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schließt, erst allmählich aus spezielleren Bedeutungen sich entfaltet. Je weiter wir den Gebrauch des Artikels zurückverfolgen können, um so „konkreter“ scheint dieser Gebrauch zu werden: statt einer universellen Form des Artikels finden wir hier verschiedene Arten desselben, die je nach der Qualität der besonderen Objekte und Objektkreise wechseln. Die allgemeine Funktion, der er sprachlich und gedanklich dient, hat sich hier von der Besonderheit der Inhalte, auf welche sie angewandt wird, noch nicht gelöst. Die indonesischen Sprachen kennen neben dem sachlichen Artikel einen eigenen persönlichen Artikel, der vor die Namen von Individuen oder Stämmen oder auch vor Verwandtschaftsnamen tritt, nicht um sie in irgendeiner Weise näher zu qualifizieren, sondern lediglich um sie als Personennamen, als Eigennamen zu kennzeichnen[1]. Die Sprache der Ponca-Indianer unterscheidet scharf zwischen den „Artikeln“, die für unbelebte, und denen, die für belebte Gegenstände gebraucht werden: unter den ersteren erhalten weiterhin z. B. horizontale und runde Gegenstände, verstreute Objekte oder Kollektiva je einen besonderen Artikel; während in der Anwendung des Artikels bei einem belebten Wesen genau auseinandergehalten wird, ob es sitzt oder steht oder sich bewegt[2]. In besonders merkwürdiger und lehrreicher Weise aber zeigen gewisse Erscheinungen der Somali-Sprache die konkret-anschauliche Grundbedeutung, die dem Artikel ursprünglich eignet. Das Somali besitzt drei Formen des Artikels, die sich durch den auslautenden Vokal (–a, –i und –o [resp. u]) von einander unterscheiden. Das Bestimmende für die Anwendung der einen oder anderen Form ist hierbei das räumliche Verhältnis der Person oder Sache, von der die Rede ist, zum redenden Subjekt. Der auf –a auslautende Artikel bezeichnet eine Person oder Sache, die sich in unmittelbarer Nähe des Subjekts befindet, für dasselbe sichtbar ist und auch tatsächlich von ihm gesehen wird; der auf –o auslautende bezieht sich auf eine von ihm mehr oder weniger entfernte Person oder Sache, die aber in den meisten Fällen ebenfalls in Sicht des Redenden ist, während der mit –i endende Artikel einen Inhalt bezeichnet, der dem Subjekt irgendwie bekannt, aber ihm nicht sichtbar gegenwärtig ist[3]. Hier läßt es sich gleichsam mit Händen greifen, daß die allgemeine Form der „Substanziierung“, der Gestaltung zum


  1. [1] S. Codrington, Melanes. languages, S. 108 ff.; vgl. bes. Brandstetter, Der Artikel des Indonesischen verglichen mit dem des Indogermanischen, Lpz. 1913.
  2. [2] Boas und Swanton, Siouan (Handb. of Americ. Ind. lang. I, 939 ff.).
  3. [3] Näheres hierüber bei Maria v. Tiling, Die Vokale des bestimmten Artikels im Somali, Zeitschr. für Kolonialsprachen IX, 132 ff.
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Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 155. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/171&oldid=- (Version vom 8.10.2022)