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Philon: Ueber die Weltschöpfung (De opificio mundi) übersetzt von Joseph Cohn

Er war wirklich der „wahrhaft Schöne und Edle.“ Auf die Wohlgestalt seines Körpers kann man aus drei Umständen schliessen. Der erste ist folgender: als infolge der Absonderung des vielen Wassers, das „Meer“ genannt wurde, [33 M.] die eben neu gegründete Erde sichtbar wurde, war der Urstoff aller Dinge, die geschaffen wurden, ungemischt, unverfälscht und rein, ausserdem dehnbar und gut zu bearbeiten, und so waren die aus ihm gefertigten Dinge natürlich tadellos. 137 Zweitens lässt sich denken, dass Gott dieses menschenähnliche Gebilde mit der höchsten Sorgfalt schaffen wollte, und dass er deshalb nicht von dem ersten besten Stücke der Erde Staub nahm, sondern von der ganzen Erde das Beste, vom reinen Urstoff das Reinste und Allerfeinste absonderte, was sich am meisten zu seiner Bildung eignete; denn es wurde doch zur Wohnung oder zum heiligen Tempel für die vernünftige Seele gebildet, die der Mensch als das gottähnlichste Bild in sich tragen sollte[1]. 138 Der dritte Umstand, der in keinem Vergleich steht zu den bereits genannten, ist folgender: der Schöpfer war ein Meister sowohl in allen andern Dingen als auch ganz besonders in der Fertigkeit (des Bildens), so dass jeder der Teile des Körpers sowohl an und für sich die ihm zukommenden Proportionen erhielt als auch zweckmässig für die Gemeinschaft des ganzen Körpers mit Sorgfalt geformt wurde. Mit diesem Gleichmass (der Glieder) verlieh er dem Körper auch das rechte Mass von Beleibtheit und schmückte ihn mit gesunder Farbe, da er wollte, dass der erste Mensch so schön wie nur möglich anzusehen sei. [48.] 139 Dass er aber auch hinsichtlich der Seele vorzüglich war, ist ebenso klar; denn zu ihrer Bildung benützte Gott als Vorbild nicht eins von den in der Schöpfung vorhandenen Dingen, sondern, wie gesagt, einzig und allein seine eigene Vernunft; deren Abbild und Nachahmung, sagt er also, sei der Mensch geworden, da ihm in das Antlitz gehaucht wurde, wo der Sitz der Sinne ist, mit denen der Schöpfer den Körper beseelte; nachdem er aber die Vernunft

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Philon: Ueber die Weltschöpfung (De opificio mundi) übersetzt von Joseph Cohn. H. & M. Marcus, Breslau 1909, Seite 76. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloOpifGermanCohn.djvu/54&oldid=- (Version vom 9.9.2019)
  1. Die vernünftige Seele thront gewissermassen in dem menschlichen Körper wie die Götterbilder in einem Tempel.