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Philon: Ueber die Tugenden (De virtutibus) übersetzt von Leopold Cohn

und alles Unheil verschuldende Begierde zu zügeln, andrerseits hielt er es nicht für recht, dass die (ursprünglichen) Besitzer für immer ihres Eigentums beraubt werden und gleichsam Strafe zahlen mit ihrer Armut, die nicht bestraft zu werden verdient, sondern vielmehr auf Mitleid vollen Anspruch hat. 101 Es gibt unter den Einzelgesetzen noch viele andere wohlwollende und menschenfreundliche Bestimmungen für die Volksgenossen; da ich ihrer aber zur Genüge schon in den früheren Büchern gedacht habe, will ich mich mit den eben erwähnten begnügen, die ich zur Probe passenderweise herangezogen habe.

102 (12.) Wie er aber für die Volksgenossen gesetzliche Anordnungen getroffen hat, so muss man nach seiner Ansicht alle Fürsorge auch den fremden Zuwanderern (den Proselyten) angedeihen lassen, die ihre Blutsverwandtschaft, ihr Vaterland, ihre Sitten, ihre Heiligtümer, die Bildsäulen ihrer Götter und ihre Verehrung aufgegeben und eine herrliche Uebersiedelung vollzogen haben von den mythischen Gebilden weg zur offenkundigen Wahrheit und zur Verehrung des einen und wirklich seienden Gottes[1]. 103 Er befiehlt also den Volksgenossen die Proselyten zu lieben, nicht nur wie Freunde und Verwandte, sondern wie sich selbst (3 Mos. 19,33.34. 5 Mos. 10,19), in leiblicher wie in seelischer Hinsicht, in leiblicher dadurch, dass man sie soweit als möglich an allem teilnehmen lässt, in geistiger, indem man Freud’ und Leid mit ihnen teilt, so dass in geteilten Gliedern ein Wesen enthalten zu sein scheint, da das gemeinsame Gefühl füreinander sie verbindet und gleichsam zusammenwachsen lässt[2].


  1. Philo versteht unter dem גר‎ der Bibel (LXX προσήλυτος) fast durchweg den eingewanderten Fremdling, der sich zum Judentum bekehrt hat. Vgl. Ueber die Einzelgesetze I § 51 f.
  2. Josephus g. Apio II § 209: „Wie der Gesetzgeber auch auf freundliches Verhalten gegen Fremdlinge bedacht war, verdient Beachtung; denn es zeigt sich, dass er aufs beste dafür gesorgt hat, dass wir zwar unsere eigenen Bräuche nicht zerstören, dass wir sie aber denen nicht missgönnen sollen, die sich ihnen anschliessen wollen. Alle die kommen und unter denselben Gesetzen mit uns leben wollen, nimmt er freundlich auf, weil nach seiner Meinung nicht bloss die Abstammung, sondern auch die Gleichheit der Lebensgrundsätze die Menschen verbindet“.
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Philon: Ueber die Tugenden (De virtutibus) übersetzt von Leopold Cohn. Breslau: H. & M. Marcus, 1910, Seite 344. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhilonVirtGermanCohn.djvu/032&oldid=- (Version vom 31.10.2017)