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Hund des Jungen war fort. Der Baron ließ die ganze Gegend durchsuchen, aber vergeblich; die Verschwundenen kamen nicht zurück, und seit jenem Tage sah man Mutter Lisb’ nie mehr in Lönborg.

Man kann sich wohl denken, daß die Eltern über dieses Ereigniß, das sie so unerwartet überraschte, in tiefe Trauer versanken. Der Baron erwartete in den ersten vier Tagen jeden Augenblick die Rückkehr der Kinder; er konnte sich gar nicht denken, daß sie für immer fortbleiben sollten. Die Baronesse verzweifelte, denn Cili war ja ihr einziges Kind, ihre Freude und ihr Stolz, sie war ihr Alles. – Auf diese Weise vergingen mehrere Jahre, die Zeit milderte wohl den Schmerz der Eltern, brachte ihn aber nicht in Vergessenheit.

Es war an einem späten Sommerabende, während der Baron und seine Gemahlin im Garten sich ergingen, als auf einmal im Hofe ein großer Lärm entstand. Ein Diener des Barons stürzte auf ihn zu und blieb mit dem athemlosen Ausrufe: „Gnädiger Herr! Karo ist zurückgekommen!“ vor ihm stehen. Der Baron wußte Anfangs nicht, was der Diener damit meinte, aber in demselben Augenblicke fuhr ein großer, graugefleckter Hund mit freudigem Bellen auf ihn zu; und siehe! – es war der Hund, den Theodor abgerichtet hatte und der mit ihm verschwunden war. Eine frohe Hoffnung durchleuchtete die Seele der Baronesse, sie nahm die Rückkehr des Thieres als ein Zeichen an, daß auch sein Herr in der Nähe sein müsse. Nachdem der Gutsherr den Diener ausgefragt, wann und von welcher Seite Karo gekommen sei, ließ er alle Leute den Hofes zu Pferde steigen, ritt selbst an der Spitze voraus, und dann ging es voller Eile über die Haide hin, um wo möglich den Flüchtlingen auf die Spur zu kommen. Der Gutsherr befehligte die erste Hälfte und zog gegen Vostrup hin; die zweite Abtheilung von einem alten, verabschiedeten Trompeter angeführt, der auf Lönborg das Gnadenbrod erhielt, gen Tarm und Skjärnaa. Diesem letzten Trupp folgte Karo als Wegweiser.

Schon brach die Nacht herein, die Luft war von der Hitze des vorhergehenden Tages noch ziemlich warm, und die Blumen beugten ihre durstigen Häupter zur Erde und schlürften den fallenden Thau. Kaum vermochten die Eilenden zwei Schritte vorauszusehen, so dick war der Nebel, der von Feld und Moos aufdampfte, die Rohrdommel sang unten im Schilfe bei Skjärnaa, und die Fledermaus flatterte lustig von einer Stelle zur andern.

Unten in einem Hohlwege bei Tarm lagen vier baumstarke, breitschulterige Männer und hielten ihre Abendmahlzeit. Sie hatten eben ein Lamm geschlachtet und brieten es an einem Torffeuer, das in dunkelrothen Flammen emporloderte. Man hatte Mühe, aus dem Gespräche, das diese Leute führten, klug zu werden; sie sprachen eine fremde, aber volltönende Sprache, und begleiteten dieselbe mit lebhaften Geberden. Als das Mahl geendet war, steckten sie die Reste zu sich, jeder nahm seine Thonpfeife hervor, stopfte und zündete sie an, und dann streckten sie sich gemächlich auf der Erde aus. Es verging wohl eine Stunde, ohne daß ein Wort gesprochen ward. Jeder schien seinen eigenen Betrachtungen überlassen. Plötzlich ertönte in der Nähe Hundegebell, die Männer stutzten, erhoben die Köpfe und flohen mit gewaltigen Sätzen tiefer in die Haide hinein; aber die Verfolger waren ihnen auf den Fersen, der alte Trompeter hatte sie gesehen, bevor sie sich flüchteten, er setzte ihnen nach und holte den Einen von den Männern ein, der hinter den drei Andern zurückgeblieben war. Mit einem jubelnden Freudengeschrei band der alte Kriegsmann Hände und Füße des Unbekannten zusammen, während Karo’s klagendes Gebell kund gab, daß sie den in ihre Gewalt bekamen, den sie gesucht hatten. Der Gefangene ward gebunden auf ein Pferd gesetzt, des Trompeters Getreue umringten ihn, und so ging es über Stock und Stein wieder nach Lönborg zurück.

Der Baron war bereits heimgekommen und ließ den Gefangenen gleich vor sich führen. Es war ein junger Mann mit kohlschwarzen, gekräuselten Haaren und feurigen, glänzenden Augen. Man konnte sich keine schönere Figur, noch ein richtigeres Ebenmaaß denken, als das, welches man hier sah, der bloße Anblick dieses Menschen war auffallend und eindrucksvoll. – Hjelm stutzte, er betrachtete ihn fest und steif, als ob er seinen eigenen Augen nicht traue. Die Baronesse warf nur einen Blick auf ihn, und stieß dann einen Schrei aus, – es war Theodor, der vor ihr stand! In einen Winkel gedrückt suchte er, lautlos, ihren Blicken zu entgehen, und that, als ob er die Ehrennamen, mit denen ihn sein Pflegevater überhäufte, nicht hörte. Wenn er ja einmal emporschaute, so fuhren seine Augen schnell und scheu von einem Gegenstande im Zimmer zum andern. Er glich einem gefangenen Wilden, der zum Erstenmal in eine europäische Wohnung kommt. Vergeblich fragte der Baron nach Cili, Theodor biß die Lippen zusammen und schwieg; endlich ging die Baronesse zu ihm hin, legte ihre Hand auf seinen Arm und fragte mit dem freundlichsten Tone: „Warum schweigst du? Wo ist Cili? Sprich, mein Sohn! ich bitte dich darum.“

Er schüttelte den Kopf und erwiederte nichts.

„Theodor!“ fuhr sie weinend fort, „vergiltst du auf diese Weise die Liebe deiner Pflegeeltern? Siehst du meine Angst nicht? Wo ist meine Tochter?“

Diese Worte schienen ihn plötzlich zu wecken, er erhob das gebeugte Haupt, betrachtete die Baronesse eine Zeitlang mit glänzenden Augen, und rief dann mit tiefer und hohler

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Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 1). Braun & Schneider, München 1845, Seite 171. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_1.djvu/175&oldid=- (Version vom 29.12.2019)