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8) Nur bei den Finnen haben sich die fünf erstangeführten Einzelmärchen (VI–X) sämmtlich in ihrer ursprünglichen ununterbrochenen Ordnung erhalten.

9) An die ursprüngliche den Europäern im Westen und Osten gemeinsame Märchenkette haben die Finnen noch andere Einzelmärchen angeknüpft: sowohl solche, die in Skandinavien, als solche, die in Russland mit ihr verbunden worden, ja sogar solche, die in keinem von den beiden Ländern an sie angehängt gewesen sind. In dieser Verkettung bekundet sich das Streben nach epischer Einheit, welches ein Grundzug der finnischen Volkslieder ist (Kalewala).

10) Dieselbe epische Richtung zeigen die aus Heiligennamen entnommenen Personennamen des Fuchses (Mikko = Michael) und Hasen (Jussi = Johannes), welche schon in Skandinavien gebräuchlich gewesen sind, sowie der echt finnische Ortsname Ilmola (= die Luft als Wohnort gedacht). Endlich ist die den Finnen eigenthümliche Versifizierung der prosaischen Märchensprache, besonders[WS 1] in den Repliken, bemerkenswerth.


Diese Thesen über die Bedeutung der finnischen Varianten sind in den oben angeführten Arbeiten näher begründet. Aber nicht nur das finnische Material, auch die finnische Forschungsmethode ist vielleicht der Beachtung werth.

Es ist allen bekannt, dass die Gebrüder Grimm die Märchen als den letzten Bodensatz alter Mythen betrachten, dass Th. Benfey sie aus litterarischen Quellen herleitet, dass A. Lang in ihnen Überreste uralter Vorstellungen und Gebräuche sucht. Warum aber nicht dem Märchen das Recht zugestehen, ein selbständiges Material für die Wissenschaft zu bilden? Es sind ja doch die mythologischen Einschiebsel ganz zufällige Accidentien des Märchens und tragen einen ausschliesslich nationalen Karakter. Andererseits besteht das gemeinsame, internationale des Märchens nicht nur in einer allgemeinen Grundidée, sondern in der Schürzung und Auflösung der Handlung, in dem ganzen Thema. Es kann eine internationale Wissenschaft der Märchen nur dann entstehen, wenn das Grundthema

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: beson-
Empfohlene Zitierweise:
Kaarle Krohn: Die geografische Verbreitung einer nordischen Thiermärchenkette in Finnland. Suomalaisen Kirjallisuuden-seuran Kirjapainossa, Helsinki 1890, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Krohn_Nordische_Thierm%C3%A4rchenkette.djvu/10&oldid=- (Version vom 11.5.2019)