Seite:Ossendowski - Schatten des dunklen Ostens.djvu/106

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Ferdynand Antoni Ossendowski: Schatten des dunklen Ostens

Zeiten Iwan des Grausamen die Bevölkerung alle ihre politischen Streitigkeiten mit der Faust ausgefochten hat.

Das verblieb so im kleinen weiter bis auf den heutigen Tag.

Diese Kämpfe sind nicht immer romantischer Natur gewesen, sie arteten auch zum Kampfe um das Dasein aus.

Die bodenständigen Einwohner, Tataren und Russen, wie auch die von der Regierung Deportierten, die neuen orthodoxen Kolonisten und die Sektierer, sie alle schlichten ihre persönlichen, religiösen und Rassenzwistigkeiten heute noch mit Hilfe des Faustkampfes.

Ein anderes Überbleibsel alter Zeiten oder, genauer gesagt, des Nomadenlebens ist der sogenannte „Bauernbund“, die „Jamschtschina“. Es ist dies eine große Organisation freiheitlicher Bauern sibirischer Herkunft. Sie bilden während des Winters riesenhafte Schlittenkarawanen, mit welchen sie oft tausend Kilometer lange Strecken befahren, die Frachten transportierend. Vor zirka 20 Jahren gingen solche Karawanen von Kiachta an der mongolischen Grenze bis nach Kasan und Moskau. Jetzt machen sie einen kürzeren Weg von der mongolischen Grenze nur bis zu den größeren Stationen der sibirischen Bahn oder von Altaj bis zur Eisenbahnstrecke. Dieser Bauernbund, der sich Organisation nannte, ist jetzt im Schwinden begriffen, vor ein paar Jahren aber war er noch sehr lebensfähig und besaß sein eigenes, ungeschriebenes Sittenrecht.

Das war damals kein leichtes Unternehmen, nur die stärksten, gesündesten und zähesten Bauern waren den Strapazen und Gefahren gewachsen.

Es war keine leichte Aufgabe, eine schwere Ladung von teuren Waren, wie Tee, Pelze, Porzellan, Chinaseide, während des langen, strengen sibirischen Winters bis nach Moskau zu führen, sich dem Frost, dem Hunger, den Stürmen und der Erschöpfung auszusetzen und die Ladung und die Pferde vor Überfällen zu schützen. Ganze Banden von Flüchtlingen aus den sibirischen Kriminalgefängnissen lauerten darauf, von diesen Karawanen Kisten mit Tee und Ballen mit Seide zu rauben, nachdem sie die Fuhrleute überwältigt. Aus eben diesen sibirischen bäuerlichen Fuhrleuten sind später tüchtige und reiche Unternehmer geworden, wie zum Beispiel die Kuchtierin, die Koroliew und andere, die später nach dem Bau der sibirischen Bahn zum eigenen Gebrauch Dampfschiffe, Lastwagen gekauft haben und so die größten Transportfirmen errichteten.

Empfohlene Zitierweise:
Ferdynand Antoni Ossendowski: Schatten des dunklen Ostens. Eurasia, Wien 1924, Seite 102. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ossendowski_-_Schatten_des_dunklen_Ostens.djvu/106&oldid=- (Version vom 15.9.2022)