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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Siegfried und Genofeva
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 280-277
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
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Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
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Eintrag in der GND: [1]
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Deutsche Sagen (Grimm) V2 300.jpg
Bearbeitungsstand
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[280]
532.
Siegfried und Genofeva.
Freher origines palatinae pars II. 1612. fol. p. 38. 39. und Anhang S 18 - 22. aus einer alten Frauenkircher Handschrift.


Zu den Zeiten Hildolfs, Erzbischofs von Trier, lebte daselbst Pfalzgraf Siegfried, mit Genofeva seiner Gemahlin, einer Herzogstochter aus Brabant, schön und fromm. Nun begab es sich, daß ein Zug wider die Heiden geschehen sollte, und Siegfried in den Krieg ziehen mußte; da befahl er Genofeven, im meifelder [281] Gau auf seiner Burg Simmern, still und eingezogen zu wohnen; auch übertrug er einem seiner Dienstmänner, Namens Golo, auf den er zumal vertraute: daß er seine Gemahlin in besonderer Aufsicht hielte. Die letzte Nacht vor seiner Abreise hatte aber Genofeva einen Sohn von ihrem Gemahl empfangen. Als nun Siegfried abwesend war, dauerte es nicht lange, und Golo entbrann von sündlicher Liebe zu der schönen Genofeva, die er endlich nicht mehr zurück hielt, sondern der Pfalzgräfin erklärte. Sie aber wies ihn mit Abscheu zurück. Darauf schmiedete Golo falsche Briefe, als wenn Siegfried mit allen seinen Leuten im Meer ertrunken wäre, und las sie der Gräfin vor; jetzt gehöre ihm das ganze Reich zu, und sie dürfe ihn ohne Sünde lieben. Als er sie aber küssen wollte, schlug sie ihm hart mit der Faust ins Gesicht, und er merkte wohl, daß er nichts ausrichten konnte; da verwandelte er seinen Sinn, nahm der edlen Frau alle ihre Diener und Mägde weg, daß sie in ihrer Schwangerschaft die größte Noth litt. Und als ihre Zeit heran rückte, gebar Genofeva einen schönen Sohn, und niemand, außer einer alten Waschfrau, stand ihr bei oder tröstete sie; endlich aber hörte sie, daß der Pfalzgraf lebe und bald zurück kehre; und sie fragte den Boten, wo Siegfried jetzo sey? „Zu Straßburg“ antwortete der Bote, und ging darauf zu Golo, dem er dieselbe Nachricht brachte. Golo erschrak heftig und hielt sich für verloren. Da redete eine alte Hexe mit ihm, was er sich Sorgen um diese Sache mache? [282] Die Pfalzgräfin habe zu einer Zeit geboren, daß niemand wissen könne, ob nicht der Koch oder ein andrer des Kindes Vater sey; „sag nur dem Pfalzgrafen, daß sie mit dem Koch gebuhlt habe, so wird er sie tödten lassen, und du ruhig seyn." Golo sagte „der Rathschlag ist gut" ging daher eilends seinem Herrn entgegen, und erzählte ihm die ganze Lüge. Siegfried erschrak, und seufzte aus tiefem Leid. Da sprach Golo: Herr, es ziemt dir nicht länger, diese zum Weibe zu haben. Der Pfalzgraf sagte: was soll ich thun? Ich will – versetzte der Treulose – sie mit ihrem Kind an den See führen und im Wasser ersäufen. Als nun Siegfried eingewilligt hatte, ergriff Golo Genofeven und das Kind, und übergab sie den Knechten, daß sie sie tödten sollten. Die Knechte führten sie in den Wald, da hub einer unter ihnen an: was haben diese Unschuldigen gethan? Und es entstand ein Wortwechsel, keiner aber wußte Böses von der Pfalzgräfin zu sagen, und keinen Grund, warum sie sie tödten sollten; es ist besser – sprachen sie – daß wir sie hier von den wilden Thieren zerreissen lassen, als unsre Hände mit ihrem Blut zu beflecken. Also ließen sie Genofeven allein in dem wilden Wald, und gingen fort. Da sie aber ein Wahrzeichen haben mußten, das sie Golo mitbrächten: so rieth einer, dem mitlaufenden Hunde die Zunge auszuschneiden. Und als sie vor Golo kamen, sagte er: wo habt ihr sie gelassen? „Sie sind ermordet“ antworteten sie, und wiesen ihm Genofevens Zunge. [283] Genofeva aber weinte und bätete in der öden Wildniß; ihr Kind war noch nicht dreißig Tage alt, und sie hatte keine Milch mehr in ihren Brüsten, womit sie es ernähren könnte. Wie sie nun die heilige Jungfrau um Beistand flehte, sprang plötzlich eine Hindin durchs Gesträuch, und setzte sich neben das Kind nieder; Genofeva legte die Zitzen der Hindin in des Knäbleins Mund und es sog daraus. An diesem Orte blieb sie sechs Jahre und drei Monate; sie selbst aber nährte sich von Wurzeln und Kräutern, die sie im Walde fand; sie wohnten unter einer Schichte von Holzstämmen, welche die arme Frau, so gut sie konnte, mit Dörnern gebunden hatte.

Nach Verlauf dieser Zeit trug sich’s zu, daß der Pfalzgraf gerade in diesem Wald eine große Jagd anstellte; und da die Jäger die Hunde hetzten, zeigte sich ihren Augen dieselbe Hirschkuh, die den Knaben mit ihrer Milch nährte. Die Jäger verfolgten sie; und weil sie zuletzt keinen andern Ausweg hatte, floh sie zu dem Lager, wohin sie täglich zu laufen pflegte, und warf sich, wie gewöhnlich, zu des Knaben Füßen. Die Hunde drangen nach, des Kindes Mutter nahm einen Stock und wehrte die Hunde ab. In diesem Augenblick kam der Pfalzgraf hinzu, sah das Wunder, und befahl, die Hunde zurück zu rufen. Darauf fragte er die Frau, ob sie eine Christin wäre? Sie antwortete: ich bin eine Christin, aber ganz entblößt; leih mir deinen Mantel, daß ich meine Schaam bedecke. Siegfried warf ihr den Mantel zu, und sie bedeckte [284] sich damit. Weib, sagte er, warum schafftest du dir nichts Speise und Kleider? Sie sprach: Brot habe ich nicht, ich aß die Kräuter, die ich im Walde fand; mein Kleid ist vor Alter zerschlissen und aus einander gefallen. – Wie viel Jahre sind’s, seit du hierher gekommen? – Sechs, und drei Monden wohne ich hier. – Wem gehört der Knabe? – Es ist mein Sohn. – Wer ist des Kindes Vater? – Gott weiß es. – Wie kamst du hierher, und wie heißest du? – Mein Namen ist Genofeva. – Als der Pfalzgraf den Namen hörte, gedachte er seiner Gemahlin; und einer der Kämmerer trat hinzu, und rief: bei Gott, das scheint mir unsre Frau zu seyn, die schon lange gestorben ist, und sie hatte ein Mahl am Gesicht. Da sahen sie alle, daß sie noch dasselbe Mahl an sich trug. Hat sie auch noch den Trauring? sagte Siegfried. Da gingen zwei hinzu und fanden, daß sie noch den Ring trage. Alsobald umfing sie der Pfalzgraf und küßte sie, und nahm weinend den Knaben und sprach: das ist mein Gemahl, und das ist mein Kind. Die gute Frau erzählte nun allen, die da standen, von Wort zu Wort, was ihr begegnet war, und alle vergossen Freudenthränen; indem kam auch der treulose Golo dazu, da wollten sie alle auf ihn stürzen und ihn tödten. Der Pfalzgraf rief aber: haltet ihn, bis wir aussinnen, welches Todes er würdig ist. Dies geschah; und nachher verordnete Siegfried, vier Ochsen zu nehmen, die noch vor keinem Pfluge gezogen hätten, und jeden Ochsen dem Missethäter an die vier [285] Theile des Leibes zu spannen, zwei an die Füße, zwei an die Hände, und dann die Ochsen gehn zu lassen. Und als sie auf diese Weise festgebunden waren, ging jeder Ochse mit seinem Theile durch, und Golo’s Leib wurde in vier Stücke zerrissen.

Der Pfalzgraf wollte nunmehr seine geliebte Gemahlin nebst dem Söhnlein heimführen. Sie aber schlug es aus und sprach: an diesem Ort hat die heilige Jungfrau mich vor den wilden Thieren bewahrt, und durch ein Wild mein Kind erhalten; von diesem Orte will ich nicht weichen, bis er ihr zu Ehren geweiht ist. Sogleich besandte der Pfalzgraf den Bischof Hildulf, welchem er alles berichtete; der Bischof war erfreut und weihte den Ort. Nach der Weihung führte Siegfried seine Gemahlin und seinen Sohn herzu, und stellte ein feierliches Mahl an; sie bat, daß er hier eine Kirche bauen ließe, welches er zusagte. Die Pfalzgräfin konnte fürder keine Speisen mehr vertragen, sondern ließ sich im Walde die Kräuter sammeln, an welche sie gewohnt geworden war. Allein sie lebte nur noch wenige Tage, und wanderte selig zum Herrn; Siegfried ließ ihre Gebeine in der Waldkirche, die er zu bauen gelobt hatte, bestatten; diese Capelle hieß Frauenkirchen (unweit Meyen), und manche Wunder geschahen daselbst.