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KAPITEL II
DIE SPRACHE IN DER PHASE DES SINNLICHEN AUSDRUCKS
I

Um die Eigentümlichkeit irgendeiner geistigen Form sicher zu bestimmen, ist es vor allem notwendig, daß man sie mit ihren eigenen Maßen mißt. Die Gesichtspunkte, nach denen sie beurteilt und nach welchen ihre Leistung abgeschätzt wird, dürfen nicht von außen an sie herangebracht, sondern sie müssen der eigenen Grundgesetzlichkeit der Formung selbst entnommen werden. Keine feststehende „metaphysische“ Kategorie, keine von andersher gegebene Bestimmung und Einteilung des Seins, so sicher und festgegründet sie immer erscheinen mag, kann uns der Notwendigkeit eines solchen rein immanenten Anfangs überheben. Das Recht, diese Kategorie anzuwenden, ist immer erst dann gesichert, wenn wir sie nicht als ein festes Datum dem charakteristischen Formprinzip voranstellen, sondern wenn wir sie aus diesem Prinzip selbst abzuleiten und zu verstehen vermögen. Jede neue Form stellt in diesem Sinne einen neuen „Aufbau“ der Welt dar, der sich nach spezifischen, nur für sie gültigen Richtmaßen vollzieht. Die dogmatische Betrachtung, die vom Sein der Welt als einem gegebenen und festen Einheitspunkt ausgeht, ist freilich geneigt, alle diese inneren Unterschiede der geistigen Spontaneität in irgendeinen Allgemeinbegriff vom „Wesen“ der Welt aufgehen zu lassen und sie dadurch zum Verschwinden zu bringen. Sie schafft feste Zerlegungen des Seins: sie teilt es etwa in eine „innere“ und eine „äußere“, in eine „psychische“ und eine „physische“ Wirklichkeit, in eine Welt der „Dinge“ und der „Vorstellungen“ – und auch innerhalb der einzelnen, auf diese Weise gegeneinander abgegrenzten Bezirke wiederholen sich ihr die gleichen Scheidungen. Auch das Bewußtsein, auch das Sein der „Seele“ zerfällt wieder in eine Reihe abgesonderter, gegeneinander selbständiger „Vermögen“. Erst die fortschreitende Kritik der Erkenntnis

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Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 122. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/138&oldid=- (Version vom 20.8.2021)