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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Carl Ynach, Salvius Brabon und Frau Schwan
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 286-291
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
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Eintrag in der GND: [1]
Bild
Deutsche Sagen (Grimm) V2 306.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
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[286]
533.
Carl Ynach, Salvius Brabon und Frau Schwan.
Iehan le Maire Illustrations de Gaule. Paris 1548. 4. Lib. III. Bl. 20 - 23. (Vergl. Tacitus hist. IV, 55.


Gottfried, mit dem Zunamen der Carl, war König von Tongern, und wohnte an der Maas auf seiner Burg Megen. Er hatte einen Sohn, Namens Carl Ynach, den verbannte er aus dem Land, weil er einer Jungfrau Gewalt gethan hatte. Carl Ynach floh nach Rom zu seinem Oheim Cloadich, welcher daselbst als Geißel gefangen lebte, und wurde von diesem ehrenvoll empfangen. Carl Ynach wohnte zu Rom bei einem Senator, Namens Octavius, bis dieser vor des Sylla Grausamkeit aus der Stadt wich nach Arcadien. Hier aber lebte Lucius Julius Proconsul, welcher zwei Töchter hatte, die eine hieß Julia, die andre Germana. In diese Germana verliebte sich nun Carl Ynach, offenbarte ihr, daß er eines Königs Sohn wäre, und beredte sie zur Flucht. Eines Nachts nahmen sie die besten Kleinode aus ihrem Schatz, schifften sich heimlich ein und kamen nach Italien, nahe bei Venedig. Hier stiegen beide zu Pferd, ritten über Mailand durch Savoyen und Burgund ins Land Frankreich, und trafen nach viel Tagefahrten zu Cambray ein. Von da gingen sie noch weiter an einen Ort, der damals das Schloß Senes hieß, und ruhten in einem schönen Thale aus. In diesem Thal auf einem lustigen Fluß schwammen Schwäne; einer ihrer [287] Diener, der Bogenschütze war, spannte und schoß einen Pfeil. Aber er fehlte den Schwan, der erschrockene Vogel hob sich in die Luft, und flüchtete sich in der schönen Germana Schooß. Froh über dieses Wunder, und weil der Schwan ein Vogel guter Bedeutung ist, fragte sie Carl Ynach, ihren Gemahl: wie der Vogel in seiner Landessprache heiße? In deutscher Sprache, antwortete er, heißt man ihn Swana. So will ich – sagte sie– hinführo nicht länger Germana, sondern Schwan heißen; denn sie befürchtete, eines Tages an ihrem rechten Namen erkannt zu werden. Der ganze Ort aber bekam von der Menge seiner Schwäne, den Namen Schwanenthal (vallis cignea. Valenciennes) an der Schelde. Jenen Schwan nahm die Frau mit, fütterte und pflag ihn sorgsam. Carl und Frau Schwan gelangten nach diesem bis zu dem Schlosse Florimont, unweit Brüssel; daselbst erfuhr er den Tod seines Vaters Godfried Carl, und zog sogleich dahin. Zu Löwen opferte er seinen Göttern, und wurde in Tongern mit Jubel und Freude als König und Erbe empfangen. Salvius herrschte hierauf eine Zeit lang in Frieden, und zeugte mit seiner Gemahlin einen Sohn und eine Tochter. Der Söhn wurde Octavian, die Tochter wiederum Schwan benannt. Bald danach hatte Ariovist, König der Sachsen, Krieg mit Julius Cäsar und den Römern; Carl Ynach verband sich mit Ariovist, und zog den Römern entgegen, blieb aber todt in einer Schlacht, die bei Besançon geliefert wurde. Frau Schwan, seine Wittwe, [288] barg sich mit ihren Kindern in dem Schlosse Megen an der Maas, und fürchtete, daß Julius Cäsar, ihr Bruder, sie auskundschaften möchte. Das Reich Tongern hatte sie an Ambiorix abgetreten, nahm aber ihren Schwan mit nach Megen, wo sie ihn auf den Burggraben setzte, und oft mit eigner Hand fütterte, zum Angedenken ihres Gemahls.


Julius Cäsar hatte dazumal in seinem Heer einen Helden, Namens Salvius Brabon, der aus dem Geschlechte des Frankus, Hectors von Troja Sohn, abstammte. Julius Cäsar, um sich von der Arbeit des Krieges ein wenig auszuruhen, war ins Schloß Cleve gekommen; Salvius Brabon belustigte sich in der Gegend von Cleve mit Bogen und Pfeil, gedachte an sein bisheriges Leben und an einen bedeutenden Traum, den er eines Nachts gehabt. In diesen Gedanken befand er sich von ungefähr am Ufer des Rheins, der nicht weit von dem Schlosse Cleve fließt, und sah auf dem Strom einen schneeweißen Schwan; der spielte und biß mit seinem Schnabel in einen Kahn am Ufer. Salvius Brabon blickte mit Vergnügen und Verwunderung zu, und die glückliche Bedeutung dieses Vogels mit seinem Traum verbindend , trat er in das Schifflein; der Schwan, ganz kirr und ohne scheu zu werden, floß ein wenig voraus und schien ihm den Weg zu weisen; der Ritter empfahl sich Gott, und beschloß ihm zu folgen. Ganz ruhig geleitete ihn der Schwan den Lauf des Rheins entlang, und Salvius schaute sich allenthalben um, ob [289] er nichts sähe; so fuhren sie lang’ und weit, bis endlich der Schwan das Schloß Megen erkannte, wo seine Herrin wohnte, kümmerlich als eine arme Witwe in fremdem Lande, ihre beiden Kinder auferziehend. Der Schwan, als er nun seinen gewohnten Aufenthalt erblickte, schlug die Flügel, erhob sich in die Lüfte und flog zum Graben, wo ihn die Frau aus ihrer Hand fressen ließ. Als sich aber Salvius von seinem Führer verlassen sah, wurde er betrübt, landete mit seinem Nachen und sprang ans Land; er hielt den Bogen gespannt und dachte den Schwan zu schießen, falls er ihn erreichen könnte. Wie er nun weiter ging, und den Vogel im Schloßgraben fand, leg« er den Pfeil auf und zielte. Indem war die Frau ans Fenster getreten, den Schwan zu liebkosen, und sah einen fremden Mann darauf anlegen. Erschrocken rief sie laut in griechischer Sprache: Ritter, ich beschwöre dich, tödte mir nicht diesen Schwan. Salvius Brabon, der sich mit diesen Worten in einem wildfremden Lande, und durch eine Frau in seiner Sprache anrufen hörte, war überaus betroffen, zog jedoch die, Hand vom Bogen, und that den Pfeil vom Strang; darauf fragte er die Frau auf griechisch, was sie in dem abgelegenen, wilden Lande mache? Sie aber war noch mehr erschrocken, sich in ihrer Muttersprache anreden zu hören, und lud ihn ein „in die Burg zu treten, so würden sie sich vollständig einander Aufschluß geben können;“ welches er auch mit Vergnügen annahm. Als er innen war, fragte sie ihn eine Menge Dinge, [290] und erfuhr auch Julius Cäsars Aufenthalt zu Cleve. Weil sie aber hörte, daß der Ritter aus Arcadia stammte, nahm sie sich ein Herz und forderte ihm einen Eid ab „daß er ihr beistehn wolle, wie man Witwen und Waisen soll"; darauf erzählte sie umständlich alle ihre Begebenheiten. Sie bat, daß er sie wieder mit ihrem Bruder aussöhnen möchte, und gab ihm für diesen zum Wahrzeichen ein goldnes Götzenbild, das ihr Julius Cäsar einstmals aufzuheben vertraut hatte, mit. Salvius Brabon versprach das Seinige zu thun, und kehrte wieder zu seinem Herrn nach Cleve zurück. Er grüßte ihn von seiner Schwester und gab ihm das Goldbild, welches Julius Cäsar auf den ersten Blick erkannte. Sodann fragte er den Salvius, wo er sie gefunden hätte? Dieser erzählte ihr Leben und Schicksal, und bat um Verzeihung. Cäsar wurde gerührt zum Erbarmen, und bedauerte auch seines Schwagers, Carl Ynachs, Tod; hierauf wollte er sogleich seine Schwester und Neffen sehen; Salvius Brabon führte ihn mit Freuden nach dem Schlosse Megen. Sie erkannten sich mit herzlicher Wonne; Salvius Brabon bat sich die junge Schwan, des Kaisers Nichte, zur Gemahlin aus, die ihm auch bewilligt wurde. Die Hochzeit geschah zu Löwen. Julius Cäsar verlieh seiner Nichte und ihrem Gemahl eine weite Strecke Landes als ein Herzogthum, von dem Meer mit dem Wald Soigne und dem Flusse Schelde, bis zu dem Bächlein, welches heißet Lace. Brabon war hier der erste Fürst, und von ihm [291] trägt dieses Land den Namen Brabant. Seinem Neffen Octavian gab der Kaiser das Königreich Agrippina am Rhein, ein weites Gebiet.

Tongern aber benannte er hinführo nach dem Namen seiner Schwester Germana, Germania, und wollte auch, daß Octavian den Beinamen Germanicus führte. Seitdem heißen die Deutschen nun Germanen.