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Philon: Ueber den Dekalog (De decalogo) übersetzt von Leopold Treitel

Vergötterung und forderte zur Verehrung des wahrhaft seienden Gottes auf, nicht weil er für sich Ehre brauchte — denn der sich selbst vollauf Genügende bedurfte eines andern nicht —, sondern weil er das Menschengeschlecht, das sonst leicht auf unwegsamen Pfaden in die Irre geht, auf einen sicheren Weg führen wollte, damit es der Natur folge und dadurch das edelste Ziel erreiche, nämlich die Erkenntnis des wahrhaft Seienden, der da ist das erste und vollkommenste Gut, von dem wie von einer Quelle der Welt und dem, was in ihr ist, das Gute im einzelnen gespendet wird.

82 (17.) Nachdem wir auch das zweite Gebot nach unserem besten Können erörtert haben, wollen wir nun das nächste in der Reihe genauer betrachten. Es lautet: „(du sollst) den Namen Gottes nicht zum Falschen aussprechen“ (2 Mos. 20,7). Was nun die Reihenfolge betrifft, so ist der Grund dafür den im Geiste scharf Sehenden klar. Der Name ist immer ein zweites, das was zu der zu Grunde liegenden Sache hinzukommt, ähnlich wie der Schatten, der den Körper begleitet. 83 Nachdem er nun vorher vom Dasein und von der Verehrung des Ewigen gesprochen, gibt er in ganz richtiger Folge gleich auch die gebührende Anweisung in Betreff der Nennung seines Namens; denn mannigfach und verschiedenartig sind die Sünden der Menschen in diesem Punkte. 84 Am besten, heilsamsten und vernunftgemässesten wäre es ja, gar nicht zu schwören, wenn der Mensch bei jeder [p. 195 M.] Aussage so wahr zu sein lernte, dass die Worte als Eide gelten könnten. „Die zweitbeste Fahrt“[1] aber, wie man zu sagen pflegt, ist wahr schwören; denn der Schwörende steht gleich im Verdacht, als ob man ihm nicht recht trauen dürfe. 85 Darum soll man (im Schwören) zögern und langsam sein, denn vielleicht ist es doch möglich, durch Aufschub den Eid ganz zu vermeiden. Zwingt aber eine gewisse Notwendigkeit dazu, dann muss alles, was dabei in Betracht kommt, sorgfältig und nicht oberflächlich erwogen werden; es ist doch keine kleine, wenn auch aus Gewohnheit geringschätzig behandelte Sache. 86 Denn ein Zeugnis Gottes in angezweifelten


  1. Sprichwörtlicher Ausdruck im Griechischen.
Empfohlene Zitierweise:
: Ueber den Dekalog (De decalogo) übersetzt von Leopold Treitel. Breslau: H. & M. Marcus, 1909, Seite 389. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhilonDecalGermanTreitel.djvu/023&oldid=- (Version vom 9.12.2016)