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Philon: Ueber Abraham (De Abrahamo) übersetzt von Joseph Cohn

die Zukunft und nimmt die von ihr empfohlene (Dienerin) zu sich bis zur Geburt eines Kindes, wie jedoch gründliche [37 M.] Erklärer meinen, nur bis sie schwanger wurde; nachdem sie es alsbald geworden, habe er sich von ihr ferngehalten, sowohl infolge seiner natürlichen Enthaltsamkeit als auch aus Achtung gegen seine Gattin. 254 Damals also ward ihm ein Sohn von der Dienerin geboren, lange Zeit später aber ward ihnen, als sie die Hoffnung auf eigenen Kindersegen schon aufgegeben hatten, ein ehelicher Sohn geboren, da der allgütige Gott ihnen für ihre Tugendhaftigkeit einen über alles Erwarten hohen Preis gewährte.

[44] 255 Diese Probe von dem Verhalten der Frau möge genügen; zahlreicher sind die rühmlichen Taten des Weisen, von denen ich bereits einige erörtert habe. Ich will aber auch noch sein Verhalten bei dem Tode der Frau erwähnen, worüber schweigend hinwegzugehen nicht recht wäre. 256 Nachdem er nämlich eine solche Gefährtin seines ganzen Lebens, wie wir sie geschildert haben und die heilige Schrift sie kennzeichnet, verloren hatte, bezwang er wie ein Held den Schmerz, der sich seiner bemächtigen wollte und in seiner Seele kämpfte; er stärkte und kräftigte die natürliche Gegnerin der Gefühle, die Vernunft, die er das ganze Leben hindurch zu Rate zog und der er jetzt ganz besonders folgen wollte, da sie das Beste und Nützlichste empfahl. 257 Ihr Rat aber ging dahin, weder übermässig zu jammern wie über ein ganz neues und nie dagewesenes Unglück noch auch ganz empfindungslos zu bleiben, als ob nichts Schmerzliches sich ereignet hätte, sondern den Mittelweg statt der beiden Extreme zu wählen und zu versuchen, den Schmerz zu mässigen, der Natur, die den schuldigen Tribut fordert, nicht zu zürnen, sondern das Geschehene ruhig und gelassen zu ertragen[1]. 258 Ein Zeugnis dafür liegt in den heiligen Büchern

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Philon: Ueber Abraham (De Abrahamo) übersetzt von Joseph Cohn. H. & M. Marcus, Breslau 1909, Seite 148. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloAbrGermanCohn.djvu/58&oldid=- (Version vom 11.5.2019)
  1. Philo sieht in Abrahams Verhalten beim Tode Saras die Befolgung der philosophischen Grundsätze über die Trauer, wie sie in den von Philosophen verfassten Trostschriften erörtert zu werden pflegten. Schon der Akademiker Krantor hatte in seinem Buche über die Trauer die Metriopathie, d. h. den rechten Mittelweg zwischen massloser Schmerzäusserung und vollständiger Gefühllosigkeit, als für den Weisen allein passend empfohlen (Cic. Acad. II 135 Tusc. III 12. Plut. Consol. ad Apoll. 3).