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Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

Seiner sterblichen Lippen zurückgesetzt haben. Im Gegentheil, nachdem Er den Tod überwunden hatte, nachdem Er aus des Todes Thoren lebendig wiedergekommen war, nachdem Er die Zeichen Seiner Schmach, Nägelmaale und Wunden, als Siegesmaale, als Triumphzeichen am verklärten Leibe zurückgebracht hatte und gekrönt mit Preis und Ehre unter den Seinigen stand; konnte Er den Jüngern Seinen Friedensgruß mit einer Kraft und einem Nachdruck entbieten, der vor dem Leiden nicht darinnen liegen konnte. Jetzt galt um so mehr das Wort, die Sache − Wort und Sache waren eins und kamen miteinander. Die Jünger waren hinter verschloßenen Thüren versammelt gewesen, denn sie fürchteten sich vor den Juden. Jetzt hören sie aus JEsu Munde, daß nicht bloß die Furcht vor den Juden, sondern jede Furcht ihr Ende habe, daß großer Friede gekommen sei. Da hieß es wieder: „Nicht gebe Ich euch, wie die Welt gibt; euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“ Da gieng die Furcht von hinnen und der Friede kam im Sinne des HErrn und legte sich ihnen nach seiner Größe und Fülle von Tag zu Tag mehr aus. Friede im Sinne JEsu und Seiner Kirche umfaßt alle sichere, selige Wohlfahrt Leibes und der Seele in Zeit und Ewigkeit und ist gleich einem Baume, der Wurzeln, Stamm, Aeste, Blätter, Blüthen und Früchte hat. Des Friedens Wurzel ist Versöhnung mit Gott, der Stamm ist ein furchtlos, friedenvolles Leben, das sich von der Erde zum Himmel streckt, die Aeste sind der Seelen heilige Bemühungen zum Frieden der Welt, die Blätter, Blüthen, Früchte sind Bilder mannigfachen Gelingens friedenvoller Bemühungen in holdseligen Worten und Werken. Alles das liegt in dem Worte Friede und wird mit ihm gegeben, sonderlich aber Friede Gottes, Friede der Versöhnung, Abwendung des Gerichts und der Verdammnis, ein stilles Bewußtsein göttlicher Gnade im Leben und Sterben, eine unaussprechliche Seligkeit der abgeschiedenen Seele, Anschauen JEsu mit dem Seelenauge und einst auch mit dem Leibesauge, Auferstehung, Vereinigung mit Gottes auserwähltem Volke für ewig: das alles folgt ja aus der Versöhnung mit Gott und aus dem Frieden Gottes, das alles ist Friede und liegt im Worte Friede. Das alles spricht der HErr im Friedensgruß den Jüngern zu, das alles liegt in jedem Friedensgruß, welchen wir, des HErrn Knechte, in den Versammlungen sprechen. Denn unsre Worte und Seine Worte sind eins, dieweil wir nur Seine Worte in Seinem Auftrag sprechen.

 Zum Beweise, daß der HErr nicht allein den Jüngern, sondern auch allen denen, welche durch sie glauben sollten, den Frieden aus Seinem Grabe mitgebracht hatte, − und zum Mittel, den Friedensgruß in alle Welt zu bringen, stiftet Er Sein heiliges apostolisches Amt. „Gleichwie Mich Mein Vater gesandt hat, so sende Ich euch,“ spricht unser HErr JEsus Christus. Er selbst war des Vaters Apostel und Gesandter, wie Er auch einmal in der heiligen Schrift genannt wird, und die Jünger sollten nun Seine Apostel und Gesandte sein. Hinaus zu allen Menschen mußte die Kunde von der Gottesthat, die für alle Menschen geschehen war. Nicht bloß geschehen und im Himmel angenommen sollte sie sein, sondern auch von den Menschen auf Erden war sie anzunehmen; in der gläubigen Annahme sollte das Heil der Menschen liegen, durch den Glauben sollten die erlösten Menschen gerechtfertigt und geheiligt werden, durch den Glauben sollten sie alles himmlische Gut empfangen. Wie sollten sie aber glauben, wenn sie nichts vernahmen von alle dem, was geschehen war, was geglaubt und durch den Glauben erfaßt werden sollte, wenn ihnen nicht gepredigt wurde? So wahr der HErr den Tod überwunden, vom Tod erstanden, Frieden, Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hatte; so gewis mußten auch Boten von Ihm ausgerüstet werden, welche in Seinem Namen dieß Heil verkündigten. Was ist alle Gnade Christi für uns ohne Apostelamt? Wir hätten keinen Theil an ihr ohne die Botenstimmen! Drum ist wie zum Ton, der erschallen soll, die Posaune, so zum Frieden, der gekommen ist, das heilige Amt nöthig, − und mit dem einen muß das andere gegeben werden. Zur ersten Ostergabe des göttlichen Friedens gehört daher die zweite des apostolischen Amtes, und wie für die erste, so müßen wir auch für die zweite danken.

 Wie soll aber die Posaune einen Ton geben ohne Hauch, wie die Saite ohne Berührung des Ton und Leben gebenden Fingers? Wie kann das heilige Amt und die heilige Botschaft des Friedens zusammenkommen, wenn nicht der Geist sie vereinet? Das Amt, welches durch den Friedensgruß den Geist geben soll, muß selbst erst den Geist haben. Darum berichtet auch der Text: „Da Er das sagte,

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Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 193. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/204&oldid=- (Version vom 4.9.2016)