Seite:Steig Ueber Grimms Deutsche Sagen.djvu/43

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Reinhold Steig: Über Grimms „Deutsche Sagen“. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen

(sie ihn gefraget)“ durch „als (sie ihn gefragt)“ ersetzt worden. – Die Stelle „ein kind, welches nehrlich hat gehen und reden künnen“, zitiert auch der D. W. in Bd. 7. Sp. 309 aus Luthers Tischreden.

Nr. 362 (Die drei Alten) führt den Quellvermerk: „Mitgetheilt von Schmidt aus Lübeck; im Freimüthigen 1809. Nr. 1.“ Die Brüder Grimm haben die Sage auch wirklich ziemlich treu übernommen, an verschiedenen Stellen stilistisch nachgebessert. Nicht abzusehen ist, warum sie in dem Originalsatze: „In einer entlegenen Gegend liegt ein einsamer Bauerhof, der Weg führt hart an dem Vorhofe der Wohnung vorbei“, nur allein das Wort „liegt“ in das weniger gute „stehet“ verändert haben. In der Originalfassung heißt es, daß der Prediger „die Markung seines Kirchsprengels umritt, um sich mit den Lokal-Verhältnissen seiner neuen Gemeinde bekannt zu machen“. Grimms empfanden mit Recht den Ausdruck „Lokal-Verhältnisse“ als nicht sagengemäß. Aber wie sie den Satz neu bildeten, daß der Prediger „die Markung seines Kirchsprengels umritt, um sich mit seinen Verhältnissen genau bekannt zu machen“, kann wegen des doppelten „sein“ und der Unbestimmtheit, die sich daraus ergibt, nicht schlechthin gutgeheißen werden. Das Original im Freimüthigen ist „S. v. Lübeck“ unterschrieben. Grimms dagegen setzen „Schmidt aus Lübeck“, ein sehr deutlicher Wink dafür, daß sie solche Art künstlich-täuschender „Adelungen“ ablehnten.

Nr. 365 (Der heilige Wald der Semnonen). Nach Tacitus’ Germania Kap. 39, ernst und feierlich, von reiner Liebe für das Volksmäßige des geschilderten Vorganges. Tacitus sagt, mit Einmischung seines kritischen Urteils: „caesoque publice homine celebrant barbari horrenda primordia“. Die Grimmsche Sage scheidet dies Urteil als unzulässig aus und berichtet nur historisch: „und brachten ein öffentliches Menschenopfer“.

Nr. 366 (Die Wanderung der Ansivaren). Wunderschön aus der längeren, umständlicheren Erzählung bei Tacitus in den Annalen XIII, 54–56 herausgeschält.

Nr. 409 (Abkunft der Sachsen). Nach dem Lobgedicht auf den heiligen Anno. Die Übertragung ist eng an den Text geschlossen, doch so, daß der Schlußsatz des Originals als eine Art allgemeiner Einleitung an den Anfang der Grimmschen Sage gestellt ist. Bei Grimms halten Sachsen und Thüringer eine „Sammensprache“ ab, dies seltsame Wort hat im Original keine Grundlage, sondern daselbst, daß auf einer „Sprache“ (d. h. Unterredung, colloquium) der Kampf ausgebrochen sei. Das Wort „Sammensprache“ kennt das D. Wörterbuch nicht.

Nr. 414 (Die Sachsen erbauen Ochsenburg). Nach Pomarius’ Sächsischer Chronik 1589, S. 15. Die Sachsen bitten den britannischen

Empfohlene Zitierweise:
Reinhold Steig: Über Grimms „Deutsche Sagen“. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Georg Westermann, Braunschweig und Berlin 1916, Seite 245. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Steig_Ueber_Grimms_Deutsche_Sagen.djvu/43&oldid=- (Version vom 1.8.2018)