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hervorrufen mußte, gerade durch das Verlangen des Kappadokers auf Scheidung der Ehe und seine Mitteilung, er habe bereits über alles in Rom Bericht erstattet, so recht zu Bewußtsein gekommen sein (das letztere, unbedingt recht wichtige Moment wird von der Tradition wohl nicht an der richtigen Stelle hervorgehoben, bell. Iud. I 510; ant. Iud. XVI 276); auch das väterliche Gefühl mag sich noch einmal geregt haben. Jedenfalls gelang es schließlich Archelaos den Zorn des Königs vor allem auf Pheroras abzulenken, und diesen als den Hauptschuldigen hinzustellen, und es glückte ihm weiter, Pheroras, der sich doch wohl mit Alexandros irgendwie eingelassen, d. h. diesem vielleicht bei dessen Ansprüchen auf die alleinige Nachfolge seine Unterstützung versprochen hatte und sich insofern schuldbewußt fühlte, solche Angst zu machen, daß dieser einwilligte, sich H. als den Hauptschuldigen hinzustellen; Archelaos versprach ihm für diesen Fall seine Fürbitte. (Ganz klar sehen wir hier nicht. Pheroras muß aber damals, ganz abgesehen von der noch bestehenden Mißstimmung zwischen den beiden Brüdern, Grund gehabt haben H. zu fürchten, d. h. eben gegenüber den Anschuldigungen des Alexandros sich nicht frei von Schuld gefühlt haben; sonst wäre sein Bekenntnis ganz unverständlich. Sein damaliger Anschluß an Alexandros ist infolge der Verstimmung der Brüder wohl begreiflich).

Das schlaue Spiel des Archelaos war von vollem Erfolg gekrönt H. nahm seinen Sohn wieder in Gnaden an und ließ sich auch bestimmen seinem Bruder zu verzeihen. Daß für diese Verzeihung, ebenso wie für die immer wieder zu beobachtende milde Behandlung dieses Bruders selbst bei groben Vergehungen allein die Bruderliebe des Königs (s. über sie ant. Iud. XVII 59) bestimmend gewesen ist, scheint mir kaum glaublich; stimmt man dagegen der Annahme zu, daß Pheroras Tetrarch von Gnaden und auf Wunsch Roms gewesen ist (s. S. 73f.), so wird das ihn schonende Verhalten des H. ganz verständlich. Die Intervention des Kappadokerkönigs darf man wohl noch ins J. 9 v. Chr. setzen (s. die Bemerkungen auf S. 125*) über die Anordnung der Darstellung im XVI. Buche der antiquitates: Josephus führt die auf die Intervention folgende Darlegung der äußeren Geschichte vom J. 12 v. Chr. bis etwa ins J. 9/8 v. Chr. herab, um sich dann wieder der inneren Geschichte zuzuwenden; er dürfte also [RE:136] wohl vorher diese bis etwa zu demselben Zeitpunkt behandelt haben).

Der Frieden in der Familie hat jedoch nicht lange gedauert; es konnte auch eigentlich nicht anders sein. Denn der Argwohn des Königs, der beleidigte Stolz der Mariammesöhne und der Haß des Antipatros, dies alles war ja durch ihn nicht endgültig beseitigt worden. Ein skrupelloser griechischer Glücksritter, der Spartaner Eurykles, der jetzt am jüdischen Hofe erschien, hat hier verhängnisvoll eingegriffen. Antipatros gewann ihn für sich; es gelang darauf Eurykles sich in das Vertrauen des Alexandros und auch in das des Königs einzuschleichen, und er hat H. den Unwillen der Söhne, dem vor allem Alexandros zu ihm offen Ausdruck gegeben hatte, wohl in stark übertreibender Form verraten (bell. Iud. I 513–526. [140] 530f.; ant. Iud. XVI 300–310. Man wird wohl der Darstellung der antiquitates hier ebenso wie im folgenden den Vorzug geben dürfen. Denn wenn z. B. im bellum der Plan H. zu ermorden bereits als eine Mitteilung des Eurykles an H. erscheint, so stimmt das darauf Folgende nicht so recht zu dieser Darstellung; die falsche Angabe dürfte sich wohl dadurch erklären, daß die Rede des Eurykles offenbar zu der Version des Nikolaos gehört, und dieser Veranlassung hatte, das Komplott der Söhne als vielfach bezeugt hinzustellen).

H. wurde von neuem wieder für alle Anschuldigungen ohne weiteres zugänglich. Nach Nikolaos von Damaskos hat Antipatros auch gerade diejenigen, die das Verderben der Brüder besiegelten, direkt veranlaßt (s. bell. Iud. I 527; in den antiquitates spielt dagegen hierbei Antipatros gar keine Rolle, was doch wohl nicht auf Zufall, sondern auf einer anderen Tradition beruhen dürfte, s. auch S. 141*). Zwei von H. ihrer Stellung entsetzte Hipparchen sagten nämlich auf der Folter aus, sie seien von Alexandros zur Ermordung des Königs auf der Jagd gedungen worden; ein Brief des Alexandros zeigte ferner, daß die Jünglinge den Befehlshaber der Feste Alexandreion für sich gewonnen hatten, ihnen in dieser Zuflucht zu gewähren. Es dürfte diese Bitte aber wohl einfach mit der von ihnen geplanten Flucht zu Archelaos und weiter nach Rom zum Kaiser in Verbindung zu bringen und in dem Brief nicht ein Zeugnis für ein Komplott gegen den Vater zu suchen sein[1]. Jetzt hat auch Salome wieder gegen die Jünglinge gehetzt, und so hat sich H. entschlossen, sie gefangen zu setzen und ihnen wegen Hochverrats den Prozeß zu machen, obwohl sie jede [RE:137] Schuld abstritten und nur den Fluchtversuch zugaben (bell. Iud. I 534f.; ant. Iud. XVI 320–331; ygl. auch 334).

Für sein endgültiges Vorgehen glaubte der König die Zustimmung des Kaisers einholen zu müssen (s. S. 61); jedoch sollten seine Gesandten Augustus nur dann das Gesuch vortragen, wenn inzwischen dessen seit dem Araberkriege gegen ihn bestehender Zorn von Nikolaos beschwichtigt worden wäre. H. hätte also die Verurteilung seiner Söhne wohl nicht vorzunehmen gewagt, um nicht etwa von neuem in Rom anzustoßen, wenn nicht damals die Aussöhnung mit dem Kaiser erfolgt wäre. Sie bedeutet mithin zugleich den Untergang seiner Kinder. Denn Augustus gab H. Vollmacht,


  1. Bell. Iud. I 527–529; ant. Iud. XVI 311–319; die Schilderungen sind in der Anordnung des Erzählten, sowie auch in diesem selbst – im bellum machen z. B. die Hipparchen keine Aussage – von einander abweichend. Auch hier scheint die Darstellung der antiquitates das Wahrscheinlichere zu bieten, wenn wir auch, da die Primärquellen nur gebrochen vorliegen, nicht ganz klar sehen können. Die Form des Briefes in den antiquitates macht bei ihrer Unbestimmtheit einen recht vertrauenerweckenden Eindruck. Er kann sehr wohl, trotzdem Alexandros ihn als unecht bezeichnet hat, echt gewesen sein, da ein gefälschter Brief doch wohl einen viel bestimmteren Inhalt gehabt haben würde, etwa einen Inhalt, wie er uns im bell. Iud. I 528 skizziert wird.
Empfohlene Zitierweise:
Walter Otto: Herodes. Beiträge zur Geschichte des letzten jüdischen Königshauses. Metzler, Stuttgart 1913, Seite 139. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Otto_Herodes.djvu/090&oldid=- (Version vom 1.8.2018)