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Philon: Der Erbe des Göttlichen (Quis rerum divinarum heres sit) übersetzt von Joseph Cohn

sterbend, sondern „weggehend“ vor, um das Wesen der völlig geläuterten Seele als unvertilgbar und unsterblich zu erklären, da es einer Versetzung von hier zum Himmel teilhaftig wird, nicht einer Auflösung und Vernichtung, die der Tod anscheinend herbeiführt. 277 Nach dem Worte „du wirst weggehen“ steht geschrieben: „zu deinen Vätern“. Was für Väter? müssen wir uns fragen. Denn die im Lande der Chaldäer gelebt haben, die allein seine Angehörigen waren, kann wohl die Schrift nicht meinen, da er ja auf göttlichen Befehl von allen Blutsverwandten weggezogen ist. Denn so heißt es: „Es sprach der Herr zu Abraham: Gehe hinweg aus diesem Lande, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhause in ein Land, das ich dir zeigen werde; und ich werde dich zu einem großen Volke machen“ (1 Mos. 12, 1. 2). 278 Wie ist es denkbar, daß derjenige, der sich auf göttlichen Rat den Seinen entfremdet hatte, sich wieder mit ebendenselben vereinigen sollte? Daß derjenige, der der Ahnherr eines anderen Volkes und Geschlechts werden sollte, dem frühern zugeteilt wird? Gott hätte ihm doch nicht ein gewissermaßen neues, junges Volk und Geschlecht gegeben, wenn er ihn nicht vollständig von dem alten hätte trennen wollen. 279 Denn ein Volks- und Stammesfürst ist wirklich dieser Mann, aus dem wie aus einer Wurzel jenes die Naturdinge betrachtende und schauende Reis, Israel genannt, hervorsproßte. So wird ja (3 Mos. 26, 10) befohlen, daß man das Alte vor dem Neuen hinaustragen soll. Denn was nützen Altertumskunde und alte, abgedroschene Sitten denen, auf die wider Erwarten plötzlich viele neue Güter herabströmten? [57] 280 Väter nennt also die Schrift nicht die in den chaldäischen Gräbern Begrabenen, von denen seine Seele weggewandert war,[1] sondern, wie einige sagen, Sonne und Mond und die übrigen Gestirne – wird doch behauptet, daß durch sie das Werden alles Irdischen erfolgt –, wie aber manche glauben, die Urideen, jene gedachten und unsichtbaren Vorbilder alles sinnlich Wahrnehmbaren und Sichtbaren, zu denen die denkende Seele des Weisen übersiedelt. 281 Aber manche haben vermutet, daß als Väter bezeichnet sind die vier Urkräfte, aus denen die Welt besteht: Erde, Wasser, Luft und Feuer, denn

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Philon: Der Erbe des Göttlichen (Quis rerum divinarum heres sit) übersetzt von Joseph Cohn. H. & M. Marcus, Breslau 1929, Seite 286. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloHerGermanCohn.djvu/73&oldid=- (Version vom 4.8.2020)
  1. Ich verstehe unter ἡ ψυχή die Seele Abrahams. Nicht nur körperlich hat er sich von ihnen getrennt, sondern auch geistig, mit seiner ganzen Seele, mit seiner neuen Glaubensanschauung. Mangey übersetzt: „deren Seele abgeschieden war“. Aber wenn Ph. mit μετανάστατος ἐγένετο das Hinscheiden meinte, so hätte er wohl den Plural αἱ ψυχαί gesetzt. Zum Genetiv ὧν vgl. § 74 und De congressu § 22.