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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

einen Augenblick befremden, aber in Empfang genommen und der gesammten Kirche überliefert haben sie es redlich. Pünktlich folgten sie hernachmals aller Orten dem Befehl des HErrn: „Solches thut“ − und ihr Eifer zum Sacramente bewies, wie tief die Einsetzung in der Nacht, da Er verrathen ward, sich in ihre Seele gesenkt hatte. Unbegreiflich, über alles erhaben, eine Mutter anbetender, wonniger Gedanken ist das Testament JEsu! Aber welch ein Abschied von den Seinen ist es! Vergleichen wir dieses Annahen zu den Seinen, diese Vereinigung mit ihnen durch Seinen Leib und Sein theures Blut mit Seinen letzten donnernden, fernenden Reden im Tempel. Im Tempel welche Schrecken Seiner Majestät: hier welche Schauer Seiner Liebe! Wenn Er nur gesprochen hätte: „Mein Leib wird für euch gegeben, Mein Blut wird für euch vergoßen“: so wären diese Worte schon eine Erklärung Seiner Leiden, Seiner Aufopferung, Seines stellvertretenden Verdienstes, welche uns mit seliger Erkenntnis füllen konnte. Nun aber siehe, nicht bloß erklärende Worte gibt Er hier, nicht bloß gelehrt wird Seines Leibes Tod und Seines Blutes versöhnende Hingabe, sondern Sein Leib, Sein Blut werden zum Genuß gegeben, auf daß in Seinem heiligen Mahle ein Zeugnis nicht nur Seines Todes, sondern auch des unsterblichen Lebens Seiner Leiblichkeit wäre. Dadurch wird Sein heiliges Mahl zu einem Sitz und zu einer Mutter der heilsamen und seligmachenden Lehre von unserer allein durch Sein stellvertretendes Sterben gestifteten Erlösung und zum Gedächtnis nicht allein Seines Todes, sondern einer immer währenden Versöhnung und gnädigen Gottesnähe. – – Es ist nicht unsre Absicht, weiter etwas von dem heiligen Abendmahle zu sagen: der sterbende Heiland hat uns darin, als in Seinem Testamente, in der Nacht, da Er verrathen ward, Seinen Leib und Sein Blut zu einem bleibenden Opfermahle vermacht, − das ist alles, was wir dieß Mal sagen wollten, − und ist genug. Nun Er das alte Testament durch Seine letzte Passamahlzeit geschloßen und das neue eröffnet hat, geht Er schnell und befriedigt dahin. Er trinkt keinen Becher Weins mehr, so lang Er noch lebt, das gesegnete Gewächs des Weinstocks kommt nicht mehr über Seine Lippen, bevor sie erblaßen: es ist nur eine kurze Frist noch, bevor Er stirbt. Das Testament ist gemacht, nun muß Er eilends sterben; aber nicht um im Tod zu bleiben, ergibt Er Sich zu sterben, bald kommt Er wieder in Seiner Auferstehung und mit Ihm des Vaters Reich, dann ißt und trinkt Er aufs Neue mit Seinen Jüngern, dann wird ihre Freude vollkommen werden. O dieser wunderbaren Handlung, bei welcher man im Zweifel sein kann, ob mehr die Gewisheit des Todes oder eines unauflöslichen und ewigen Lebens sich ausspricht! Bei welcher der HErr schier nicht mehr im Leibe zu leben scheint, weil Er darreicht, was man nicht scheint reichen zu können, so lang man lebendigen Leibes unter den Menschen steht! O diese Größe, diese Hoheit unsers HErrn, über diese Leiden, dieses Sterben, diesen ganzen Ihm bewußten Kampf hinweggehoben zu werden und freudig über den Tod hinüber in das Reich des Vaters zu schauen, das mit Seiner Auferstehung kam, das Ihm heimathliche, süße Freuden und wonnige Ruhe unter den Seinen brachte! − O meine armen, kleinen Worte, mein Stümpern an Deinem Testamente, o HErr! Sei meiner armen Seele gnädig und segne sie und alle miterlösten Seelen mit dem reichen Segen Deines heiligen Sacramentes! Amen.




6. Der Kampf im Garten.
Matth. 26, 30–46.

 DEr Schluß der Passamahlzeit war mit dem Lobgesang gemacht, alle jene herrlichen Reden, die St. Johannes vom 13–17. Capitel aufbewahrt hat, waren gesprochen. Stunden der größten Erhebung hatte der HErr mit den Seinigen verlebt: nun aber wurde es anders. Er gieng mit ihnen, während Jerusalem von der Festfreude ruhte und nur die Bosheit noch thätig war, hinaus an den Oelberg, wohin zu gehen Er − nach St. Lucä Bericht − gewohnt war. Und als Er nun so hingieng durchs Thal über

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Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 297. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/308&oldid=- (Version vom 8.8.2016)