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Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt

sich überhob, wandte er eher wuchtige Züchtigung gegen sich an als Tadel mit Worten. Ueberhaupt überwachte er [p. 85 M.] die ersten Regungen und Triebe der Seele wie ein störrisches Pferd, denn er fürchtete, sie könnten der zur Lenkerin bestimmten Vernunft voraneilen und alles über den Haufen werfen. Denn sie sind die Ursachen des Guten und des Bösen, des Guten, wenn sie der Führung der Vernunft sich fügen, seines Gegenteils, wenn sie zur Gesetzlosigkeit ausarten. 27 Natürlicherweise waren seine Genossen und alle andern voller Staunen, und wie von einem nie gesehenen Schauspiel betroffen forschten sie, welcher Art der in seinem Körper wohnende und in ihm sich darstellende Geist sei, ob ein menschlicher oder ein göttlicher oder ein aus beiden gemischter; hatte er ja nichts der Menge Gleiches an sich, sondern er überragte sie und erhob sich zu höherem Streben. 28 Den leiblichen Genüssen zollte er keinen grösseren Tribut als den notwendigen, den die Natur forderte, an niedere Sinneslust dachte er überhaupt nicht ausser der zur Erzeugung ehelicher Kinder. 29 So wurde er in hervorragendem Masse ein Jünger der Bedürfnislosigkeit, spottete der üppigen Lebensführung wie kein anderer – denn nur in der Seele allein, nicht im Körper, zu leben war sein Sehnen – und verwirklichte die Lehren der Philosophie durch sein alltägliches Tun, sprach wie er dachte und handelte entsprechend seinen Worten, so dass er Rede und Leben mit einander verband, damit wie seine Rede so sein Leben und wie sein Leben so seine Rede als im Einklang miteinander erprobt würden wie harmonische Klänge auf einem Musikinstrument[1]. 30 Die meisten werden, auch wenn nur ein winziger Hauch des Glückes sie trifft, aufgeblasen und aufgebläht und nennen in ihrer Ueberhebung über die Niedrigeren diese Auswurf, lästiges Gesindel und unnütze Last für die Erde und mit ähnlichen Namen, als hätten sie die Unveränderlichkeit ihres Glückes ganz sicher unter Siegel wohl verbürgt, obwohl sie vielleicht nicht einmal bis zum folgenden Tage in gleicher Lage zu bleiben erwarten dürfen. 31 Denn es gibt nichts Unbeständigeres als das Glück,


  1. Vgl. unten II § 140.
Empfohlene Zitierweise:
Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt. H. & M. Marcus, Breslau 1909, Seite 228. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloMos1GermanBadt.djvu/014&oldid=- (Version vom 1.8.2018)