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Philon: Ueber Joseph (De Josepho) übersetzt von Leopold Cohn

unserm Vater, erzählten und von den übrigen Brüdern, einem toten und einem bei dir weilenden, der, so sagten wir, noch jung und deswegen zu Hause geblieben sei, als wir so alles über unsere Verwandtschaft enthüllten und offenbarten, um den Argwohn zu beseitigen, richteten wir doch nichts aus; er sagte vielmehr, dass er unserer Verteidigung nur Glauben schenken werde, wenn der jüngste Knabe zu ihm komme; und deshalb behielt er auch den zweiten als Geisel und Unterpfand für den jüngsten zurück. 186|Dieser Befehl ist der allerunangenehmste, aber die Verhältnisse gebieten es noch mehr als der Befehlende: man muss ihm notgedrungen p. 68 M. gehorchen wegen der Lebensmittel, die Aegypten allein den vom Hunger Bedrängten darbietet“. 187|(32.) Er aber seufzte schwer auf und sprach: „Wen soll ich zuerst bedauern? den vorletzten, den nicht zuletzt, sondern zuerst das Unglück ereilt hat? oder den zweiten, der die zweite Art von Unglück erleidet, Gefängnis statt des Todes? oder den jüngsten, der die verwünschte Reise unternehmen soll, falls er wirklich reisen sollte, nicht gewarnt durch das Missgeschick der Brüder? Ich aber werde stückweise auseinandergerissen – Teile der Eltern sind ja die Kinder — und laufe Gefahr in Kinderlosigkeit zu geraten, nachdem ich bis vor kurzem für kinderreich und kindergesegnet gehalten worden bin“. 188|Da sprach der Aelteste (der Söhne): „Zum Pfande gebe ich dir die beiden einzigen Söhne, die ich gezeugt habe; töte sie, wenn ich dir den in meine Hände gegebenen Bruder nicht wohlbehalten zurückbringe, dessen Reise nach Aegypten uns zwei sehr grosse Vorteile verschaffen wird, erstens den klaren Beweis, dass wir nicht Kundschafter und Feinde sind, zweitens die Möglichkeit, den im Gefängnis sitzenden Bruder zurückzuerhalten“. 189|Der Vater war aber sehr betrübt und sagte, dass er Bedenken trage[1], weil doch von den zwei von derselben Mutter geborenen Söhnen der eine bereits tot sei und der andere verwaist und einsam Zurückgelassene die Reise scheuen und lebend vor Angst sterben werde in der Erinnerung an das Schreckliche, das der Aeltere erlitten. Da er so sprach, wählten sie den kühnsten


  1. Für ἀγνοεῖν ist wohl ἀποκνεῖν zu lesen.
Empfohlene Zitierweise:
Philon: Ueber Joseph (De Josepho) übersetzt von Leopold Cohn. Breslau: H. & M. Marcus, 1909, Seite 196. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhilonJosGermanCohn.djvu/043&oldid=- (Version vom 6.9.2017)