Seite:Steig Ueber Grimms Deutsche Sagen.djvu/48

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Reinhold Steig: Über Grimms „Deutsche Sagen“. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen

Quelle gegeben. Noch freier hält sich Nr. 514 (Der Luzerner Harschhörner) von der Etterlinschen Chronik.

Nr. 515 (Ursprung der Welfen) hat die auffällige Stelle, daß die elf unschuldigen Knäblein „in den vorfließenden Bach“ getragen werden sollen. Der Ausdruck ist aber richtig, denn bei Reineccius, woher Grimms die Sage nahmen, steht gleichfalls: „in den fürfliessenden bach“.

Nr. 517 (Herzog Bundus, genannt der Wolf). Grimms zitieren „Lirer schwäbische Chronik cap. 17“; sie benutzten aber, wie durch Vergleichung sich ergab, nicht den alten Inkunabelndruck dieser Chronik, der die Sage von Bundus nicht enthält, sondern: „Thome Lirers von Ranckweil Alte Schwäbische Geschichten samt Chronik etc. Mit angehängten Anmerckungen von Licentiat Wegelin Burgermeister“ (Lindau 1761); hierin findet sich in Kapitel 17 unsere Sage, die Grimms mit einigen stilistischen Nachhilfen herausgenommen haben, doch so, daß sie auch wieder den alten Wortlaut bis zu modern schwieriger Verständlichkeit festhielten. Die Jägerfrau, des Herzogs eigentliche Mutter, begehrt so ernstlich mit dem Herzog zu reden, daß sie – nach Grimms – der Herr ein hieß gehn und jedermann hinaus: die Chronik hat den besseren Text: „das sie der Herr ließ eingan vnd yederman hinaus“. Man wird sich hier der Besserung enthalten, aber in folgendem Satze einen Fehler anerkennen müssen. Grimms: „und hieß ihm die Herzogin von Geldern geben, mit aller Landsherren Willen“; die Urstelle: „vnd ließ ym die hertzogin von Geldern geben, das was mit der lantzherren willen“. Gewiß ist demnach bei Grimms „ließ“ wiederherzustellen, bei „hieß“ erwartete man doch, wenn Grimms schon geändert hätten, den Infinitiv „zu geben“. „Landsherren“ haben hier Grimms richtig nach der Quelle, ein paar Zeilen weiter steht am Schlusse der Sage bei ihnen „Landesherren“, das doch wohl in Einklang mit der vorigen Wortform zu bringen ist, da die Urstelle hier „herren des Lands“, also auch ohne e. bietet.

Nr. 519 (Heinrich mit dem goldenen Pfluge). Eine Stelle der Sage hat ihre Unbequemlichkeit. Es heißt bei Grimms: „Mittlerweile war der Kaiser aufgewacht, und Heinrich mußte einhalten. Er ging mit seinem Pfluge am Hof, und erinnerte Ludwig an das gegebene Wort.“ Die Urstelle in Reiner Reineccius’ Chronika des Chur- und Fürstlichen Hauses … Brandenburg (Wittenberg 1580) lautet anders, nämlich: „Mitlerweil erwacht Keyser Ludwig vom schlaffe, vnd stund auff. Da erschien für jhm dieser Heinrich mit seinem Pflug, vnd bat, der Keyser wolle jhm gewehren, was er jhm zugesagt etc.“ Er „erschien vor ihm“ ist gut, nicht aber er „ging am Hof“. Ich erkläre Grimms Fassung mir so: sie schrieben erst vielleicht „er erschien

Empfohlene Zitierweise:
Reinhold Steig: Über Grimms „Deutsche Sagen“. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Georg Westermann, Braunschweig und Berlin 1916, Seite 250. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Steig_Ueber_Grimms_Deutsche_Sagen.djvu/48&oldid=- (Version vom 1.8.2018)