Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Sommersprossen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10-11, S. 136-140, 152-155
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Sommersprossen.
Antwort auf Fräulein Mariechens Schreibebrief.

Liebes Fräulein! Wenn nächstens auf Wiese und Feld, im Wald und Garten Blatt, Blüthe und Blume hervorsprossen wird, fürchten Sie sammt Ihren blonden Leidensgefährtinnen, daß die Sonne in Ihrem Gesichtchen gelbe Sprossen treiben wird und daß Sie dadurch, wie Sie ganz mit Unrecht in Ihrem Briefe behaupten, „Gegenstand des Witzes und des Spottes“ würden. Von mir erwarten Sie da Hülfe; ja, Sie suchen sogar scherzend diese Hülfe dadurch zu erzwingen, daß Sie „mit ungläubigem Lächeln“ den Verdacht aussprechen, meine Kenntniß innerer Leiden möchte wohl nicht weit her sein, da ich mich in meinen Aufsätzen mit dem Aeußeren des Menschen so wenig beschäftigte. Gegen diese nach den Regeln der Frauenlogik (die, wie das weibliche Gehirn, gegen 8 Loth leichter, als die des Mannes ist) gemachte Schlußfolgerung kann ich zu meiner Entschuldigung nur anführen; bis jetzt wußte ich noch nicht, daß junge Mädchen mit Sommersprossen meine Aufsätze so eifrig lesen und ihre Sommersprossen für ein so schreckliches Leiden ansehen, wie Sie. Jetzt weiß ich’s und nun hören Sie, was mir von den Sommersprossen bekannt ist.

Unsere Haut ist zuoberst von einer gefäß- und nervenlosen, also ganz unempfindlichen halbdurchsichtigen Hautschicht gebildet, die man Oberhaut oder Epidermis nennt und die auf der sehr blut- und nervenreichen Lederhaut aufliegt, überall den Vertiefungen und Erhabenheiten derselben sich genau anschmiegend. Es ist das diejenige Hautschicht, die bei Einwirkung einer spanischen Fliege sich in Gestalt einer Blase erhebt und ohne Schmerz abgezogen werden kann, worauf sich dann die Lederhaut roth und wund zeigt. Es läßt sich nun aber diese Oberhaut in zwei, ziemlich scharf von einander getrennte Schichten scheiden: die obere ältere heißt die Hornschicht, die untere jüngere die Schleimschicht. Letztere wird fortwährend als Flüssigkeit von den Blutgefäßen der Lederhaut abgeschieden und tritt zuvörderst in Gestalt kleiner, mit Flüssigkeit prall gefüllter rundlicher oder länglicher, kernhaltiger Bläschen (Epidermiszellen) auf. Diese Zellen drängen und drücken sich nach der Hornschicht hin immer fester und fester aneinander, werden dadurch eckig und platt, allmählich hart und hornartig und stellen endlich die aus Lagen vier-, fünf- und sechseckiger Hornplättchen zusammengesetzte, ziemlich undurchdringliche Hornschicht dar. Die obersten, ältesten Plättchen dieser Schicht stoßen sich fortwährend los und so können dann die Zellen in der Schleimschicht immerfort nachrücken und zu Hornplättchen werden.

Der Teint (die Färbung) der Haut hängt von der Farbe dieser Oberhaut ab und hat vorzugsweise seinen Sitz in der Schleimschicht, also unter der Hornschicht. Hier befinden sich nämlich bei farbiger (brauner, schwarzer) Haut in den Epidermiszellen feine Farbekörnchen, die aber nach der Hornschicht zu allmählich etwas blässer werden. Von eben solchen Farbekörnchen in den Oberhautzellen der Schleimschicht der Oberhaut werden nun die Sommersprossen gebildet und man müßte also, um zu ihnen zu gelangen, durch die Hornschicht hindurchdringen. Es versteht sich von selbst, daß jene Farbstoffe, ebenso wie die ganze Oberhaut, aus dem Blute der Lederhaut stimmen.

Was die Durchdringlichkeit der Hornschicht der Oberhaut betrifft, so lehrten Versuche, daß sie Flüssigkeiten, die nicht chemisch (auflösend) auf ihr Gefüge einwirken, nicht durch sich hindurchdringen läßt, wohl aber dunstförmige oder sich leicht verflüchtigende Flüssigkeiten (wie Wasserdämpfe, Alkohol, Aether, Ammoniak etc.). So soll Chlorwasser den Fuß eines Negers in Kurzem fast weiß entfärbt haben; freilich war derselbe aber nach wenigen Tagen wieder schwarz. Wenn Salben u. dgl. durch Einreiben in die unverletzte Oberhaut aufgenommen werden, so hat dies seinen Grund in einem mechanischen Eintreiben jener Substanzen in die Schweißcanäle, Haarbalge und Talgdrüsen der Haut.

Die Sommersprossen (d. s. also gelbe und bräunliche Farbekörnchen in den Bläschen der Schleimschicht) scheinen vorzugsweise der Einwirkung der Sonnenstrahlen ihren Ursprung zu verdanken, finden sich deshalb besonders an Körperstellen, die unbedeckt getragen werden, zeigen sich gewöhnlich zu Anfange des Sommers und verschwinden im Winter wieder. Doch kommen auch Sommersprossen an bedeckten Körperstellen vor, die im Winter nicht verschwinden, höchstens blasser werden.

Wenn Sie, liebes Fräulein, nun, nachdem ich meinen gelehrten Kram vor Ihnen ausgepackt habe, glauben sollten, ich könnte ein Mittel angeben, welches äußerlich auf die fleckige Haut aufgelegt oder eingestrichen und eingerieben die Farbe der Sommersprossen auszuwaschen oder zu entfärben vermöchte, so irren Sie ganz gewaltig. Denn wenn Sie auch Ihr Gesichtchen wie jenen Negerfuß tagelang in Chlorwasser badeten und die Sommersprossen auch wirklich dadurch erblaßten, so würden dieselben doch nach wenig Tagen wieder erscheinen. Glauben Sie mir, alle gegen die Sommersprossen empfohlenen Geheimmittel sind Charlatanerien, und es ist um jeden Pfennig schade, den Sie dafür ausgeben.

Der einzige Rath, den ich Ihnen geben kann, ist: der Entstehung der Sommersprossen dadurch entgegenzutreten, daß Sie das Gesicht im Sommer stets kühl und von jedem stärkern Sonnenlichte entfernt halten. Da die Farbe der Sommersprossen vom Blute der Lederhaut ausgeschieden wird, so muß man allen Blutandrang nach dem Gesichte, also alle Erhitzung desselben vermeiden; die Gesichtshaut darf nicht mit zu kaltem Brunnen-Wasser (wohl aber mit lauem Fluß- oder Regenwasser) gewaschen, noch weniger aber mit Seife stark gerieben werden; den Schweiß und Hauttalg entferne man öfters des Tages durch sanftes Abstreichen der Haut mit weicher Leinwand. Natürlich muß das Gesicht vor den Sonnenstrahlen durch Hut und Sonnenschirm sorgfältig geschützt werden. Auch scheint es gut zu thun, wenn das Gesicht am Tage öfters mit einem dünnen, dunklen, in kühles Wasser getauchten Stoff belegt wird. Die Homöopathie – aber lachen Sie nicht, denn es ist wirklich in Herrn Dr. Clotar Müller’s homöopathischem Haus- und Familienarzte zu lesen – empfiehlt bei übermäßigem Auftreten der Sommersprossen innerlich Lycopodium (Bärlapp) oder Veratrum (weiße Nieswurz). In seinem homöopathischen Arzneischatze meint dagegen Herr Dr. Hirschel: „Aeußere Mittel (aber in allopathischer Gabe), wie Citronen- und verdünnte Salzsäure, Molkenwaschungen u. dgl., dürften wohl zuverlässiger als jene innern homöopathischen Mittel sein.“ Mehr weiß ich Ihnen über die Sommersprossen nicht zu sagen.

Bock.