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Skizzen von der Ostküste Afrika’s (Zanguebar)

Textdaten
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Autor: Ernst Lochner
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Titel: Skizzen von der Ostküste Afrika’s (Zanguebar)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 711-714
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[711]

Skizzen von der Ostküste Afrika’s (Zanguebar).

Von Ernst Lechner.[1]
1. Der Untergang eines französischen Kauffahrteischiffes und ein französischer Kriegszug.

Noch waren Meer und Land von den dunklen Schatten der Nacht umhüllt, als von einem einförmigen Gesang begleitet sich das tactmäßige „Tik-Tak“ des Spills vernehmen ließ, welches den zweiten Anker des französischen Kauffahrteischiffes „Jacques Laffitte“ dem Meeresgrunde enthob.

Die über dem Lande stehenden Nebelmassen färbten sich gelber und immer greller, und plötzlich erschien die Sonnenscheibe, noch umschleiert von den Morgendünsten, am Horizont. Wie gewöhnlich in tropischen Breiten, erhob sich auch heute mit Erscheinen der Sonne ein leichter Morgenwind, der die Nachtdünste hinwegjagte, so daß bald die ganze Scene von unumflortem Lichte umstrahlt war. Mittlerweile hatte die Bemannung des „Jacques Laffitte“ nicht geruht; sämmtliche Segel waren gelöst und bereit gehißt zu werden, und der letzte Anker enthob sich dem Grunde. Mit den Producten der Küste beladen, wollte sich das Schiff den heimischen Gestaden zuwenden, und der am Verschiffungsplatze lebende französische Agent und ich beabsichtigten, den Capitain des absegelnden Schiffes bis in freie See zu geleiten, um dann in Booten nach unserm Aufenthaltsort L. zurückzukehren. Der Agent hatte dem Capitain M. einen einheimischen Piloten mitgegeben, um das Schiff bis in freie See zu lootsen, der in arabischer Sprache die letzten Befehle zum Lichten, ertheilte.

Die gefahrvolle, von Klippen und Untiefen besäete Straße war meist passirt, und schon breitete sich die offene See vor unsern Augen aus, da rief plötzlich der Capitain M. mit herzzerreißender Stimme: je touche! ò mon dieu, je touche! – Nichts ist schrecklicher für den Seemann, als zu fühlen, wie der Kiel berührt und [712] das ganze Fahrzeug von der unheilvollen Berührung bis in die Spitzen der Masten erzittert.

Das arme Schiff „Jacques Laffitte“ war allerdings, trotz der Leitung des Lootsen (vielleicht in Folge derselben!), auf eine Untiefe gerathen, und wurde durch die stark nach dieser hinwärts strömende Fluth immer fester auf das Felsenriff aufgewühlt. Die Anker wurden geworfen, die Segel wieder festgemacht und einige Versuche unternommen, das Schiff abzuwinden – doch Alles vergeblich. Botschafter, Hülfe von der Stadt zu holen, gingen ab, und die Besatzung flüchtete nach einer nahegelegenen, kleinen Insel, da das festsitzende Schiff von der immer höher steigenden Fluth überschwemmt wurde.

Ein anderer Morgen brach an; wir Alle hatten, in unsere Mäntel gehüllt, eine von traurigen Gedanken umwiegte Nacht auf der kleinen, sandigen Insel verlebt, denn die Ahnung des Unterganges des armen „Jacques Laffitte“ übte einen betrübenden Einfluß auf alle Gemüther, ähnlich den Gefühlen, die wir empfinden beim Anblick eines sterbenden Freundes.

Der Capitain M., in dessen wettergebräunten Zügen sich Verzweiflung spiegelte, bestieg mit seiner niedergeschlagenen Mannschaft sein Boot und der Agent und ich folgten, von unsern Negern gerudert, in einem andern Boote ihm nach, um in einem zweiten Versuch zu sehen, ob dem trotzenden Meere sein Opfer nicht zu entringen sei. Auch heute wurde den ganzen Tag gearbeitet, doch das Schiff war trotz einigen Hundert arabischen Handarbeitern, die wir gemiethet hatten, dennoch nicht einen Zoll breit abzubringen, und in dumpfem Schweigen fuhren wir des Abends zurück nach der kleinen Insel, die, belebt durch unsere zahlreichen Hülfsmannschaften, bald ein buntes Gemälde darbot. Die bronzefarbenen kräftigen Gestalten kauerten, in ihre braunen, kameelhaarenen Mäntel gehüllt, um kleine Feuer, angezündet, die Nachtkühle zu verscheuchen und um dabei das einfache Mahl, Reis und Wurzeln (mhogo), zu bereiten, wobei hier und da die eigenthümlich weichen Gesänge der Araber, bald einzeln, bald im Chöre erschallten. Unter diese Klänge mischten sich auch zuweilen fern herkommende Töne von der etwa eine Stunde entfernten festen Küste Afrika’s, und beobachtete man die braunen Kinder des Landes genau, während solche Töne laut wurden, so konnte man leicht an dem unwillkührlich erschreckten Lauschen erkennen, welcher gefürchteten Kehle sie entquollen. Zu Alle dem bildete das majestätische Rollen des Meeres den ehrfurchtgebietenden Grundton, und phantastische Träume lebten auf, während die Umgebung stiller und stiller ward.

Der Morgen des folgenden Tages warf uns stürmend einen unfreundlichen Ermunterungsruf entgegen; das Meer, gestern so ruhig und gleichförmig seine Wogen dahinrollend, warf heute ungestüm seine Wassermassen zu Bergen empor, und die Felsenriffe, die zahlreich in diesem Meerbusen sich zeigen, waren von tobender Brandung umbraust.

Trotzdem sollte auch heute ein Versuch gewagt werden, den trauernd seine Masten gen Himmel streckenden „Jacques Laffitte“ zu retten. Capitain M., der Agent und ich bestiegen unser Boot, um unsern Arabern und der Mannschaft voraus an Bord zu fahren In die Nähe des Schiffes gekommen, fanden wir dasselbe von Kisweli’s (Eingeborenen) wimmeln, eifrig beschäftigt die Ladung zu rauben und in Landesfahrzeugen fortzuschaffen. So wie wir uns mehr näherten, wurde uns mit wildem Geschrei mitgetheilt, jeder Weiße, der versuchen wolle, an Bord zu kommen, solle geköpft werden, denn das Schiff sei ihrem Strandrecht verfallen. Ein jauchzender Verzweiflungsschrei entfuhr dem Capitain, als wir ihm diese Nachricht übersetzten, und mit wilder Freude rief er: allons, poussons à bord! Nur mit Gewalt konnten wir den verzweifelten, fast wahnsinnigen Capitain bewegen, der Uebermacht zu weichen, und stets mit demselben ringend, umbraust von den empörten Wogen, jeden Augenblick in Gefahr auf den spitzen Felsenriffen zerschmettert zu werden, gewannen wir nach unendlichen Anstrengungen wieder unser kleines Asyl.

Daselbst zurückgekommen, trafen wir ein wildes buntes Treiben an; gegen 30 kleine Fahrzeuge hatten hier angelegt, nachdem sie vorher von ihren schwarzen Besitzern mit den Gütern des gestrandeten „Jacques Laffitte“ gefüllt worden waren; und mit der größten Gemüthlichkeit ruhten nun diese Räuber neben uns aus, wartend bis der Sturm erlauben würde, die Rettung (!) des Wrack’s fortzusetzen. Dabei unterhielten sie sich mit uns sehr naiv über den ganzen Vorfall, indem sie versicherten, es sei nun schon viele Jahre her, daß sie mit einem ähnlichen Geschenk gesegnet worden seien; andere verhandelten allerlei Gegenstände, die wohl nie bestimmt waren, solchen Besitzern zu dienen. Einer, der einen Fenstervorhang statt Turban um den Kopf gewunden hatte, klagte, dieser Stoff sei doch gar zu kurz und unzureichend, und fragte, ob wir nicht mit einem Stück ähnlichen Stoffes ihm dienen könnten. Ein Anderer hatte einige nautische Instrumente, und da er gar nicht wußte, was damit beginnen, so bot er dieselben mit liebenswürdiger Freimüthigkeit zum Kauf an, uns bei unserer Ehrlichkeit beschwörend, ihn nicht zu übervortheilen, da er nicht genau wisse, wie viel dies Spielwerk werth sei. Unsere geringe Anzahl zwang uns, zu alle dem gute Miene zu machen, um so mehr, da die arabischen Arbeiter, die wir gemiethet hatten, sich immer mehr minderten und zu den Kisweli’s überliefen, um an deren schönen Geschäften Theil zu nehmen.

So wie das Wetter es erlaubte, brachen wir auf, nach der gegen 4 Stunden entfernten Stadt L., um bei dem dortigen arabischen Gouverneur (eingesetzt vom Imaun von Maskat) Hülfe zu suchen. Nach Anhören unserer Berichte versicherte er uns seines Beileids und brach noch denselben Tag mit seinen sämmtlichen 500 Soldaten auf, zu versuchen, den Räubern ihre Beute streitig zu machen. Er eröffnete den kriegerischen Zug, in einem elenden Canoe stehend, und seinen Streitern die Schlachtmelodieen intonirend, worauf dann das gesammte Heer in wildem, brüllendem Chöre einstimmte, dabei gar grimmig die zweischneidigen Schwerter schwingend, oder die bis zur Mündung geladenen Flinten in die Luft abschießend.

Die Mannschaften waren während dieser kriegerischen Scene sämmtlich auf zwei Fahrzeugen untergebracht, und folgten nun ihrem schon greisen Anführer. Wir Zurückgebliebenen malten uns schon die gräßlichsten Kampfscenen aus, siehe, da kam noch denselben Tag das Heer zurück, noch immer gar kriegerisch lärmend, singend und schießend, und in Kurzem wurde uns die Kunde, daß es nach tapferen – Gegenreden habe der Uebermacht weichen müssen. Uebrigens brachten die Streiter, um sich über das verunglückte Unternehmen zu trösten, gar manche hübsche Kleinigkeit mit, die noch vor wenig Stunden an Bord des armen „Jacques Laffitte“ gewesen war, der nun mit unglaublicher Schnelligkeit stückweise die verschiedensten Besitzer bekam, so daß wenige Tage danach vom Schiffe Nichts mehr das Wasser überragte, und nur durch Tauchen die Fundgrube weiter auszubeuten war.

Als einige solcher Taucher an Nägeln unter Wasser hängen blieben und ertranken, behaupteten die Kisweli’s, nun sei genug ausgeführt worden, und Gott wolle den Rest des Schiffes selbst behalten, und Keiner wagte von da an, das Plündern des Wrack’s fortzusetzen.

Kurze Zeit darauf kam eine kleine spanische Brigg in L. an, mit welcher der Capitain und die Mannschaft des gebliebenen Schiffes nach Zanzibar abreisten. Bei dem dortigen französischen Consul beklagte sich der Capitain, und der Consul erhielt vom Gouverneur der Insel und Stadt Zanzibar, Seyd Madjid, (Sohn des alten Imaun’s von Maskat, Seyd Seyd) ein arabisches Kriegsschiff und unbedingte Vollmacht, in L. Gerechtigkeit über die Räuber zu üben.

So kamen denn der Consul und der Capitain M. auf dem kleinen Man of war, voll der besten Hoffnungen, in L. an, vielleicht gar den kühnen Gedanken hegend, die geraubten Güter wieder zu erlangen. Die zwölf ältesten Kisweli’s, die eine Art entscheidende Autorität in L. besitzen, kamen dem Consul entgegengefahren und führten ihn voller Freundlichkeit in L. ein, wo bei seiner Ankunft nicht enden wollende Freudenschüsse die Luft erzittern machten. Des Abends führten ihm zu Ehren gegen fünfzig junge Leute einen großen Fechttanz auf, und der Consul, der sein Quartier bei dem in L. residirenden französischen Agenten aufgeschlagen hatte (woselbst er sogleich eine prunkende französische Flagge aufpflanzen ließ), schien durch diesen freundlichen Empfang überzeugt, durch das Ansehen seiner schönen Uniform und hinter den Kanonen seines kleinen Kriegsschiffes auf dem besten Wege zu sein, sich unsterbliche Lorbeeren zu erringen.

In L. steht ein kleines Fort, das gleichzeitig als Festung und als Gefängniß dient und vor Jahrhunderten von Portugiesen erbaut wurde, die zu jenen Zeiten bedeutende Handelsgeschäfte mit den Eingeborenen hier betrieben; in dieses Fort steckte der Consul einige Rädelsführer der Räuber, die ihm bezeichnet worden waren, [714] und war dann nicht wenig in Verlegenheit, was nun mit diesen Leuten anzufangen sei! So manche Berathung wurde darüber abgehalten. Der Eine wollte ein Exempel statuiren und sämmtliche Räuber köpfen, damit die Einwohner der Stadt aus Furcht alle geraubten Güter herausgeben sollten, der Andere rief besorgt: „Wenn sie sich es nur gefallen lassen,“ und nach vielem Hin- und Herreden wurde beschlossen, die Rädelsführer nach Zanzibar führen und dort als Bürgen zu behalten, damit in Zukunft die Kisweli’s sich nicht wieder ähnliche Freiheiten erlauben möchten.

Dieser Beschluß war kaum ruchbar in der Stadt geworden, als eines Tages plötzlich alle männliche Bevölkerung verschwunden war. Durch unsere schwarzen Diener erfuhren wir alsdann, die Kisweli’s haben in einer großen Berathung beschlossen, sämmtliche Weiße zu tödten, falls dieselben Miene machen würden, die Gefangenen aus L. zu entführen. Der Consul gerieth beim Anhören dieser Nachricht in eine eigenthümliche Aufregung, die sonderbar mit dem gewaltigen Muthe contrastirte, der wenige Stunden vorher durch seine Unterhaltung hindurchleuchtete.

Während dem wurden die Straßen L.’s immer belebter; die wieder zur Stadt gekommenen Kisweli’s standen gruppenweise umher, leise Gespräche mit ungemein vielen Gesticulationen führend, tiefschwarze Sclaven, nur mit einem Tuche schurzähnlich bekleidet und mit Pfeil und Spieß bewaffnet, erschienen, erst seit kurzer Zeit in L. angekommen, hierher (wie man leise erzählte) durch ihre Herren, die Kisweli’s, gerufen, die auf der nur eine Stunde entfernten Küste Afrika’s bedentende Pflanzungen haben, die sie durch zahlreiche Sclaven bearbeiten lassen.

Zu dieser Zeit lagen ein deutscher und drei französische Kauffahrer im Hafen und der Consul rief von jedem Schiffe die halbe Besatzung an’s Land, ließ auch einige Kanonen auffahren, und diese Streitkräfte wurden dann in das Haus des französischen Agenten und in das meine vertheilt, so daß ein energisches Auftreten fest beschlossen schien. Unsere Häuser, steinerne, einstöckige Gebäude mit flachen Dächern, auf denen letzteren ein zweites Dach von Cocosblättern aufsteht, da das schlechte Kalkdach nie wasserdicht ist, wurden so viel als möglich befestigt, während im Innern alle Vorbereitungen zu einem Kampfe zu sehen waren. Da wurden Kugeln gegossen, Kardusen gefertigt, Flinten gereinigt, alte Schiffs-Enterschwerter geschliffen etc. etc., wobei deutsche und südfranzösische Gesänge weit in den krystallklaren Nachthimmel, durchwoben von Milliarden funkelnder Sterne, hinausschallten. Da bis Mitternacht die Stadt in gewöhnlicher Ruhe verblieb, wurden Wachen aufgestellt und die Uebrigen gingen zur Ruhe, nachdem vorher Lärmsignale bestimmt waren, um im Falle eines Angriffes uns gegenseitig zu warnen, was sehr gut ausführbar war, da das Haus des Agenten von dem meinen nur durch vier Strohhütten getrennt war. Kaum eine Stunde war vergangen, so erscholl der Grauenruf morto, morto! (Feuer!) und ohne noch das Feuer zu sehen, hörte man schon das Prasseln und Zischen brennender, trockener Cocosblätter. Ein schrecklich schöner Anblick bot sich mir dar, als ich auf dem Dache meines Hauses anlangte.

Die Kisweli’s hatten einige ihrer eigenen Strohhäuser angezündet, so daß der Wind das Feuer unsern Häusern zuführen sollte; plötzlich blies derselbe aber einige Stöße in anderer Richtung, als der berechneten, und im Nu stand fast die halbe Stadt in Flammen. Der ungemein brennbare Stoff, der das Material der meisten Hütten bildet, qab dem wüthenden Elemente die herrlichste Nahrung, so daß die hochauflodernden Flammen fast Tageshelle verbreiteten. Aber nicht lange blieb mir Zeit, das großartige Schauspiel zu betrachten, plötzlich loderte in meiner unmittelbaren Nachbarschaft eine zweite Feuergarbe gen Himmel empor, zischende Funken wie einen Feuerregen umher schleudernd. So schnell als möglich zertrümmerte ich mit Hülfe meiner Leute mein schon brennendes Strohdach, um dasselbe dann in die Straße hinab zu werfen, die einzige Art, um das darunter stehende Haus vor dem Zerplatzen und Auseinanderstürzen zu wahren. Der Platz um mein Haus füllte sich mit Tausenden von Kiswe1i’s, die mit schauderhaften Gesängen einen gräulichen Tanz begleiteten, zu dem die Flammen meines Hauses ihnen leuchteten. Eigene Empfindungen waren es, auf dem Dache mit dem Feuer zu ringen und unten diese teuflischen Gestalten zu sehen, die in einem grotesken Fechttanz sich vorzubereiten schienen, später noch viel grauenvollere Scenen aufzuführen. Endlich gelang es uns, das Strohdach, jetzt ein großer, brennender Trümmerhaufen, vom Hause zu lösen und hinab in die Straße zu stoßen, was uns wenigstens aus der Feuersgefahr rettete.

Gellendes Wuthgeschrei empfing unten diese Dachtrümmer; sicher hatten die Kisweli’s gehofft, sich durch das Feuer in Besitz meines Hauses zu setzen, was ihnen wieder ein reichliches Feld zu rauben und zu plündern geboten haben würde und sie für den Verlust einiger Hundert elender Strohhütten sehr schön entschädigt hätte. Reichlich gespendete Feuerbrände und Steinwürfe ließen es uns gerathen erscheinen, das Dach zu verlassen; als wir aber zeitweilig einige blinde Schüsse durch die Fenster abfeuerten, zog sich die Versammlung unten immer mehr zurück und das alsbald anbrechende Tageslicht zeigte uns die rauchenden Trümmer der Stadt, die jetzt wieder wie ausgestorben still dalag. Ganz ähnliche Scenen waren während der Nacht im Hause des französischen Agenten vor sich gegangen; auch hier hatte das Zertrümmern des Strohdaches das Steinhaus gerettet und diese beiden Häuser, das Fort und wenige Steinhäuser, hier und da in der Stadt zerstreut, waren die einzigen bewohnbaren Ueberreste von L. Bald begann überall wieder reges Leben, die Sclaven brachten grüne Dachgeflechte von Cocosblättern aus den Wäldern und in wenig Stunden war die Stadt durch die rege Arbeit vieler Tausend Sclaven neu aufgebaut. Die Erlebnisse der Nacht hatten entschiedenen Einfluß auf das Gemüth des Consuls gehabt; die fieberhafte Aufregung von gestern war einem fest ausgeprägten Schrecken gewichen und ruhelos lief er in der Stube auf und ab, als suche er den Weg, wo es sich am besten davonliefe. Während dieses Tages war geheimer Rath unter den Franzosen und das Resultat war wirklich glorreich! Es wurde eine große Ceremonie im Fort veranstaltet, die zwölf Alten der Stadt wurden dahin geladen, inmitten thronte der Consul und zu diesem kam, der Verabredung gemäß, der Capitain des verlorenen Schiffes und bat sehr gutherzig für die armen gefangenen Räuber um Gnade und Freiheit; dieselben seien durch die harte Gefangenschaft schon hinlänglich bestraft und er sei überzeugt, sie würden in einem ähnlichen Falle gewiß nicht wieder so unfreundlich sein, zu plündern.

Die alten Kisweli’s waren förmlich gerührt, als ihnen die Rede des Capitains übersetzt ward, und der Consul versicherte, auch sein Grimm habe sich gelegt und er wolle diesmal Gnade üben; als die Gefangenen befreit wurden und unten im Volke erschienen, da kannte der Jubel keine Grenzen. Freudengebrüll und Geschieße ohne Ende ertönte, Gesänge von französischer Großherzigkeit in der bilderreichen Sprache der Kisweli’s wurden improvisirt und der Heimweg des Consuls vom Fort nach dem Hause war ein Triumphzug, wie kaum die Geschichte einen ähnlichen wird liefern können. Um der Versöhnungsscene die Krone aufzusetzen, gebot der Consnl am Bord eines der französischen Kauffahrer ein großartiges Diner zu Ehren der zwölf alten Kisweli’s und als ewigen Erinnerungstag an die glorreiche Art und Weise, einer so brennenden Gefahr entlaufen zu sein. Das Diner fand statt; donnernde Salven begrüßten die afrikanischen Gäste, kurz vorher noch Räuber genannt, und unter unendlichen Höflichkeiten führte der Consul die schwarzbraunen Herren zur Tafel. Die Kisweli’s waren in ihre gewöhnliche Tracht gekleidet: langes, weißes Hemd, umgürtet mit einer gestickten Schärpe, die den krummen Dolch birgt, und auf dem kahl rasirten Schädel den griechischen Feß vom Tueban umwunden, der gewöhnlich Briefe und andere Papiere enthält. Die lange, auf dem Deck aufgeschlagene Tafel, umprangt von den Flaggen aller Nationen, wurde so besetzt, daß abwechselnd ein Weißer und ein Kisweli an derselben Platz nahm, wobei wir Weißen tüchtig zu thun hatten, unsere dunklen Tischgenossen essen zu machen, da der für sie fremde Gebrauch der Messer und Gabeln ewige Schwierigkeiten herbeiführte, und oft, ehe man Einhalt thun konnte, fuhr eine braune Hand in die Suppenschüssel, ein mit dem Messer nicht erwischtes Klößchen auf diese Weise sicherer zu fassen.

Mit diesem vielfältigen Genuß bietenden Feste endete im vorigen Jahre ein Kriegszug an der afrikanischen Küste, der trotz der schönen Aussichten, die sich im Anfang boten, statt Orden doch nur Brand- und andere Flecken auf schöner Unioform zurückließ.

Des andern Morgens segelte der Consul mit seinem Kriegsschiffe zurück nach Zanzibar, uns Andere unserem fernern Schicksale allein überlassend.



  1. Der Verfasser dieser Skizze war drei Jahre an der Ostküste Afrika’s stationirt und wird uns dann und wann mit einigen Mittheilungen aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen erfreuen.
    D. Red.