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Verlauf. Alles ging, wie wir uns ausdrückten, „wie am Schnürchen“! Die Stiefel des Andreas Baidisch paßten prachtvoll zu irgend welchen, unterm Fenster des Grundherrn gefundenen Spuren, es fanden sich Hüterjungen, die während der Nachtwache auf der Pferdekoppel gesehen hatten, wie Baidisch in der Nacht, wo der Grundherr ermordet wurde, sehr spät heimkehrte. Mit einem Worte, es ging alles „wie am Schnürchen“, am Schnürchen, das ich gefunden hatte!… „Ein Prachtkerl, ein richtiger Lecoq sind Sie!“ lobt mich der Untersuchungsrichter, während ich stolz und in bescheidenem Selbstbewusstsein dreinschaue.

Man sprach jetzt wieder von Neuem, und noch eifriger als früher, über das „Ereigniß“. In unserem Dorfe, in der Kreisstadt, überall wurde darüber geredet. Viele befragten mich über den Fall, über die Aufdeckung des Verbrechens, des so fürchterlichen, frechen und, was die Hauptsache des, wie man früher geglaubt hatte, so räthselhaften Verbrechens.

Und ich ertheilte meinen Bekannten – gerade ich war in der Lage das zu thun – die allergenauesten und interessantesten Auskünfte. Und ich ertheilte sie um so lieber, als, zu meinem größten Aerger, der Untersuchungsrichter plötzlich anfing, sich allein die Ehre der Enthüllung des Verbrechens zuzuschreiben!

Es verging einige Zeit.

Eines Morgens gegen acht Uhr ging ich baden. Um zu der Badestelle zu gelangen, mußte ich von unserem Hofe aus ein gutes Stück durch die Dorfgassen zurücklegen. Ich ging so vor mich hin, ohne auf irgend etwas besonders Acht zu geben. Als ich aber an dem Gemeindehause vorbeikam, bemerkte ich unwillkürlich auf dem Hofe einen Haufen Leute stehen und daneben einen Wagen. Kaum hatte ich auf die Gruppe einen Blick geworfen, als ich sofort alles begriff: man transportirte da den Andreas Baidisch ins Gefängniß.

Und es war gerade der letzte Akt der Abreise. Andreas, den man bis dahin bei der Gemeindeverwaltung internirt hatte, war schon auf den Hof herausgeführt worden und stand neben dem Wagen. Seine Angehörigen waren gekommen, um von ihm Abschied zu nehmen.

Ich sah hin – und es wurde mir kalt ums Herz…

Andreas stand da, ohne sich zu rühren, finster und dunkel, wie die Nacht.

Plötzlich trat er einen Schritt vor, in der Richtung zum Vater, und sagte leise einige Worte, die ich nicht recht verstehen konnte, vielleicht: „Leb wohl Vater!“ … Der Alte blieb stumm, wahrscheinlich konnte er kein Wort hervorbringen. Seine Lippen waren von einem unsäglichen Leiden verzerrt. Thränen, stille Thränen rollten über sein altes, hageres Gesicht auf den langen grauen Bart. Ich sah ganz deutlich, wie diese großen Thränen perlten….

„Nun, nun! Es ist Zeit zum Aufbrechen!“ hörte man von der Treppe aus die Stimme des Gemeindeältesten.

In diesem Augenblick stürzte auf Andreas ein Weib zu. Ich hatte dasselbe früher nicht bemerkt, da es hinten am Zaune gestanden hatte. Jetzt warf es sich Andreas an den Hals. Ich erkannte das Weib, es war die alte Baidisch, die Mutter Andreas’! Sie umschlang ihn mit den Armen und begann zu schluchzen und zu klagen. O mein Gott, was war das für ein Schluchzen! Es war kaum mehr ein menschlicher Schrei, ein Schrei, wie ich ihn niemals früher gehört hatte!…

Und dieser herzzerreißende Schmerz war schließlich sehr begreiflich. Den letzten Sohn entriß man dieser Mutter: den einen hatte man ihr wegen eines Fuders Holz genommen, den anderen nahm man wegen der Rache. Und diesen letzten Sohn noch einmal wiederzusehen durfte die Alte nicht mehr hoffen: sein Weg war weit – nach Sibirien, auf viele lange Jahre!…

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Olena Ptschilka: Mein erster Erfolg. Johann Heinrich Wilhelm Dietz, Stuttgart 1898, Seite 639. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PtschilkaMeinErsterErfolg.pdf/7&oldid=- (Version vom 1.8.2018)