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Philon: Ueber die Weltschöpfung (De opificio mundi) übersetzt von Joseph Cohn

UEBER DIE WELTSCHOEPFUNG NACH MOSES

[I p. 1 M.] [1] 1 Manche Gesetzgeber haben das, was ihnen als recht galt, in ungeschminkter und einfacher Form angeordnet; andere haben ihre Gedanken in ein schwülstiges Gewand gekleidet und die Volksmassen betört, indem sie mit mythischen Gebilden die Wahrheit verhüllten. 2 Moses aber hat beides vermieden, das eine, weil es unbedacht, bequem und unphilosophisch ist, das andere, weil es voll Lug und Trug ist; er hat vielmehr seinen Gesetzen einen sehr schönen und erhabenen Anfang gegeben, indem er weder ohne weiteres angab, was zu tun oder zu unterlassen sei, noch auch – obwohl es nötig gewesen wäre, erst den Geist derer, die sich der Gesetze bedienen sollten, vorzubereiten – Mythen erdichtete oder die von andern verfassten nacherzählte. 3 Dieser Anfang ist, wie ich sagte, höchst bewunderungswürdig, da er die Weltschöpfung schildert, um gleichsam anzudeuten, dass sowohl die Welt mit dem Gesetze als auch das Gesetz mit der Welt im Einklang steht und dass der gesetzestreue Mann ohne weiteres ein Weltbürger ist, da er seine Handlungsweise nach dem Willen der Natur regelt, nach dem auch die ganze Welt gelenkt wird[1]. 4 Die Schönheit der Gedanken dieser Weltschöpfung vermöchte kein Dichter und kein Schriftsteller würdig zu preisen; denn sie gehen über das Sprach- und [2 M.] Gehörvermögen hinaus und sind zu gross und zu erhaben, als dass sie mit den Organen eines Sterblichen erfasst werden könnten. 5 Allein deswegen dürfen wir uns nicht schweigend

Empfohlene Zitierweise:
Philon: Ueber die Weltschöpfung (De opificio mundi) übersetzt von Joseph Cohn. H. & M. Marcus, Breslau 1909, Seite 28. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloOpifGermanCohn.djvu/6&oldid=- (Version vom 9.9.2019)
  1. Philo sieht in dem Umstände, dass die Thora mit der Weltschöpfung beginnt, eine Uebereinstimmung mit der Lehre der Stoiker, nach der die wahre Sittlichkeit darin besteht, dass man der Natur folgt und nach der Natur lebt (ὁμολογουμένως τῇ φύσει ζῆν, secundum naturam vivere). Die Mosaische Gesetzgebung lehrt die wahre Sittlichkeit; also stehen Gesetz und Welt (Natur) im Einklang mit einander, und der nach dem Gesetz lebende Mensch ist zugleich der wahre Weltbürger (κοσμοπολίτης), da er sich nach demselben Willen der Natur richtet, von dem die Welt beherrscht ist. Eine ähnliche Verknüpfung liegt in der Bemerkung des Midrasch Tanchuma zu 1 Mos. 1,1, dass die Welt auf der Thora gegründet ist, und des Talmud Nedarim f. 32a, dass Himmel und Erde nicht ohne die Thora bestehen. Vgl. auch Beresch. R. zu Anfang: „im Hinblick auf die Thora schuf Gott die Welt“.