedarf der Liebe, Georg! – da habe ich es gepreßt und gedrückt, als wolle ich es ersticken, und neigte das Haupt in meiner Resignation und in meiner stillen Verzweiflung. Denn vor der Welt wenigstens warst Du mein ergebener Gatte. Als Du aber dann Deine skandalösen Liaisons offen zur Schau trugst, als Du mich zwangst, Deine Maitressen neben mir zu dulden, und mich dadurch zum Gespötte des ganzen Hofes machtest: da bäumte sich mein Stolz wie ein scheugewordenes Roß – und ich wagte es, mich zu beklagen. Und seitdem quälst und erniedrigst Du mich, wo Du es nur vermagst – Du behandelst mich nicht wie Deine Gattin, sondern wie Deine Feindin. Ich bin nicht mehr die Erste dieses Landes, ich bin elender als die letzte Bettlerin, denn ich bin nicht einmal frei. Von meinen Kindern hast Du mich getrennt und sie fremden Weibern anvertraut, die mir ihre Herzen und ihre Seelen entfremden, meine Freunde werden vom Hofe entfernt, Dein Vater haßt und verfolgt mich mit tausend kleinlichen Quälereien, Du meidest mich und verleugnest mich vor aller Welt.“

„Sophie!“

„Ach! Ich bin noch nicht zu Ende, Georg. Wenn Du wüßtest, was ich in dieser fürchterlichen Einsamkeit des Lebens gelitten habe, Georg, ich glaube, auch Du müßtest Mitleid mit mir haben. Ich bin Deinem Vater zu Füßen gefallen und habe ihn mit heißen, blutigen Thränen angefleht, er solle in unsere Scheidung willigen, ich könne es nicht länger hier aushalten, ich müsse wahnsinnig werden oder sterben! Da hat er die Achseln gezuckt und mir begreiflich gemacht, eine Scheidung könne nie ein freundschaftliches Uebereinkommen sein, sondern nur ein Urtheil, welches einen Schuldigen treffe. Ich habe das nicht verstanden, ich begriff nur, daß man mich hier festhalte, wo man mich haßt, daß ich eine Gefangene sei, und daß ich nur bei Dir noch Rettung hoffen könne! Und hier bin ich, um Dich anzuflehen, Georg – laß mich zu meiner Mutter nach Celle zurückkehren, trenne Dich von mir, laß mich fort, fort, fort!“ Und schluchzend faßte sie die Hände ihres Gemahls und sah ihm flehend in’s Antlitz.

Georg blickte sie finster und drohend an. „Sind Sie toll, Madame?“ rief er. „Sie wissen also nicht, daß dies unmöglich ist? daß wir umringt sind von den Spähern der Engländerin, welche unsere geringsten Handlungen interpretirt und kritisirt? Sehen Sie denn nicht, daß eine Scheidung unmöglich ist? Ah, bei Gott! Wenn Sie ein ungetreues Weib wären, dann könnte ich Sie verstoßen – aber ich kann mich nie von Ihnen scheiden lassen!“

Sophie fuhr auf. „Ich soll also hier bleiben, Georg, umgeben von feindseligen Verwandten und kaltherzigen Dienern, erröthend unter dem Blicke Deiner schamlosen Maitressen, gemartert von Deiner Kälte und von Deiner Geringschätzung, verspottet von Deinen Freunden und Schmeichlern? Georg, Georg, nimm’ Dich in Acht, daß nicht zu viel von mir verlangt wird!“

Georg richtete sich hohnlächelnd auf. „Schön, jetzt kommen die Drohungen!“

„O!“ murmelte Sophie, indem sie zurückwich und mit ihren Fäusten die Spitzen ihrer Robe zerknitterte. „O, Du bist ein Feigling! Denn Du läßt mich weinen und Du verspottest mich!“

In diesem Augenblicke fiel ihr Blick auf die Portière des Nebenzimmers und sie sah den Grafen von Königsmark, welcher dieselbe hoch emporhielt, den Kopf vorgeneigt, mit keuchender Brust, die funkelnden Augen fest auf sie gerichtet.

„Ah!“ schrie sie, außer sich durch diese letzte Demüthigung, welche ihr Gemahl ihr anthat, indem er ihre Klagen und ihren Jammer einem eiskalten Freunde preisgab. „Was ist das? – Herr von Königsmark? – O, das ist infam! Also selbst bis in Ihre Gemächer wollen Sie mich zum Gespötte Ihrer Diener machen, Georg? O wie infam – wie elend!“

„Madame!“ schrie Georg wüthend, während Königsmark einen Schritt zurücktrat.

„Ah, bleiben Sie nur,“ fuhr Sophie in immer wilderer Aufregung fort, „bleiben Sie nur, Herr von Königsmark, denn ich will meinem Gatten nicht länger lästig fallen! Nicht wahr, Sie haben sich soeben köstlich amüsirt, und werden die Geschichte dieses Auftrittes in einer Orgie ausschreien, unter Leuten Ihres Gleichen und schamlosen Dirnen? Es ist also nicht genug, daß Sie meinen Gemahl von einer Ausschweifung zur andern treiben durch Ihren Rath und durch Ihr Beispiel, – es ist nicht genug, daß Sie bei seinen Liaisons den gefälligen Freund machen, Sie spielen auch noch den Horcher?! Ah! Sie beschimpfen Ihren Namen und beflecken Ihr Wappen, mein Herr Graf von Königsmark – Sie sind kein Edelmann, Sie sind nur ein Lakai! Et maintenant, je veux passer – rangez-vous!

Und mit einer wahrhaft königlichen Gebehrde die Beiden abwehrend, und sie mit ihrem stolzen Blicke beherrschend, schritt sie zur Thüre hinaus.

Georg ballte wüthend seine Fäuste und machte einen Schritt, um ihr zu folgen, während Königsmark wie betäubt auf einen Stuhl sank.

„Wie schön sie ist!“ murmelte er. „Wie schön sie ist! – Andere Frauen haben nur Blicke, sie aber hat Blitze. – Sie haßt mich! – O! der Haß eines Weibes ist eine unbekannte Wollust für mich, und ich will sie genießen. – Wie schön sie ist! Wie reizend!“

„Philipp!“ rief Georg, indem er halb zornig, halb lachend auf ihn zutrat. „Mein armer Freund, Du bist schön angekommen! Nun, was sagst Du?“

„Ich sage,“ entgegnete Königsmark, indem er sich erhob und aus der Vase, welche auf der Toilette des Prinzen stand, eine halbverwelkte Rose nahm, „ich sage, daß es schon spät ist und daß wir eilen müssen, wenn wir beim Souper noch zurecht kommen wollen. Prinz, Sie werden wohl heute nach dem Goûter noch das Glück haben, die Frau Gräfin von Platen zu sehen?“

„Natürlich! Aber wie kommst Du zu der Frage, Philipp?“

„In diesem Falle würde ich Sie ersuchen, Monseigneur,“ fuhr Philipp fort, indem er dem Prinzen mit einem lustigen Lächeln die Rose reichte, „der Gräfin diese Rose in meinem Namen zu übergeben.“

„Bah!“

„Ja. Es gilt eine Wette, Prinz.“

[593]
6. Der Besuch.

Vor den Gemächern der Frau von Nassau, als erster Ehrendame, befand sich die Nacht hindurch ein Wachtposten, welcher aus jenen langen Cavalleristen rekrutirt wurde, die später Friedrich Wilhelm I. von Preußen, dem Vater des großen Fritz, als Modell seiner Leibhusaren dienen sollten. An diesem Abende war es der lange Jürge, ein ehrlicher Bauernsohn aus den Marken, welcher dies Ehrenamt versehen sollte.

Dieser Flügel des Schlosses schien schon in der vollständigsten Ruhe zu liegen, während der Erkerflügel des Prinzen, – welcher weit in den Park hineinragte und den man von den Corridorfenstern aus gerade vor sich liegen sah noch voll Leben und Lichter war. Die Lampe des Corridors brannte matt und träge, und der schwere Sommerregen, welcher klatschend an die Fensterscheiben schlug, erhöhte noch die gemüthliche Ungemüthlichkeit dieses Halbdunkels.

Die Schritte des langen Jürge wurden bald langsamer, bald schneller je nachdem er schläfriger wurde oder durch einen Donnerschlag aus seinem wandelnden Schlafe aufgeschreckt wurde – und hallten bald lauter, bald dumpfer durch den Gang. Endlich verstummte auch dieses Echo. Der lange Jürge hatte sich an die Thüre gelehnt und die Augen geschlossen. Das häufige Wetterleuchten blendete ihn augenscheinlich. Jetzt schreckte er wieder auf. Aber diesmal war es eine kräftige Hand, die ihn aus seinem Schlummer weckte.

„He – holla – wer – wer ist da?“

„Still, Jürge – erschrick nicht, ich bin’s.“

„Wer ich? – Sak… Ah, gräfliche Gnaden, Herr Philipp!“

„Ja, Jürge. Willst Du mir einen Dienst leisten?“

„Wie denn nicht, Herr Graf? – Sie wissen ja, mein ohler Vater hat bei Ihrer Frau Schwester Gräfin das Gnadenbrod - und ich bin doch bei Ihnen daheim aufgewachsen! Einen Dienst leisten? Tausend für Einen!“

„Gut. Vor Allem sage mir, ist heute Abend Niemand zu Frau von Nassau hineingegangen?“

„Halten zu Gnaden, Herr Graf, vor einer Stunde die Frau Prinzessin Durchlaucht.“

„Wie lange hast Du noch die Wache?“

„Noch eine Stunde.“

„Gut, Jürge. Jetzt höre. Du mußt mir auf eine halbe Stunde Deine Montur leihen und mich Deine Stelle vertreten lassen. Es soll Dein Schade nicht sein. Hier!“

Und der Graf zog einen wohlgefüllten Beutel aus der Tasche, welchen er dem langen Jürge vor die Augen hielt. Jürge kratzte sich mit der einen Hand hinter den Ohren, mit der andern rieb er sich den Rücken, und mit seinen Augen blickte er abwechselnd auf den Beutel und auf den Ausgang des Corridors.

„Aber wenn’s herauskommt, die Prügel, gräfliche Gnaden!“

„Es wird nicht herauskommen, Jürge. Und wenn auch. Was schaden einem starken Kerl, wie Dir, ein paar Liebkosungen des Haselstocks? Für jeden Hieb erhältst Du einen Ducaten. – Nun?“

Die Augen Jürge’s leuchteten. Bald aber verwandelte sich diese leuchtende Miene wieder in die alte Grimasse der Verlegenheit. Plötzlich fuhr er aus. Jürge hatte viel Mutterwitz – er hatte einen Ausweg gefunden.

„Halten zu Gnaden, Herr Graf,“ flüsterte er, „es ist wirklich unverschämt, was ich da fragen will, aber – weshalb verlangen Sie die Maskerade?“

„Es ist nur ein Scherz, Jürge.“

„Herr Graf!“ flüsterte der Lange mit seiner verschmitztesten Miene noch leiser. „Sie wollen zur Frau von Nassau, nicht? Und wollen, daß selbst ich nicht davon weiß? Ist’s so? Aber ich bin verschwiegen wie das Grab. Man kann mich zu Tode massacriren, so werde ich kein Wort davon ausplaudern! –Ich lasse Sie da hinein, sobald die Frau Prinzessin Durchlaucht herauskommt, und halte noch Wache, daß Sie Niemand überrascht.“

Königsmark zauderte, indem er das ehrliche und doch intelligente Gesicht des langen Jürge forschend betrachtete. Endlich sagte er mit seiner leisesten Stimme: „Ja, es ist so, Jürge. Dir kann ich vertrauen. Ich habe nothwendig mit der Nassau zu sprechen – ich will sie besuchen. Aber Du irrst Dich dennoch in einem Punkte.“

Jürge kicherte. „Und in welchem?“

„Die Kurprinzessin ist schon fort.“

„Ah! Halten zu Gnaden, Herr Graf …“

„Sie ist auf einem andern Wege nach ihren Gemächern zurückgekehrt – und Du siehst also, daß Du mich jetzt hineinlassen kannst,“ fügte er hinzu, indem er die Börse in die Hand des Soldaten gleiten ließ.

Der lange Jürge machte das längste Gesicht, welches man je an ihm gesehen hatte, und rangirte sich zur Seite. Der Graf legte die Hand auf die Thürklinke, drehte sie leise und trat ein.


[594] Sophie Dorothea befand sich, wie gesagt, bei ihrer Freundin, und die beiden Frauen sprachen angelegentlich mit einander. Das Licht der Lampe wurde durch einen farbigen Schleier gedämpft, die Vorhänge der Fenster waren herabgelassen. Frau von Nassau hielt ein Billet in der Hand, welches sie nun schon zum vierten Mal las.

„Nun, was sagen Sie dazu, Johanna?“ fragte Sophie, indem sie sich mit fieberhafter Ungeduld von ihrem Sitze erhob. „Was halten Sie von diesem Schreiben, welches ich heute in meiner Bonbonniere fand ? Halten Sie es für eine Falle, für einen Scherz oder für eine Gnade des Himmels?“

Frau von Nassau schüttelte das Haupt und las wiederholt die folgenden Zeilen:

„Die Herzogin von C. will ihrer Tochter die Mittel an die Hand geben, zu ihr zurückzukehren. Ein Abgesandter derselben wird heut Abend zwischen der achten und neunten Stunde in den Gemächern der Frau von Nassau erscheinen.“

„Nun?“ fragte Sophie.

Frau von Nassau schüttelte den Kopf. „Dieser Brief ist keine Falle,“ sagte sie, „denn was könnte die bezwecken? Es ist auch kein Scherz. Es ist also ganz einfach ein Avertissement, welchem Folge zu leisten Sie recht thaten, Durchlaucht.“

„Sie glauben also, daß wir den unbekannten Abgesandten empfangen sollen?“

„Gewiß.“

„Aber …“

„Und was fürchten Sie, Prinzessin? Ich denke wohl, Sie haben Alles zu gewinnen und Nichts mehr zu verlieren.“

„Aber sind wir hier auch sicher, Gräfin?“

„Unbesorgt, Durchlaucht. Sie wissen ja, wie sehr dieser Flügel des Schlosses gemieden wird, während die Appartements des Kurfürsten um die Abendzeit Alles, was im Schlosse lebt und athmet, anziehen, wie der Magnet das Eisen.“

„Oder wie das Licht die Motten,“ flüsterte Sophie.

„Also Muth, Muth!“

„O wie mir das Herz pocht, Johanna! Ich wage kaum zu glauben, daß ich noch einmal so glücklich sein sollte, aus diesen Fesseln befreit zu werden! Der Gedanke, meine gute Mutter, mein liebes Celle, meine grünen Wälder, mein liebes Gärtchen wiederzusehen, macht mich trunken vor Freude! O, ich dachte schon, daß auch meine Mutter mich verlassen habe, da ich auf meine vielen Briefe keine Antwort erhielt – aber jetzt – jetzt –“

„Jetzt soll sich endlich Ihr Schicksal entscheiden!“ lächelte die Nassau, indem sie auf die Pendeluhr blickte. „Die Zeit ist da, und ich will meinem Wachtposten den Befehl geben, den unbekannten Abgesandten … Ah!“

Die beiden Frauen wandten sich zugleich um, denn ein leises Geräusch wurde an der Thüre hörbar.

„Herr von Königsmark!“ rief Sophie halb erstaunt, halb zürnend, während die Nassau einen Schrei der Ueberraschung ausstieß.

Königsmark näherte sich mit seinem reizendsten Lächeln der Prinzessin und beugte ein Knie vor ihr.

Sophie wich einen Schritt zurück und machte eine Bewegung der Ungeduld. „Sie hier, Herr von Königsmark? Welche Kühnheit oder welche Unverschämtheit! Was wollen Sie hier? Was suchen Sie hier? Entfernen Sie sich auf der Stelle!“

Philipp streckte flehend die Hände nach ihr aus. „Hören Sie mich! hören Sie mich, Prinzessin!“ rief er. „Es ist nicht der Graf von Königsmark, der leichtsinnige Abenteurer, welcher vor Ihnen kniet, es ist ein ergebener Freund und Diener, welcher bereit ist, Ihnen sein Leben, sein Blut zu weihen!“

„Mein Herr!“

„Leben! Blut! Das sind große Worte, werden Sie sagen. Aber hier sind sie an ihrer rechten Stelle. Eine Ergebenheit, die man Ihnen hier an diesem Hofe beweist, ist gefährlich – ein Dienst, den man Ihnen leistet, kann tödtlich werden …“

„Genug, genug, mein Herr!“ rief Sophie. „Enden Sie diesen unzeitigen Scherz. Sie suchen wohl ein neues Abenteuer und wollen mich in Ihrer unverschämten Eitelkeit zur Heldin desselben machen? Noch einmal, entfernen Sie sich!“

Königsmark faltete flehend seine Hände. „Hören Sie mich, Prinzessin, und stoßen Sie mich nicht so von sich! Sind Sie denn so reich an treuen, ergebenen Herzen, daß es Ihnen auf eins mehr oder weniger nicht ankommt? Sind denn Ihre Freunde so zahlreich?“

Sophie lächelte bitter. „Freund!“ rief sie. „Ich sollte einen Freund haben!“

Königsmark antwortete nicht, aber er faltete seine Hände, und aus seinen Augen sprach so viel Hingebung, Liebe und Mitleid, daß das Herz der armen Fürstin diese stumme Sprache verstand und sie verwirrt den Blick senkte.

„Ach!“ sagte sie mit einem Seufzer der Verzweiflung und der Bitterkeit. „Spielen wir keine Komödie, Graf, und entfernen Sie sich!“

„Eine Komödie?“ rief Königsmark. „Eine Komödie, Madame? – Ah, Sie wollen mir also nicht glauben? Sie hassen mich, weil ich ein leichtsinniger Gefährte Ihres Gemahls, ein berüchtigter Lebemann bin, nicht wahr? – – Sie glauben nicht daran, daß dieses Leben hinter mir liegt. Als ich Sie neulich erhaben und zürnend gleich einer Rachegöttin vor mir stehen sah, als ich den Schmerzensschrei und die Anklage hörte, die Ihr armes, gequältes Herz dem Prinzen in’s Gesicht schleuderte, da wurde es klar in mir und um mich. Der falsche Schimmer und der trügerische Glanz, welcher meine ganze bisherige Umgebung schmückte, verschwand. Die Nichtigkeit und die Abgeschmacktheit dieses ganzen Treibens stand plötzlich in ihrer ganzen Nacktheit vor meinen Augen. Ekel und Ueberdruß erfüllten mich, und unter all den Truggestalten dieses Hofes erschienen Sie mir als die einzige und echte Majestät. Und seitdem habe ich kein anderes Sehnen, kein Streben mehr, als Ihnen zu dienen und Ihnen mein ganzes Dasein zu weihen! Mein Gott, was soll ich Ihnen denn noch sagen, daß Sie mir glauben?!“

Die Prinzessin lächelte bitter. „Nein,“ sagte sie. „Nein, ich glaube an kein Mitleid mehr!“

„Ah!“ rief Königsmark, indem er in wilder Aufregung die Arme ausbreitete und sich halb erhob. „Sie wollen nicht an mein Mitleid glauben? Nun, dann glauben Sie an meine Liebe!“

Sophie stieß einen Schrei aus und wandte ihm ihr drohendes, zürnendes Antlitz zu.

„Ja, an meine Liebe!“ wiederholte der Graf immer aufgeregter. „Nicht diesen bösen, zürnenden Blick! Es ist weder eine Komödie, die ich hier spiele, noch eine Beleidigung, die ich Ihnen anthun will! Ich weiß wohl, daß ich das Erste und das Zweite alltäglich in den Gelagen debitirt habe, die meine Sinne berauschten und mein Herz betäubten – und Sie glauben jetzt wohl, daß Philipp von Königsmark keiner wahren Liebe mehr fähig ist? –Aber meine Seele hat sich frei gemacht von den Banden des Leibes, und mein Herz ist erwacht aus seinem Todesschlafe, und ich liebe! – Ich kam an diesen Hof, um hier Zerstreuung und Intriguen zu finden oder, falls solche fehlten, dergleichen zu schaffen. Ich warf mich mit geschlossenen Augen und geöffneten Armen in den Strudel der Ausschweifungen, welche an diesem Hofe um so infamer sind, als sie sich in den Schooß der äußerlich ehrenwerthesten Familien flüchten und unter dem Deckmantel eines fürstlichen Wappens oder einer geistlichen Würde ausgeführt werden. Mein ganzes vergangenes Leben war ein Rausch gewesen, dessen hundertfältige Variationen mich in einem ewigen Verlangen, in einem ewigen Durste erhielten, den Nichts zu stillen vermochte. Aber ein solcher Rausch kann nicht ein ganzes Leben hindurch dauern: es kommt immer ein Augenblick, wo der Mann erwacht und wo dem verwöhnten Gaumen keine Pikanterie, dem verkohlten Herzen keine Wollust, der versumpften Seele kein Raffinement des Vergnügens mehr munden will – das ist dann die Blasirtheit. Dann wendet man den trüben, suchenden Blick nach einer höheren, reineren Sphäre – das Herz schreit nach Liebe, nach wahrer, heiliger Liebe, und die Seele lechzt nach einer Seele, welche uns zu erheben vermag –! Und hat man dann ein solches Wesen, eine solche Seele gefunden, dann ist man gerettet! Die Statue wird ein Mensch, und es giebt da keinen Aufenthalt, keinen Widerstand mehr. Man athmet mit den vollsten Zügen die neue, reine Liebesluft ein, man schlürft mit dem sehnsüchtigen, trunkenen Auge die Strahlen der neu erstandenen Lebenssonne ein, man begehrt, man fühlt, man lebt, man liebt! – Und so erging es mir. Ich sah Sie, Prinzessin – Sie, die Reine, die Heilige, mitten in dem Sumpf meiner Umgebung – ich sah Sie in Ihrem erhabenen Zorne, in all Ihrer Würde und Majestät, als Sie mich neulich von sich wiesen geblendet – schloß ich mein Auge, denn [595] ich konnte den Glanz Ihres Blickes nicht ertragen. Sie nannten mich einen Elenden, und ich senkte das Haupt. Ich preßte mein Herz mit beiden Händen, um das Pochen desselben zum Schweigen zu bringen. Ich verlachte mich selbst, ich versuchte es sogar, Sie zu hassen, aber Alles war vergebens. Ich liebe Sie! Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!“ Und halb lachend, halb weinend griff Königsmark nach der Hand der Prinzessin.

Sophie Dorothea zog sie rasch zurück, ehe noch seine bebenden Lippen dieselbe berühren konnten. Aber ihre zürnende Miene verschwand, ihr helles Auge ruhte fast mitleidig auf diesem schönen, jungen Manne, welcher da vor ihr kniete. Etwas wie ein Lächeln spielte um ihre Lippen, und eine Thräne glitzerte in ihrem Auge. Dann wandte sie sich rasch ab und trat einen Schritt zurück. „Fort!“ rief sie, indem sie ihr Antlitz mit ihren weißen, zarten Händen bedeckte. „Fort! fort!“

Ein Zittern lief über den Körper des Grafen. „Sie stoßen mich von sich?“ rief er mit dem dumpfen Tone der Verzweiflung. „Sie glauben mir nicht?“

„Ja! ja!“ rief sie mit einem Schrei des Jammers. „Ja, ich glaube Ihnen, Philipp! Aber sehen Sie denn nicht, daß Sie mit Ihren Worten selbst einen unausfüllbaren Abgrund zwischen uns gebracht haben? Warum mußten Sie mir von Liebe sprechen?! Ich glaube Ihnen, daß Sie mein Freund sind, ich weiß, daß Ihr ritterliches Herz noch edler Gefühle fähig ist, ich glaube Ihnen, daß Sie, gerührt von meinem Jammer und meiner Verlassenheit, Ihr Blut für mich vergießen würden – o ich glaube es! Ich weiß und fühle es! – Aber Sie haben von Liebe gesprochen, Unglücklicher – von Liebe! Und ich darf Sie nicht länger anhören, ich darf Sie nicht wiedersehen, ich darf Ihnen nicht danken!“ – Und indem sie sich mit einem halberstickten Schluchzen abwandte, flüsterte sie fast unhörbar: „Ich bin ja kein Weib wie andere Weiber, Philipp -– ich bin die Gemahlin des Prinzen Georg und trage eine Krone an der Stelle des Herzens!“

Königsmark stieß einen Schrei des Entzückens aus. „O wenn’s nur das ist!“ rief er strahlend in seiner Hoffnung und in seiner Liebe, „dann ist ja Alles gut! Es ist kein Liebhaber, welcher vor Ihnen kniet, Prinzessin, es ist nur ein Freund, ein ergebener Freund! Meine Liebe für Sie ist keine Beleidigung, kein Verlangen, kein niedriges, menschliches Gefühl, es ist ein Cultus, es ist eine Religion! Nie will ich auch nur die Spitze Ihrer Finger oder den Saum Ihres Kleides berühren, wenn ich Ihnen nur dienen und Sie von fern anbeten darf! Glauben Sie denn, daß ich selbst das Heiligenbild zerstören würde, welches ich in Ihnen verehre? Ich liebe Sie ja nicht mit den Sinnen, ich liebe Sie mit dem Herzen! Ich liebe Sie wie einen Strahl der ewigen Allmacht, der mich aus meinem Todesschlafe geweckt hat - wie einen Engel, der mich auf schneeigen Fittigen in höhere Sphären trägt! Mein ganzes Sehnen, mein Streben soll darin bestehen, Ihnen zu dienen. Die verfolgte, unglückliche Frau will ich beschützen, und diese gute That soll meine ganze Vergangenheit auslöschen! Stoßen Sie mich nicht von sich, Prinzessin, denn wir würden dann Beide verloren sein!“

Sophie richtete sich langsam auf, reichte ihm mit einem himmlischen Lächeln ihre Hand und flüsterte: „Mein Freund!“

Königsmark sandte einen Blick der Liebe und der Dankbarkeit zu diesem milden Antlitz empor und drückte einen heißen Kuß auf ihre Hand, welcher wie ein feuriger Strahl bis in ihr Herz drang und in den kleinsten Fibern ihres Körpers nachzitterte.

In diesem Augenblicke trat Frau von Nassau – welche bisher lauschend an der Portiere gestanden hatte – einen Schritt näher. „Sie wollen unserer Fürstin dienen, Herr Graf?“ sagte sie. „Dann ist also das, was Sie uns in ihrem Billete gemeldet haben, keine Fanfaronnade?“

„Sie stehen irgendwie in Verbindung mit meiner Mutter?“ fragte Sophie.

Königsmark neigte das Haupt. „Noch ehe Sie mich gewürdigt haben, Ihr Freund zu heißen, Prinzessin, habe ich alle Schritte gethan, um Ihnen zu dienen. Sie haben neulich geäußert, Ihr ganzes Sehnen und Streben gehe dahin, diesen Hof zu verlassen und in ihr väterliches Schloß zurückzukehren. Dieser Wunsch soll erfüllt werden.“

Sophie stieß einen leisen Schrei aus. „Ist es möglich, Graf? Sie vergessen, daß der Kurfürst und mein Gemahl nie ihre Einwilligung geben werden – ihrer Ansicht nach ist eine freundschaftliche Trennung unmöglich. Oder sollte Ihr Einfluß auf Georg groß genug sein, um …“

„Wir brauchen ihre Einwilligung nicht!“ unterbrach sie Königsmark. „Sie entfernen sich heimlich aus Hannover, und einmal in Celle, an der Seite Ihrer Mutter, wird sich der Kurfürst wohl hüten, Sie mit Gewalt zurück zu holen. Sie entfliehen ganz einfach.“

„Eine Entführung!“ stammelte Frau von Nassau.

„Nein,“ flüsterte Sophie mit einem unaussprechlichen Blicke auf Königsmark, „eine Flucht. O, Sie geben mir das Leben wieder, Graf! Endlich hat also meine Mutter eingewilligt, dieses Mittel zu ergreifen, welches ich ihr schon so oft vergebens vorschlug! Endlich erhört sie meine erfolglosen Bitten, die ich in so vielen Briefen wiederholte! Aber wie kam es, daß Sie zu ihrem Bevollmächtigten, just Sie …“

Königsmark lächelte bitter. „Nicht jene Briefe waren es, Prinzessin, welche Ihre fürstliche Mutter dazu bestimmt haben, denn keiner derselben gelangte an seine Adresse.“

„Wie??!“

„Es ist, wie ich Ihnen sage. Der Kurfürst ist gut bedient. Jene zahlreichen Briefe, worin Sie all den Jammer Ihres Herzens und die Verzweiflung Ihrer Seele in den Busen einer Mutter ausschütteten und welche Sie durch geheime Boten absandten, wurden auf Befehl Ernst August’s aufgefangen, ehe sie noch die Grenzen der Stadt passirt hatten, und dienten Ihrem Schwiegervater als Amüsement in seinen Mußestunden. Einst sandte er einen dieser Briefe dem Prinzen Georg, als wir uns eben mitten in einem Gelage befanden, und da – “

Sophie Dorothea hatte sich hoch aufgerichtet, und die Leichenblässe ihres Antlitzes machte einer Purpurröthe Platz. Ein verächtliches Lächeln spielte um ihre zitternden Lippen. „Genug, Herr Graf,“ sagte sie. „Wenn aber meine Mutter keinen jener Briefe erhielt, wie kam es …“

„Das ist ganz einfach. Ich schrieb an meine Schwester, die Gräfin von Löwenhaupt, und schilderte ihr Alles, was ihr zu wissen nöthig. Sie benachrichtigte Ihre fürstliche Mutter von den hiesigen Zuständen und von Ihrem Entschlusse zu entfliehen. Die Fürstin von Celle erwartet Sie. Alles ist bereit. Uebermorgen um diese Zeit wartet ein Wagen an dem dritten Thore des Parkes. Sie halten sich mit Frau von Nassau bereit, besteigen den Wagen und in kurzer Zeit sind Sie außerhalb der Stadt. In der Villa Walden erwarte ich Sie und bringe Sie wohlbehalten nach Celle. Sind Sie mit dem Plane einverstanden, Prinzessin?“

Sophie wandte sich zu ihrer Freundin und umarmte sie weinend. „Wir sollen heim, Johanna! Hörst Du wohl? Heim! Ob ich einverstanden bin, lieber Graf! Und Sie fragen noch? Was wage ich denn dabei? Im schlimmsten Falle vertausche ich ein Gefängniß mit dem andern. Auf übermorgen also! – Aber jetzt eilen Sie, Graf. Auf Wiedersehen! Man könnte die Schildwache wechseln.“

Königsmark drückte einen Kuß auf die Hand der Prinzessin, verneigte sich leicht vor Frau von Nassau und eilte nach der Thür.

„Ist Alles ruhig, Jürge?“ fragte er, ohne die Portiere zu erheben.

„Ja!“ gröhlte es von draußen.

Nun erst öffnete er die Thüre und schlüpfte in den Corridor, während Sophie und Frau von Nassau ängstlich lauschend in der Mitte des Zimmers standen.



7. Combinationen.

Das kleine Spiel des Kurfürsten hatte begonnen. An den Spieltischen saßen nebst dem Kurfürsten und der Prinzessin Sophie Dorothea die Gesandten der auswärtigen Höfe und einige Kammerherren und Ehrendamen. Georg, welcher das Spiel haßte, hatte sich mit einigen Intimes in einen Winkel der Orangerie zurückgezogen und ließ die Chronique scandaleuse der letzten Tage die [596] Revue passiren. Frau von Platen und die Gräfinnen von Hauenstein und Prausil waren die Königinnen dieses kleinen Cercle.

„Es ist, wie ich Ihnen sage, Madame!“ versicherte der schöne Major Hurtig. „Eine geheimnißvolle und räthselhafte Geschichte.“

„Räthselhaft wohl, aber nichts weniger als geheimnißvoll!“ lachte Frau von Hauenstein. „Was ist nur der tugendhaften Nassau eingefallen, sich einen Liebhaber anzuschaffen?“

„Ich dachte bisher immer, sie vergöttere ihren Gemahl in aufrichtiger Treue!“ meinte Georg. „Uebrigens ist es ein göttlicher Scherz! Der alte Nassau, welcher alle Scandalgeschichten des Hofes an den Fingern herzuzählen weiß, welcher Niemanden schonte und Niemandem Etwas schenkte, ist nun selbst der passive Held einer Chronik!“

„Unbezahlbar!“ jubelte der brünette Colonel Illisch.

„O!“ meinte die Hauenstein. „Wir werden ihm das Gift tropfenweise zumessen, wie er es uns so oft gethan! Zum Glück ist er jetzt an’s Spiel gefesselt, wir wollen also eine kleine Verschwörung gegen seine Gemahlin organisiren, um ihn zur Verzweiflung zu treiben.“

„Wie boshaft!“ lächelte der schöne Hurtig, indem er seinen blonden Schnurrbart strich.

„Vor allem aber müssen wir wissen, ob die Nachricht auch authentisch ist!“ rief Frau von Platen, indem sie dem Prinzen einen bedeutungsvollen Blick zuwarf. „Monsieur Hurtig theilt uns ein interessantes Abenteuer mit, welches sein Kammerdiener entdeckt zu haben glaubt. Kann sich aber dieser nicht einen Scherz erlaubt haben?“

Der schöne Hurtig unterbrach sie mit einer protestirenden Handbewegung. „Mein Lorenz lügt nie! Und übrigens sind seine Angaben so unglaublich, daß sie wohl wahr sein müssen!“

„Und sie lauten?“ fragte die Gräfin.

„Also, es ist, wie ich bereits zu erzählen die Ehre hatte,“ begann Hurtig. „Mein Lorenz war gestern Abend eben damit beschäftigt, die Rouleaux meines Salons herabzulassen, dessen Fenster bekanntlich in den Garten fuhren – als er plötzlich durch die Scheiben eines Corridorfensters zwei Gestalten erblickte, welche angelegentlich mit einander zu conversiren schienen. Lorenz würde diesem Umstände natürlich gar keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn er nicht in der einen Gestalt einen Leibsoldaten, in der andern aber einen reichgekleideten Cavalier erkannt hätte. Was konnten die Beiden mit einander zu verhandeln haben? Endlich sah er, wie der Cavalier eine Thüre öffnete und durch dieselbe verschwand – durch eine Thüre, welche jedenfalls in ein Damengemach führt, da der westliche Flügel, von dem wir sprechen, nur von den Damen des Hofes bewohnt wird. Lorenz zählte die Fenster des Corridors und war bald überzeugt, daß es Frau von Nassau sein müsse, welche den Besuch des Cavaliers empfangen habe, der beiläufig eine Stunde bei ihr verweilte.“

„Und die Züge des Cavaliers hat Lorenz nicht wahrgenommen?“ fragte Jllisch.

„Nein.“

„Hatte er auch an seiner Kleidung nichts Auffallendes?“ fragte der Prinz.

„Ebensowenig. Er trug nach Lorenz’ Aussage einen dunklen Rock, orangegelbe Achselschleifen …“

Frau von Platen machte eine Bewegung der Ueberraschung. „Wie?!“

„Bah!“ lachte Georg. „Glauben Sie den Cavalier an seinen Achselschleifen zu erkennen? – In der That, welcher Cavalier trägt gewöhnlich gelbe Achselschleifen? Außer dem alten Herrn von Herbst …“

Aber die Platen zerknitterte mit beiden Händen die Spitzen ihres Kleides, indem sie einen durchdringenden Blick auf Frau von Nassau warf, welche hinter dem Stuhle Sophiens stand und ihrer Freundin manchmal einen leisen Rath in Bezug auf das Spiel in’s Ohr flüsterte. „Er!“ murmelte sie für sich. „Er sollte diese Wachspuppe lieben? Fünfunddreißig Jahre und eine Halskrause – unmöglich! Und doch muß er’s sein.“

„Jedenfalls steht fest,“ meinte Georg, „daß die Nassau ihrem Gatten untreu ist – und diese Neuigkeit ist köstlich! Wir wollen sie vollständig ausbeuten! Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, meine Herren. Da morgen im Allerheiligsten der keuschen Göttin wahrscheinlich wieder Schäferstunde gehalten wird, so wollen wir um die Abendstunde im Garten Schildwache machen und, sobald der mysteriöse Cavalier bei Frau von Nassau eingetreten ist, vor den Fenstern derselben ein kleines Ständchen arrangiren. Auf diese Weise wird der Scandal public und unauslöschlich und wir rächen uns sowohl an dem boshaften Nassau, als auch an der prüden Gräfin. Aber dazu brauchen wir einen Anführer! Ein Scherz ohne Philipp ist ein Souper ohne Champagner! Wo ist Philipp? He, Königsmark!“

„Er hat sich heute noch gar nicht sehen lassen,“ meinte Frau von Hauenstein, indem sie ihre Blicke durch den Saal gleiten ließ.

„Wo zum Teufel mag er stecken?“ rief Jllisch. „He, Königsmark!“

Frau von Platen zuckte mit einem spöttischen Lächeln die Achseln. „Wenn Herr von Königsmark verschwunden wäre,“ sagte sie, „welch’ ein entsetzlicher Verlust würde das sein!“ Dann nahm sie den Arm der Hauenstein und flüsterte ihr in’s Ohr: „Machen Sie mit mir eine Tour durch den Saal, Gräfin, und äußern Sie weder in Worten noch in Mienen Erstaunen über das, was ich Ihnen jetzt laut erzählen werde.“

Die Hauenstein warf einen verwunderten Blick auf Frau von Platen, nichtsdestoweniger aber nahm sie ihren Arm, und die beiden Damen machten eine kleine Ronde, indem sie sich den Spieltischen näherten. Indem sie an der Prinzessin vorbeigingen, sagte die Platen laut, indem sie ein angefangenes Gespräch fortzusetzen schien und dabei ihre Augen unter den halbgeschlossenen Lidern hervor fest auf die vier Partner des Spieltisches richtete: „Aber die Wunde des Grafen ist doch nicht tödtlich? Dieses Duell kam so unerwartet! Armer Königsmark!“

Ein leiser Schrei tönte vom Tische her. Es war nicht Frau von Nassau, welche denselben ausgestoßen hatte, sondern Sophie, deren bebenden Hand die Karten entglitten waren.

„Pardon! Ich bin so ungeschickt!“ sagte Frau von Nassau, indem sie sich beugte und dabei beinahe mit Frau von Platen zusammenstieß, welche sich wie alle Umstehenden beeilte, die verstreuten Karten zu sammeln und der Prinzessin zu überliefern. „Entschuldigen Hoheit, daß ich Sie gestoßen!“

„Es hat nichts zu sagen!“ lächelte Sophie Dorothea mit blutlosen Lippen, indem sie ihrer Freundin einen dankbaren Blick zuwarf – und die Karten aus der Hand der Platen empfing.

„Ah!“ murmelte diese, indem sie sich am Arme der Hauenstein vom Tische entfernte. „Ich wußte wohl, daß es die Prinzessin sei, die ihn liebt! O, wir Frauen täuschen uns nie – darum also haßte ich sie so sehr!“

In diesem Augenblicke ertönte die Stimme des Prinzen Georg aus dem Kreise seiner Freunde: „Da ist er ja! Philipp! Komm!“

In der That trat Königsmark soeben in den Saal. Seine linke Hand ruhte auf dem Griffe seines zierlichen Galanteriedegens, und seine Rechte strich einige widerspenstige orangegelbe Schleifen glatt, welche von seinen Schultern flatterten.

Ehe er aber noch den Cercle des Prinzen erreichte, hatte sich Frau von Platen demselben schon genähert und flüsterte ihm hastig zu: „Kein Wort von dem Abenteuer zu Königsmark, Prinz. Er ist der Held desselben!“

Georg unterdrückte mit Mühe ein lautes Gelächter und flüsterte seinen Gefährten ein ersticktes „Pst!“ zu, indem er auf die orangegelben Schleifen des Ankommenden deutete.

[609]
8. Eine Effectscene.

Eine lichte Sommernacht lagerte über den Häusern der Stadt und über den Bäumen des Parkes wie der durchsichtige Schleier über der Wiege eines schlafenden Kindes.

An der entlegensten Pforte des Parkes hielt ein gedeckter Wagen, mit zwei kräftigen Rappen bespannt. Durch die Heckengänge schritt ein schlanker, hochgewachsener Mann, welcher sich raschen Schrittes jener Pforte näherte. Manchmal warf er einen besorgten Blick auf die hellerleuchteten Fenster des nördlichen Flügels, wo sich die Appartements des Kurfürsten befanden und wo zahlreiche Schattenumrisse hin- und hergehender Personen anzeigten, daß das kleine Spiel Ernst August’s an diesem Tage besuchter sei als je.

Und obwohl Königsmark – denn er war es – oft stehen blieb und nach rückwärts blickend lauschte, so bemerkte er doch nicht, daß ihm drei Männer folgten, welche stillstanden, sobald er stillstand, und weiterschritten, sobald er sich wieder in Gang setzte.

„Teufel!“ flüsterte Prinz Georg seinen Gefährten zu. „Es scheint, daß Philipp heute kein Schäferstündchen bei Frau von Nassau hält; wo zum Teufel mag er dort hinschleichen? Es war ein guter Gedanke von uns, ihm zu folgen, als er so plötzlich vom Spiele verschwand. Jedenfalls haben wir ein herrliches Abenteuer zu erwarten. Still! hält dort nicht ein Wagen?“

„Ja,“ flüsterte der schöne Hurtig leise lachend. „Ein Reisewagen.“

„Eine Entführung in optima, forma!“ kicherte Illisch. „Ich hätte nie gedacht, daß Frau von Nassau noch eine so ernste Leidenschaft einflößen könne –!“

„Nein, nein!“ rief Georg, indem er mit Mühe ein lautes Gelächter unterdrückte. „Das müssen wir verhindern! Wir müssen den armen Philipp aus den Zauberbanden dieser Madame Tartüffe retten! Ich begreife ihn nicht! Die Nassau entführen!“

Jetzt kehrte Philipp um und kam zurück.

„Rasch in’s Gebüsch!“ rief Illisch, und die drei Cavaliere zogen sich rasch hinter eine dichte Hecke zurück, um den Grafen von Königsmark – welcher, nachdem er sich von dem Vorhandensein des Wagens überzeugt hatte, nach dem Schlosse zurückschnitt – passiren zu lassen.

„Jetzt holt er gewiß die Liebste!“ lachte Georg, als der Graf vorbei war. „Nun schnell zum Wagen, ich habe einen charmanten Plan!“

Die Drei eilten durch die Gitterthüre, und Georg faßte den erschreckten Kutscher, welcher neben seinen Pferden stand, am Kragen.

„Was willst Du hier mit Deinen Pferden, Schuft?“ rief er mit gedämpfter Stimme. „Was bedeutet diese heimliche Auffahrt?“

„Gnade, Durchlaucht!“ flehte der Kutscher, welcher mit Entsetzen an der Stimme des Sprechenden den schlimmen Prinzen Georg erkannte. „Gnade! Ich bin unschuldig!“

„Das will ich Deinem dummen Gesichte wohl glauben!“ sagte Georg. „Nichtsdestoweniger sollst Du windelweich geprügelt werden, wenn Du uns nicht offen gestehst, wen Du erwartest und wohin Du fahren sollst. Im Falle Du ein aufrichtiges und vor Allem rasches Geständnis; ablegst, sollst Du diesen vollen Beutel da erhalten.“

„Ich weiß wahrhaftig nicht, wen ich fahren soll,“ ächzte der Diener, indem er die Börse mit seinen jammervollen Blicken liebkoste. „Mein Herr …“

„Der Graf von Königsmark, nicht wahr?“

„Ja. Mein Herr also sagte mir, es würden um die zehnte Stunde zwei Damen in den Wagen steigen, welche ich bis zur Villa Walden führen solle. Dort wolle er uns erwarten und mir neue Befehle geben.“

Georg berieth sich lachend mit seinen Cavalieren.

„Das geht prächtig!“ rief er endlich, indem er sich wieder an den Kutscher wandte. „Höre, Bursche, Du verräthst vor Allem kein Wort von dem, was hier vorgefallen ist, sondern läßt die Damen, sobald sie ankommen, ganz ruhig einsteigen. Statt sie aber nach der Villa Walden zu führen, führst Du sie im raschesten Galopp nach dem Hotel der Frau von Platen. Verstanden?“

Der Kutscher nickte und streckte seine Hand nach dem Beutel aus.

„Gut. Du, Illisch, bleibst hier und siehst zu, daß Alles geschieht, wie ich es angeordnet habe. Mir däucht, ich sehe dort unten im Laubgange zwei weibliche Gestalten. Schnell fort, Hurtig, zur Platen, um sie auf den improvisirten Besuch der Frau von Nassau vorzubereiten! Haha! Ich bin ihr diese Revanche wohl schuldig, der armen Gräfin, die von dieser vermeintlichen Tugendheldin stets verächtlich behandelt wurde. Das giebt einen herrlichen Spaß – allons, aber still!“


Ein so fröhliches Gelächter hatten die Wände des Boudoirs der Frau von Platen schon lange nicht wiederhallt. Selbst die Alabasterlampe auf dem Tische schien mitzulachen. Die Gräfin saß lachend und in die Hände klatschend in ihrem Fauteuil und umarmte von Zeit zu Zeit den Prinzen, welcher eben im Begriffe [610] war, ihr die ganze Entführungsgeschichte mitzutheilen, so weit ihm dies vor Lachen möglich war.

„Sie sind ein göttlicher Georg!“ rief sie in Ekstase. „Hierher werden also die flüchtigen Damen geführt? – O das ist prächtig, herrlich, himmlisch!“ – Und ein sonderbarer Blitz schoß aus ihren dunklen Augen, der wenig zu ihren fröhlichen Worten und zu ihrem unbefangenen Gelächter paßte.

„Und Sie leihen mir Ihr Boudoir zu der Komödie, nicht wahr, Gräfin? Die Nassau wird natürlich verschleiert sein, wir wollen thun, als wüßten wir nicht, wer unter dem Schleier steckt, um ihre Angst zu verlängern. Ah! da kommt Jemand!“

Die Portiere der Thüre wurde hastig in die Höhe gehoben, und Illisch steckte seinen Kopf in das Gemach. „Der Wagen hat soeben gehalten – man führt die Damen eben herauf.“

„Haben sie den gespielten Streich gemerkt?“ fragte Georg.

„Da die Nacht ziemlich dunkel ist, sind die Damen der Meinung, sie seien in der maison Walden, wo der Entführer sie erwarten sollte. Da sind sie schon …“

Die Platen entfernte mit rascher Hand den dünnen Schleier, welcher das Licht der Lampe dämpfte, so daß der volle Schein derselben auf die Thüre fiel. Dann trat sie einen Schritt zurück und wurde auf diese Art durch einen der schweren Vorhänge fast ganz verborgen. Auch Georg trat zur Seite, um die verschleierten Frauen einzulassen.

„Wo sind wir?“ flüsterte die Größere der Beiden, indem sie sich umsah. „O, ich habe Furcht!“

In diesem Augenblicke schloß Georg mit einer raschen Handbewegung die Thüre und stand so zwischen den Frauen und dem Ausgange.

Die Beiden stießen zu gleicher Zeit einen lauten Schrei aus, und die Größere der Beiden mußte sich an der Lehne eines Fauteuils halten, um nicht umzusinken.

„Verloren!“ murmelte sie, „verloren!“

Georg machte eine spöttische Verbeugung. „Seien Sie mir willkommen, Frau von Nassau!“ sagte er galant. „Sie wundern sich vielleicht, mich hier zu sehen? Sie erwarteten wohl einen Andern? einen geliebten Freund, nicht wahr? der Sie in irgend ein reizendes Paradies illegitimer Liebe führen sollte? Aber was wollen Sie? Man liebt Sie hier so sehr, daß man Sie durchaus nicht fortlassen will – meine Frau würde untröstlich sein, wenn sie ihre beste Freundin verlieren sollte. Die arme Dörthe! Und so habe ich es denn auf mich genommen, Sie unserem Kreise zu erhalten, den Sie so grausam fliehen wollen. Darf ich hoffen, daß meine Bitten Erfolg haben werden?“ Und indem er sich lachend umwandte, fügte er lustig hinzu: „Kommen Sie doch, Gräfin, und helfen Sie mir, diese ehrenwerthe Dame zu überreden!“

Frau von Platen trat vor. „Sie scheinen sich in der Person zu irren, Monseigneur,“ sagte sie, „das ist nicht Frau von Nassau …“

Die verschleierte Dame stieß einen Ausruf der Indignation aus, indem sie der Platen ansichtig wurde.

„Ah!“ rief Georg verblüfft, indem er von Einer der Verschleierten auf die Andere blickte. „Der Teufel mag sich da auskennen. Parbleu, mesdames, Sie haben wohl die Güte, sich zu entschleiern, hein? – Wir sind hier nicht im Carneval und befinden uns auch nicht auf einem Maskenballe, sondern bei der Frau Gräfin von Platen.“

„Ah!“ rief die Größere der beiden Damen, indem sie ihren Schleier mit einer blitzschnellen Bewegung zurückschlug und ein Antlitz zeigte, auf welchem sich Zorn und Demüthigung malten. „Ah, wir sind also bei der Frau Gräfin von Platen?“

Der Prinz machte einen Sprung vorwärts und faßte die Dame bei beiden Armen, während sein keuchender Athem beinahe ihr Antlitz berührte und seine stieren Augen die ihrigen gleichsam festhielten. „Dörthe! Du? Du?!“

„Ja, ich! “ rief Sophie Dorothea, indem sie ihr Haupt erhob. „Ich! Und was ist da so Seltsames daran, Georg? – Es ist ja Alles aus zwischen uns. – Ich wollte Dir entfliehen – ich hab’ Dir’s ja gesagt, ich könne es nicht länger hier aushalten – ich wollte fort! Und was ist’s weiter? – Und Du hältst mich zurück wie eine Gefangene, Du zwingst mich, hier vor diesem Weibe zu erröthen, und giebst mich dem Spotte Deiner Maitresse preis! – Ah, wir sind hier bei der Gräfin von Platen! Das ist wahrhaftig der Ort, wo Deine Gemahlin hingehört. O, es ist eine Schmach!“

Und sie riß sich mit einer heftigen Bewegung los und kreuzte ihre Arme über der Brust, um dort ein Schluchzen festzuhalten, während ihre Augen Blitze sprühten.

Jetzt erst entrang sich der gepreßten Brust des Prinzen ein Schrei und ein wildes Lachen. „Wo Du hingehörst?“ rief er. „Ah! konnte ich denn ahnen, daß es die tugendhafte Sophie Dorothea, daß es meine Gemahlin sei, die mit ihrem Buhlen entfliehen wollte?“

Die Prinzessin fuhr auf, wie von einer Schlange gebissen. „Mit meinem Buhlen?“ rief sie.

„Nun ja!“ brüllte Georg. „Ist denn Königsmark nicht Dein Geliebter, Weib?!“

„Mein Geliebter!“ rief Sophie Dorothea. „Georg, Du willst mich also auch beschimpfen, nachdem Du mich gemißhandelt hast? Mein Geliebter! Er, der mich verrathen hat, er, der mir eine Komödie der Freundschaft vorgespielt hat, um mich Deinem Spotte in die Hände zu liefern – o, er ist ein Schurke!“

Ehe der Prinz noch antworten konnte, trat die Platen vor. Es lag nicht ihrem Plane, daß die Prinzessin den Grafen für schlecht hielt. „Er?“ rief sie. „Nicht doch, Durchlaucht – nicht er ist es, der dem Prinzen das Ganze verrieth, sondern ein Zufall – und der Graf harrt in diesem Augenblicke noch immer in der maison Walden.“

Etwas wie ein freudiger Blitz zuckte über das Gesicht der Prinzessin – durch all ihren Jammer und ihre Verzweiflung hindurch that es ihrem Herzen wohl, den nicht verachten zu müssen, den sie als ihren einzigen Freund betrachtete. Und was der Schmerz und der Zorn nicht vermocht hatten, das vermochte die Liebe: unfähig ihre Bewegung länger zu bemeistern, verhüllte sie ihr Antlitz mit beiden Händen und weinte bitterlich.

Es schwebte wie ein drohendes Gewitter über diesen Dreien, die sich stumm gegenüberstanden. Das Stillschweigen währte einige Minuten. Der Prinz hatte sich gesammelt und stand todtenbleich, aber ruhig vor seiner Gattin. Sein Gesicht war drohend und finster, und ein unheimliches Etwas lag wie ein Spinnengewebs darüber gebreitet. Er näherte sich langsam der Thür und öffnete sie.

„Herr von Illisch,“ sagte er laut in das Vorzimmer hinaus, „Sie werden die beiden verschleierten Damen in ihrem Wagen nach dem Schlosse begleiten. Sie werden auf dem Wege dahin nichts sprechen und werden sie am Eingange des westlichen Flügels verlassen.“ Dann wandte er sich zu der Prinzessin, welche ihren Schleier hastig wieder herabgelassen hatte. „Folgen Sie dem Herrn von Illisch. Er wird Sie in’s Schloß bringen. Denn Sie haben Recht, Ihr Platz ist nicht hier.“

Die Prinzessin wendete sich stumm zum Gehen.

„Und Sie, Gräfin,“ wandte sich Georg zur Platen, die mit gekreuzten Armen dastand, „leuchten Sie Ihrer Gebieterin. Sie sind ja doch die Ehrendame der Frau Prinzessin.“

Die Platen warf ihm einen halb erstaunten, halb forschenden Blick zu. Dann ergriff sie schweigend die Lampe und schritt den beiden Damen voran bis zur Schwelle des Zimmers, wo sie eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung machte. Als die Beiden sich entfernt hatten, setzte sie die Lampe so heftig auf den Tisch, daß das Glas derselben klirrte. Dann näherte sie sich dem Prinzen, welcher noch immer mit jenem seltsamen Ausdrucke im Gesichte in der Mitte des Zimmers stand.

„Und was wollen Sie jetzt thun, Georg? Und an was denken Sie?“ fragte sie mit trockener, herber Stimme, indem sie ihre Hände ballte.

Er zuckte auf und strich sich über das Gesicht, als wolle er das unsichtbare Spinnengewebe entfernen.

„Was ich thun will?“ sagte er – und es schien, als habe seine Stimme wie ein Echo den Ton der ihrigen angenommen. „Ich will, daß der Verräther, den ich meinen Freund nannte, sterbe – und ich will, daß sie leide. An was ich denke? Ich denke an die Krone von England, und wie sich mein Vater amüsiren wird, wenn ich ihm das heutige Abenteuer erzähle.“

„O ja! ja!“ rief sie mit einem seltsamen Blicke. „Schonen Sie ihn nicht, Georg, rächen Sie sich und mich an diesem Königsmark!“

Er fuhr auf. „Sie rächen, Gräfin, Sie?“

Der Hohn verzerrte ihre Züge, als sie einen Schritt zurücktrat, [611] um die Wirkung ihrer Worte besser zu genießen – denn sie wußte, daß sie mit diesen Worten das Todesurtheil des Grafen sprach. „Ja,“ sagte sie, „denn er ist mein Geliebter gewesen, Georg.“



9. Intermezzo.

Die Mittagssonne glänzt freundlich in das Arbeitszimmer des Kurfürsten und macht mit ihren glühenden Strahlen die vergoldeten Zierrathen der Fauteuils erröthen. Die Schatten der Blätter hüpfen über die Wände, und selbst das Gefieder der Vögel hat einen goldigen Wiederschein, und die bunten Schmetterlinge wiegen sich wie lebendig gewordene Blumen in der Luft. Aber den beiden Männern glänzt die Sonne und singen die Vögel nicht. Der Prinz lehnt an einem Guéridon und horcht auf die Rede des Kurfürsten, welcher gebückter, gelber und dürrer als gewöhnlich vor ihm steht und mit seinem hagern Zeigefinger jedes seiner Worte auf dem Rocke des Prinzen zu unterstreichen scheint.

„Das ist das Mittel. Eine Scheidung auf diese Art ist das einzige Mittel, um den Willen der Königin Anna zu erfüllen, ohne daß Du compromittirt wirst. Dörthe war albern genug, uns selbst den Weg zu zeigen, den wir zu gehen haben. Siehst Du endlich ein, daß Deine bisherige Nachsicht mehr als ein Fehler, daß sie eine maladress war? Und mußte Dich erst die bedrohte Ehre Deines Hauses zwingen, Gewaltmittel zu ergreifen? Der Freund, dem Du die Hand gereicht hast, hat Dich verrathen und würde Dich entehrt haben, wenn er gekonnt hätte. Die Frau, welche Du schonen wolltest, wollte mit einem Gecken, mit einem Wüstlinge entfliehen. Soll sie uns immer und immer im Wege stehen? – Eine freundschaftliche Trennung war eine Unmöglichkeit. Ganz Deutschland hätte die Partie der unterdrückten, verfolgten Frau genommen und mit gierigen Händen im Grabe Deiner Vergangenheit gewühlt, um auf einen schlammigen Grund zu stoßen. Jetzt bist Du frei geworden durch ihre Untreue. Sie ist eine Schuldige, und man kann sie bestrafen.“

Georg blickte seinen Vater finster an. „Sie ist noch keine Schuldige, so lange wir keine flagranten Beweise haben,“ sagte er. „Und ein Fluchtversuch ist in den Augen der Welt kein Beweis von Untreue, da man sie nicht in Gesellschaft ihres Liebhabers angehalten hat.“

Der Kurfürst machte eine Bewegung der Ungeduld.

„Sie ist keine Schuldige,“ sagte er hastig und flüsternd, „soit. Aber sie muß es werden. Man muß sie mit ihrem Liebhaber überraschen – dann ist eine ewige Gefangenschaft gerechtfertigt. Das Wie ist bald gesagt. Sie ist in ihre Gemächer eingeschlossen, und ich habe ihr untersagt, dieselben zu verlassen. Sie ist seit ihrem vereitelten Fluchtversuche in einer Art dumpfer Verzweiflung. Du begiebst Dich zu ihr und zwingst sie – wenn es sein muß, mit Gewalt – dem Grafen für heute Abend ein Stelldichein zu geben.“

Georg preßte die Hände mit einem seltsamen Blicke aneinander. „Wenn es sein muß, mit Gewalt –!“ wiederholte er.

„Der Graf hat keine Ahnung von dem Vorgefallenen?“

„Unmöglich. Meinen Cavalieren habe ich das strengste Stillschweigen geboten, und der Kutscher ist in Gewahrsam gebracht. Er kann also bis jetzt den Grund des Ausbleibens der Prinzessin nicht ahnen. Er ist heute morgen in’s Schloß gekommen und hat sich allsogleich wieder entfernt, als er vernahm, die Prinzessin befinde sich seit gestern Abends unwohl. O, wie ich ihn hasse, den Verräther! Wie ich ihn hasse! Er muß sterben, Vater.“

„Natürlich!“ sagte Ernst August mit seinem gewöhnlichen bittersüßen Lächeln. „Sein Tod wird der Riegel sein, den wir dem Kerker Deiner Frau vorschieben. Aber ihn hassen? Das begreife ich nicht. Du bist doch nicht eifersüchtig auf ihn?“

„Eifersüchtig?“ lachte Georg. „Eifersüchtig?“ Und er preßte seine Hände auf sein wüthendes und jammerndes Herz, dessen Schläge unaufhörlich die Worte der Gräfin von Platen wiederholten: „Er ist mein Geliebter gewesen, Georg.“



10. Zwei gute Cameraden.

Das Summen auf der Straße wurde undeutlicher und dumpfer – die Sonne umgab mit ihrem letzten rosigen Schimmer die Zinnen der Kirchen und die Wipfel der Bäume wie mit einem Heiligenscheine – und in den Ecken des Zimmers erstanden bläuliche Schatten, die ersten Vorboten der hereinbrechenden Nacht.

Nacht? Für den Glücklichen giebt’s keine Nacht. Und wie der Graf von Königsmark ruhelos in seinem Schlafzimmer auf und ab schreitet – seine Lippen auf ein kleines Blättchen Papier gepreßt, als wäre es eine Reliquie, bemerkt er weder das Hereinbrechen der Dunkelheit, noch das Scheiden der Sonne.

„Sie liebt mich! Sie ruft mich! Aber ist es denn möglich, was hier steht?“

„Ich bin in einer großen Gefahr. Nur ein ergebener Freund kann mich retten. Wenn Sie mein Freund sind, so kommen Sie heute Abend um die elfte Stunde in meine Gemächer. Es handelt sich um Leben und Tod.“

Er zitterte und fürchtete für sie, und war doch so glücklich. Er fragte sich erschreckt, was die Geliebte seines Herzens bedrohen könne, und war doch selig darüber, sein Blut, sein Leben für ihr Heil einsetzen zu können. Und sie selbst rief ihn! Er war ihr einziger Freund auf der weiten, weiten Welt, an den sie sich wandte und dem sie ihre Ehre und ihr Geschick vertraute. „Mir droht eine große Gefahr.“ Das war es also, warum sie gestern das Stelldichein im Parke nicht einhalten konnte?

Es war erst neun Uhr. Er hatte seine Diener verabschiedet und die Thüre verschlossen, damit er von Niemandem gestört werden könne. Dunkler und länger wurden die Schatten in den Winkeln des Zimmers, und die Dämmerung zog einen Trauerschleier über die Wände. Er hatte das Fieber und hielt es nicht länger aus in dieser Dunkelheit. Es war Etwas in ihm oder es war Etwas um ihn, was ihn bedrückte und wie die Ahnung von etwas Furchtbarem auf seiner Seele lastete.

Er stellte die Lampe auf den Tisch und zündete sie an. Was war das? Was war das jetzt für ein Geräusch im Zimmer? Die Teppiche waren so weich, daß man keinen Schritt hörte, aber eine Seidenrobe hatte geknistert. Die Thüre war verschlossen, und Niemand war durch dieselbe eingetreten. Aber wie er sich umwandte, erblickte er dort an der kleinen Thüre, welche in den Park führte, eine weibliche Gestalt. Jetzt warf sie ihren faltenreichen Mantel ab, und bekannte Züge lachten dem Grafen entgegen.

„Sie, Gräfin?“ rief er, „Sie hier?“

„Nun ja,“ antwortete Frau von Platen mit einem unbefangenen Lächeln, indem sie sich näherte. „Nun ja, was ist da Seltsames daran? Habe ich Ihnen nicht versprochen, Sie einmal zu besuchen, Philipp? Nicht als Frau Gräfin, sondern als ein guter Camerad – Sie wissen ja! Um ein wenig mit Ihnen zu plaudern …“

Der Graf hatte sich rasch gefaßt. Sein Blick schien in die Seele der Gräfin dringen zu wollen, um zu erforschen, ob sie vielleicht eine Ahnung von dem Stelldichein habe und gekommen sei, um es zu verhindern. Aber nein. Ihr dunkles Auge blickte so unbefangen auf ihn, und ihre weiße, weiche Hand strich so ruhig die Falten ihrer Robe glatt, daß er wieder aufathmete. Es galt jetzt, durch keine Miene seine Aufregung zu verrathen. In einem Nu war wieder der alte, leichtfertige, frivole Cavalier da. Er warf sich auf die nächste Causeuse und lachte.

„Wie edel, Gräfin, daß Sie einen Einsiedler besuchen! Nehmen Sie Platz, wir wollen plaudern. Welch gutes Glück hat meine Wenigkeit in Ihr Gedächtniß zurückgerufen?“

Sie schob einen niedrigen Schemel an das Sopha und ließ sich darauf nieder, so daß sie ihre verschränkten Arme auf seine Kniee stützen konnte und ihr Antlitz beinahe das seinige berührte, als er sich herabbeugte.

„Ich habe Sie schon eine Ewigkeit nicht gesehen, Philipp. Und Sie sind mir beinahe fremd geworden. Auch hielt ich es für nöthig, wieder einmal das feindliche Terrain zu sondiren, um nicht etwa unvorhergesehener Weise überfallen zu werden.“ Und ihre weißen Zähne blitzten zwischen ihren Lippen hervor, wie sie sprach.

„Das feindliche Terrain?“ lächelte Königsmark mit seinem fadesten Lächeln und seiner affectirtesten Stimme. „Bah! bin ich denn Ihr Feind, Gräfin?“

Sie lachte. „Sie haben wohl die Kriegserklärung vergessen, die Sie mir gemacht haben?“

„Eine Kriegserklärung?“

Ma! Und jene Rose, die Sie mir sandten –?“

Die gelangweilten Augen des Grafen schienen mühsam in dem Buche seines Gedächtnisses zu lesen, wie sie über das lächelnde Antlitz der Gräfin schweiften. „Ah! Jetzt entsinne ich mich. Du lieber Gott, Sie denken an jenen Scherz, Gräfin? Ich bewundere [612] Ihr Gedächtniß. Sehen Sie, ich gestehe Ihnen ganz aufrichtig, daß ich sogar die Ursache jenes Scherzes vergessen habe …“

„Sie lügen!“ Sie hatte diese Worte mit einem sonderbaren, unbedachten Tone herausgestoßen, welcher mit ihrem fröhlichen Air im Widerspruche stand – und ihre Augenbrauen hatten sich unmerklich zusammen gezogen. „Sie lügen!“

Sein helles Auge hielt den Blick des ihrigen aus, und seine ruhige Hand strich über die Spitzen seines Schnurbärtchens. Es lag so viel naives Erstaunen in seinem Blicke, daß sie selbst über den Ton ihrer Stimme erschrak, nachdem derselbe schon längst verhallt war.

„Sie haben Recht, Graf, ich bin kindisch,“ sagte sie mit ihrem alten Lächeln. „Wenn Sie je mein Feind waren, so muß der Grund jedenfalls sehr geringfügig gewesen sein, da wir uns gegenseitig nicht attakirt haben. A propos, haben Sie sich während Ihres Hierseins schon verliebt, Philipp?“ Sie hatte diese Frage in demselben leichten Tone gethan wie die letzten Worte – gleichsam ohne zwischen beiden Sätzen einen Punkt zu markiren. Und doch machten diese wenigen Worte die Lippen des Grafen zucken, und er beobachtete sie mit seinem scharfen Auge, wie sie ihn mit dem ihrigen beobachtete, – zwei Gegner, welche die gegenseitigen Kräfte messen. Aber dieses stumme Beobachten währte kaum zwei Minuten, und die Antwort der Frage erfolgte schon, als noch der Ton derselben in der Luft vibrirte.

„Verliebt? Parbleu! Wenigstens schon ein Dutzendmal!“ lachte er, indem er sein fröhliches, unbefangenes Gesicht dem vollen Lichte der Lampe zuwendete.

Sie biß sich auf die Lippen. „Ich meine nicht verliebt, wie Sie verliebt zu sein pflegen, Graf. Ich meine, ob Sie Jemanden lieben – lieben aus Liebe, Philipp. Sie verstehen wohl?“

Er zog seine Augenbrauen lustig in die Höhe, so daß ihr Bild, wie sie vor ihm halb kniete, halb saß, in seinen Augen wie in einem Spiegel zu leben schien.

„Lieben!“ rief er. „Ah, Gräfin, wollen Sie mich beleidigen? Lieben! Der Graf von Königsmark lieben! Und wen denn, um’s Himmelswillen? Mariette oder Nanette? Oder eine der steifen Halskrausen unseres Hofes, aus deren Falten ein geschminktes Heiligengesicht hervorragt, wie eine abgelegene Wachskerze? Oder würden Sie mir vielleicht die Tochter Ihres Portiers recommandiren, Gräfin? In diesem Falle –“

Sie unterbrach ihn, indem sie ihre weiße Hand auf seine Lippen legte. „Sie lieben also nicht, Philipp? Gewiß nicht?“

„Nein.“

Und wie er sich zu ihr herabneigte, näherte sie ihr lächelndes Gesicht dem seinigen, so daß der Hauch ihres Mundes ihn fühlbar umfächelte. „Das ist gut!“ flüsterte sie halb für sich.

Aus Philipp’s Augen schoß ein unruhiger Blitz. „Gut? – Oime! wie Herr von Mazarin sagt, ich glaube wohl, daß es gut ist! Aber weshalb?“

„Sagen Sie doch, Philipp!“ – und sie schien jedes ihrer Worte zu küssen, wie sie sprach, – „ist Ihr Gedächtniß im Allgemeinen so schwach, wie es in dem besondern Falle unserer Feindschaft ist?“

„Ich denke nicht.“

„Dann erinnern Sie sich auch noch an unser letztes Gespräch, nicht wahr?“

„Vollkommen.“

Es war beinahe eine ganz andere Frau, welche da vor ihm kniete, welche seine beiden Hände gefaßt hielt und welche hastig und eilig fortfuhr: „Nun denn, seit jenem Gespräche bringe ich Deine hübschen Augen da nicht mehr aus dem Sinn – und ich muß so oft an jene tolle Zeit unserer ersten Liebe denken, daß ich Herzklopfen bekomme, so oft ich den Prinzen küssen soll! Du begreifst wohl, Philipp, wenn eine Frau wie ich solche Sachen spricht, muß sie wahrhaft lieben – und ich liebe Dich, Philipp!“

„Gräfin!“

Sie steht hochaufgerichtet, beinahe drohend vor ihm. Ihre schwarzen Augen sprühen, ihre Hände krallen sich in den Stoff ihres Kleides ein, und Etwas wie ein trotziger Fluch zittert um ihre Lippen.

„Ich liebe Dich, Philipp, oder ich hasse Dich. Ich weiß selbst nicht, wie ich es nennen soll, was mich so quält und was mich solchen Unsinn sprechen läßt. Ich hasse Dich, weil ich mich vor Dir beugen muß, Philipp – ich hasse Dich, weil Du der einzige Mann bist, der mich zum schwachen Weibe macht – ich hasse Dich, weil ich Dich anbete, Philipp! O, was habe ich nicht Alles versucht, um diese wahnsinnige Liebe zu unterdrücken, aber es war umsonst. Man glaubt sich stark, man glaubt sich erhaben über die Lächerlichkeiten der Welt, aber es kommt immer ein Augenblick, siehst Du, wo das Weib ein Weib wird, und dann giebt es keinen Stolz mehr – Alles ist vergessen, und man kann nur sagen: Ich liebe Dich, willst Du mich? Philipp, Philipp, aber so antworte doch!“

Er hat sich erhoben. Ein wilder Stolz zittert in der gehobenen Brust, und seine Stimme ist klingend, wie er spricht: „Der Gräfin von Platen kann ich auf diese Frage keine Antwort geben!“

Eine glühende Röthe jagt in ihr Gesicht hinauf. Sie beißt die Zähne zusammen und schließt die Augen. Es ist, als zersprenge ein mächtiger Schrei die Pforten ihrer Brust und als bäume sich ihr Stolz, denselben frei zu geben. Jetzt öffnet sie die Augen wieder und lächelt. Aber es ist ein gräßliches Lächeln.

„Wer spricht hier von einer Gräfin von Platen?“ flüstert sie, und ihre Stimme ist heiser, als ob jener Schrei sich wirklich ihrer Brust entrungen hätte. „Es ist ein lustiger, guter Camerad, der Dich um Bescheid fragt, Philipp. Kannst Du die Gräfin nicht lieben? Willst Du sie nicht lieben, wenn sie sich Dir zu eigen giebt mit ihrer ganzen Seele – Dir allein?“

Philipp erhebt sich. Es ist ein grausames Etwas in seinen Zügen ausgedrückt. Es ist Etwas von dem alten Königsmark, von dem blasirten Wüstlinge an ihm, den er für immer von sich geworfen zu haben meinte; und er jubelt im Innersten seines Herzens und in seiner heiligen Liebe für Sophie, daß er das Weib bezwungen hat, welches ihre Feindin ist.

„Nein!“ sagte er mit klingender Stimme. „Nein, Camerad. Die Gräfin von Platen ist die Geliebte des Prinzen Georg – und ich bin nicht reich genug, um einen Souverain im Preise zu überbieten.“

Wie ein Blitz zuckte es durch die ganze Gestalt der Gräfin, und hochroth fuhr es über ihr wüthendes Gesicht. Dann trat eine Leichenblässe an die Stelle der Gluth, und sie wandte sich um und schritt rasch nach der Thüre. Auf der Schwelle blieb sie stehen und wandte sich um. Ehe sich’s Philipp versah, stand sie wieder dicht vor ihm – und ihre zitternde Stimme klang wie eine Stimme aus seinem eigenen Innern, so nahe war ihr Antlitz dem seinigen.

„Philipp!“ keuchte sie, „Philipp, nimm diese niederträchtigen Worte zurück. Ich flehe Dich an, sage mir nur ein einziges freundliches Wort, schenke mir nur einen einzigen freundlichen Blick! Ich liebe Dich, und darum werde ich Dir verzeihen – Du weißt nicht, wie ernst diese Stunde ist – Ein Wort, Philipp, ein einziges freundliches Wort der Versöhnung – Philipp, um Deiner selbst willen, laß mich nicht so von Dir gehen!“

Aber er blieb stumm und lauschte auf die Schläge der nahen Thurmuhr, welche dröhnend die elfte Stunde verkündete. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und ließ ihre Arme sinken. Es war Etwas in ihr gestorben. Dann schritt sie, ohne ein Wort zu sprechen oder sich umzusehen, zur Thüre hinaus.



11. Eine Schäferstunde.

Der Graf von Königsmark durchschritt, in einen weiten, faltenreichen Mantel gehüllt, den Corridor des nördlichen Flügels, welcher um diese Zeit stets schon verlassen und einsam war. Selbst die Wache vor dem Cabinete der Prinzessin war heute nicht auf ihrem Posten. Keine Lampe erhellte die Gänge, denn am Himmel strahlte der Mond in vollster Klarheit und strömte sein hellstes Licht auf die schlummernde Erde. Eine herrliche Sommernacht strömte ihre würzigsten Düfte durch die geöffneten Fenster, eine säuselnde Brise spielte in den Blättern der Bäume wie der Athem des schlafenden Tages, und das Wasser der Springbrunnen rauschte und plätscherte in der Ferne. Aber der Duft hauchte ihm nicht zu: Kehr’ um! und der Nachtwind säuselte nicht: Kehr’ um! und die Wasser murmelten nicht: Kehr’ um! – Wind und Wasser haben keine Sprache, die den Menschen verständlich wäre, und sein eigenes Herz war voll von Liebessehnsucht und Hoffnung.

Als er an die Thüre pochte, welche in das Vorzimmer der Prinzessin führte, hieß ihn keine Stimme eintreten und kein Diener öffnete ihm. Endlich drückte er an die Klinke und trat ein. Das Vorzimmer war dunkel – und nur ein Lichtstrahl, welcher aus der gegenüberliegenden Thüre fiel, zeigte ihm, daß es leer war. Er [613] sah sich verwundert um und schritt zögernd weiter. War denn das ganze Schloß ausgestorben, oder hatte die Prinzessin ihre Vorkehrungen so gut getroffen, daß sie alle ihre Diener entfernt hatte? Es wäre ihm beinahe lieber gewesen auf irgend ein Hinderniß zu stoßen. Diese seltsame Oede beunruhigte ihn. Jetzt stand er an der Thüre des innern Gemaches und öffnete sie. Der röthliche Schein einiger Kerzen stritt mit dem bleichen Lichte des Mondes und erzeugte in dem Gemache ein zwitterhaftes Helldunkel. Dort an dem Betstuhle kniete, tief niedergebeugt, eine weiße Gestalt und betete. Der Graf schloß die Thüre, und Sophie erhob sich mit einem jähen Schrei.

„Herr von Königsmark!“ rief sie, indem sie sich an den Betstuhl klammerte. „Also doch!“

Ihre Züge waren verstört, ihre Augen weit geöffnet, ihre Haare hingen ihr wirr über das Gesicht. Philipp trat näher.

„Was ist geschehen?“ stammelte er. „Mein Gott, was geht hier vor?“

„Fort!“ flüsterte sie, indem sie beide Arme gegen ihn ausstreckte, als wolle sie ihn verhindern näher zu treten. „Fort, um Gottes Barmherzigkeit willen! Sie stürzen sich und mich in’s Verderben! Was wollen Sie hier?“

Der Graf trat noch näher. „Ich soll fort?“ rief er. „Aber Sie selbst haben mich ja gerufen, Prinzessin.“

„Fort!“ wiederholte sie, indem sie ängstlich und dringend nach der Thüre wies. „Entfernen Sie sich!“

Königsmark ballte wie in Verzweiflung seine Hände. „Aber haben Sie mir denn nicht diese Zeilen gesendet, worin Sie mich anflehen, ich solle hierherkommen, um Sie zu retten?“

„Ja doch!“ keuchte Sophie Dorothea, indem sie seine beiden Hände faßte. „Ja doch, ich habe es geschrieben, aber er hat mich gezwungen – er hat mich genöthigt diesen unseligen Brief zu schreiben, um uns Beide zu verderben!“

„Er hat Sie gezwungen!“ rief Königsmark, indem sich ein schrecklicher Gedanke in seinen entsetzten Zügen malte.

„Ja – ja! – Begreifen Sie denn nicht, daß man Sie in eine Falle gelockt hat – daß man uns verderben will?“

„Eine Falle?“ schreit Philipp mit einem verächtlichen Blicke, während er an seinen Degen greift. „Und Sie ließen sich zwingen?“

[614] Sophie ist vor ihm auf die Kniee gesunken und ringt die Hände.

„Philipp! Philipp! Ich bin ja doch nur ein Weib – Sieh her – er hat mich mißhandelt, er hat mir weh gethan – er hat mich gezwungen, sage ich Dir! O Philipp, ich habe mich ja auch in’s Verderben gestürzt! Sie wollen mich in ein Gefängniß bringen. Flieh! flieh!“

„Fliehn!“ ruft Philipp verzweifelnd. „Fliehn! Und Sie sind es, die mich zu Grunde richtet – Sie, die ich anbete – O, es ist schändlich!“

„Philipp, Philipp, verzeihe mir! verzeihe mir!“ ruft Sophie, indem sie ihn mit beiden Armen umfaßt. „Denn Dein Tod ist auch der meinige!“

Er erbebt unter der Berührung ihrer Arme und ihres wogenden Busens – eine jähe Flamme zuckt durch sein Herz, und er preßt sie an seine Brust. „Du Freude meines Herzens, Geliebte meiner Seele, was sprichst Du von Tod und Verderben?

Dein Herz schlägt an dem meinigen, Dein Antlitz ruht an dem meinigen. Was ist der Tod gegen dieses Glück? Sophie, Sophie, Du weinst um mich?“

„Flieh!“ ruft sie, indem sie wie aus einem Traume auffährt. „Flieh, um Gottes Barmherzigkeit willen – rette Dein Leben – rette meine Ehre! – Ah!“ schreit sie, indem sie ihn wie wahnsinnig umfaßt – „zu spät! Hörst Du sie kommen? Sie nahen schon durch den Gang; Philipp, Philipp, das ist der Tod, das ist der Tod! Philipp, ich liebe Dich!“

Er stößt einen Schrei der Seligkeit aus und stürzt, umschlungen von ihren Armen, auf die Kniee. „Du liebst mich? Du liebst mich? O, nun mögen sie kommen – ich will sterben, um diese Worte mit mir in’s Grab zu nehmen! Noch einen Kuß, den ersten und den letzten. Leb’ wohl, mein Alles, leb’ wohl! Ah!“

Und wie er die Ohnmächtige auf den Boden gleiten läßt, stürzt er mit gezogenem Degen nach der Thüre des Vorsaals, in welchen soeben ein halbes Dutzend Cavaliere des Hofes stürmen, die ihn mit ihren Degenspitzen empfangen. Das Vorzimmer wird nur durch den Wiederschein erleuchtet, der aus Sophiens Schlafzimmer dringt. Aber mit dem Blicke eines Falken hat Philipp im Halbdunkel das glänzende Gewand des Kurprinzen Georg entdeckt, welcher der Ersten Einer hereindringt. In einem Nu hat er mit ihm den Degen gekreuzt und kämpft. Aber vier, fünf andere Degenspitzen dringen auf ihn ein – er ficht wie ein Verzweifelter und blutet schon aus vielen Wunden. Jetzt springt er hinter einen breiten Tisch und will Athem holen, als sich einer der Cavaliere auf den Tisch schwingt und dem Halbtodten seinen Degen in’s Herz stößt, daß das Blut hoch aufspritzt bis auf das Gewand des Prinzen, welches von oben bis unten davon befleckt wird. Da wird es nach dem Lärmen und Schreien mit einem Male todtenstill im Zimmer. Man hört nur das keuchende, schwere Athmen der Männer und das Röcheln des Sterbenden.

Georg beugt sich über den Tisch. „Ist er todt?“ fragt er, indem er das Blut von seinem Gewande wischt.

Der schöne Hurtig neigt sich über den Grafen herab und legt die Hand auf sein Herz. „Todt.“

Bien!“ sagt Georg, indem er sich wendet. „Jetzt wollen wir nach Dörthe sehen.“


Die Schatten der Nacht weichen widerstrebend dem Tageslichte, und die Strahlen der Sonne dringen lustig durch die Scheiben des Fensters in das Zimmer und umspielen fröhlich den Leichnam, der da am Boden lag von Mitternacht bis zum Morgen, mitten in das Herz getroffen. Und dieselben Strahlen derselben Sonne umspielen noch lange, lange Jahre darnach die Mauern des öden Schlosses, in dessen gefängnißartigen Mauern ein einsames Weib dahinwelkt, auf dessen gramdurchfurchtem Gesichte noch immer ein Schatten jener längstvergangenen Nacht zu ruhen scheint.