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Das Kind der Gefangenen aus Juda ward Königin der Perser. Als solche war es ihr beschieden, den Untergang der sämmtlichen in Persien und Medien befindlichen Ebräer abzuwenden. Haman, der Vezier, empfing von dem Pflegevater der Königin Esther nicht die geforderten Ehrenbezeigungen, wurde dadurch auf die gefangenen Juden erbittert und ließ ihnen ihre gottesdienstlichen Uebungen untersagen. Als sie dieselben dennoch fortsetzten, hatte er Grund genug, über dies Volk mit besonderen Gebräuchen und eigener Religion beim Könige ein Todesurtheil auszuwirken. Dies sollte an einem bestimmten Tage durch das ganze Reich vollstreckt werden.

Die Königin Esther hatte es bisher sorgfältig verheimlicht, daß sie diesem verachteten jüdischen Sclaven-Volke angehöre. Jetzt aber erhob sie sich, schmückte sich und trat, bei dem unwiderruflichen Befehle des Herrschers selbst ihres Lebens nicht sicher, vor den auf dem Throne Sitzenden. Kaum behielt sie Kraft, sich dem Mächtigen zu nahen. Ahasverus aber neigte sein Scepter zum Zeichen der Gnade und hieß die Niedergesunkene aufstehen. Die Macht, welche die schöne Esther über den König gewonnen hatte, bewährte sich auch in diesem inhaltsschweren Momente. Das Auge des Herrn lächelte ihr entgegen.

Jetzt folgt die Scene, welche Strazzi so meisterhaft darstellte. Esther bekennt sich als Jüdin und bittet für ihr Volk, indeß sie den Vezier mit unendlicher Kunst verdächtigt und anklagt.

„Er gedenkt die Königin neben mir auf dem Throne zu ermorden!“ rief der Fürst und der Vezier war verloren. In derselben Minute ward er hingerichtet. Die Juden waren gerettet und durften die Söldner des gehenkten Veziers verjagen und vernichten. Mit der eisernen Beharrlichkeit, welche die Juden auszeichnet, wird der Gedächtnißtag dieser, wie ein verschwimmendes Märchen aus urgrauer Zeit herüber klingenden, Begebenheit noch heute gefeiert.

Denselben eigenthümlichen poetischen Eindruck, den diese Geschichte aus dem glanzvollen Alt-Persien in uns weckt, ruft auch Strazzi’s Bild hervor. Das Gesicht der Esther ist unvergleichlich; durchaus weibliche, aber entschiedene Züge bietend. Die Nase ist von großem Adel, „wie der Thurm auf Libanon, der gen Damascus steht!“ singt der König Salomon. Neben dieser Hoheit der Königin contrastirt auf’s Lieblichste die blos anmuthige Gestalt der Schönen, welche dem Könige den goldenen Becher kredenzt. Ahasverus selbst ist eine majestätische Erscheinung. Höchst glücklich hat der Meister es dargestellt, wie das „Herz des Herrschers der Königin entgegenfliegt“, wie der Gebieter vor dem elektrischen Strahle aus diesen Augen sich entzückt als Gehorchender neigt.




Winterlandschaft.
Von A. v. Ostade.[1]

Nicht minder ausgezeichnet wie im Genre erscheint Ostade in der Landschaftsmalerei. Die Landschaften der holländischen Meister berühren den Beschauer jedesmal höchst eigenthümlich. Macht die große Naturwahrheit, welche sie anstreben, sehr oft in den Genrestücken, namentlich


  1. Anmerkung WS: lt. Inhaltsverzeichnis I. van Ostade.
Empfohlene Zitierweise:
Text von Adolph Görling: Stahlstich-Sammlung der vorzüglichsten Gemälde der Dresdener Gallerie. Verlag der Englischen Kunst-Anstalt von A. H. Payne, Leipzig und Dresden 1848−1851, Seite 200. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Stahlstich-Sammlung_der_vorz%C3%BCglichsten_Gem%C3%A4lde_der_Dresdener_Gallerie.pdf/217&oldid=- (Version vom 1.8.2018)