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tritt hinter dieser Unterscheidung durchaus zurück und damit wird gerade dasjenige Moment, das für das Bewußtsein der reinen Zeitform und ihrer Eigenart entscheidend ist, in seiner Entwicklung hintangehalten.

Die Entwicklung der Kindersprache zeigt einerseits, daß die Bildung der Zeitadverbien erst wesentlich später, als die der Raumadverbien erfolgt, und daß andererseits Ausdrücke, wie „heute“, „gestern“ und „morgen“ anfangs keinerlei scharf abgegrenzten zeitlichen Sinn besitzen. Das „Heute“ ist der Ausdruck der Gegenwart überhaupt, das „Morgen“ und „Gestern“ der Ausdruck für die Zukunft oder Vergangenheit überhaupt: es werden also damit zwar bestimmte zeitliche Qualitäten unterschieden, aber ein quantitatives Maß, ein Maß zeitlicher Abstände, wird nicht erreicht[1]. Noch einen Schritt weiter zurück scheint uns die Betrachtung einzelner Sprachen zu führen, in denen auch die qualitativen Unterschiede der Vergangenheit und Zukunft sich häufig völlig verwischen. Im Ewe dient ein und dasselbe Adverbium dazu, ebensowohl das „Gestern“, wie das „Morgen“ zu bezeichnen[2]. In der Schambalasprache wird das gleiche Wort dazu verwandt, um sowohl auf die graue Vorzeit zurück-, als auf die späte Zukunft hinauszuweisen. „Diese für uns sehr auffallende Erscheinung“ – so bemerkt einer der Erforscher dieser Sprache sehr bezeichnend – „findet ihre natürliche Erklärung darin, daß die Ntu-Neger die Zeit anschauen wie ein Ding, darum gibt es für sie nur ein Heute und Nichtheute; ob das letztere gestern war oder morgen sein wird, ist den Leuten ganz einerlei, darüber reflektieren sie nicht, denn dazu gehört nicht nur ein Anschauen, sondern ein Denken und eine begriffliche Vorstellung von dem Wesen der Zeit … Der Begriff „Zeit“ ist den Schambala fremd, sie kennen eben nur die Anschauung der Zeit. Wie schwer es uns Missionaren geworden ist, uns von unserem Zeitbegriff zu emanzipieren und die Zeitanschauung der Schambala zu verstehen, geht daraus hervor, daß wir jahrelang nach einer Form gesucht haben, welche nur das Futurum bezeichnet; wie oft waren wir glücklich, diese Form gefunden zu haben, um später, manchmal freilich erst nach Monaten, zu erkennen, daß die Freude verfrüht war, denn es ergab sich jedesmal, daß die gefundene Form auch für die Vergangenheit


  1. [1] Nähere Angaben bei Cl. und W. Stern, Die Kindersprache, S. 231 ff.
  2. [2] Westermann, Ewe-Grammatik, S. 129; die gleiche Erscheinung in vielen amerikanischen Sprachen s. z. B. v. d. Steinen, Die Bakairi-Sprache, Lpz. 1892, S. 355. Im Tlingit wird ein und dasselbe Präfix gu- oder ga- verwendet, um Zukunft und Vergangenheit zu bezeichnen (Boas, Handb. I, 176), wie auch das lat. olim (von ille) die graue Vorzeit und die ferne Zukunft (vgl. das deutsche: ‚einst‘) bezeichnet.
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Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 173. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/189&oldid=- (Version vom 11.10.2022)