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Aus demselben Grunde werden auch unter der geringen Klasse die Menschen genannt, was sie nicht sind, indem man sie Herr, mein Herr, u. s. w. betitelt, und sie weise, gerecht und gut nennt, wenn sie keine Beweise von Weisheit, Gerechtigkeit und Güte an den Tag legen.

Dieses war schon unter den ausgearteten Juden gebräuchlich; denn wir finden, daß Einer von ihnen zu Christo kam, und sagte: „Guter Meister, was muß ich thun, daß ich das ewige Leben ererbe?“[1] Der Ausdruck: guter Meister, war damals eine Art der Begrüßung oder Achtung bezeigenden Anrede, wie es jetzt üblich ist, mein guter Herr, gnädiger Herr, u. s. w. zu Jemand zu sagen. Was gab aber Christus dem jüdischen Obersten zur Antwort, und wie nahm er seine Anrede auf? „Was nennest du mich gut,“ sagte Christus, „Niemand ist gut als nur der einzige Gott.“[2] Er, der ein größeres Recht als die ganze Menschheit zur Annahme einer solchen Anrede hatte, verwarf dieselbe. Und warum? Weil noch ein Größerer als Er da war, und Er wohl einsahe, daß dieser Mann seine Anrede, dem damaligen Zeitgebrauche gemäß, nur an seine Menschheit, aber nicht an seine in ihm wohnende Gottheit richtete. Darum wies Christus seine Begrüßung von sich ab, indem er zugleich ihn und uns dadurch belehrte, daß wir dergleichen unter den Menschen gebräuchliche Titel und Beinamen weder selbst annehmen noch Andern geben sollen; denn da in dieser Hinsicht Gott allein alles Gute zugeschrieben werden muß, so kann es nicht anders als sündlich seyn, wenn wir das, was


  1. Luk. 18, 18.
  2. V. 19.
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Wilhelm Penn: Ohne Kreuz keine Krone. Georg Uslar, Pyrmont 1826, Seite 172. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Penn_Ohne_Kreuz_keine_Krone.djvu/180&oldid=3378412 (Version vom 1.8.2018)