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Gestützt auf diese spekulative Grundauffassung der Sprache, hat W. v. Humboldt in seiner Abhandlung über den Dualis den Gebrauch dieser Form, die bis dahin von der Grammatik oft als ein bloßer Ballast, als ein unnützes Raffiniment der Sprache bezeichnet worden war, erst von innen her zu erhellen vermocht. Er weist dem Dual einen einerseits subjektiven, andererseits objektiven Ursprung und demgemäß eine teils sinnliche, teils geistige Urbedeutung zu. Der ersteren Richtung, die die Zweiheit als eine in der Natur gegebene, sinnlich faßbare Tatsache nimmt, folgt die Sprache, nach Humboldt, überall dort, wo sie den Dual vorwiegend als Ausdruck einer reinen Sachanschauung verwendet. Dieser Gebrauch ist über fast alle Sprachgebiete verbreitet. Die doppelt vorhandenen Dinge stellen sich für das Sprachgefühl als eine besondere, generisch zusammengehörige Gesamtheit dar. In den Bantusprachen z. B. bilden solche doppelt vorhandenen Dinge, wie die Augen und Ohren, die Schultern und Brüste, die Knie und Füße, eine eigene Klasse, die durch ein besonderes Nominalpräfix gekennzeichnet ist[1]. Neben diese natürlichen Zweiheiten treten sodann die künstlichen: wie die Paarigkeit der körperlichen Gliedmaßen, so wird auch die bestimmter Geräte und Werkzeuge von der Sprache besonders herausgehoben. Aber dieser Gebrauch des Duals innerhalb der Sphäre der reinen Nominalbegriffe zeigt sich in der Entwicklung der meisten Sprachen in stetem Rückgang begriffen. Im Semitischen gehört er der Grundsprache an, beginnt aber in den Einzelsprachen mehr und mehr zu schwinden[2]. Im Griechischen ist der Dual in einzelnen Dialekten schon in vorhistorischer Zeit geschwunden, und auch bei Homer befindet er sich bereits im Zustand der Auflösung. Nur im attischen Dialekt behauptet er sich längere Zeit, um jedoch auch hier im 4. Jahrhundert vor Chr. allmählich zu verschwinden[3]. In diesem nicht an ein besonderes Gebiet und an besondere Bedingungen geknüpften Verhältnis[4] drückt sich offenbar ein allgemeiner sprachlogischer Zusammenhang aus. Der Rückgang des Duals fällt mit dem allmählichen, stetig fortschreitenden Übergang von der individuellen und konkreten Zahl zur Reihenzahl zusammen. Je stärker der Gedanke der Zahlenreihe als eines nach einem


  1. [1] S. Meinhof, Bantugrammatik, S. 8 f.
  2. [2] Vgl. Brockelmann, Kurzgef. vgl. Grammat., S. 222.
  3. [3] Brugmann, Griechische Grammatik ³, S. 371; Meillet, a. a. O., S. 6; vgl. auch Fr. Müller, Der Dual im indogermanischen und semitischen Sprachgebiet, Silzungsberichte der Wiener Akad., Philos.-hist. Kl., Bd. XXXV.
  4. [4] Im Altägyptischen ist der Dual noch in weiterem Umfange vorhanden, während er im Koptischen bis auf geringe Reste ausgestorben ist (s. Erman, Ägypt. Grammat., S. 106, Steindorf, Kopt. Grammat., S. 69, 73).
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Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 203. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/219&oldid=- (Version vom 21.11.2022)