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Philon: Ueber die Tugenden (De virtutibus) übersetzt von Leopold Cohn

von den nützlichen Dingen wegen der Unsicherheit der Zukunft aufbewahrt haben. Sehr schön ist jenes Wort der alten Weisen, man müsse sowohl Freundschaft in der Weise halten, dass man daran denke, wie leicht sie in Feindschaft übergehen könne, als auch Feindschaft so bekunden, wie wenn daraus Freundschaft werden könnte[1]; denn so wird ein jeder in seinem Wesen etwas für sich bewahren, was ihm Sicherheit gibt, und nicht darüber, dass er sich in Wort und Tat zu sehr enthüllt hat, Reue empfinden und zu grosser Nachgiebigkeit, wo sie unnütz war, sich anzuklagen haben. 153 Diesen Ausspruch sollten auch die Staaten beachten, indem sie im Frieden für den Kriegsfall und im Kriege für die Friedenszeit Vorsorge treffen, sie sollten weder auf ihre Verbündeten unbedingtes Vertrauen setzen, als ob diese nie auf die feindliche Seite übertreten könnten, noch auch den Feinden vollständig misstrauen, wie wenn diese niemals zu einem friedlichen Verhältnis überzugehen imstande sein würden. 154 Aber selbst wenn man wegen der Hoffnung auf eine mögliche Aussöhnung nichts für einen Feind zu tun nötig hat, so ist doch eine Pflanze kein Feind, vielmehr sind alle Gewächse friedlich und nützlich und die edlen unter ihnen ganz besonders notwendig, deren Fruchtertrag entweder als Nahrung dient oder ein der Nahrung gleichwertiger Besitz ist. Wozu also muss man feindselig auftreten gegen Dinge, die nicht feindlich sind, warum Bäume fällen oder verbrennen oder samt der Wurzel ausreissen, die die Natur selbst durch das Spenden von Wasserzufluss und durch gute Temperatur der Luft zur Reife bringt, damit sie den Menschen wie Herrschern ihren jährlichen Tribut liefern?

155 Wie ein guter Vormund war der Gesetzgeber auch darauf bedacht, die ausrüstende Kraft und Stärke nicht nur den lebenden Wesen, sondern auch den Pflanzen zu verleihen, besonders den edleren, die ja auch grössere Sorgfalt verdienen,


  1. Von Bias, einem der „sieben Weisen“ Griechenlands, wird ein Ausspruch angeführt, dass man lieben solle, wie wenn man später hassen würde, und hassen, wie wenn man später lieben würde, d. h. dass man in der Freundschaft wie in der Feindschaft Mass halten solle (Diog. La. I 87. Arist. Rhet. II 13). Aehnlich wie von Philo ist derselbe Gedanke ausgesprochen von Sophokles im Aias 678 ff.
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Philon: Ueber die Tugenden (De virtutibus) übersetzt von Leopold Cohn. Breslau: H. & M. Marcus, 1910, Seite 358. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhilonVirtGermanCohn.djvu/046&oldid=- (Version vom 1.8.2018)