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§. 12. Das Kreuz Christi bringt ganz andere Wirkungen hervor. Es macht den Menschen fähig, die Welt wirklich zu überwinden und, selbst im Angesichte ihrer Lockungen zum Bösen, ein reines Leben zu führen. Diejenigen, welche es tragen, sind nicht an Ketten gelegt, aus Furcht, daß sie beißen möchten; oder eingeschlossen, damit sie nicht gestohlen werden; nein! Christus, der Heerführer ihrer Seelen, giebt ihnen Kraft, dem Bösen zu widerstehen, und das, was in den Augen Gottes recht und gut ist, zu thun; die Welt in ihrem eitlen Wesen zu verachten, und lieber ihren Tadel zu ertragen, als ihren Beifall zu suchen. Diese werden auch angewiesen, nicht nur Andere nicht zu beleidigen, sondern selbst Diejenigen, von denen sie beleidigt werden, – wiewohl nicht ihrer Beleidigung wegen, – zu lieben.

Was für eine Welt würden wir haben, wenn Jeder, aus Furcht zu übertreten, sich zwischen vier Wänden einkerkern wollte? So soll es nicht seyn. Ein vollkommen christliches Leben verträgt sich mit jedem, unter den Menschen üblichen, ehrlichen Geschäfte und Gewerbe. Auch ist jene strenge Abgeschiedenheit nicht die Wirkung des Geistes Christi, sondern eine selbsterwählte fleischliche Demuth; ein bloßer Kappzaum, den der Mensch ohne Grund oder Vorschrift sich selbst macht oder anlegt. In allen solchen Dingen ist er offenbar sein eigener Gesetzgeber, der sich selbst Regeln, Strafe und Lösepreis vorschreibt. Daher jene unnatürliche Strenge, die in keinem Zusammenhange mit den Zwecken der Schöpfung stehet, von welchen das gesellschaftliche Leben eine der vornehmsten ist. Dieses soll aber nicht aus Furcht vor dem Bösen,

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Wilhelm Penn: Ohne Kreuz keine Krone. Georg Uslar, Pyrmont 1826, Seite 77. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Penn_Ohne_Kreuz_keine_Krone.djvu/085&oldid=3378318 (Version vom 1.8.2018)