Seite:PhilonVirtGermanCohn.djvu/008

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Philon: Ueber die Tugenden (De virtutibus) übersetzt von Leopold Cohn

UEBER EINIGE TUGENDEN, DIE MIT ANDEREN MOSES

GESCHILDERT HAT, NAEMLICH UEBER TAPFERKEIT,
FROEMMIGKEIT, MENSCHENLIEBE UND REUE

Ueber die Tapferkeit.

1 [II p. 375 M.] (1.) Nachdem ich früher über die Gerechtigkeit und über alles Wesentliche, was darauf Bezug hat, gesprochen habe, wende ich mich nun zunächst zur Tapferkeit. Unter Tapferkeit verstehe ich aber nicht, was die meisten dafür halten, die streitsüchtige Kampfwut, die sich vom Zorne leiten lässt, sondern das Wissen[1]. 2 Denn gar manche haben, von Wagemut getrieben, zu dem Körperstärke sich gesellte, wenn sie im Kriege mit voller Waffenrüstung in Reih' und Glied standen, zahllose von der kriegsfähigen Mannschaft der Feinde niedergeschlagen und damit unverdienterweise grossen Ruf der Tapferkeit sich erworben; sie wurden von denen, die in solchen Dingen zu urteilen pflegen, für besonders ruhmreiche Sieger [376 M.] gehalten, während sie (in Wahrheit) von Natur und durch Uebung nur eine Art wilder Tiere sind, die nach Menschenblut dürsten. 3 Andere dagegen, die sogar zu Hause bleiben müssen, weil ihr Körper durch langwierige Krankheiten oder durch das beschwerliche Alter geschwächt ist, die aber in ihrem besseren Teile, der Seele[2], noch gesund und kräftig und von mutiger Gesinnung und tapferer Entschlossenheit erfüllt sind, haben oft, ohne jemals eine Waffe zur Abwehr anzurühren, durch gemeinnützige Erteilung guter Ratschläge die gesunkene Lage sowohl jedes einzelnen als des ganzen Vaterlandes wieder aufgerichtet, weil sie in ihren auf das Gemeinwohl gerichteten Erwägungen fest und unbeugsam waren. 4 Diese üben die wahre Tapferkeit, da ihr Handeln sich auf Weisheit gründet, jene dagegen die fälschlich so genannte — denn sie leben in unheilbarer Krankheit, in Unwissenheit — ,


  1. Nach platonischer Lehre, der Philo hier folgt, ist die Tugend lehrbar, daher jede Tugend ein Wissen d. h. die Einsicht in die Gründe des Handelns nach der betreffenden Tugend. Die Tapferkeit definiert Plato als das Wissen von dem, was zu fürchten und nicht zu fürchten ist (ἐπιστήμη oder σοφία τῶν δεινῶν καὶ μὴ δεινῶν Protag. 360 d. Lach. 194 e).
  2. Für τῆς ψυχῆς ist τῇ ψυχῇ (Apposition zu τῷ κρείττονι μέρει) zu lesen.
Empfohlene Zitierweise:
Philon: Ueber die Tugenden (De virtutibus) übersetzt von Leopold Cohn. Breslau: H. & M. Marcus, 1910, Seite 320. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhilonVirtGermanCohn.djvu/008&oldid=- (Version vom 12.11.2017)