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§. 1. Um endlich diese lange Abhandlung über den Stolz zu beschließen, wollen wir noch in der Kürze untersuchen, worin im Ganzen genommen der Charakter eines stolzen Menschen an sich und in Beziehung auf Andere bestehet. Der Stolze ist eine Art selbstsüchtigen Schwelgers; denn er wird nie satt, sich selbst zu lieben und zu bewundern, während alles Andere in seinen Augen weder Liebe noch Bewunderung verdient. Das Verdienst, welches er allenfalls andern Gegenständen noch einräumt, bestehet bloß darin, daß sie seinen Zwecken dienen; als ob Alles nur für ihn geschaffen, oder vielmehr, als wenn er sein eigener Schöpfer wäre. So wie er daher andere Menschen deswegen verachtet, weil er seines Gleichen nicht dulden mag, so liebt er auch Gott nicht, weil er keinen Höheren über sich haben will. Der Gedanke, sein Daseyn einem Andern zuzuschreiben, ist ihm unerträglich, da dieser ihn in die Nothwendigkeit versetzt, ein höheres Wesen anzuerkennen. Er ist stolz auf die Ehre seiner Vorfahren, aber nicht auf die Tugenden, durch welche sie dazu gelangten; auch giebt er sich nicht die geringste Mühe, ihnen darin nachzuahmen. Seine Erzählungen von seinem Geschlechtsregister, von der uralten Herkunft, von den Besitzungen und Verbindungen seiner Vorfahren, nehmen kein Ende; aber er vergißt, daß sie nicht mehr sind, und daß auch er sterben muß.

§. 2. Wer ist wohl lästiger in der Gesellschaft, als der Stolze? Er bekritelt jede Kleinigkeit, und spricht gebieterisch über Alles ab. Giebt man ihm nicht nach, so wird er beleidigend und zänkisch; doch wenn es aufs

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Wilhelm Penn: Ohne Kreuz keine Krone. Georg Uslar, Pyrmont 1826, Seite 227. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Penn_Ohne_Kreuz_keine_Krone.djvu/235&oldid=3378467 (Version vom 1.8.2018)