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Philon: Ueber den Dekalog (De decalogo) übersetzt von Leopold Treitel

(gewöhnlichen) Freien verrichtet wird, sondern auch von Edelgeborenen und körperlich Wohlgestalteten. Denn bei den Priestern wird sowohl die Abkunft genau darauf geprüft, ob sie tadellos, als auch die Gesamtheit der Glieder des Leibes, ob sie ganz vollkommen ist. 72 Und das ist noch nicht das Schlimmste, wenn es auch schlimm genug ist, das Allerärgste ist dies: ich kenne manche von den Verfertigern, die zu ihren eigenen Schöpfungen beten und ihnen opfern; sie täten wahrlich besser daran, ihre beiden Hände anzubeten, oder, wollten sie schon den Schein der Eigenliebe vermeiden, dann doch Hammer und Amboss, Pinsel und Zirkel, kurz all das Handwerkszeug, mit dem die Stoffe geformt [p. 193 M.] wurden. 73 (15.) Es wäre wohl Grund so Betörten offen zu sagen: der beste Wunsch, ihr Edlen, und das höchste Glück ist es doch, Gott gleich zu werden. 74 Nun, so betet doch einmal, dass ihr den Bildsäulen gleich werden möget, damit ihr das höchste Glück erfahret, d. h. dass ihr mit Augen nicht sehet, mit Ohren nicht höret, mit der Nase nicht atmet und nicht riechet, mit dem Munde nicht redet und nicht schmecket, mit den Händen nicht fasset und nicht gebet und nicht arbeitet, mit den Füssen nicht gehet[1], noch mit sonst einem Körperteil eine Tätigkeit verrichtet, sondern im Tempel gleichwie in einem Gefängnis gehütet und bewacht bei Tag und Nacht nur immer den Dampf von dem, was geopfert wird, einziehet; denn das ist das einzig Gute, das ihr den Götterbildern andichtet. 75 Ich glaube aber, ihr würdet, so ihr solches höret, empört sein über etwas, was nicht Gebet, sondern Verwünschung wäre, und würdet zur Abwehr greifen und mit gleichem Spott den Vorwurf erwidern; und das wäre der stärkste Beweis der vorherrschenden Gottlosigkeit der Menschen, die an Götter glauben, denen im Wesen gleich zu werden sie niemals wünschen würden. 76 (16.) Keiner also, der eine Seele besitzt, möge einem unbeseelten Dinge göttliche Verehrung erweisen, denn es ist geradezu widersinnig, wenn die Geschöpfe der Natur sich göttlicher Verehrung der von Menschenhand verfertigten Gegenstände zuwenden. Die Aegypter aber trifft zu dem allgemeinen Vorwurf gegen jedes Land noch ein ganz besonderer:


  1. Vgl. Psalm 115,4ff.
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: Ueber den Dekalog (De decalogo) übersetzt von Leopold Treitel. Breslau: H. & M. Marcus, 1909, Seite 387. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhilonDecalGermanTreitel.djvu/021&oldid=- (Version vom 9.12.2016)