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Betonung: „Cili? – Ich weiß nichts von ihr, ich habe mich nie um Andere bekümmert.“ –

„Und wo hast du dich seit deiner Abwesenheit umhergetrieben?“ fragte Hjelm in einem milderen Tone, als vorher, „warum verließest du uns?“ –

„Weil ich nicht Lust hatte, hier länger zu bleiben!“ murmelte er leise und sank wieder in die vorige Stille zurück.


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„Gut, Junge! Gut!“ schrie der Gutsherr erbittert. „Ich will dir reden lehren. Morgen führe ich dich nach Ringkjöbing und übergebe dich den Händen der Gerichte!“ – Er schellte und gab dem Trompeter, der indessen mit gezogenem Palasch und zwei großen Reisepistolen in den Seitentaschen vor der Thüre außen Wache gehalten hatte, den Auftrag, ihn zu binden und dann in die Thurmkammer hinaufzuführen. „Dort kannst du die Nacht über sitzen!“ rief er, als man Theodor fortführte, „und wenn du morgen nicht gutwillig eingestehst wo sich meine Tochter befindet, laße ich dich nach Ringkjöbing bringen; du hast die Wahl!“

Der Gefangene warf einen wohlwollenden, gerührten Blick auf die Baronesse hinüber und ließ sich dann ohne Widerstand fortführen.

In derselben Nacht sahen die Leute von Lönborg eine leichte, weißgekleidete Gestalt, mit einem Lichte in der Hand, im Aufgange zum Thurme verschwinden; es war Frau Hjelm, die noch einen Versuch machen wollte, das Herz des jungen Menschen zu rühren. Als sie in den Thurm kam. war Theodor verschwunden. Schon wollte sie die Kammer wieder verlassen, als sie zufällig zum Fenster hinauf sah; eine dunkle Gestalt saß zusammengekrümmt in der Fensterwölbung; Theodor hatte sich der Bande befreit, zwei von den Eisenstangen zur Seite gebogen, und wollte eben durch die Oeffnung schlüpfen, als die Baronesse die Kammer aufschloß und eintrat.

„Theodor!“ rief sie mit zitternder Stimme, „was treibst du? Ich komme dich zu befreien.“

„Ich habe es selbst gethan!“ erwiederte er kurz und suchte die letzte Eisenstange zu lösen; das Eisen gab nach, fiel in den Thurm herein, und er stieg durch die Oeffnung.

„Und mein Kind? Was ist aus dem geworden? Theodor!“ schrie die Baronesse in fürchterlicher Angst, „Theodor! hörst du nicht! wo ist meine Cili?“

Er schien sich auf eine Antwort zu bedenken, doch plötzlich gewann sein besseres Gefühl die Oberhand, er neigte sich zurück und flüsterte: „Fürchte nichts, gute Frau! Cili hat es gut; sie vermißt Nichts.“ – Das waren seine letzten Worte. Er verschwand, und ein dumpfer, hohler Schlag tönte über den ganzen Hof, wie wenn ein schwerer Körper von einer bedeutenden Höhe herabgestürzt wäre; die Baronesse kehrte weinend in ihr Zimmer zurück. Als der nächste Morgen kam, war der Gefangene verschwunden; Niemand konnte begreifen, wie er aus dem Thurme kam, der sechzig Fuß hoch und ringsherum von spitzen Feldsteinen umgeben war.




II.

                    Wer junge Wölfe nährt am eignen Herde,
                    Der nährt für ihren Raub auch seine Heerde.
                              Saxo Grammaticus.


Seit dieser Nacht waren sieben Jahre vergangen. In all’ dieser Zeit hatte man auf Lönborg von den Verschwundenen nichts mehr gehört. Die Sorge untergrub die Gesundheit der Baronesse, und auch bei dem Gutsherrn konnte man die Spuren des Grames deutlich sehen, sein Haar wurde grau, und das Alter beugte ihn vor der Zeit. Nirgends waren die verlassenen Eltern mehr zufrieden, die Heimath war ihnen verhaßt, und wenn sie zu Fremden kamen, erinnerte sie der Anblick von Kindern allzeit an das, was sie verloren.

Es war im Herbste, die Haide stand voll Blumen und der Wind pfiff kalt und schneidend vom Meere herein, als Beide in einer Abendstunde von einem Herrenhofe heimfuhren, wo sie acht Tage zugebracht hatten. Der Baron fand die Gegend sehr unheimlich, er war schlechter Laune und blickte ernst und finster vor sich hin. Da kam des Weges daher eine Schaar Männer ihnen entgegen, die in kurzen Zwischenräumen einige heisere, langgezogene Töne ausstießen. Ueberrascht, auf eine so seltsame Weise die Stille der Steppe unterbrochen zu sehen, ließ der Gutsherr anhalten, um den Zug besser in Augenschein nehmen zu können.

Es waren Leute, die sehr gut zu der Stelle paßten, auf der sie sich herumtrieben; ihre Haare waren von der Farbe der Nacht, und ihre Gesichter so dunkel und fahl wie die Heide, über die sie hinschritten. Es konnten wohl Zwanzig sein; die Größten von dem Zuge trugen eine große Kiste auf

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Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 1). Braun & Schneider, München 1845, Seite 172. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_1.djvu/176&oldid=- (Version vom 29.12.2019)