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Philon: Ueber die Tugenden (De virtutibus) übersetzt von Leopold Cohn

der Stammväter (5 Mos. cap. 33). Dass diese Segnungen in Erfüllung gehen werden, müssen wir zuversichtlich hoffen[1]; denn der sie ausgesprochen, war ein Liebling Gottes, Gott liebt die Menschen, und die, denen die Segenssprüche gelten, sind von edler Abstammung und nehmen die höchste Rangstelle ein unter dem Schöpfer und Vater aller Dinge als Heerführer. 78 [Es waren aber Bitten um die wahren Güter, dass diese ihnen nicht nur in dem sterblichen Leben zuteil werden, sondern noch weit mehr zu der Zeit, wenn die Seele von der Fessel des Fleisches befreit sein wird][2]. 79 Denn Moses allein hatte erkannt, dass das gesamte Volk von Anfang an zu den göttlichen Dingen offenbar in ganz enger Verwandtschaft stehe, einer viel echteren als es die Blutsverwandtschaft ist, und darum erklärte er es zum Erben aller Güter, die nur die menschliche Natur zu fassen vermag; die er selbst hatte, gab er ihnen bereitwillig, die er nicht besass, bat er Gott ihnen zu gewähren, da er wusste, dass Gottes Gnadenquellen zwar unversiegbar sind, aber nicht allen offenstehen, sondern nur denen, die sich demütig an ihn wenden. Schutzflehende sind aber die nach Tugendhaftigkeit Strebenden, und diese dürfen aus den heiligsten Quellen schöpfen, wenn sie nach Weisheit dürsten.

80 (5.) Die Beweise für des Gesetzgebers Menschenliebe und Sorge für die Gesamtheit, die er teils vermöge der ihm von der Natur verliehenen guten Veranlagung, teils auf Grund der Belehrungen durch heilige Gottessprüche bekundete, sind nun dargelegt. Wir müssen aber auch die Vorschriften anführen, die er den Späteren gegeben hat, wenn auch nicht alle — das wäre nicht leicht —, so doch wenigstens die Verordnungen, die seinen Gedanken am nächsten verwandt sind. 81 Denn die nötige Rücksicht und Milde will er nicht nur in den Grenzen des


  1. Im Leben Mosis II § 288 sagt Philo von diesen Segnungen: „davon ist ein Teil bereits eingetroffen, der andere wird noch erwartet, denn Zuversicht für die Zukunft bietet die Erfüllung in der Vergangenheit“.
  2. Die eingeklammerten Worte, die in der ältesten Handschrift fehlen, erweisen sich aus sachlichen und formellen Gründen als nichtphilonisch, sie sind wahrscheinlich Zusatz eines christlichen Lesers; vgl. Hermes 43 S. 213 f.
Empfohlene Zitierweise:
Philon: Ueber die Tugenden (De virtutibus) übersetzt von Leopold Cohn. Breslau: H. & M. Marcus, 1910, Seite 338. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhilonVirtGermanCohn.djvu/026&oldid=- (Version vom 31.10.2017)