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Ferdynand Antoni Ossendowski: Schatten des dunklen Ostens

Wir treten ein.

Rauchig, dunstig und heiß ist es in der Stube. Wir zünden eine Pechpfanne an, in ihrem Scheine sehe ich die verschiedensten Gegenstände in ihren Umrissen auftauchen. Das riesenhafte Massiv eines russischen Ofens, zwei einfache Holzbänke, Bottiche mit heißem und kaltem Wasser und ein Haufen von Steinen, wie man sie zur Dampferzeugung benützt, werden sichtbar.

Das unsichere, flackernde Licht der Pechpfanne huscht hie und da über den Boden hin, an der Holzdecke und an den Wänden entlang, manchmal vom Widerschein des bewegten Wassers in den Bottichen heller aufleuchtend.

Endlich nimmt Maxim, nachdem er sich ausgezogen, eine Art Besen aus trockenen Gräsern, taucht ihn in das heiße Wasser und, sich in den dunkelsten Winkel der Stube setzend, fängt er mit einem Unsichtbaren zu reden an, seine Unterredung mit Ausrufen, wie „A kysch“, — „A kysch“ unterbrechend. Auch höre ich, wie er den Unsichtbaren mit dem Besen schlägt.

Im Winkel des Maxim wimmelt es natürlich von großen und hellen, zittrigen Wesen. Zu diesen spricht er, auf sie schlägt er ein, der alte Zauberer, der nicht wissen will, daß es Schatten sind, die das flackernde Licht der Pechpfanne wirft und welche rasch und blitzhaft wie Mäuse, fast unsichtbar hin und her huschen.

„Na also, jetzt kommen sie nicht“, sagt endlich der Alte mit beruhigender Stimme.

Sie kamen auch nicht, denn ich konnte mich in aller Ruhe gründlich reinigen.


Der Pferdedieb.

Die Vorliebe zum Pferdediebstahl ist ein Merkmal des russischen Volkes. Ganz gewiß ist es ein atavistisches Überbleibsel der Vorfahren, der mongolischen Nomaden oder finnischen Heiden.

Zu bemerken ist auch, daß das in den russischen Gerichten geübte Strafrecht bei Verhandlungen über Pferdediebstähle meistens recht zweifelhaft zu treffen pflegte.

Der Pferdediebstahl ist eine alte Besonderheit des Stammes.

Alle Nomaden, sogar die gottesfürchtigsten und absolut ehrlichen Mongolen aus Chalchi sind Pferdediebe.

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Ferdynand Antoni Ossendowski: Schatten des dunklen Ostens. Eurasia, Wien 1924, Seite 19. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ossendowski_-_Schatten_des_dunklen_Ostens.djvu/23&oldid=- (Version vom 14.9.2022)