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vielen Stellen abschüssig, wenn auch nicht hoch. Aber auch von diesen Uferterrassen scheinen die Gewässer des Sees allmählich zurückzuweichen, als ob der Wassergehalt desselben im Abnehmen wäre. Die alten und die jetzigen Ufergehänge des Issyk-Kul, ebenso der Boden des Sees an seinen Rändern bestehen aus dem oben beschriebenen, schwach verkitteten röthlichen Conglomerat, dessen Schichten zum Seebecken hin schwach geneigt sind, während sie zum Gebirge hin sich erheben und den Fuß desselben ganz überdecken, an einigen Stellen in den Thälern des Thian-Schan bis zu mehreren hundert Fuß hoch, so z. B. an der Oertlichkeit Kysyl-Ungur, wo in die mächtigen Conglomeratschichten geräumige Höhlen eingewölbt sind. Da diese Conglomerate in discordanter Schichtung gegen die paläozoischen Gesteine des Thian-Schan und Alatau liegen, und, soweit Ssemenof’s Beobachtungen reichten, auch den Seegrund bilden, so schließt derselbe, daß sie die Niederschläge des Sees selbst seien. Dann würde ihre im ganzen Seebecken wahrnehmbare, über den jetzigen Seespiegel hinausgehende Höhe beweisen, daß dieser einst bedeutend höher stand und eine bedeutend größere Oberfläche bedeckte. Dafür scheint auch die Entstehung des Engthales von Buam zu sprechen, denn schwerlich kann diese einem Durchbruche des im Verhältniß zu unbedeutenden Koschkar zugeschrieben, sondern wohl nur aus einem Durchbruch der Gewässer des ganzen Issyk-Beckens, dessen Niveau dann sofort fallen mußte, erklärt werden. Nach diesem Ereigniß konnte der Tschu noch lange der Abfluß des Issyk-Sees sein, bis die fortdauernde Niveau-Erniedrigung des letzteren diesen Abfluß unmöglich machte, worauf dann der bisherige Zufluß des Sees, der Koschkar, zum Oberlauf des Tschu wurde. Die fortgesetzte Abnahme des Seeniveaus war aber dadurch bedingt, daß, seitdem in Folge des immer trockner gewordenen Continentalklima’s die Schneelinie sich höher schob, die Zuflüsse des Sees an Wasser verarmten und die durch Verdampfung entstandenen Verluste des letzteren nicht mehr genügend ersetzen konnten.

Der Issyk-Kul scheint außerordentliche Tiefe zu haben, Inseln sind nach Ssemenof’s Wahrnehmungen in ihm nicht vorhanden; sein Wasser hat salzigen Geschmack und ist zum Trinken ziemlich untauglich. Der Winter bezieht nur einige Buchten und Einschnitte mit Eis, niemals friert der ganze See zu. Davon erhielt er seinen kirgisischen Namen Issyk-Kul, chinesisch Dje-Hai, d. h. warmer See; Mongolen und Kalmüken nennen ihn Temurtu-Nor, den eisenhaltigen (nach Ritter weil an seinen Ufern Eisenminen liegen, von denen indeß Ssemenof nichts erwähnt). Die Ursache des Nichtgefrierens muß, wie beim See von Choktschinsk im Kaukasus, der sogar 1000 F.

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Verschiedene: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Vierter Band. Dietrich Reimer, Berlin 1869, Seite 131. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeitschrift_der_Gesellschaft_f%C3%BCr_Erdkunde_zu_Berlin_IV.djvu/147&oldid=- (Version vom 1.8.2018)