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II

Einen anderen Weg der Betrachtung der Sprache scheint der philosophische Empirismus einzuschlagen, indem er, seiner Grundtendenz gemäß, bestrebt ist, das Faktum der Sprache, statt es auf ein logisches Ideal zu beziehen, in seiner einfachen und nüchternen Tatsächlichkeit, in seinem empirischen Ursprung und seinem empirischen Zweck zu begreifen. Statt die Sprache in irgendeine, sei es logische, sei es metaphysische Utopie aufgehen zu lassen, soll sie lediglich in ihrem psychologischen Bestand erkannt und in ihrer psychologischen Leistung gewürdigt werden. Auch in dieser Fassung der Aufgabe übernimmt freilich der Empirismus von den gegnerischen rationalistischen Systemen eine wesentliche Voraussetzung, indem er zunächst die Sprache ausschließlich als ein Mittel der Erkenntnis betrachtet. Locke hebt ausdrücklich hervor, daß sein Plan einer Verstandeskritik ursprünglich den Gedanken einer eigenen Sprachkritik nicht in sich gefaßt habe: erst allmählich habe sich ihm gezeigt, daß die Frage nach der Bedeutung und dem Ursprung der Begriffe sich von der nach dem Ursprung der Benennungen nicht abtrennen lasse[1]. Nachdem aber dieser Zusammenhang einmal erkannt ist, wird jetzt für ihn die Sprache zu einem der wichtigsten Zeugen für die Wahrheit der empiristischen Grundansicht. Leibniz sagt einmal, daß die Natur es liebe, an irgendeinem Punkte ihre letzten Geheimnisse offen darzulegen und sie uns gleichsam in sichtbaren Proben unmittelbar vor Augen zu stellen. Als eine solche Probe auf seine Gesamtanschauung der geistigen Wirklichkeit sieht Locke die Sprache an. „Es kann uns etwas tiefer in den Ursprung all unserer Begriffe hineinführen“ – so beginnt er seine Analyse der Worte – „wenn wir beachten, in welchem Maße unsere Worte von sinnlichen Ideen abhängig sind, und wie auch diejenigen, die dazu bestimmt sind, ganz unsinnliche Vorgänge und Begriffe auszudrücken, dennoch hier ihren Ursprung nehmen und von offenbar sinnlichen Ideen erst auf verwickeltere Begriffe übertragen werden. So sind ‚erfassen‘, ‚begreifen‘, ‚vorstellen‘ u. s. w. alles Worte, die von der Wirksamkeit sinnlicher Dinge hergenommen sind, um dann auf bestimmte Operationen unseres Geistes angewandt zu werden. Geist (spirit) ist seiner Grundbedeutung nach dasselbe wie Atem (breath); Engel bedeutet Bote, und ich zweifle nicht, daß wir, wenn wir alle Ausdrücke auf ihre Wurzeln zurückverfolgen könnten, den gleichen Gebrauch sinnlicher Bezeichnungen für unsinnliche Dinge in allen Sprachen finden würden. Daraus können wir einen Schluß darauf ziehen, von welcher Art und Herkunft


  1. [1] Locke, Essay III, 9, sect. 21.
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Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 73. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/89&oldid=- (Version vom 14.9.2022)